Bill sah ihn mit harter Miene an. »Erledigt.«
»Vergiß nicht, was ich über die Grenze gesagt habe. Es wird Ärger geben. Paß auf dich auf.«
Bill sah Richard in die Augen und legte seinem Sohn den Arm um die Schultern. »Wir werden es nicht vergessen.« Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem vorsichtigen Lächeln. »Lang lebe der Sucher.«
Richard sah ihn überrascht an und mußte grinsen. Es löschte ein wenig die Glut seines Zorns. »Als ich dich zum ersten Mal sah, habe ich dich für einen unaufrichtigen Menschen gehalten. Wie ich sehe, habe ich mich geirrt.«
Richard und Kahlan zogen ihre Kapuzen über und trieben ihre Pferde hinein in den Regen, zur Knochenfrau.
Schnell hatte der Regen die Lichter Southhavens geschluckt, und die Reisenden mußten sich durch die Dunkelheit tasten. Chases Pferde hatten sich vorsichtig ihren Weg den Pfad hinab gesucht. Sie waren von den Posten auf diese Aufgaben vorbereitet und fanden sich gut unter diesen widrigen Umständen zurecht. Seit geraumer Zeit bemühte sich die Dämmerung bereits, den neuen Tag ans Licht zu bringen. Selbst als Richard wußte, daß die Sonne schon aufgegangen war, verharrte die Welt noch im Zwielicht zwischen Tag und Traum; es war ein gespenstischer Morgen. Der Regen hatte geholfen, die Wut des Suchers abzukühlen.
Irgendwo lief der letzte Mann des Quadrons noch frei herum. Hinter jeder Bewegung lauerte möglicherweise Gefahr. Früher oder später würde er angreifen. Die Ungewißheit über den genauen Zeitpunkt nagte an ihnen. Und Bills Worte, nach denen Zedd und Chase nicht mehr lange durchhalten würden, raubten ihm den Mut. Wenn diese Frau, Adie, nicht helfen konnte, wußte er nicht, was er tun sollte. Ohne ihre Hilfe würden seine beiden Freunde sterben. Eine Welt ohne Zedd war für ihn unvorstellbar. Eine Welt ohne seine Tricks, seine Hilfe und seinen Trost wäre eine tote Welt. Schon beim Gedanken daran schnürte sich ihm die Kehle zu. Zedd würde sagen, er sollte sich keine Gedanken über die Zukunft machen, sondern über die Gegenwart.
Aber die schien fast ebenso trostlos. Sein Vater war ermordet worden. Darken Rahl stand kurz davor, alle drei Kästchen in seine Gewalt zu bringen. Er war allein mit einer Frau, die ihm viel bedeutete, aber auch das durfte nicht sein. Immer noch hütete sie ihre Geheimnisse vor ihm. Irgendwann würde der Zeitpunkt kommen, da diese Geheimnisse offenbart werden würden. Er wollte sie erfahren. Doch ihr Schweigen bedeutete nichts Gutes. Irgendwie mußten sie ihn verletzen, sonst hätte sie sie ihm längst verraten. Ständig rang sie in Gedanken damit. Manchmal, wenn er glaubte ihr näherzukommen, sah er die Qual und die Angst in ihren Augen. Bald waren sie in den Midlands, wo die Menschen sie kannten. Er wollte es von ihr erfahren, und nicht von einem Fremden. Wenn sie es ihm nicht bald erzählte, würde er sie fragen müssen. Auch wenn es seiner Natur widersprach.
Vier Stunden waren sie schon geritten, tief in seine Gedanken versunken, hatte Richard das gar nicht bemerkt. Der Wald sog den Regen auf. Bäume ragten finster und geduckt in den Nebel, das Moos auf ihren Stämmen wuchs kraftvoll und üppig. Grün und schwammig quoll es aus der Rinde der Bäume hervor oder in rundlichen Erhebungen aus dem Boden. Die Flechten auf den Felsen leuchteten strahlend gelb und rostfarben in der Feuchtigkeit. An einigen Stellen lief das Wasser den Pfad hinab und verwandelte ihn vorübergehend in einen reißenden Bach. Die Stangen von Zedds Bahre klatschten hindurch, wurden über Stock und Stein gerissen, und der Kopf des alten Mannes wurde an den unwegsameren Stellen von einer Seite zur anderen geworfen. Seine Füße hingen fast im Wasser, wenn sie diese Sturzbäche überquerten.
Richard witterte den süßlichen Rauch eines Holzfeuers in der stillen Luft. Birkenholz. Die Gegend, die sie erreichten, sah schon seit Stunden so aus wie jetzt, und doch hatte sich etwas verändert. Ehrfurchtsvoll strömte der Regen auf den Wald herab. Die Gegend strahlte etwas Heiliges aus. Er wollte Kahlan etwas sagen, doch Reden erschien ihm wie ein Frevel. Er begriff, warum die Männer aus dem Gasthof nicht hier heraufkamen. Ihr übles Auftreten gliche einer Schändung.
Sie erreichten ein Haus, das mit seiner Umgebung fast verschmolz, und selbst direkt neben dem Pfad kaum zu erkennen war. Eine Rauchfahne kräuselte sich über dem Kamin in die diesige Luft. Die Stämme der Wände waren verwittert und alt und paßten zur Farbe der Bäume ringsum. Das Haus schien aus dem Waldboden hervorzuwachsen, ringsum ragten Bäume auf wie zum Schutz. Das Dach war mit einem Farndickicht überwuchert. Ein kleines Schrägdach schützte eine Tür und eine kleine Veranda, gerade groß genug, daß zwei oder drei Leute gleichzeitig darauf stehen konnten. Vorn gab es ein viergeteiltes Fenster, und, soweit Richard erkennen konnte, in der Seitenwand ein weiteres. Keines davon hatte Vorhänge.
Eine Stelle vor dem Haus war mit Farnen bewachsen, die sich unter dem von den Bäumen herabtropfenden Regen beugten und nickten. Der Nebel brachte ihre charakteristische blaßgrüne Farbe zum Leuchten. Mitten hindurch führte ein schmaler Pfad. Zwischen den Farnen, mitten auf dem Pfad, stand eine große Frau, größer als Kahlan, doch nicht größer als Richard. Sie trug einen schlichten, braunen Umhang aus grobem Garn mit roten und gelben Symbolen und Verzierungen am Kragen. Ihr Haar war fein und glatt, eine Mischung aus Schwarz und Grau, in der Mitte geteilt und auf der Höhe ihres kräftigen Kinns abgeschnitten. Das Alter hatte dieses verwitterte Gesicht noch nicht seiner angenehmen Züge beraubt. Die Frau stützte sich auf eine Krücke. Sie hatte nur einen Fuß. Richard brachte die Pferde vor ihr langsam zum Stehen.
Die Augen der Frau waren weiß.
»Ich bin Adie. Wer seid ihr?« Adies Stimme hatte etwas Rauhes, Kehliges, Reibeisenartiges. Richard lief es eiskalt den Rücken runter.
»Vier Freunde«, erwiderte Richard mit Respekt in der Stimme. Der leichte Regen verursachte ein ruhiges, sanftes Plätschern. Er wartete.
Feine Fältchen bedeckten jede Stelle ihres Gesichts. Sie holte die Krücke unter ihrem Arm hervor und stützte sich mit gefalteten Händen darauf. Adies dünne Lippen verzogen sich zu einem verhaltenen Lächeln.
»Ein Freund«, sagte sie mit rauher Stimme. »Drei gefährliche Leute. Ich werde entscheiden, ob es Freunde sind.« Sie nickte bedächtig.
Richard und Kahlan warfen sich einen verstohlenen Seitenblick zu. Er wurde vorsichtig. Irgendwie fühlte er sich auf seinem Pferd unwohl, so als wäre das Sprechen von oben herab eine Respektlosigkeit. Er stieg ab, und Kahlan tat es ihm nach. Mit den Zügeln in der Hand stellte er sich vorn neben das Tier, Kahlan dicht neben sich.
»Ich bin Richard Cypher. Das ist eine Freundin von mir, Kahlan Amnell.«
Die Frau betrachtete sein Gesicht aus ihren weißen Augen. Er hatte keine Ahnung, ob sie etwas sehen konnte, wußte nicht, ob es überhaupt möglich war. Sie wandte ihr Gesicht Kahlan zu. Mit rauher Stimme sagte sie ihr ein paar Worte in einer Sprache, die er nicht verstand. Kahlan hielt dem Blick der Frau stand, dann nickte sie Adie kurz zu.
Es war eine Begrüßung. Eine Begrüßung voller Respekt. Richard hatte weder die Worte ›Kahlan‹ noch ›Amnell‹ heraushören können. Seine Nackenhaare richteten sich auf.
Er war lange genug mit Kahlan zusammengewesen, um aus der Art, wie sie aufrecht und mit erhobenem Haupt dastand, schließen zu können, daß sie auf der Hut war. Und zwar sehr. Wäre sie eine Katze, sie hätte einen Buckel gemacht und ihr Fell hätte sich gesträubt. Die beiden Frauen standen sich gegenüber, das Alter war für beide im Augenblick ohne Bedeutung. Sie maßen sich an Eigenschaften, die ihm verborgen blieben. Diese Frau konnte ihnen schaden. Das Schwert würde sie davor nicht schützen.
Adie wandte sich wieder an Richard. »Was willst du, sprich, Richard Cypher.«
»Wir brauchen deine Hilfe.«
Adies Kopf schwankte. »Stimmt.«
»Unsere beiden Freunde sind verletzt. Der eine, Dell Brandstone, meinte, er sei dein Freund.«
»Stimmt«, sagte Adie mit ihrer rauhen Stimme.