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»Und was mache ich damit?«

Adie zögerte, ihr Blick fiel kurz aufs Fenster. »Wenn es dunkel und deine Not groß genug ist, dann nimm den Stein der Nacht heraus, und er wird genug Licht spenden, damit du deinen Weg findest. Er funktioniert nur bei seinem Besitzer, und auch dann nur, wenn der vorige ihn ihm aus freien Stücken überlassen hat. Ich werde dem Zauberer sagen, daß du ihn mithast. Er besitzt die Zauberkraft, ihn aufzuspüren, also wird er auch dich finden können.«

Richard zögerte. »Adie, der Stein ist bestimmt sehr wertvoll. Ich weiß nicht, ob ich ihn annehmen kann.«

»Unter den richtigen Umständen ist alles sehr wertvoll. Für einen Verdurstenden wird Wasser wertvoller als Gold. Einem Ertrinkenden dagegen bereitet Wasser die größten Schwierigkeiten. Zur Zeit bist du ein sehr durstiger Mann. Mich dürstet danach, daß Darken Rahl in die Schranken gewiesen wird. Nimm den Stein der Nacht. Solltest du dich irgendwann einmal dazu verpflichtet fühlen, kannst du ihn mir ja eines Tages zurückgeben.«

Mit einem Nicken ließ Richard den Stein erst in den Beutel und dann in seine Tasche gleiten. Adie machte sich ein weiteres Mal an ihrem Regal zu schaffen, kramte eine fein gearbeitete Halskette hervor und hielt sie in die Höhe, damit Kahlan sie betrachten konnte. Ein paar rote und gelbe Perlen waren zu beiden Seiten eines kleinen, runden Knochens angebracht. Kahlans Augen begannen zu strahlen, überrascht öffnete sie den Mund.

»Genau wie die von meiner Mutter«, sagte sie entzückt.

Kahlan raffte ihr üppiges, dunkles Haar zusammen, und Adie legte sie ihr um. Kahlan nahm die Kette zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete sie lächelnd.

»Im Augenblick wird sie dich vor den Monstern aus dem Paß verbergen, eines Tages jedoch, wenn du dein eigenes Kind in dir trägst, wird sie es beschützen, damit es so stark wird wie du.«

Kahlan nahm die alte Frau in die Arme und drückte sie lange. Als sie sich voneinander lösten, hatte Kahlan einen gequälten Ausdruck auf dem Gesicht und sprach in einer Sprache, die Richard nicht verstand. Adie lächelte nur und tätschelte ihr beruhigend die Schulter.

»Ihr zwei solltet jetzt schlafen.«

»Und ich? Sollte ich nicht auch einen Knochen bekommen, der mich vor den Monstern schützt?«

Adie betrachtete sein Gesicht, senkte dann den Blick auf seine Brust. Langsam streckte sie die Hand aus. Tastend reckten sich ihre Finger vor, berührten sein Hemd und den Zahn darunter. Dann zog sie die Hand zurück und sah ihm erneut in die Augen. Etwas hatte ihr verraten, daß sich dort der Zahn befand. Ihm stockte der Atem.

»Du brauchst keinen Knochen, Kernländer. Die Monster können dich nicht sehen.«

Sein Vater hatte ihm erzählt, das Buch sei von einem bösen Monster bewacht worden. Jetzt erkannte er, daß der Zahn der Grund dafür gewesen war, daß die Monster der Grenze ihn nicht wie die anderen hatten finden können. Ohne den Zahn wäre er niedergeschlagen worden wie Zedd und Chase, und Kahlan befände sich jetzt in der Unterwelt. Richard versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Adie schien den Wink zu verstehen und sagte nichts. Kahlan schien verwirrt, stellte jedoch keine Fragen.

»Schlaft jetzt«, meinte Adie.

Kahlan schlug Adies Angebot aus, in ihrem Bett zu schlafen. Sie und Richard rollten ihre Decken neben dem Feuer aus, und Adie zog sich in ihr Zimmer zurück. Richard legte noch einige Scheite nach und mußte daran denken, wie gerne Kahlan vor einem Feuer saß. Er setzte sich noch ein paar Minuten zu Zedd und Chase, strich dem Alten über das weiße Haar und lauschte auf seinen Atem. Er ließ seine Freunde nur äußerst ungern zurück. Was vor ihm lag, machte ihm angst. Gerne hätte Richard Zedds Plan gekannt.

Kahlan saß im Schneidersitz auf dem Boden vor dem Feuer und beobachtete ihn. Als er zu seiner Decke zurückkehrte, legte sie sich auf den Rücken und zog die Decke bis zur Hüfte hoch. Im Haus war es still und wohl auch sicher. Draußen fiel immer noch Regen. Die Nähe des Feuers war angenehm. Er war müde. Richard drehte sich zu Kahlan um, stützte den Ellenbogen auf den Boden und den Kopf in die Hand. Sie starrte an die Decke und drehte den Knochen an der Halskette zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Richard«, flüsterte sie, ohne den Blick von der Decke zu nehmen. »Tut mir leid, daß wir die beiden zurücklassen müssen.«

»Ich weiß«, antwortete er flüsternd. »Mir auch.«

»Hoffentlich meinst du nicht, ich hätte dich dazu gezwungen, als ich das im Sumpf gesagt habe.«

»Nein. Die Entscheidung war richtig. Der Winter rückt mit jedem Tag näher. Es nützt uns nichts, wenn wir bei ihnen warten, und Darken Rahl die Kästchen in die Finger bekommt. Dann sind wir alle tot. Wahrheit bleibt Wahrheit. Ich kann dir nicht böse sein, nur weil du sie ausgesprochen hast.«

Er lauschte auf das Knacken und Zischen des Feuers und beobachtete ihr Gesicht und das Haar, das sich auf dem Boden ausbreitete. Eine Ader in ihrem Hals zeigte ihm ihren Herzschlag. Sie hatte den schönsten Hals, den er je bei einer Frau gesehen hatte. Manchmal sah sie so schön aus, daß er es kaum ertragen konnte, sie anzusehen, und doch konnte er gleichzeitig den Blick nicht von ihr abwenden. Sie hielt noch immer die Halskette zwischen den Fingern.

»Kahlan?« Sie drehte sich um und sah ihm in die Augen. »Was hast du gesagt, als Adie meinte, die Kette würde dich und eines Tages auch dein Kind beschützen?«

Sie sah ihn lange an. »Ich habe mich bedankt. Aber ich habe ihr auch gesagt, daß ich nicht glaube, lange genug zu leben, um ein Kind zu haben.«

Richard spürte, wie er eine Gänsehaut bekam. »Wieso?«

Ihre Augen huschten über verschiedene Stellen seines Gesichtes.

»Richard«, fuhr sie ruhig fort, »in meiner Heimat ist der Wahnsinn ausgebrochen, ein Wahnsinn, wie du ihn dir nicht vorstellen kannst. Ich bin allein. Die anderen sind so viele. Ich habe gesehen, wie Bessere als ich sich dagegen gewehrt haben. Man hat sie hingemetzelt. Damit will ich nicht sagen, wir werden scheitern. Ich glaube nur, ich werde kaum lange genug leben, um es zu erfahren.«

Auch wenn sie es nicht offen aussprach, Richard wußte, daß sie überzeugt war, es nicht mehr zu erleben. Sie wollte ihm keine Angst einjagen, aber sie war überzeugt, auch er würde dabei sterben. Deswegen hatte sie nicht gewollt, daß Zedd ihm das Schwert der Wahrheit gab und ihn zum Sucher ernannte. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Sie war überzeugt, sie beide in den Tod zu führen. Vielleicht hatte sie recht. Schließlich kannte sie ihre Gegner besser als er. Sie mußte entsetzliche Angst haben, in die Midlands zurückzukehren. Dennoch, es gab kein Versteck. Das Irrlicht hatte es gesagt: Weglaufen bedeutete den sicheren Tod.

Richard küßte seine Fingerspitze und legte sie auf den Knochen an der Halskette. Er sah in ihre sanften Augen.

»Ich füge dem Knochen meinen Schutzschwur hinzu«, sagte er flüsternd. »Dir gegenüber, und jedem Kind, das du künftig in dir tragen wirst. Keinen Tag, den ich mit dir verbringe, würde ich gegen ein ganzes Leben in Sklaverei eintauschen. Ich habe den Posten als Sucher aus freien Stücken angenommen. Und wenn Darken Rahl die ganze Welt in den Wahnsinn stürzen sollte, dann werden wir mit einem Schwert in den Händen sterben, ohne Ketten an unseren Füßen. Wir werden es ihm nicht leichtmachen, uns zu töten. Er wird einen hohen Preis bezahlen. Wenn nötig, werden wir bis zum letzten Atemzug kämpfen und ihm noch im Sterben eine Wunde zufügen, die schwären wird, bis sie ihn schließlich dahinrafft.«

Ihr Gesicht erstrahlte zu einem Lächeln, das auch ihre Augen erfaßte. »Würde Darken Rahl dich kennen wie ich, hätte er allen Grund, schlecht zu schlafen. Ich danke den guten Seelen, daß der Sucher keinen Grund hat, mich mit seinem Zorn zu verfolgen.« Sie legte ihm den Kopf auf den Arm. »Du hast es dir zur seltsamen Angewohnheit gemacht, mich aufzuheitern, Richard Cypher. Selbst wenn du mir von meinem Tod erzählst.«

Er lächelte. »Dazu sind Freunde da.«

Nachdem sie die Augen geschlossen hatte, beobachtete Richard sie noch eine Weile, bis der Schlaf ihn sacht übermannte. Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt ihr.