»Die Hure, die du da neben dir hast, sieht teuer aus, Kleiner«, meinte der Rothaarige. »Ich denke, du hast nichts dagegen, wenn wir raufkommen und sie ein wenig rumreichen, oder?«
Richard starrte den Mann wutentbrannt an. Diese Art der Herausforderung ließ sich nur mit Blut bereinigen. Seine Augen bewegten sich nicht. Seine Hand glitt langsam zum Schwert. Die Wut schoß ihm in den Kopf und war voll erwacht, noch bevor seine Finger das Heft erreicht hatten.
Dies war der Tag, an dem er andere würde töten müssen.
Eine Menge.
Richards Griff schloß sich fester um den mit Draht umwickelten Griff, bis seine Knöchel weiß waren. Kahlan zog immer noch am Ärmel seines Schwertarmes. Leise sprach sie seinen Namen und hob gegen Ende die Stimme, genau wie seine Mutter, wenn sie ihn warnen wollte, sich herauszuhalten. Er warf ihr einen Seitenblick zu. Sie sah den Rothaarigen mit einem lasziven Lächeln an.
»Ihr seht das völlig falsch«, sagte sie mit kehliger Stimme. »Seht ihr, dies ist mein freier Tag. Ich habe ihn für die Nacht angeheuert.« Sie gab Richard einen Klaps aufs Hinterteil. Einen festen. Er war so überrascht, daß er erstarrte. Sie sah den Rothaarigen an und fuhr sich mit der Zunge über die Oberlippe. »Aber wenn er sein Geld nicht wert ist, bist du der erste, der einspringen darf.« Dabei lächelte sie lasziv.
Einen Augenblick lang lag schwere Stille über dem Raum. Richard mußte sich schwer zusammenreißen, das Schwert nicht zu ziehen. Er hielt den Atem an und harrte der Dinge, die da kamen. Kahlan lächelte die Männer noch immer auf eine Weise an, die seinen Ärger nur noch vergrößerte.
In den Augen des Rothaarigen rangen Lust und Tod miteinander. Niemand rührte sich. Dann riß er die Zähne zu einem breiten Grinsen auseinander und grölte vor Lachen. Alles buhte, jaulte, lachte. Der Mann setzte sich, und die Männer unterhielten sich weiter und achteten nicht mehr auf Richard und Kahlan. Richard atmete erleichtert auf. Der Besitzer führte die beiden ein Stück nach hinten. Er lächelte Kahlan respektvoll zu.
»Danke, Ma'am. Glücklicherweise bist du mit dem Kopf schneller als dein Freund mit der Hand. Das Lokal sagt dir vielleicht nicht besonders zu, aber es ist meins, und du hast dafür gesorgt, daß es mir erhalten bleibt.«
»Gern geschehen«, sagte Kahlan. »Hast du ein Zimmer für uns?«
Der Besitzer steckte den Zahnstocher zurück in den Mundwinkel. »Oben ist eins, rechts, am Ende des Ganges. Das mit dem Riegel davor.«
Mit einer Kopfbewegung deutete der Mann auf den Raum voller Leute. »Es wäre nicht gut, wenn diese Typen sehen, daß eure Begleiter verletzt sind. Ihr zwei geht nach oben aufs Zimmer, genau wie sie es erwarten. Mein Sohn ist in der Küche. Wir bringen eure Freunde über die Hintertreppe hinauf, damit keiner sie sieht.« Richard gefiel die Idee nicht. »Hab ein klein wenig Vertrauen, mein Freund«, raunte ihm sein Gegenüber zu, »sonst schadest du deinen Freunden nur. Übrigens, mein Name ist Bill.«
Richard sah Kahlan an. Ihr Gesicht verriet kein Gefühl. Er sah wieder zum Besitzer. Der Mann war zäh, verhärmt, schien aber nicht tückisch zu sein. Immerhin, das Leben seiner Freunde stand auf dem Spiel. Er versuchte, nicht so bedrohlich zu klingen, wie er sich vorkam.
»Also gut, Bill. Wir tun, was du verlangst.«
Bill lächelte dünn, nickte und schob den Zahnstocher auf die andere Seite.
Richard und Kahlan gingen auf das Zimmer und warteten. Die Decke war unangenehm niedrig. Die Wand neben dem einzigen Bett war mit jahrealtem Dreck verschmiert. In der gegenüberliegenden Ecke standen ein dreibeiniger Tisch und eine kurze Bank. Eine einzige Öllampe stand auf dem Tisch, verbreitete jedoch nicht viel Licht. Ansonsten war das fensterlose Zimmer leer und wirkte kahl. Es roch ranzig. Richard lief auf und ab, während Kahlan sich aufs Bett setzte, und ihn mit leichtem Unbehagen beobachtete. Schließlich ging er zu ihr.
»Ich kann nicht glauben, was du da unten getan hast.«
Sie stand auf und sah ihm in die Augen. »Das Ergebnis zählt, Richard. Hätte ich dich gewähren lassen, wäre dein Leben in großer Gefahr gewesen. Für nichts.«
»Aber jetzt glauben diese Leute…«
»Dich interessiert, was diese Männer denken?«
»Nein … aber…« Er spürte, wie er rot wurde.
»Ich habe geschworen, das Leben des Suchers unter Einsatz meines Lebens zu schützen. Ich würde alles tun, was nötig ist, dich zu beschützen.« Sie sah ihn bedeutungsvoll an, zog eine Braue hoch. »Alles.«
Enttäuscht versuchte er, seine Wut in Worte zu fassen, ohne daß sie den Eindruck bekam, er wäre verärgert über sie. Er hatte am Rande einer tödlichen Auseinandersetzung gestanden. Ein einziges falsches Wort, und es wäre passiert. Es quälte ihn, sich zurückhalten zu müssen. Er spürte noch immer, wie die Gier nach Gewalt sein Herz schneller schlagen ließ. Schwer zu verstehen, wie der Zorn seine kühle Urteilskraft mit heißem Verlangen vermischte, schwerer noch, es ihr zu erklären. Beim Blick in ihre grünen Augen jedoch wurde er ruhiger, und sein Ärger verflog.
»Richard, du mußt mit deinen Gedanken bei der Sache bleiben.«
»Wie meinst du das?«
»Darken Rahl. Um ihn solltest du dir Gedanken machen. Diese Männer dort unten gehen uns nichts an. Wir müssen nur an ihnen vorbei, das ist alles. Verschwende keinen Gedanken an sie. Es wäre sinnlos. Richte deine Kraft auf unsere Aufgabe.«
Er atmete aus und nickte. »Du hast recht. Tut mir leid. Das war mutig von dir, vorhin. Auch wenn es mir nicht gefallen hat.«
Sie umarmte ihn, legte den Kopf an seine Brust und drückte ihn sachte. An der Tür klopfte es leise. Nachdem er sich versichert hatte, daß es Bill war, machte er auf. Der Besitzer und sein Sohn trugen Chase herein und legten ihn vorsichtig auf den Boden. Als der Sohn, ein schlaksiger junger Mann, Kahlan erblickte, verliebte er sich sofort hoffnungslos in sie. Richard kannte das Gefühl. Deshalb mochte er den jungen Mann jedoch nicht lieber.
Bill zeigte mit dem Daumen auf ihn. »Das ist mein Sohn: Randy.« Randy starrte Kahlan wie gebannt an. Bill wandte sich an Richard und wischte sich den Regen mit dem Lumpen vom Kopf, den er über der Schulter trug. Den Zahnstocher hatte er noch immer im Mund.
»Du hast mir nicht verraten, daß dein Freund Dell Brandstone ist.«
Richard wurde hellhörig. »Ist das etwa ein Problem?«
Bill grinste. »Nicht für mich. Der Posten und ich, wir sind nicht immer einer Meinung, aber er ist fair. Er macht mir keine Schwierigkeiten. Er steigt hier ab, wenn er in offiziellem Auftrag der Regierung in der Gegend ist. Aber die Männer unten würden ihn in Stücke reißen, wenn sie wüßten, daß er hier oben ist.«
»Sie würden es vielleicht versuchen«, korrigierte ihn Richard.
Bill verzog die Mundwinkel zu einem dünnen Grinsen. »Wir holen jetzt den anderen.«
Als sie gingen, gab Richard Kahlan zwei Silbermünzen. »Wenn sie zurückkommen, gibt dem Jungen eine davon. Er soll die Pferde in den Stall bringen und sich um sie kümmern. Sag ihm, wenn er die Nacht über auf sie aufpaßt und sie bei Sonnenaufgang für uns bereit hält, erhält er auch die andere.«
»Wie kommst du darauf, daß er das tut?«
Richard lachte kurz auf. »Keine Sorge, er tut es, wenn du ihn bittest. Du brauchst nur zu lächeln.«
Bill kehrte zurück und hatte Zedd in seinen kräftigen Armen. Randy folgte und trug den größten Teil ihres Gepäcks. Bill legte den alten Mann vorsichtig neben Chase auf den Boden. Stirnrunzelnd sah er Richard an. Dann wandte er sich an seinen Sohn.
»Randy, hol der jungen Lady eine Schüssel und einen Krug mit Wasser. Und ein Handtuch. Ein sauberes. Vielleicht möchte sie sich waschen.«
Randy verließ grinsend rückwärts das Zimmer und stolperte dabei über seine eigenen Füße. Bill sah ihm nach, dann sah er Richard eindringlich an. Er nahm den Zahnstocher aus dem Mund.