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»Wenn sie auf uns losgehen, wird das Schwert sie aufhalten«, antwortete er zuversichtlich.

»Was macht dich so sicher?«

»Es hat auch die Wesen aus der Grenze gestoppt.«

Die Antwort schien sie zufriedenzustellen — zumindest hoffte er das. Im Wald war es totenstill, bis auf ein leises Schaben, das er sich nicht erklären konnte. Die üblichen Geräusche der Nacht fehlten völlig. Dicht neben ihnen setzte eine Brise dunkles Geäst in Bewegung, ließ sein Herz rasen.

»Richard«, sagte Kahlan gefaßt. »Laß sie nicht an dich ran. Wenn es Schattenwesen sind, bedeutet ihre Berührung den Tod. Selbst wenn es keine sein sollten, wissen wir nicht, was geschieht. Sie dürfen uns nicht berühren.«

Er drückte zur Beruhigung ihre Hand.

Richard widerstand der Versuchung, das Schwert zu ziehen. Möglicherweise waren es für das Schwert zu viele — wenn die Zauberkraft des Schwertes überhaupt gegen Schattenwesen wirksam war. Er wollte das Schwert benutzen, wenn er keine andere Wahl hatte. Im Augenblick jedoch sagte ihm sein Instinkt, es zu lassen.

Der Wald wurde noch finsterer. Baumstämme ragten wie Säulen in die Dunkelheit. Richard hatte das Gefühl, überall seien Augen, die sie beobachteten. Der Pfad führte einen Hang hinauf. Links sah er dunkle Felsbrocken aufragen. Regenwasser floß gurgelnd zwischen den Felsen hervor. Er hörte, wie es gluckste, tropfte und schäumte. Das Gelände fiel nach rechts ab. Als sie sich das nächste Mal umsahen, standen auf dem Pfad hinter ihnen, fast unsichtbar, drei Schatten. Die beiden liefen weiter. Richard hörte wieder das leise Schaben irgendwo tief im Wald, zu beiden Seiten. Das Geräusch war ihm unbekannt. Er spürte, mehr als er sah, wie zu beiden Seiten und hinter ihnen Schattenwesen schwebten. Einige von ihnen waren so dicht am Weg, daß an ihrer Identität kein Zweifel bestand. Nur nach vorn war der Weg noch frei.

»Richard«, flüsterte Kahlan, »meinst du, wir sollten den Stein der Nacht herausholen? Ich kann den Pfad kaum noch erkennen.« Sie klammerte sich an seine Hand.

Richard zögerte. »Ich möchte warten, bis wir ihn unbedingt brauchen. Ich habe Angst, was passieren wird.«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, bis jetzt sind die Schatten nicht auf uns losgegangen. Vielleicht, weil sie uns nicht sehen können, vielleicht wegen der Knochen.« Er hielt einen Augenblick inne. »Aber was ist, wenn sie das Licht vom Stein der Nacht sehen können?«

Kahlan biß sich voller Sorge auf die Unterlippe. Sie hatten Mühe, den Pfad zu erkennen, der sich zwischen Bäumen und Felsbrocken hindurchwand, über Steine und Wurzeln verlief und sich seinen Weg den Hang hinauf suchte. Das leise Schaben kam näher, war jetzt überall. Es hörte sich an wie … wie Krallen auf Felsen, dachte er.

Dicht vor ihnen tauchten zwei Schatten auf. Der Pfad ging zwischen ihnen hindurch. Kahlan preßte sich an ihn. Mit angehaltenem Atem drückten sie sich vorbei. Als sie auf gleicher Höhe waren, verbarg sie das Gesicht an seiner Schulter. Richard legte den Arm um sie und zog sie an sich. Er wußte, wie ihr zumute war. Er hatte selbst Angst. Sein Herz pochte. Er sah hinter sich, doch in der Dunkelheit war nicht zu erkennen, ob die Schatten noch auf dem Pfad standen.

Plötzlich tauchte ein tintenschwarzer Schatten direkt vor ihnen auf. Er war groß wie ein Haus und in der Mitte gespalten.

Der Schlund.

Sie drückten sich rücklings an den Felsen, zwängten sich in den Spalt. Es war zu dunkel, um den Pfad noch zu erkennen oder weitere Schattenwesen in der Nähe zu sehen. Ohne das Licht vom Stein der Nacht konnten sie dem Pfad nicht durch den Schlund folgen. Viel zu gefährlich. Ein falscher Schritt, und sie waren tot. In der Stille schien das Schaben näher, überall. Richard griff in seine Tasche und zog den Lederbeutel heraus. Er löste die Schnur, und ließ den Stein der Nacht in seine Hand fallen.

Ein warmes Licht loderte in die Nacht, beleuchtete ringsum den Wald und warf gespenstische Schatten. Er hielt den Stein vor sich, um besser sehen zu können.

Kahlan stockte der Atem. In der gelblich warmen Beleuchtung konnten sie eine Wand aus Schattenwesen erkennen. Hunderte, kaum einen Zentimeter voneinander getrennt. Sie bildeten kaum fünf Meter entfernt einen Halbkreis. Auf dem Boden waren Dutzende und Aberdutzende buckliger Gestalten, die anfangs fast wie Felsen ausgesehen hatten. Aber es waren keine. Gräuliche Panzerstreifen zogen sich quer und ineinander verschachtelt über ihren Rücken, spitze Dorne stachen rings um den unteren Rand hervor.

Greifer.

Das war also das Geräusch gewesen, Krallen auf Stein. Die Greifer hatten einen seltsam watschelnden Gang, ihr Buckel schaukelte von rechts nach links, während sie sich abmühten, vorwärts zu kommen. Nicht schnell, aber stetig. Einige waren nur ein paar Meter entfernt.

Zum ersten Mal begannen die Schatten sich zu bewegen, zu schweben, zu treiben, ihren Ring dichter zu ziehen.

Kahlan blieb wie erstarrt stehen, mit dem Rücken am Fels, die Augen aufgerissen. Richard streckte die Hand aus, packte sie an ihrem Hemd und zerrte sie in die Öffnung. Die Wände waren feucht und glitschig. In der Enge schlug ihm das Herz bis zum Hals. Rückwärts schoben sie sich hindurch, schauten sich gelegentlich um, suchten nach dem Weg. Er hielt den Stein der Nacht vor sich und beleuchtete die näherrückenden Schattenwesen. Die ersten Greifer krochen in den Spalt.

In der Enge des Spalts hörte Richard Kahlans hektischen Atem. Sie schoben sich rückwärts weiter, ihre Schultern scharrten an der Felswand entlang. Kalte, schleimige Feuchtigkeit durchnäßte ihre Hemden. An einer Stelle mußten sie sich bücken und seitlich weitergehen. Der Pfad wurde hier enger, schloß sich fast, so daß man nur gebückt hindurchkam. In den Spalt gefallenes Laub und Geäst bildete einen fauligen Bodensatz. Es stank nach Moder. Sie schoben sich weiter, bis sie endlich die andere Seite erreicht hatten. Die Schatten zögerten an der Öffnung im Felsen. Die Greifer nicht.

Richard trat nach einem, der zu nahe gekommen war, schickte ihn Hals über Kopf ins Laub und Geäst auf dem Boden des Spalts. Er landete auf dem Rücken, strampelte zischend um sich schnappend, sich windend und wankend ins Leere, bis er sich wieder umgedreht hatte. Anschließend richtete er sich auf und stieß ein klackerndes Knurren aus, bevor er erneut zum Angriff überging.

Die beiden drehten sich um und eilten den Pfad hinab. Richard hielt den Stein der Nacht vor sich, um den Pfad auszuleuchten.

Kahlan sog zischend den Atem ein.

Das warme Licht fiel auf den Hang, wo sich der Pfad durch den Schlund hätte befinden sollen. Vor ihnen, soweit das Auge reichte, breitete sich eine Trümmerlandschaft aus. Felsen, Baumstämme, zersplittertes Holz und Matsch, alles durcheinander. Ein Erdrutsch war vor kurzem den Hang hinuntergekommen.

Der Pfad durch den Schlund war fortgeschwemmt worden. Sie traten ein Stück aus dem Felsen heraus, um besser sehen zu können.

Das grüne Licht der Grenze leuchtete auf und überraschte sie. Wie ein Mann fuhren sie zurück.

»Richard…«

Kahlan klammerte sich an seinen Arm. Die Greifer waren ihnen dicht auf den Fersen. Die Schattenwesen schwebten durch den Spalt heran.

19

Fackeln in verzierten Goldhalterungen beleuchteten die Wände der Gruft mit ihrem flackernden Schein, der vom polierten rosafarbenen Granit des riesigen Gewölbes zurückgeworfen wurde, und fügten ihren Pechgestank in der abgestandenen, reglosen Luft dem Duft der Rosen hinzu. Weiße Rosen, seit drei Dekaden jeden Morgen neu gebracht, füllten jede der siebenundfünfzig Goldvasen, die unter jeder der siebenundfünfzig Fackeln in die Wand eingelassen waren. Jede Fackel stand für ein Jahr im Leben des Verstorbenen. Der Boden bestand aus weißem Marmor, damit die weißen Blütenblätter keine Blicke auf sich zogen, solange sie noch nicht fortgefegt worden waren. Eine große Dienerschaft sorgte dafür, daß keine Fackel länger als ein paar Augenblicke ausgebrannt blieb, und keine Rosenblätter lange auf dem Boden liegenblieben. Die Dienerschaft kümmerte sich voller Hingabe und Sorge um ihre Pflicht. Ein Versagen in dieser Hinsicht wurde mit sofortiger Enthauptung geahndet. Wachen hielten die Gruft Tag und Nacht im Auge, um sich zu vergewissern, ob die Fackeln brannten, die Blumen frisch waren und kein Rosenblatt zu lange auf dem Boden liegenblieb. Und natürlich, um die Hinrichtungen durchzuführen.