»Die beiden sind in schlechter Verfassung. Ich werde dich nicht fragen, was ihnen zugestoßen ist, weil du es mir nicht verraten wirst, wenn du klug bist. Und ich denke, das bist du. Wir haben hier keinen Heiler, aber es gibt jemanden, der dir vielleicht helfen kann. Eine Frau namens Adie. Die meisten Leute haben Angst vor ihr. Dieser Haufen da unten wagt sich nicht in die Nähe ihres Hauses.«
Richard runzelte die Stirn. »Wieso nicht?«
Bill sah zu Kahlan hinüber, sein Blick verengte sich. »Weil sie abergläubisch sind. Sie glauben, sie bringt Unglück. Außerdem lebt sie in der Nähe der Grenze. Es heißt, Leute, die sie nicht mag, neigen dazu, tot umzufallen. Wie gesagt, ich behaupte nicht, es sei wahr. Ich selber halte nichts davon. Ich denke, das haben diese Dickschädel ausgebrütet. Sie ist keine Heilerin, aber ich kenne Leute, denen sie geholfen hat. Du solltest wenigstens hoffen, daß sie es kann, denn ohne Hilfe werden sie nicht länger durchhalten.«
Richard strich sich die Haare zurück. »Und wie finden wir diese Knochenfrau?«
»Nimm den Weg, der vor den Ställen links abbiegt. Man reitet ungefähr eine Stunde.«
»Und warum hilfst du uns?« wollte Richard wissen.
Bill lächelte und verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust. »Sagen wir, ich helfe dem Posten. Er hält ein paar meiner anderen Kunden in Schach, und er verschafft mir mit seinen Geschäften ein Einkommen von der Regierung, hier und über mein Vorratslager nebenan. Wenn er durchkommt, erzähl ihm, wer geholfen hat, ihm das Leben zu retten.« Er lachte in sich hinein. »Das wird ihn ganz schön ärgern.«
Richard lächelte. Er wußte, wie Bill das meinte. Chase konnte es nicht ausstehen, wenn jemand ihm half. »Das werde ich ganz bestimmt.« Der andere machte ein zufriedenes Gesicht. »Ich glaube, es wäre eine gute Idee, dieser Knochenfrau ein paar Dinge mitzubringen, schließlich will ich sie um Hilfe bitten, und sie lebt da draußen an der Grenze ganz allein. Kannst du mir ein paar Vorräte für sie zusammenpacken?«
»Sicher. Wenn es eine offizielle Angelegenheit ist, kann ich es sogar auf die Rechnung der Regierung setzen.«
»Ist es.«
Randy brachte den Zuber, Wasser und Handtücher. Kahlan drückte ihm eine Silbermünze in die Hand und bat ihn, sich um die Pferde zu kümmern. Er sah seinen Vater an, ob der einverstanden war. Bill nickte.
»Sag mir einfach, welches dein Pferd ist, dann werde ich mich darum ganz besonders kümmern«, meinte Randy mit einem breiten Grinsen.
Kahlan lächelte zurück. »Sie gehören alle mir. Kümmere dich um sie, mein Leben hängt davon ab.«
Randys Gesicht wurde ernst. »Du kannst auf mich zählen.« Er wußte nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte und schob sie schließlich in seine Hosentaschen. »Ich werde niemanden in ihre Nähe lassen.« Er ging wieder rückwärts zur Tür und fügte hinzu, als alles bis auf seinen Kopf hindurch war: »Ich glaube kein Wort von dem, was sich die Männer da unten über dich erzählen. Und das habe ich ihnen auch gesagt.«
Kahlan mußte gegen ihren Willen lächeln. »Danke. Aber begib dich meinetwegen nicht in Gefahr. Bitte, bleib diesen Männern fern. Und sag nicht, daß du mit mir gesprochen hast, das wird sie nur noch weiter ermutigen.«
Randy grinste und verschwand mit einem Nicken. Bill verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Lächelnd wandte er sich Kahlan zu.
»Ich nehme an, du hast nicht gerade vor, hierzubleiben und den Jungen zu heiraten? Eine Frau täte ihm gut.«
Ein seltsam gequälter Ausdruck voller Panik huschte über Kahlans Gesicht. Sie setzte sich aufs Bett und blickte zu Boden.
»War nur Spaß, Mädchen«, entschuldigte sich Bill. Er wandte sich wieder an Richard. »Ich bringe jedem von euch einen Teller Essen. Gekochte Kartoffeln und Fleisch.«
»Fleisch?« fragte Richard voller Argwohn.
Bill lachte. »Keine Sorge. Ich würde nicht wagen, diesen Männern schlechtes Fleisch aufzutischen. Es könnte mich den Kopf kosten.«
Wenige Minuten später kehrte er zurück und stellte zwei Teller mit dampfenden Speisen auf den Tisch.
»Vielen Dank für deine Hilfe«, sagte Richard.
Bill hob eine Braue. »Keine Sorge, das erscheint alles auf der Rechnung. Ich werde sie dir morgen früh zum Unterschreiben geben. Gibt es in der Regierung jemanden, der deine Unterschrift kennt?«
Richard mußte lächeln. »Ich denke schon. Mein Name ist Richard Cypher. Mein Bruder ist Oberster Rat.«
Bill zuckte zusammen, war plötzlich erschüttert. »Tut mir leid. Nicht, weil dein Bruder Oberster Rat ist. Ich meine, weil ich es nicht gewußt habe. Ich hätte dich besser untergebracht. Du kannst in meinem Haus wohnen. Es ist nichts Besonderes, aber besser als das hier. Ich werde deine Sachen gleich…«
»Schon gut, Bill.« Richard ging zu dem Mann und legte ihm eine Hand auf den Rücken, um ihn zu beruhigen. Der Besitzer wirkte plötzlich weniger grimmig. »Mein Bruder ist Oberster Rat, nicht ich. Das Zimmer ist in Ordnung. Alles ist in Ordnung.«
»Bist du sicher? Alles? Du wirst doch nicht die Armee herschicken, oder?«
»Du warst uns eine große Hilfe, bestimmt. Mit der Armee habe ich nichts zu schaffen.«
Bill wirkte nicht überzeugt. »Du bist mit dem Anführer der Grenzposten zusammen.«
Richard lächelte freundlich. »Er ist ein Freund von mir. Schon seit vielen Jahren. Der alte Mann ebenfalls. Sie sind meine Freunde, das ist alles.«
Bills Augen strahlten. »Nun, wenn das so ist, wie wär's, wenn ich dann ein paar Zimmer zusätzlich auf deine Rechnung setze? Damit sie nicht erfahren, daß ihr alle zusammen hier übernachtet habt?«
Immer noch lächelnd, schlug Richard dem Mann auf den Rücken. »Das wäre nicht ehrlich. Unter so etwas setze ich meinen Namen nicht.«
Bill seufzte und konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. »Du bist tatsächlich ein Freund von Chase.« Er nickte vor sich hin. »Jetzt glaube ich dir. Seit ich ihn kenne, habe ich den Mann noch nicht dazu bringen können, eine Rechnung aufzustocken.«
Richard drückte dem Mann etwas Silber in die Hand. »Aber das hier ist nicht unrecht. Ich weiß zu schätzen, was du für uns tust. Mir wäre es auch sehr lieb, wenn du das Bier heute abend ein wenig verdünnen würdest. Betrunkene sterben zu schnell.« Bill sah ihn wissend an. Richard fügte hinzu: »Du hast gefährliche Kundschaft.«
Der Mann blickte Richard in die Augen, sah zu Kahlan hinüber, und wieder zurück. »Heute abend ja«, stimmte er zu.
Richard sah ihm fest in die Augen. »Sollte heute nacht jemand durch diese Tür treten, werde ich ihn töten. Ohne Fragen zu stellen.«
Bill starrte ihn eine ganze Weile an. »Ich tue, was ich kann, um das zu verhindern. Und wenn ich ein paar Köpfe zusammenschlagen muß.« Er ging zur Tür. »Eßt euer Abendbrot, bevor es kalt wird. Und kümmere dich um deine Lady, sie trägt einen klugen Kopf auf ihren Schultern.« Er zwinkerte Kahlan zu. »Und einen hübschen dazu.«
»Noch etwas, Bill. Die Grenze wird schwächer. In wenigen Wochen wird sie gefallen sein. Paß auf dich auf.«
Die Brust des Mannes hob sich, als er tief durchatmete. Den Türknauf in der Hand, blickte er Richard lange in die Augen. »Ich glaube, die Versammlung hat den falschen Bruder zum Obersten Rat gewählt. Ich hole euch morgen früh, wenn die Sonne aufgegangen und die Luft rein ist.«
Nachdem er gegangen war, setzten sich Richard und Kahlan nebeneinander auf das Bett und aßen ihre Mahlzeit. Ihr Zimmer befand sich an der Hinterseite des Gebäudes, die Männer dagegen ein Stock tiefer und vorne. Es war ruhiger, als Richard angenommen hatte. Von den Leuten war bestenfalls gedämpfter Lärm zu hören. Das Essen war besser, als Richard erwartet hatte. Vielleicht lag es auch nur daran, weil er völlig ausgehungert war. Auch das Bett kam ihm herrlich vor, denn er war todmüde. Kahlan bemerkte es.
»Du hast letzte Nacht nur ein oder zwei Stunden geschlafen. Ich werde die erste Wache übernehmen. Es wird noch eine Weile dauern, bis die Männer den Mut aufbringen, hier heraufzukommen, sollten sie das tatsächlich vorhaben. Wenn es soweit ist, wäre es besser, du bist ausgeruht.«