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»Und worin besteht die Magie des Zauberers?« fragte Richard.

Adie sah ihn an und wog die Frage ab. »Es gibt viele Arten von Magie, Zunge und Zahn sind nur zwei davon. Zauberer kennen sie alle, bis auf jene aus der Unterwelt. Zauberer machen sich den größten Teil ihres Wissens zunutze.« Sie sah auf Zedd hinunter. »Ein sehr gefährlicher Mann.«

»Mir gegenüber hat er sich nie anders als freundlich und verständnisvoll gezeigt. Er ist ein sanftmütiger Mensch.«

»Stimmt. Und doch kann er auch gefährlich sein«, wiederholte Adie.

Richard überging die Bemerkung. »Und Darken Rahl? Weißt du, welche Magie er benutzen kann?«

Adies Blick verengte sich. »O ja«, zischte sie. »Ich kenne ihn. Er kann all die Zauberkräfte eines Zauberers benutzen, dazu die, die ein Zauberer nicht nutzen kann. Darken Rahl kann sich der Unterwelt bedienen.«

Richard erstarrte. Er wollte fragen, welche Zauberkraft Adie benutzen konnte, besann sich jedoch eines Besseren. Sie wandte sich wieder Kahlan zu.

»Sei gewarnt, Kind. Du verfügst über die wahre Macht der Zunge. Du hast sie noch nie gesehen. Es wird fürchterlich, solltest du ihr je freien Lauf lassen.«

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, sagte Kahlan stirnrunzelnd.

»Das stimmt«, Adie nickte. »Das stimmt.« Sie streckte die Hand aus, legte sie Kahlan sacht auf die Schulter und zog sie ein wenig zu sich. »Deine Mutter starb, bevor du zur Frau wurdest, bevor du das Alter erreicht hattest, daß sie dich darin hätte unterrichten können.«

Kahlan schluckte. »Was kannst du mir darüber beibringen?«

»Nichts. Tut mir leid, ich verstehe nicht, wie es geht. Das kann einem nur die eigene Mutter beibringen, wenn ihre Tochter zur Frau wird. Da deine Mutter es dir nicht gezeigt hat, ging die Lehre verloren. Aber die Kraft ist immer noch da. Sei gewarnt. Nur weil man es dir nicht beigebracht hat, heißt das nicht, es könnte nicht hervorbrechen.«

»Hast du meine Mutter gekannt?« flüsterte Kahlan gequält.

Adie sah Kahlan an, und ihr Gesicht entspannte sich. Langsam nickte sie. »Ich erinnere mich an deinen Familiennamen. Und ich erinnere mich an ihre grünen Augen, die vergißt man nicht leicht. Du hast ihre Augen. Ich habe sie gekannt, als sie mit dir schwanger ging.«

Eine Träne lief Kahlan über die Wange. »Meine Mutter hat eine Halskette mit einem kleinen Knochen daran getragen. Die hat sie mir als Kind geschenkt. Ich habe sie immer getragen, bis — bis Dennee, das Mädchen, das ich meine Schwester genannt habe … als sie starb, habe ich sie mit ihr begraben. Sie hat ihr immer gefallen. Die Halskette hast du meiner Mutter geschenkt, stimmt's?«

Adie schloß die Augen und nickte. »Ja. Ich habe sie ihr gegeben, damit sie ihr ungeborenes Kind schützt, ihre Tochter sicher bewahrt, damit sie heranwächst und stark wird wie ihre Mutter. Wie ich sehe, ist es wirklich geschehen.«

Kahlan schlang ihre Arme um die alte Frau. »Danke, Adie«, sagte sie unter Tränen, »weil du meiner Mutter geholfen hast.« Adie hielt die Krücke in einer Hand und strich Kahlan mit aufrichtigem Mitgefühl über den Rücken. Nach einer Weile löste sich Kahlan von der alten Frau und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Richard erkannte die Chance und nutzte sie entschlossen und zielbewußt.

»Adie«, sagte er leise, »du hast Kahlan geholfen, bevor sie geboren wurde. Hilf ihr auch jetzt. Vielleicht steht ihr Leben und das vieler anderer auf dem Spiel. Wir brauchen die Unterstützung dieser beiden Männer. Bitte, hilf ihnen. Hilf Kahlan.«

Adie lächelte ihn dünn an. »Der Zauberer hat seinen Sucher gut gewählt. Zum Glück für dich gehört Geduld nicht zu den Anforderungen dieses Postens. Sei beruhigt, ich hätte sie nicht hereinbringen lassen, wenn ich nicht vorgehabt hätte, ihnen zu helfen.«

»Nun, vielleicht siehst du es nicht«, drängte er, »aber besonders Zedd ist in einem üblen Zustand, er atmet kaum noch.«

Adie betrachtete ihn aus ihren weißen Augen. »Sag«, meinte sie mit ihrem trockenen Krächzen, »kennst du das Geheimnis, das Kahlan vor dir verbirgt?«

Richard sagte nichts und versuchte, sich kein Gefühl anmerken zu lassen. Adie wandte sich an Kahlan.

»Sag mir, Kind, kennst du das Geheimnis, das er vor dir verbirgt?« Kahlan erwiderte nichts. Adie sah wieder zu Richard. »Kennt der Zauberer das Geheimnis, das ihr vor ihm verbergt? Nein. Drei Blinde. Hm? Wie es aussieht, sehe ich besser als du.«

Richard fragte sich, welches Geheimnis Zedd vor ihm verbarg. Er zog eine Braue hoch. »Und welches dieser Geheimnisse kennst du, Adie?«

Sie zeigte mit dem Finger auf Kahlan. »Ihres. Nur das eine.«

Richard war erleichtert, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Er wäre fast in Panik geraten. »Jeder hat seine Geheimnisse, meine Gute, und das Recht, sie wenn nötig zu verschweigen.«

Ihr Lächeln wurde breiter. »Das stimmt, Richard Cypher.«

»Was ist nun mit den beiden hier?«

»Weißt du, wie man sie heilt?« fragte sie.

»Nein. Wenn, dann hätte ich es doch wohl schon getan.«

»Deine Ungeduld sei dir verziehen. Es ist nur recht, wenn du um das Leben deiner Freunde bangst. Doch sei unbesorgt, sie erhalten bereits Hilfe, seit ihr sie hereingebracht habt.«

Richard sah sie verwirrt an. »Wirklich?«

Sie nickte. »Sie sind von Monstern aus der Unterwelt niedergeschlagen worden. Sie werden Zeit brauchen, um wieder aufzuwachen, Tage vielleicht. Wie viele, vermag ich nicht zu sagen. Aber sie werden ausgetrocknet sein. Wassermangel wird ihr Tod sein, deswegen muß man sie wecken, damit sie trinken, oder sie werden sterben. Der Zauberer atmet langsam, aber nicht, weil es ihm schlechter ginge, sondern weil Zauberer auf diese Weise in schwierigen Zeiten Kraft sparen. Sie fallen in einen tiefen Schlaf. Ich muß sie beide wecken, damit sie trinken. Hab keine Angst. Geh in die Ecke und hol den Wassereimer.«

Richard holte Wasser, dann half er Adie, sich mit untergeschlagenen Beinen neben die Köpfe von Zedd und Chase zu setzen. Sie bat Richard, ihr das Knochenwerkzeug vom Regal zu bringen.

Teils sah es aus wie ein menschlicher Hüftknochen. Der Gegenstand war ganz mit dunkelbrauner Patina überzogen und sah uralt aus. Längs des Schafts waren Symbole eingeritzt, die Richard nicht kannte. An einem Ende waren zwei Schädeldecken befestigt worden. Sie waren zu glatten Halbkugeln geschnitten und mit Häuten bespannt. In beiden Häuten befand sich ein Knoten, der wie ein Nabel aussah. Die Häute waren über den Schädelrand gespannt und wurden in gleichmäßigen Abständen von derben, schwarzen Haarsträngen gehalten, die mit perlenbesetzten Schnüren zusammengebunden waren — diese glichen jenen, die Adie um den Hals trug. Die Schädeldecken sahen aus, als könnten sie von einem Menschen stammen. Im Innern rasselte etwas.

Richard reichte ihn Adie. »Woher kommt das Rasseln?«

Ohne aufzusehen, sagte sie: »Getrocknete Augen.«

Adie schwenkte die Knochenrassel sachte über die Köpfe von Chase und Zedd hinweg und murmelte dabei einen Gesang in jener fremden Sprache, in der sie auch zu Kahlan gesprochen hatte. Die Rassel gab einen hohlen, hölzernen Ton von sich. Kahlan setzte sich mit untergeschlagenen Beinen neben sie, und da man Richard nicht hinzugebeten hatte, blieb er im Hintergrund und sah zu.

Nach zehn oder fünfzehn Minuten winkte ihn Adie zu sich. Zedd setzte sich plötzlich auf und öffnete die Augen. Richard sollte ihm Wasser geben. Sie fuhr mit ihrem Singsang fort, während er die Kelle eintauchte und sie Zedd an den Mund hielt. Er trank gierig. Richard war sichtlich erleichtert, als er sah, wie der alte Mann die Augen aufschlug, auch wenn er weder sprechen konnte noch wußte, wo er war. Zedd trank einen halben Eimer Wasser. Als er fertig war, legte er sich wieder hin und schloß die Augen. Als nächstes kam Chase an die Reihe und trank die andere Hälfte des Wassers.

Adie reichte Richard die Knochenrassel und bat ihn, sie ins Regal zurückzustellen. Nun mußte er den Knochenhaufen herbeitragen und ihn zur Hälfte über Zedd, zur Hälfte über Chase verteilen. Für jeden Knochen gab sie ihm genaue Positionsanweisungen. Zum Schluß mußte er Rippenknochen in einem Wagenradmuster mit der Nabe genau über der Brust eines jeden Mannes zusammenlegen. Als er fertig war, gratulierte sie ihm zu dem gelungenen Werk. Er war allerdings nicht gerade stolz, da sie ihn bei jedem Handgriff angeleitet hatte. Adie schaute mit ihren weißen Augen hoch.