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Ließ sich eines dieser Probleme erzeugen, dann konnte er auch Darken Rahl aufhalten, denn Rahl mußte auf die Hilfe des Buches verzichten. Die meisten Schwierigkeiten entzogen sich jedoch seinem Einfluß. Dort ging es um Sonnenwinkel und um Wolken am Tage des Öffnens. Vieles ergab für ihn keinen Sinn. Es war die Rede von Dingen, von denen er nie gehört hatte. Richard wollte nicht länger über das Problem nachdenken und sich statt dessen der Lösung widmen. Er nahm sich vor, das Buch noch einmal durchzugehen, und fing ganz von vorne an.

Die Überprüfung der Richtigkeit der Worte des Buches der Gezählten Schatten, so sie von einem anderen gesprochen werden als jenem, der über die Kästchen gebietet, kann nur durch den Einsatz eines Konfessors gewährleistet werden

Am späten Nachmittag waren Kahlan und Richard von der Anstrengung des Marsches in Schweiß gebadet. Als sie einen kleinen Bach überquerten, hielt Kahlan an und tauchte ein Tuch ins Wasser, um sich das Gesicht abzuwischen. Richard fand die Idee gut. Am nächsten Bach hielt er und wollte das gleiche tun. Das klare und flache Wasser strömte in einem Bett runder Steine. Er balancierte auf einem flachen Felsen und ging in die Hocke, um das Tuch ins kalte Wasser zu tauchen.

Als er sich wieder erhob, sah Richard das Schattenwesen. Er erstarrte augenblicklich.

Hinten im Wald stand etwas, halb verborgen hinter einem Stamm.

Ein Mensch war es nicht, doch von ungefähr gleicher Größe und ohne eindeutige Form. Es sah aus wie der Schatten eines Menschen, der in der Luft steht. Das Schattenwesen rührte sich nicht. Richard kniff die Augen zusammen, um herauszufinden, ob er wirklich sah, was er zu sehen glaubte. Vielleicht war es nur eine Täuschung des trüben Lichts am Spätnachmittag, der Schatten eines Baumes, den er mit etwas anderem verwechselte.

Kahlan war den Pfad weitergegangen. Richard holte sie rasch ein und legte ihr eine Hand unterhalb ihres Rucksacks auf den Rücken, damit sie nicht stehenblieb. Er beugte sich über ihre Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

»Schau nach links, hinten, zwischen den Bäumen. Sag mir, was du siehst.«

Er hielt seine Hand auf ihrem Rücken, ließ sie weitergehen, während sie den Kopf drehte, um zu den Bäumen hinüberzusehen. Sie hielt sich die Haare zur Seite, ihre Augen suchten. Da sah sie es.

»Was ist das?« flüsterte sie und sah ihm ins Gesicht.

Er war ein wenig überrascht. »Weiß ich nicht. Ich dachte, du könntest es mir vielleicht sagen.«

Sie schüttelte den Kopf. Der Schatten rührte sich noch immer nicht. Vielleicht war es nichts, nur eine Täuschung des Lichts, wie er sich einzureden versuchte. Er wußte, das stimmte nicht.

»Vielleicht ist es eines der Monster, von denen Adie uns erzählt hat«, brachte er vor.

Sie sah ihn von der Seite an. »Monster haben Knochen.«

Kahlan hatte natürlich recht, er hatte jedoch darauf gehofft, sie würde sich seinem Gedanken anschließen. Das Schattenwesen blieb wo es war, während sie rasch weiter den Pfad hinunterliefen, und bald waren sie außer Sichtweite. Richard atmete auf. Offenbar hatten Kahlans Knochenhalskette und sein Zahn sie unsichtbar gemacht. Im Gehen aßen sie ein Mittagsmahl aus Brot, Karotten und Rauchfleisch. Beim Essen suchten sie die Tiefe des Waldes ab. Keinem schmeckte es. Obwohl es nicht den ganzen Tag geregnet hatte, war alles noch feucht, und gelegentlich tropfte Wasser von den Bäumen. Das Felsgestein war an manchen Stellen glatt von Schlamm und konnte nur mit Vorsicht überquert werden. Die beiden suchten den Wald ringsum nach Anzeichen von Gefahren ab. Sie entdeckten nichts.

Genau das begann Richard Sorgen zu bereiten. Es gab keine Eichhörnchen, Backenhörnchen, keine Vögel, überhaupt keine Tiere. Es war zu still. Das Tageslicht schwand. Bald würden sie den Schlund erreicht haben. Auch das bereitete ihm Sorgen. Die Vorstellung, erneut den Wesen der Grenze zu begegnen, war angsteinflößend. Mit Schrecken dachte er an Adies Worte, die Wesen aus der Grenze würden sie zu sich rufen. Er mußte daran denken, wie verführerisch ihre Rufe waren. Er mußte darauf vorbereitet sein, ihnen zu widerstehen, sich gegen sie abhärten. Um ein Haar wäre Kahlan in ihrer ersten gemeinsamen Nacht in die Unterwelt gezogen worden. Als sie mit Zedd und Chase zusammen waren, hatte man wieder versucht, sie hineinzuzerren. Hoffentlich konnte der Knochen sie auch so dicht an der Grenze beschützen.

Der Pfad wurde flacher und breiter, und sie konnten wieder nebeneinander gehen. Der Tagesmarsch hatte sie ermüdet, und es würde noch eine Nacht und einen Tag dauern, bis sie rasten konnten. Ein Durchqueren des Schlundes im Dunkeln und im erschöpften Zustand schien keine gute Idee zu sein, doch Adie hatte sie gedrängt, nicht anzuhalten. Er konnte unmöglich an den Anweisungen von jemandem zweifeln, der den Paß so gut kannte wie sie. Die Geschichte mit dem Greifer würde sie schon wachhalten.

Kahlan sah sich um, suchte den Wald ab und warf einen Blick nach hinten. Plötzlich blieb sie stehen und packte ihn am Arm. Mitten auf dem Pfad, keine zehn Meter hinter ihnen, stand ein Schattenwesen.

Es bewegte sich ebensowenig wie das andere. Er konnte hindurchsehen, den Wald dahinter erkennen, als wäre es aus Rauch. Kahlan packte ihn fest am Arm. Sie liefen seitwärts weiter und behielten das Schattenwesen im Auge. Nach einer Biegung hatten sie es abgehängt. Sie gingen schneller.

»Kahlan, erinnerst du dich noch, wie du mir von den Schattenwesen erzählt hast, die Panis Rahl ausgesandt hat? Sind das möglicherweise diese Schattenwesen?«

Sie sah ihn besorgt an. »Ich weiß es nicht. Ich habe nie eins zu Gesicht bekommen. Das war damals im Krieg, bevor ich geboren wurde. Aber die Geschichten klangen immer gleich. Sie schienen sich schwebend zu bewegen. Ich habe nie jemanden sagen hören, daß sie so regungslos dastehen.«

»Vielleicht liegt das an den Knochen. Vielleicht wissen sie, daß wir hier sind, können uns aber nicht finden, also bleiben sie stehen, um Ausschau zu halten.«

Sie zog ihren Umhang fester um sich. Der Gedanke ängstigte sie offenbar, trotzdem sagte sie nichts. Die Nacht war nicht mehr fern. Sie gingen dicht beieinander weiter und hingen beide den gleichen beunruhigenden Gedanken nach. Neben dem Pfad tauchte ein weiteres Schattenwesen auf. Kahlan klammerte sich an seinen Arm. Sie gingen langsam vorbei, leise, den Blick auf das Wesen geheftet. Es rührte sich nicht. Richard wäre fast in Panik ausgebrochen, doch das durfte nicht sein. Sie mußten auf dem Pfad bleiben, ihren Kopf gebrauchen. Vielleicht wollten die Schatten sie dazu bringen davonzulaufen, den Pfad zu verlassen und aus Versehen in die Unterwelt überzutreten. Sie blickten sich im Gehen um. Kahlan sah gerade in die andere Richtung, als ihr ein Ast durchs Gesicht fuhr. Sie erschrak und stieß gegen Richard. Sie sah ihn an und entschuldigte sich. Richard versuchte, sie mit einem Lächeln zu beruhigen.

Tropfen von Regen und Nebel hingen an den Fichtennadeln, und sobald eine leichte Brise die Äste in Bewegung versetzte, regnete das Wasser von den Bäumen auf sie herab. In der fast völligen Dunkelheit war es äußerst schwierig zu unterscheiden, ob sie von Schattenwesen umgeben waren oder ob es nur die dunklen Schatten der Baumstämme waren. Zweimal war es ganz deutlich. Die Schattenwesen standen ganz dicht neben dem Pfad, daran bestand kein Zweifel. Noch immer blieben die Schatten regungslos und folgten ihnen nicht. Sie standen da, als wollten sie sie beobachten. Und das, obwohl sie keine Augen hatten.

»Was tun wir, wenn sie auf uns losgehen?« fragte Kahlan mit angespannt klingender Stimme.

Ihr Klammergriff wurde schmerzhaft. Er löste ihre Finger von seinem Arm und ergriff ihre Hand. Sie drückte seine Hand. »Tut mir leid«, sagte sie mit einem unsicheren Lächeln.