»Richard«, fragte sie endlich, »hast du meine Schwester gesehen, in der Grenze?«
»Nein. Was immer es war, das dich gepackt hielt, es sah mir nicht nach einem Menschen aus. Und ich würde wetten, das Ding, das ich anfangs niedergestreckt habe, ist dir auch nicht vorgekommen wie mein Vater.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube«, sagte er, »sie wollten dich täuschen, indem sie auftraten wie jemand, den du sehen wolltest.«
»Ich glaube, du hast recht«, sagte sie und biß ein Stück Wurst ab. »Ich bin froh. Die Vorstellung, meiner Schwester weh zu tun, hätte mir gar nicht gefallen.«
Er nickte und sah sie an. Ihr Haar war feucht, klebte ihr teilweise an der Wange. »Da ist noch etwas, was ich seltsam fand. Als dieses Ding aus der Grenze, was immer es war, auf Chase losging, war es schnell und hat ihn gleich beim ersten Mal voll getroffen, und dich hatte es gepackt, bevor wir etwas unternehmen konnten. Mit Zedd war es das gleiche. Ihn hat es auch beim ersten Mal erwischt. Aber als ich zurückging, um sie zu holen, wollte es dich angreifen, hat dich aber verfehlt und es nicht noch einmal versucht.«
»Ist mir auch aufgefallen«, sagte sie. »Es hat dich um ein gutes Stück verfehlt. Es war, als wüßte es nicht, wo du bist. Uns drei hat es sofort entdeckt, aber dich schien es nicht finden zu können.«
Richard dachte einen Augenblick lang nach. »Vielleicht lag es am Schwert.«
Kahlan zuckte mit den Achseln. »Was auch immer es war, Hauptsache, es hat gewirkt.«
Es mußte nicht unbedingt am Schwert gelegen haben. Die Schlangen hatten Angst vor dem Schwert gehabt und waren davongeschwommen. Das Ding in der Grenze hatte jedoch keine Angst gezeigt. Es schien, als könnte es ihn einfach nicht sehen. Noch etwas gab ihm zu denken. Als er das Wesen in der Grenze, das aussah wie sein Vater, niedergestreckt hatte, hatte er keinerlei Schmerzen verspürt. Zedd hatte ihm gesagt, jedes Töten mit dem Schwert hätte seinen Preis, und er würde den Schmerz seiner Tat zu spüren bekommen. Vielleicht fehlte der Schmerz, weil das Ding bereits tot war. Vielleicht war es nur in seinem Kopf und nichts davon real. Ausgeschlossen. Es war wirklich genug, um seine Freunde niederzustrecken. Die Gewißheit, daß es nicht sein Vater gewesen war, den er erschlagen hatte, geriet ins Schwanken.
Schweigend aßen sie weiter. Richard dachte darüber nach, was er für Zedd und Chase tun konnte. Eigentlich nichts. Zedd hatte Medizin dabei, doch nur er wußte, wie man sie anwendete. Vielleicht hatte sie auch die Magie der Grenze niedergestreckt. Zedd hatte ebenfalls Magie mitgebracht, doch damit konnte auch nur er allein umgehen.
Richard holte einen Apfel heraus und schnitt ihn in Viertel, entfernte das Gehäuse und reichte Kahlan die Hälfte der Frucht. Während sie aß, rückte sie näher und legte ihren Kopf auf seinen Arm.
»Müde?« fragte er.
Sie nickte, dann lächelte sie. »Ich hab' Schmerzen, ich kann aber nicht sagen, wo.« Sie aß ein Stück Apfel. »Weißt du etwas über Southhaven?«
»Ich habe gehört, wie andere Führer im Kernland darüber sprachen. Nach ihren Worten handelt es sich um ein Kaff voller Diebe und Schurken.«
»Klingt nicht, als gäbe es dort einen Heiler.« Richard antwortete nicht. »Was sollen wir tun?«
»Ich weiß es nicht. Aber sie werden sich erholen, sie kommen schon wieder in Ordnung.«
»Und wenn nicht?« hakte sie nach.
Er legte den Apfel weg und sah sie an. »Kahlan, was willst du damit sagen?«
»Ich will damit sagen, wir müssen uns mit dem Gedanken abfinden, sie hier zu lassen. Und weiterzuziehen.«
»Ausgeschlossen«, sagte er fest. »Wir brauchen sie beide. Weißt du noch, als Zedd mir das Schwert gegeben hat? Er sagte, er möchte, daß ich uns über die Grenze führe. Er sagte, er hätte einen Plan. Er hat mir nicht verraten, wie dieser Plan lautet.« Er blickte über das Wasser zu den Hunden hinüber. »Wir brauchen sie«, wiederholte er.
Sie knabberte an der Schale ihres Apfelstücks. »Und wenn sie heute nacht sterben? Was bliebe uns dann übrig? Wir müßten weiterziehen.«
Richard wußte, sie sah ihn an, aber er wich ihrem Blick aus. Er wußte, wieviel ihr daran lag, Rahl zu besiegen. Er verspürte den gleichen Drang und würde sich durch nichts aufhalten lassen, auch wenn sie dabei ihre Freunde verlassen müßten. Doch soweit war es noch nicht. Sie wollte sich nur davon überzeugen, daß er noch über den nötigen Willen verfügte, die nötige Entschlossenheit. Sie hatte für ihren Auftrag viel aufgegeben, viel an Rahl verloren, genau wie er. Sie wollte wissen, ob er über die Fähigkeit verfügte, um jeden Preis weiterzumachen, zu führen.
Die Kerzen tauchten ihr Gesicht in weiches Licht, ein winziger Schimmer in der Dunkelheit. Die Flammen spiegelten sich tanzend in ihren Augen. Sie fragte ihn dies bestimmt nicht gern.
»Kahlan, ich bin der Sucher, ich weiß, wie schwer diese Verantwortung wiegt. Ich werde alles Nötige tun, um Darken Rahl zu besiegen. Alles. Du kannst deinen Glauben darauf verwetten. Doch das Leben meiner Freunde werde ich nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Im Augenblick haben wir schon genug Sorgen.«
Regen tropfte von den Bäumen ins Wasser. Das hohle Echo hallte durch die Dunkelheit. Sie legte ihm die Hand auf den Arm, so als wollte sie sagen, es täte ihr leid. Doch ihr brauchte nichts leid zu tun. Sie versuchte lediglich, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, einer möglichen Wirklichkeit zumindest. Er wollte sie beruhigen.
»Wenn es ihnen nicht bald besser geht«, sagte er und blickte ihr in die Augen, »und es einen sicheren Ort gibt, wo wir sie lassen können, bei jemandem, dem wir vertrauen, dann werden wir das tun und weiterziehen.«
Sie nickte. »Genau das habe ich gemeint.«
»Ich weiß.« Er aß den Apfel zu Ende. »Warum schläfst du nicht ein bißchen? Ich halte Wache.«
»Ich kann unmöglich schlafen«, sagte sie und deutete mit dem Kopf auf die Herzhunde, »nicht solange sie auf uns lauern. Und mit all den Schlangen in der Nähe.«
Richard lächelte. »Also gut. Wie wär's, wenn du mir hilfst, die Tragen für die Pferde zu bauen? Dann können wir morgen früh aufbrechen, sobald die Hunde verschwunden sind.«
Sie stand auf. Richard besorgte sich von Chase eine gefährlich aussehende Axt und stellte fest, daß sie bei Holz ebensogut funktionierte wie bei Fleisch und Knochen. Chase wäre bestimmt entsetzt, wenn er eine seiner geschätzten Waffen auf diese Weise zweckentfremdet sähe, eigentlich war sich Richard dessen sogar sicher. Er sah den mißbilligenden Gesichtsausdruck seines großen Freundes geradezu vor sich. Natürlich würde Chase die Geschichte mit jedem Mal, wenn er sie erzählte, weiter ausschmücken. Eine Geschichte ohne Ausschmückung war für Chase wie Fleisch ohne Soße; schlicht und einfach zu trocken.
Es dauerte mehrere Stunden, bis sie fertig waren. Kahlan blieb ganz in seiner Nähe. Sie hatte Angst vor den Schlangen, außerdem beobachteten die Herzhunde sie die ganze Zeit. Richard hatte eine Zeitlang mit dem Gedanken gespielt, ein paar von ihnen mit Chase' Armbrust zu erledigen, entschied sich schließlich aber dagegen. Chase würde sich über die sinnlose Vergeudung von Bolzen nur ärgern. Die Hunde kamen nicht an sie heran und würden bei Tagesanbruch verschwunden sein.
Als sie fertig waren, sahen sie nach den beiden anderen, dann setzten sie sich zusammen neben die Kerzen. Kahlan war mit Sicherheit müde. Er konnte selber die Augen kaum offenhalten. Trotzdem wollte sie sich nicht hinlegen und schlafen, also gestattete er ihr, sich an ihn zu lehnen. Im Nu hatte sich ihr Atem verlangsamt, und sie war eingeschlafen. Sie schlief unruhig; er sah, daß sie heftig träumte. Als sie anfing zu wimmern und zu zucken, weckte er sie. Ihr Atem ging schnell, sie war den Tränen nahe.
»Alpträume?« fragte er und strich ihr beruhigend mit dem Handrücken übers Haar. Kahlan nickte, an ihn gelehnt. »Ich habe von dem Ding aus der Grenze geträumt, das sich um meine Beine gewickelt hat. Ich habe geträumt, es sei eine große Schlange.«