»Halt dich an mir fest!« schrie er.
Kahlan warf sich nach vorn, schlang die Arme um ihn und packte zu. Das sehnige schwarze Etwas, das sich um ihre Beine geschlungen hatte, schloß sich in einer wellenförmigen Bewegung fester um sie. Sie schrie auf, als es zupackte. Richard riß das Schwert heraus. Die Luft füllte sich mit einem Klirren.
Der grüne Lichtschein begann sie einzuhüllen, während sie hineingezerrt wurden.
Wut erfüllte ihn. Richards schlimmste Befürchtungen schienen wahr zu werden. Irgend etwas versuchte, ihm Kahlan wegzunehmen. Der grüne Schein wurde heller. Richard wurde über den Boden geschleift und kam nicht heran an das, was sie zog. Kahlan klammerte sich an seine Hüfte. Ihre Beine waren zu weit entfernt, und das Untier, das ihre Beine gepackt hielt, noch weiter.
»Kahlan, laß los!«
Sie hatte zuviel Angst. Sie klammerte sich verzweifelt noch fester, keuchte vor Schmerz. Der grüne Schild kam immer näher. Das Summen dröhnte ihm in den Ohren.
»Laß los!« brüllte er.
Er versuchte, ihre Hände von seiner Hüfte zu lösen. Die Bäume des Sumpfes schienen in der Dämmerung zu versinken. Richard spürte den Druck des Walls. Unglaublich, wie fest sie ihn hielt. Auf dem Rücken über den Boden rutschend, versuchte er, hinter sich zu greifen und ihre Handgelenke zu lösen. Unmöglich. Sie hatten nur eine Chance. Er mußte auf die Beine kommen.
»Kahlan! Du mußt loslassen, oder wir sind tot! Ich werde nicht zulassen, daß sie dich kriegen! Vertrau mir! Laß los!« Er wußte nicht, ob er die Wahrheit sagte, er wußte nur, dies war ihre einzige Chance.
Sie preßte den Kopf gegen seinen Bauch und klammerte sich an seinen Körper. Kahlan sah mit schmerzverzerrtem Gesicht zu ihm hoch, während das Untier zudrückte. Sie schrie auf — und ließ los.
Im Nu war Richard auf den Beinen. Plötzlich nahm der dunkle Wall direkt vor ihm Gestalt an. Sein Vater griff nach ihm. Er machte seiner Wut Luft und schwang das Schwert mit allem Ungestüm, das in ihm steckte. Die Klinge fegte durch das Hindernis, durch dieses Etwas, das nicht sein Vater sein konnte. Die finstere Gestalt heulte auf und explodierte zu einer Wolke aus Nichts.
Kahlan war mit den Füßen am Wall. Das schwarze Etwas legte sich fest um ihre Beine, drückte zu und zog. Er hob das Schwert. Seine Sinne wurden von Mordlust beherrscht.
»Richard, nein! Das ist meine Schwester!«
Er wußte, das stimmte nicht, genausowenig, wie es sein Vater gewesen war. Er überließ sich völlig seiner heißen Gier und schlug so fest zu, wie er konnte. Wieder fegte er durch den Wall und schlitzte das ekelerregende Etwas auf, das Kahlan gepackt hielt. Wirres Blitzen, ein schauerliches Heulen und Wehklagen. Kahlans Beine waren frei. Sie lag auf dem Bauch, alle viere von sich gestreckt.
Ohne sich darum zu kümmern, was ringsum geschah, schob Richard ihr den Arm unter die Hüfte und hob sie in einem Schwung vom Boden. Mit der Linken hielt er sie an sich gedrückt, mit der Rechten richtete er das Schwert auf den Wall, während er sich von der Grenze zurückzog. Dabei hielt er Ausschau nach der geringsten Bewegung, dem geringsten Zeichen eines neuerlichen Angriffs. Sie verließen den grünen Lichtschein.
Er ging weiter, bis sie ein gutes Stück heraus waren, hinter den Pferden. Als er endlich stehenblieb und sie losließ, drehte Kahlan sich um und schlang zitternd die Arme um ihn. Er mußte sich beherrschen, damit er nicht wieder hineinging und angriff. Eigentlich hätte er das Schwert wegstecken müssen, um seine Wut und die Gier zu ersticken, doch das wagte er nicht.
»Wo sind die anderen?« fragte sie in panischer Angst. »Wir müssen sie finden.«
Kahlan stieß ihn von sich und wollte zurück. Richard bekam sie am Handgelenk zu fassen und hätte sie fast von den Füßen gerissen.
»Bleib hier!« brüllte er, viel aufgebrachter als nötig, und drückte sie zu Boden.
Richard entdeckte Zedd, der bewußtlos zu Boden gesunken war. Als er sich über den alten Mann beugte, zischte etwas über seinen Kopf hinweg. Ihm platzte der Kragen. Er schlug mit dem Schwert um sich, die Klinge fetzte durch das finstere Etwas. Der Stumpf zog sich mit schrillem Kreischen in die Grenze zurück, der abgetrennte Teil verdampfte mitten in der Luft. Richard hob Zedd mit einer Hand auf, warf ihn über die Schulter wie einen Sack Korn und trug ihn zu Kahlan, wo er ihn sanft auf den Boden legte. Sie nahm den Kopf des Zauberers auf den Schoß und untersuchte ihn nach Verletzungen. Geduckt rannte Richard zurück, doch der erwartete Angriff kam nicht. Schade, er sehnte sich nach dem Kampf; gierte danach, zuzuschlagen. Er entdeckte Chase halb unter einen Stamm geklemmt. Er packte den Kettenpanzer und zog ihn unter dem Baum hervor. Aus einer klaffenden, mit Dreck verklebten Wunde am Kopf sickerte Blut.
Richards Gedanken rasten, er wußte nicht, was er tun sollte. Chase konnte er nicht mit einem Arm anheben, und das Schwert wegzustecken wagte er nicht. Auf keinen Fall wollte er, daß Kahlan ihm half, sie sollte in sicherer Entfernung bleiben. Er griff in die Lederbluse des Grenzers und machte sich daran, ihn wegzuschleppen. Der schlüpfrige Farn half ihm ein wenig dabei, trotzdem war es mühselig, weil er einige gestürzte Baumstämme umgehen mußte. Überraschenderweise wurde er nicht angegriffen. Vielleicht hatte er das Biest verletzt oder getötet. War es möglich, etwas zu töten, was bereits tot war? Das Schwert besaß Zauberkraft. Richard wußte nicht genau, zu was es fähig war, er war nicht einmal sicher, ob die Wesen im Grenzgebiet tot waren. Endlich erreichte er Kahlan und Zedd und zog Chase heran. Der Zauberer war immer noch bewußtlos.
Kahlans Gesicht war blaß vor Sorge. »Was sollen wir jetzt tun?«
Richard sah sich um. »Hier können wir nicht bleiben, und liegenlassen können wir sie auch nicht. Wir legen sie über die Pferde und brechen auf. Sobald wir in sicherer Entfernung sind, kümmern wir uns um ihre Wunden.«
Die Wolken waren dichter als zuvor, und Nebel überzog alles mit einem feuchten Glanz. Richard sah sich nach allen Seiten um, steckte das Schwert weg und hob Zedd mühelos auf sein Pferd. Chase war schwieriger. Er war groß, und seine Waffen waren schwer. Blut strömte aus der Wunde an der Schläfe und durchtränkte sein Haar, was durch seine Seitenlage auf dem Pferd noch verstärkt wurde. Richard entschied, daß er ihn nicht unbehandelt lassen konnte. Rasch zupfte er ein Aumblatt und einen Stoffstreifen aus einem Beutel. Er zerrieb das Blatt, preßte die heilende Flüssigkeit heraus, drückte es auf die Wunde und bat Kahlan, mit dem Stoffstreifen einen Verband anzulegen. Der Stoff war fast augenblicklich blutdurchtränkt, doch das Aumblatt würde die Blutung in Kürze zum Stillstand bringen.
Richard half Kahlan aufs Pferd. Ihre Beine schienen heftiger zu schmerzen, als sie zugeben wollte. Er gab ihr die Zügel von Zedds Pferd, stieg auf, nahm Chases Pferd, und versuchte, sich zu orientieren. Es würde schwer werden, den Pfad wiederzufinden. Der Nebel wurde dichter, die Sicht ließ nach. Aus allen Richtungen schienen Gespenster sie zu beobachten. Er wußte nicht, ob er zu Kahlans Schutz voranreiten oder ihr folgen sollte, also ritt er neben ihr. Weder Zedd noch Chase waren angebunden und konnten daher leicht von den Pferden rutschen, sie konnten also nicht so schnell reiten. Der tote Nadelwald sah in allen Richtungen gleich aus, und immer wieder zwangen umgestürzte Stämme sie zum Ausweichen. Richard spuckte Moskitos aus, die ihm ständig in den Mund flogen.
Der Himmel war überall gleich dunkel und stählern grau. Unmöglich zu sagen, wo die Sonne stand. Nach einer Weile war Richard alles andere als sicher, daß sie in die richtige Richtung ritten. Eigentlich hätten sie den Pfad längst erreicht haben müssen. Er versuchte, sich an auffälligen Bäumen zu orientieren. Sobald sie einen erreicht hatten, suchte er sich den nächsten weiter vorne, in der Hoffnung, auf diese Weise auf einer geraden Linie zu reiten. Um sicherzugehen, hätte er mindestens drei Bäume in einer Reihe finden müssen, doch so weit konnte er im Nebel nicht sehen. Er wußte nicht einmal, ob er sie nicht im Kreis führte. Ob der Weg geradeaus zum Pfad ging, war alles andere als sicher.