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Freie Stellen in der Dienerschaft wurden aus dem umliegenden Land D'Hara rekrutiert. Ein Mitglied in der Grabmannschaft zu sein, war kraft Gesetzes eine Ehre. Die Ehre beinhaltete auch die Zusicherung eines raschen Todes, sollte eine Hinrichtung angeordnet werden. In D'Hara war ein langsamer Tod ebenso gefürchtet wie überall. Neuen Rekruten schnitt man aus Sorge, sie könnten während ihres Aufenthaltes in der Grabstätte schlecht über den toten König sprechen, die Zunge heraus.

Der Meister besuchte die Grabstätte an jenen Abenden, an denen er sich zu Hause im Volkspalast aufhielt. Während dieser Besuche waren weder Bedienstete noch Wachen zugelassen. Die Bediensteten waren am Nachmittag damit beschäftigt gewesen, abgebrannte Fackeln zu ersetzen und jede der Hunderte von Rosen zu überprüfen, indem sie sie sachte schüttelten, um sich so zu vergewissern, daß keines der Blätter lose war, denn jede ausgebrannte Fackel, jedes zu Boden fallende Rosenblatt würde eine Hinrichtung zur Folge haben.

Ein kurzer Pfeiler im Mittelpunkt des gewaltigen Raumes stützte den eigentlichen Sarg, wodurch der Eindruck erweckt wurde, als schwebe er in der Luft. Der mit Gold beschlagene Sarg erglühte im Schein der Fackeln. Eingravierte Symbole bedeckten die Seiten und setzten sich rings um den Raum fort, wo sie unterhalb der Goldvasen und Fackeln in den Granit eingemeißelt waren: Anweisungen eines Vaters an seinen Sohn in einer alten Sprache über das Betreten der Unterwelt und die Rückkehr aus ihr. Anweisungen in einer uralten Sprache, die außer dem Sohn nur eine Handvoll Menschen verstand. Bis auf den Sohn lebte keiner von ihnen in D'Hara. Alle anderen in D'Hara, die sie verstanden hatten, waren längst getötet worden. Der Rest würde eines Tages folgen.

Man hatte die Bediensteten der Gruft und die Wachen fortgeschickt. Der Meister besuchte das Grab seines Vaters. Zwei Männer seiner Leibwache waren bei ihm, jeweils einer auf jeder Seite der massiven, kunstvoll geschnitzten und polierten Tür. Ihre ärmellosen Leder- und Kettenuniformen unterstrichen ihre muskulösen Körper, die Riemen, die sie direkt über ihren Ellenbogen um die Arme trugen, die scharfen Konturen ihrer kräftigen Muskeln, Riemen mit zu tödlichen Spitzen gefeilten, vorstehenden Dornen, die im Nahkampf benutzt wurden, um den Gegner zu zerfetzen.

Darken Rahl strich mit seinen feingliedrigen Fingern über die eingravierten Symbole des Sarkophags seines Vaters. Eine makellos weiße Robe mit einer schmalen, güldenen Stickerei um den Hals und auf der Vorderseite bedeckte seinen schlanken Körper bis drei Zentimeter über dem Boden. Abgesehen von einem Krummdolch in einer goldenen Scheide mit eingeprägten Symbolen — welche die Seelen warnten, den Weg zu räumen –, trug er keinen Schmuck. Der Gürtel, in dem der Dolch steckte, war aus Golddraht geflochten. Das feine, glatte blonde Haar hing ihm fast bis auf die Schultern. Seine Augen waren von einem schmerzhaft schönen Blau. Und die Gesichtszüge brachten diese Augen perfekt zur Geltung.

Viele Frauen waren in sein Bett verschleppt worden. Wegen seines bemerkenswerten Aussehens und seiner Macht waren einige nur allzu willig. Trotz seines Aussehens und wegen seiner Macht fügten sich auch die anderen. Ob sie willig waren oder nicht, kümmerte ihn wenig. Waren sie so unklug, sich beim Anblick seiner Narben angeekelt zu fühlen, dienten sie seinem Vergnügen auf eine Weise, die sie unmöglich hätten vorhersehen können.

Wie auch schon sein Vater vor ihm betrachtete Darken Rahl Frauen nur als Empfänger für den Samen des Mannes, den Boden, in dem er heranwuchs –, Frauen waren jeder weiteren Anerkennung unwürdig. Wie auch schon sein Vater vor ihm wollte Darken Rahl kein Weib. Seine Mutter war nicht mehr gewesen als die erste, in der der wundersame Samen seines Vaters aufgegangen war, dann hatte man sich ihrer entledigt, was nur rechtens war. Ob er Geschwister hatte, wußte er nicht. Es spielte auch keine Rolle. Er war der Erstgeborene, aller Ruhm gebührte ihm. Er war es, der mit der Gabe der Magie geboren worden war, und dem sein Vater das Wissen weitergegeben hatte. Sollte er Halbbrüder oder -schwestern haben, so waren sie lediglich Unkraut, das bei Entdeckung auszurotten war.

Darken Rahl sprach die Worte leise in Gedanken, während er mit den Fingern über die Symbole strich. Obwohl es von äußerster Wichtigkeit war, daß die Anweisungen aufs Genaueste befolgt wurden, hatte er keine Angst, einen Fehler zu begehen. Die Anweisungen waren in seine Erinnerung eingebrannt. Aber er genoß es, den Übergang erneut zu erleben. Jenen Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Er genoß es, in die Unterwelt hinabzusteigen, die Toten zu befehligen. Ungeduldig erwartete er die nächste Reise dorthin.

Widerhallende Schritte kündigten an, daß sich jemand näherte. Darken Rahl war weder besorgt noch interessiert, seine Wachen dagegen schon. Sie zückten ihre Schwerter. Niemand durfte zusammen mit dem Meister in die Gruft. Das heißt, niemand außer Demmin Nass. Als sie ihn erkannten, traten sie zurück und steckten ihre Waffen wieder ein.

Demmin Nass, Darken Rahls rechte Hand, das Licht im Dunkel der Gedanken seines Meisters, war ein Mann von der Größe jener, die er befehligte. Als er, wobei er die Wachen übersah, hineinmarschierte, hob das Licht der Fackeln seine wie gemeißelten Muskeln deutlich hervor. Die Haut auf seiner Brust war glatt wie die der jungen Männer, für die er eine Schwäche hegte. In starkem Gegensatz dazu war sein Gesicht mit Pockennarben durchsetzt. Sein blondes Haar war so kurz gestutzt, daß es wie Stacheln in die Höhe stand. Inmitten seiner rechten Braue begann eine schwarze Strähne, die rechts von der Mitte über seinen Kopf verlief: Daran erkannte man ihn aus der Ferne, ein Umstand, den all jene zu schätzen wußten, die Grund hatten, ihn zu kennen.

Darken Rahl war in das Lesen der Symbole versunken und sah weder auf, als seine Wachen ihre Waffen zückten, noch als sie sie zurücksteckten. Obwohl die Wachen ausgezeichnet waren, so waren sie doch überflüssig, reine Staffage seiner Stellung. Er verfügte über ausreichend Macht, jeder Drohung Nachdruck zu verleihen. Demmin Nass wartete, bis der Meister fertig war. Als Darken Rahl sich schließlich umdrehte, bauschten sich sein blondes Haar und seine vollkommen weiße Robe um seinen Körper auf. Demmin neigte respektvoll den Kopf.

»Lord Rahl.« Seine Stimme klang tief und rauh. Er hielt den Kopf auch weiterhin geneigt.

»Demmin, mein alter Freund, wie gut, dich wieder hier zu sehen.« Rahls Gelassenheit hatte etwas Klares, fast Flüssiges.

Demmin richtete sich auf, und auf seinem Gesicht stand Mißfallen. »Lord Rahl, Königin Milena hat ihre Liste mit Forderungen überbracht.«

Darken Rahl starrte durch den Kommandeur hindurch, als wäre er nicht da, führte seine Zunge langsam an die Spitzen der ersten drei Finger seiner rechten Hand, leckte daran und befeuchtete dann mit ihnen sorgsam Lippe und Brauen.

»Hast du mir einen Jungen mitgebracht?« fragte Rahl hoffnungsvoll.

»Ja, Lord Rahl. Er erwartet Euch im Garten des Lebens.«

»Gut.« Ein dünnes Lächeln huschte über Darken Rahls schönes Gesicht. »Gut. Und er ist nicht zu alt? Er ist immer noch ein Junge?«

»Ja, Lord Rahl. Er ist noch ein Junge.« Demmin wich Rahls blauen Augen aus.

Darken Rahls Lächeln wurde breiter. »Bist du sicher, Demmin? Hast du ihm seine Hosen selber runtergezogen und nachgesehen?«

Demmin verlagerte sein Gewicht. »Ja, Lord Rahl.«

Rahl suchte mit den Augen das Gesicht seines Gegenübers ab. »Du hast ihn doch nicht angefaßt, oder?« Sein Lächeln verschwand. »Er muß unverdorben sein.«

»Nein, Lord Rahl!« beharrte Demmin, und sah den Meister aus aufgerissenen Augen an. »Euren geistigen Führer würde ich nie anfassen! Ihr habt es verboten!«