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»Bist du sicher, daß wir auf dem richtigen Weg sind?« fragte Kahlan. »Es sieht alles gleich aus.«

»Nein. Aber wenigstens sind wir nicht auf die Grenze gestoßen.«

»Meinst du, wir sollten Halt machen und uns um sie kümmern?«

»Zu riskant. Vielleicht sind wir gerade nur drei Meter von der Unterwelt entfernt.«

Kahlan sah sich besorgt um. Richard überlegte, ob er sie nicht bei den beiden anderen warten lassen sollte, während er sich auf die Suche nach dem Pfad begab, verwarf den Gedanken jedoch. Er hatte Angst, sie nicht wiederzufinden. Sie mußten zusammenbleiben. Was sollten sie bloß tun, wenn es ihnen nicht gelang, vor Einbruch der Dunkelheit einen Ausweg zu finden? Wie sollten sie sich gegen die Herzhunde schützen? Wenn es zu viele waren, konnten man sie sich nicht mal mit dem Schwert alle gleichzeitig vom Leib halten. Chase hatte gesagt, sie müßten den Sumpf vor Einbruch der Dunkelheit erreicht haben. Er hatte weder gesagt warum, noch inwiefern der Sumpf sie schützen würde. Das braune Sumpfgras erstreckte sich endlos wie ein Meer in alle Richtungen, aus dem überall mächtige Stämme ragten.

Ein Stück weiter links tauchte erst eine Eiche auf, dann immer mehr, einige von ihnen mit Blättern, die grün und feucht im Nebel glänzten. Dies war nicht der Weg, den sie gekommen waren. Richard führte sie ein wenig nach rechts und folgte dem Rand des toten Sumpfes in der Hoffnung, er würde sie zum Pfad zurückführen. Aus dem Gestrüpp zwischen den Eichen beobachteten sie Schatten. Er redete sich ein, er würde sich nur einbilden, daß die Schatten Augen hatten. Es ging kein Wind, nichts bewegte sich, alles war totenstill. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er sich verlaufen hatte, obwohl das in dieser Gegend wirklich kein Kunststück war. Doch er war Führer; sich zu verlaufen war unverzeihlich.

Endlich entdeckte er den Pfad. Richard atmete erleichtert auf. Rasch stiegen sie ab und sahen nach ihrer Last. Zedds Zustand war unverändert, aber wenigstens hatte Chase' Wunde aufgehört zu bluten. Richard hatte keine Ahnung, was er für sie tun sollte. Er wußte nicht, ob sie durch einen Schlag bewußtlos geworden waren oder durch einen Zauber der Grenze. Kahlan wußte es ebensowenig.

»Was, meinst du, sollen wir tun?« fragte sie ihn.

Richard versuchte, sich seine Besorgnis nicht anmerken zu lassen. »Chase meinte, wir müssen den Sumpf erreichen, sonst würden uns die Herzhunde anfallen. Es wird ihnen wenig nützen, wenn wir sie hier ablegen und darauf warten, daß sie aufwachen, damit uns die Hunde alle erwischen. Wie ich es sehe, haben wir nur zwei Möglichkeiten: Wir können sie hierlassen oder mitnehmen. Hierlassen kommt für mich nicht in Frage. Binden wir sie also fest, damit sie nicht herunterfallen, und dann brechen wir zum Sumpf auf.«

Kahlan war einverstanden. Sie beeilten sich und zurrten ihre Freunde auf den Pferden fest. Richard wechselte Chases Verband und säuberte die Wunde ein wenig. Aus dem feuchten Nebel wurde Nieselregen. Richard durchwühlte das Gepäck, fand die Decken und entfernte das Öltuch, in das sie gewickelt waren. Richard und Kahlan deckten die beiden Verwundeten jeweils mit einer Decke zu, dann legten sie das Öltuch darüber, damit sie nicht naß wurden, und verschnürten alles zu einem Paket, so daß es nicht verrutschte.

Als sie fertig waren, legte Kahlan überraschend die Arme um ihn, drückte ihn einen kurzen Augenblick fest an sich und hatte wieder losgelassen, bevor er reagieren konnte.

»Danke. Du hast mich gerettet«, sagte sie sanft. »Die Grenze macht mir schreckliche Angst.« Sie sah schüchtern zu ihm auf. »Und wenn du jetzt sagst, ich hätte behauptet, du sollst mich nicht retten, setzt es etwas.« Lächelnd blickte sie ihn mit schiefgelegtem Kopf an.

»Kein Wort davon. Ich verspreche es.«

Er erwiderte ihr Lächeln, zog ihr die Kapuze des Umhangs über den Kopf und stopfte ihr Haar darunter, um es vor dem Regen zu schützen. Dann zog er seine Kapuze über den Kopf und sie ritten los, den Pfad hinab.

Der Wald war ein düsterer und bedrückender Ort, einsam, menschenleer, unfreundlich. Regen tropfte durch das dichte Blätterdach über ihren Köpfen. Äste schienen ihre Finger nach dem Pfad auszustrecken, als warteten sie nur darauf, sie zu greifen. Das Dickicht zu beiden Seiten war so dicht, daß sie im Notfall nicht zwischen die Bäume hätten fliehen können. Weiterreiten oder umkehren war die Devise. Doch ein Zurück gab es nicht. Den Rest des Nachmittages und Abends gaben sie den Pferden kräftig die Sporen.

Als der dahinscheidende Tag das mattgraue Licht zu stehlen begann, hatten sie den Sumpf noch immer nicht erreicht. Unmöglich zu sagen, wie weit es noch war. Durch den Wald, aus der Ferne, hörten sie Geheul. Ihnen stockte der Atem.

Die Herzhunde kamen.

15

Die Pferde mußten zum Rennen nicht getrieben werden. Sie flohen im Galopp über den Weg, ihre Reiter unternahmen keinerlei Versuche, sie daran zu hindern. Die Herzhunde verliehen ihnen die nötige Kraft. Wasser und Schlamm spritzten auf, während die Hufe über die Straße donnerten, Regen lief ihnen in Sturzbächen über das Fell, doch letztlich behielt der Schlamm die Oberhand, legte sich in Schichten um Beine und Bäuche und trocknete dort an. Als die Hunde zu heulen begannen, antworteten die Pferde mit verängstigtem Schnauben.

Richard überließ Kahlan die Führung. Er wollte zwischen ihr und den Verfolgern bleiben. Die Geräusche der Herzhunde waren immer noch fern, doch sie rüdeten von links, von der Grenze, immer näher, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sie eingeholt haben würden. Könnten sie nach rechts schwenken und sich von der Grenze entfernen, hätten sie eine Chance, die Hunde abzuhängen. Doch der Wald war dicht, undurchdringlich. Selbst wenn sie einen Durchgang fänden, würden sie nur langsam vorankommen. Allein der Versuch bedeutete den sicheren Tod. Sie hatten nur eine Chance. Sie mußten auf dem Weg bleiben und den Sumpf erreichen, bevor sie eingeholt wurden. Richard hatte keine Ahnung, wie weit es war, noch was zu tun war, wenn sie ihn erst erreicht hatten — er wußte nur, daß sie dorthin mußten.

Mit Einbruch der Dämmerung verwuschen die Farben des Tages zu einem tristen Grau. Der Regen prasselte in feinen, kalten Tröpfchen auf sein Gesicht, erhitzte und vermischte sich mit Schweiß und rann seinen Hals hinunter. Richard beobachtete, wie die Körper seiner beiden Freunde auf den Pferden hüpften und hoffte, daß sie fest genug gezurrt und nicht zu schwer verletzt waren und bald wieder aufwachen würden. Der Ritt konnte ihnen nicht gut tun. Kahlan drehte sich nicht um, sah nicht nach hinten. Sie war ganz in ihre Aufgabe versunken und hatte ihren Körper weit nach vorn über das galoppierende Pferd gebeugt.

Die Straße wand sich in Schlangenlinien und fädelte sich zwischen beeindruckenden, mißgestalteten Eichen und blanken Felsen hindurch. Abgestorbene Bäume wurden seltener. Das Blattwerk der Eichen, Eschen und Ahornbäume verbarg die letzten Spuren des Himmels vor den Reitern und verdunkelte den Weg zusätzlich. Die Hunde rückten näher, als die Straße in einen triefnassen Zedernwald hinunterführte. Ein gutes Zeichen, dachte Richard. Zedern wuchsen häufig auf feuchtem Boden.

Kahlans Pferd verschwand hinter einer Kuppe. Richard erreichte den Rand des steilen Abhanges und sah sie in einer Bodenvertiefung verschwinden. Die verzweigten Baumkronen erstreckten sich in die Ferne, zumindest, soweit er es in dem Nebel und dem trüben Licht erkennen konnte. Der Skowsumpf, endlich. Der Geruch nach Feuchtigkeit und Verwesung schlug ihm entgegen, als er ihr hinterher ritt, hinunter durch Nebelschwaden, die sie im Vorüberreiten aufwirbelten. Aus der dichten Vegetation schallten ihm scharfe Rufe und Pfiffe entgegen. Von hinten ertönte das Geheul der Herzhunde, näher jetzt. Verholzte Schlingpflanzen hingen von glatten, verdrehten Stämmen herab, die im Wasser auf den Zehenspitzen ihrer Wurzeln zu stehen schienen, und kleinere, blättrige Kletterpflanzen überzogen spiralförmig alles, was kräftig genug war, sie zu halten. Alles schien übereinander zu wachsen und sich so einen Vorteil verschaffen zu wollen. Stehendes Wasser bedeckte schwarz und träge weite Flächen, schlich sich unter dichtes Gebüsch, kreiste kleine Wälder dickbäuchiger Stämme ein. Entengrütze trieb in dichten Matten auf der Oberfläche und sah aus wie gepflegter Rasen. Der üppige Bewuchs schien das Geräusch ihrer Hufe zu schlucken, und nur die Rufe der Sumpfbewohner hallten über das Wasser.