Richard beugte sich vor. »Wenn wir einige der Knochen mitnähmen, würde das uns beschützen?«
Adie lächelte dünn, und die Haut um die Augen legte sich in Fältchen. »Sehr gut. Genau das müßt ihr tun. Die Knochen der Toten besitzen Zauberkraft, die euch schützt. Aber da ist noch mehr. Hört genau zu, was ich euch jetzt sage.«
Richard faltete die Hände und nickte.
»Eure Pferde könnt ihr nicht mitnehmen, der Pfad ist zu schmal für sie. Es gibt Stellen, durch die sie nicht hindurchkommen. Ihr dürft den Pfad nicht verlassen — das wäre sehr gefährlich. Und ihr dürft nicht anhalten, um zu schlafen. Es wird einen Tag, eine Nacht und den größten Teil des nächsten Tages dauern.«
»Warum können wir nicht anhalten, um zu schlafen?« fragte Richard.
Adie betrachtete die beiden aus ihren weißen Augen. »Außer den Monstern gibt es noch andere Wesen auf dem Paß. Sie werden euch anfallen, wenn ihr lange genug rastet.«
»Wesen?« wollte Kahlan wissen.
Adie nickte. »Ich gehe oft in den Paß. Wenn man vorsichtig ist, ist es dort recht sicher. Wenn nicht, kann man leicht angefallen werden.« Sie senkte erbittert die Stimme. »Ich hatte mich zu sicher gefühlt. Eines Tages war ich lange zu Fuß unterwegs und wurde sehr müde. Ich war überzeugt, mit den Gefahren vertraut zu sein, lehnte mich also an einen Baum und hielt ein kleines Nickerchen. Nur für ein paar Minuten.« Sie legte die Hand auf ihr Bein und rieb es langsam. »Während ich schlief, hat sich ein Greifer auf meinem Knöchel festgesetzt.«
Kahlan legte ihr Gesicht in Falten. »Was ist ein Greifer?«
Adie betrachtete sie schweigend eine Minute lang. »Ein Greifer ist ein Tier mit einem Panzer über den ganzen Rücken und Stacheln am Rand. Mit vielen Beinen darunter, jedes mit einer scharfen, gebogenen Kralle am Ende, und einem Maul wie ein Blutsauger mit Zähnen ringsum. Er wickelt sich um einen herum, und dann kann man nur noch den Panzer sehen. Mit den Krallen bohrt er sich in das Fleisch, damit man ihn nicht herunterziehen kann, und dann saugt er sich mit dem Maul fest, saugt einem das Blut aus, wobei er sich die ganze Zeit über mit seinen Klauen immer fester krallt.«
Kahlan legte Adie beruhigend die Hand auf den Arm. Das Licht der Lampe verlieh den weißen Augen der alten Frau einen blaßorangefarbenen Schimmer. Richard rührte sich nicht. Seine Muskeln waren angespannt.
»Ich hatte meine Axt dabei.« Kahlan senkte den Kopf und schloß die Augen. Adie fuhr fort. »Ich versuchte, den Greifer zu töten oder ihn mir wenigstens vom Leib zu schaffen. Ich wußte, wenn mir das nicht gelingt, saugt er mir bei lebendigem Leib das Blut aus dem Körper. Sein Panzer war härter als die Axt. Ich war sehr wütend über mich. Der Greifer mag eines der langsamsten Geschöpfe im Paß sein, schneller als ein schlafender Narr ist er allemal.« Sie blickte Richard in die Augen. »Es gab nur eine Möglichkeit, mein Leben zu retten. Ich hielt den Schmerz nicht länger aus. Er bohrte seine Zähne bereits in die Knochen. Ich band mir ein Stück Stoff um den Schenkel und legte meinen Unterschenkel quer über einen Baumstamm. Mit der Axt habe ich mir selber Fuß und Knöchel abgehackt.«
Gespanntes Schweigen hatte sich im Haus ausgebreitet. Richard bewegte nur die Augen, wollte zu Kahlan hinübersehen. Er sah, wie sich sein Mitgefühl in ihren Augen spiegelte. Unvorstellbar, welche Entschlossenheit man brauchte, um sich selber das Bein mit einer Axt abzutrennen. Er spürte ein übles Gefühl in der Magengegend. Adies dünne Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. Sie langte mit beiden Armen über den Tisch, ergriff Richards und Kahlans Hand und drückte sie fest.
»Ich habe euch diese Geschichte nicht erzählt, damit ihr Mitleid mit mir habt. Ich habe sie erzählt, damit ihr zwei nicht irgendeinem Wesen im Paß zum Opfer fallt. Überheblichkeit kann gefährlich sein. Angst dagegen kann einen manchmal schützen.«
»Ich denke, dann werden wir sehr sicher sein«, meinte Richard.
Adie lächelte immer noch, nickte einmal. »Gut. Noch etwas. Auf halber Strecke durch den Paß, dort, wo die beiden Wälle der Grenze sehr nahe zusammenkommen und sich fast berühren, gibt es einen Ort, genannt der Schlund. Wenn ihr zu einem Felsen kommt, der so groß ist wie dieses Haus und in der Mitte gespalten, dann seid ihr da. Ihr müßt durch diesen Felsen hindurch. Geht nicht um den Felsen herum! Dort lauert der Tod. Gleich dahinter müßt ihr zwischen den Wällen der Grenze hindurch. Es ist die gefährlichste Stelle des Passes.« Sie legte Kahlan eine Hand auf die Schulter, drückte Richards Hand fester, sah die beiden abwechselnd an. »Sie werden euch aus der Grenze rufen. Ihr werdet zu ihnen wollen.«
»Wer?« fragte Kahlan.
Adie beugte sich vor. »Die Toten. Es könnte jeder sein. Deine Mutter.«
Kahlan biß sich auf die Unterlippe. »Sind sie es wirklich?«
Adie schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, mein Kind. Aber ich glaube nicht.«
»Ich glaube es auch nicht«, meinte Richard, fast, als wolle er sich selbst beruhigen.
»Gut«, krächzte Adie. »Glaubt nicht daran. Es wird euch helfen zu widerstehen. Ihr werdet versucht sein, zu ihnen zu gehen. Tut ihr es, seid ihr verloren. Und denkt daran, das Wichtigste im Schlund ist, daß man die ganze Strecke über auf dem Weg bleibt. Ein oder zwei Schritte zur Seite, und ihr seid zu weit gegangen, so dicht stehen dort die Wälle der Grenze. Ein Zurück gibt es dann nicht mehr. Niemals.«
Richard atmete tief durch. »Adie, die Grenze wird schwächer. Bevor wir niedergeschlagen wurden, meinte Zedd, er könne die Veränderung erkennen. Chase meinte, früher hätte man nicht in sie hineinsehen können, und jetzt gelangen bereits Wesen aus der Unterwelt hindurch. Meinst du, der Weg durch den Schlund ist immer noch sicher?«
»Sicher? Das habe ich nie behauptet. Der Weg durch den Schlund war nie sicher. Männer voller Habgier, aber mit schwachem Willen haben es versucht und sind nie auf der anderen Seite angelangt.« Sie beugte sich dichter zu ihm vor. »Solange die Grenze existiert, muß zwangsläufig auch der Paß existieren. Bleibt auf dem Pfad. Behaltet euer Ziel im Auge. Helft euch, wenn nötig, gegenseitig. Dann kommt ihr hindurch.«
Adie betrachtete sein Gesicht. Richard blickte in Kahlans grüne Augen. Er fragte sich, ob Kahlan und er der Grenze widerstehen könnten. Er mußte daran denken, wie es gewesen war, als er hatte hineingehen wollen. Im Schlund hätten sie das zu beiden Seiten. Er wußte, wie sehr sich Kahlan vor der Unterwelt fürchtete, und das aus gutem Grund, schließlich war sie dort gewesen. Er hatte nicht die geringste Absicht, ebenfalls dort zu landen.
Richard legte nachdenklich die Stirn in Falten. »Du hast gesagt, der Schlund befände sich auf halbem Weg durch den Paß. Wird es dann nicht Nacht sein? Wie sollen wir erkennen, ob wir noch auf dem Pfad sind?«
Adie stützte sich bei Kahlan ab und stand auf. »Kommt«, sagte sie und schob die Krücke unter ihren Arm. Langsam folgten sie ihr, als sie sich zu den Regalen schleppte. Mit ihren dürren Fingern ergriff sie einen Lederbeutel. Sie löste die Schnur und ließ etwas in ihre Hand fallen.
Sie wandte sich an Richard. »Halte die Hand auf.«
Er hielt ihr seine geöffnete Hand hin. Sie legte ihre Hand darüber, und er spürte etwas Glattes, Schweres. Kaum hörbar sagte sie ein paar Worte in ihrer Muttersprache.
»Die Worte bedeuten, daß ich dir dies aus freien Stücken überlasse.«
Richard fand in seiner Hand einen Stein von der Größe eines Moorhuhneis. Er war so glattpoliert, daß er das Licht im Raum aufzusaugen schien. Nicht einmal eine Oberfläche konnte er erkennen, nur eine Art Glasur. Darunter befand sich die Leere völliger Finsternis.
»Dies ist der Stein der Nacht«, sagte sie in gemessenem Krächzen.