»Ein anderer Mann in Southhaven meinte, du könntest ihnen helfen. Als Gegenleistung haben wir dir Vorräte mitgebracht. Wir hielten es für angemessen, dir etwas für deine Hilfe anzubieten.«
Adie beugte sich näher. »Lüge!« Sie stampfte mit ihrer Krücke auf den Boden. Sowohl Richard als auch Kahlan fuhren ein Stück zurück.
Richard wußte nicht, was er sagen sollte. Adie wartete. »Aber es stimmt. Die Vorräte sind gleich hier.« Er drehte sich ein wenig und deutete auf Chases Pferd. »Wir hielten es für angemessen…«
»Lüge!« Wieder stampfte sie mit der Krücke auf den Boden.
Richard verschränkte die Arme. Er wurde wütend. Seine Freunde lagen im Sterben, und er spielte Spielchen mit dieser Alten. »Was ist eine Lüge?«
»Das ›wir‹.« Und wieder stampfte sie ihre Krücke auf. »Du warst es, der daran gedacht hat, die Vorräte anzubieten. Du hast beschlossen, sie mitzubringen. Nicht du und Kahlan. Du. ›Wir‹ ist gelogen, ›Ich‹ ist die Wahrheit.«
Richard breitete fragend die Arme aus. »Was für einen Unterschied macht das? ›Ich‹, ›wir‹, was spielt das für eine Rolle?«
Sie starrte ihn an. »Das eine ist die Wahrheit, das andere gelogen. Wieviel größer könnte der Unterschied sein?«
Richard verschränkte seine Arme wieder vor der Brust und runzelte die Stirn. »Es ist bestimmt sehr anstrengend für Chase, dir seine Abenteuer zu erzählen.«
Adies dünnes Lächeln kam zurück. »Stimmt«, sie nickte. Sie beugte sich ein wenig vor und machte eine Handbewegung. »Bring deine Freunde nach drinnen.«
Damit drehte sie sich um, stemmte die Krücke wieder unter ihren Arm und schleppte sich zum Haus. Richard und Kahlan sahen sich an, gingen zu Chase und zogen ihm die Decke weg. Richard überließ Kahlan die Füße und nahm selbst den schweren Oberkörper. Sie hatten Chase gerade durch die Tür gewuchtet, als Richard entdeckte, warum sie die Knochenfrau genannt wurde.
Knochen jeder Art waren wie ein irres Relief an den dunklen Wänden befestigt, und zwar über und über. An einer der Wände lehnten mit Schädeln gefüllte Regale. Schädel von wilden Tieren, die Richard nicht kannte. Die meisten sahen mit ihren langen, gebogenen Zähnen furchterregend aus. Wenigstens sind keine menschlichen dabei, dachte Richard bei sich. Einige der Knochen waren zu Halsketten verarbeitet. Einige zierten rituelle Gegenstände mit Federn und Perlen, um die an der Wand ein Kreidekreis gezogen war. In einer Ecke befand sich ein Knochenstapel, der in der Menge von Gebeinen harmlos wirkte. Andere wurden sorgfältig an der Wand zur Schau gestellt, mit Platz ringsum, um ihre Bedeutung zu unterstreichen. Über dem Kaminsims hing ein Rippenknochen, so dick wie Richards Arm und so groß wie er selbst, der Länge nach mit dunkel symbolischen Schnitzereien verziert, die Richard nichts sagten. Zwischen so vielen ausgebleichten Gebeinen kam sich Richard wie im Bauch eines toten Raubtieres vor.
Sie legten Chase ab, und Richard sah sich um. Alle drei waren triefnaß vom Regen. Adie beugte sich über ihn. Sie war so trocken wie die Knochen ringsum. Sie hatte draußen im Regen gestanden, und dennoch war sie trocken. Richard überlegte sich, ob es schlau gewesen war, hierherzureiten. Hätte Chase ihm nicht gesagt, Adie sei mit ihm befreundet, wäre er jetzt nicht hier.
Er sah Kahlan an. »Ich gehe Zedd holen.« Es war mehr eine Frage als eine Feststellung.
»Ich helfe dir, die Vorräte reinzutragen«, erbot sie sich mit einem kurzen Blick auf Adie.
Richard legte Zedd vorsichtig zu Füßen der Knochenfrau ab. Zusammen mit Kahlan stapelte er die Vorräte auf dem Tisch. Als sie damit fertig waren, stellten sie sich vor Adie neben ihre Freunde und betrachteten die Knochen. Adie ließ sie nicht aus den Augen.
»Wer ist das?« fragte sie und zeigte auf Zedd.
»Zeddicus Zu'l Zorander. Mein Freund«, sagte er.
»Ein Zauberer!« fuhr Adie ihn an.
»Mein Freund!« brüllte Richard, dem die Geduld riß.
Adie blickte ihn ruhig aus ihren weißen Augen an, während seine vor Erregung unter den aggressiven Brauen flackerten. Zedd würde sterben, wenn er keine Hilfe bekam, und Richard war nicht gewillt, das geschehen zu lassen. Adie beugte sich vor und preßte Richard ihre runzlige Hand flach auf den Bauch. Er war ein wenig überrascht und verhielt sich ruhig, während sie ihre Hand langsam kreisen ließ, so, als könne sie auf diese Weise etwas erkennen. Die Frau mit den weißen Augen zog die Hand zurück und faltete ihre Hände auf der Krücke. Sie verzog die dünnen Lippen, deutete ein Lächeln an und sah auf.
»Der gerechte Zorn eines wahren Suchers. Gut.« Sie sah zu Kahlan hinüber. »Du hast nichts von ihm zu fürchten, mein Kind. Es ist der Zorn der Wahrheit. Der Zorn der Zähne. Die Guten brauchen ihn nicht zu fürchten.« Gestützt auf ihre Krücke ging sie ein paar Schritte auf Kahlan zu. Sie legte Kahlan die Hand auf den Bauch und wiederholte die Prozedur. Als sie fertig war, stützte sie die Hand auf die Krücke und nickte. Sie blickte zu Richard hinüber.
»Sie hat das nötige Feuer. Auch in ihr brennt der Zorn. Aber es ist der Zorn der Zunge. Davor mußt du dich hüten. Davor müssen sich alle hüten. Es wird gefährlich, wenn sie ihn je herausläßt.«
Richard warf Adie einen bösen Blick zu. »Ich mag keine Rätsel. Sie lassen zuviel Raum für Fehldeutungen. Wenn du mir etwas sagen willst, dann sprich dich aus.«
»Sprich dich aus«, äffte sie ihn nach. Sie kniff die Augen zusammen. »Was ist stärker, Zahn oder Zunge?«
Richard holte tief Luft. »Zahn wäre die offensichtliche Antwort. Also wähle ich Zunge.«
Adie warf ihm einen mißbilligenden Blick zu. »Manchmal rührt sich deine Zunge, wenn sie es besser nicht täte. Hüte sie. Halte sie im Zaum«, befahl sie mit trockenem Krächzen.
Richard schwieg verlegen.
Adie nickte mit einem Lächeln. »Verstehst du jetzt?«
Richard runzelte die Stirn. »Nein.«
»Der Zorn der Zähne entwickelt seine Kraft erst beim Kontakt. Gewalt durch Berührung. Kampf. Die Magie des Schwertes der Wahrheit ist die Magie des Zorns der Zähne. Reißen. Zerfetzen. Der Zorn der Zunge braucht keine Berührung, doch die Kraft ist die gleiche. Sie schneidet ebenso schnell.«
»Ich glaube, ich verstehe nicht ganz«, sagte Richard.
Adie streckte ihren langen Finger nach ihm aus und berührte ihn leicht an der Schulter. Plötzlich füllte eine Vision seinen Kopf, die Vision einer Erinnerung. Der Erinnerung an die vergangene Nacht. Er sah die Männer im Gasthaus. Er stand mit Kahlan vor ihnen, die Männer bereit zum Angriff. Er griff bereits nach dem Schwert der Wahrheit, bereit, sie mit aller Gewalt aufzuhalten. Blut mußte fließen. Dann sah er Kahlan neben sich, die auf den Pöbel einredete, die Männer aufhielt, sie mit ihren Worten fesselte, sich mit ihrer Zunge über die Lippen fuhr und so etwas sagte, ohne zu sprechen. Ihnen ihr Feuer nahm. Die verrohten Kerle entwaffnete, ohne sie zu berühren. Und etwas tat, was das Schwert nicht konnte. Er begann zu begreifen, was Adie gemeint hatte.
Mit einer heftigen Bewegung packte Kahlan Adie am Handgelenk und riß die Hand von Richard fort. In ihrem Blick lag etwas Gefährliches, das Adie nicht verborgen blieb.
»Ich habe geschworen, das Leben des Suchers zu schützen. Ich weiß nicht, was du tust. Vergib mir, wenn ich zu heftig reagiere, es ist nicht respektlos gemeint. Aber ich würde es mir nie verzeihen, sollte ich versagen. Zuviel steht auf dem Spiel.«
Adie betrachtete die Hand auf ihrem Handgelenk. »Ich verstehe, Kind. Entschuldige, wenn ich dir gedankenlos Grund zur Besorgnis gegeben habe.«
Kahlan hielt Adies Handgelenk noch einen kurzen Augenblick fest, um das Gesagte zu unterstreichen, dann ließ sie los. Adie faltete ihre Hände über der Krücke. Sie schaute zu Richard auf.
»Zahn und Zunge arbeiten Hand in Hand. Mit der Zauberei ist es das gleiche. Du beherrschst den Zauber des Schwertes, den Zauber der Zähne. Aber dadurch verfügst du auch über die Magie der Zunge. Die Magie der Zunge funktioniert, weil du sie mit dem Schwert unterstützt.« Sie drehte ihren Kopf langsam zu Kahlan. »Du verfügst über beides, Kind. Zahn und Zunge. Wenn du sie zusammen gebrauchst, unterstützen sie sich gegenseitig.«