Darken Rahl befeuchtete seine Finger, glättete erneut seine Augenbrauen und trat einen Schritt näher. »Ich weiß, daß du es wolltest, Demmin. Ist es dir schwergefallen? Hinzusehen, ohne anzufassen?« Er lächelte milder, stichelte, wurde wieder ernst. »Deine Schwäche hat mir schon früher Ärger bereitet.«
»Darum habe ich mich gekümmert!« protestierte Demmin mit seiner tiefen Stimme, jedoch nicht zu vehement. »Ich habe diesen Händler, Brophy, für den Mord an diesem Jungen verhaften lassen.«
»Ja«, fuhr Darken Rahl ihn an, »und dann hat er sich einem Konfessor anvertraut, um seine Unschuld zu beweisen.«
Demmins Gesicht zerknitterte vor Enttäuschung. »Woher sollte ich wissen, was er tun würde? Wer konnte erwarten, daß jemand freiwillig so etwas tut?«
Rahl hob seine Hand. Demmin verstummte.
»Du hättest vorsichtiger sein und mit den Konfessoren rechnen müssen. Ist die Geschichte mittlerweile erledigt?«
»Bis auf einen«, räumte Demmin ein. »Das Quadron, das hinter Kahlan, der Mutter Konfessor, her war, hat versagt. Ich mußte ein zweites losschicken.«
Darken Rahl runzelte die Stirn. »Konfessor Kahlan war es, die diesem Händler Brophy die Beichte abgenommen und ihn für unschuldig erklärt hat, oder?«
Demmin nickte langsam mit wutverzerrtem Gesicht. »Sie muß Hilfe gefunden haben, sonst hätte das Quadron nicht versagt.«
Rahl schwieg und betrachtete sein Gegenüber. Schließlich brach Demmin das Schweigen.
»Es handelt sich nur um eine unwesentliche Angelegenheit, Lord Rahl. Nichts, auf das Ihr Zeit oder Gedanken verschwenden müßtet.«
Darken Rahl hob eine Braue. »Worauf ich meine Gedanken verschwende, entscheide ich.« Seine Stimme klang sanft, fast freundlich.
»Natürlich, Lord Rahl. Bitte vergebt mir.« Auch ohne den drohenden Unterton wußte Demmin sofort, daß er sich auf gefährliches Gebiet gewagt hatte.
Rahl befeuchtete erneut seine Finger und rieb sich über die Lippen. Dann sah er seinem Gegenüber scharf in die Augen. »Demmin«, flüsterte er. Seine blauen Augen wurden stechend.
»Ich weiß.« Demmin ballte die Fäuste. »Giller. Ihr braucht es nur zu sagen, Lord Rahl, und ich bringe Euch seinen Kopf.«
»Demmin, was meinst du, warum nimmt Königin Milena einen Zauberer in ihre Dienste auf?« Demmin zuckte bloß mit den Achseln, also beantwortete Rahl die Frage selbst. »Um das Kästchen zu schützen, deswegen. Sie glaubt, auch sie sei damit geschützt. Wenn wir sie oder den Zauberer umbringen, stellen wir vielleicht fest, daß er das Kästchen mit Zauberkraft versteckt hat, dann müßten wir Zeit darauf verschwenden, es zu finden. Warum also voreilig handeln? Im Augenblick ist es das einfachste, ihr beizupflichten. Wenn sie Arger macht, werde ich mich um sie kümmern. Und um den Zauberer auch.« Er schritt langsam um den Sarg seines Vaters herum, strich mit den Fingern über die eingravierten Symbole und hielt seine blauen Augen auf Demmin gerichtet. »Außerdem werden ihre Forderungen bedeutungslos, sobald ich das letzte Kästchen habe.« Er ging zu dem großen Mann zurück und blieb vor ihm stehen. »Aber es gibt noch einen anderen Grund, mein Freund.«
Demmin legte den Kopf auf die Seite. »Einen anderen Grund?«
Darken Rahl nickte, beugte sich vor und senkte die Stimme. »Demmin, tötest du deinen kleinen Freund, bevor du … oder danach?«
Demmin wich ein kleines Stück zurück und hakte einen Daumen in seinen Gürtel. Er räusperte sich. »Danach.«
»Und wieso danach? Warum nicht vorher?« fragte Rahl mit geheucheltem Interesse.
Demmin wich dem Blick des Meisters aus, sah auf den Boden und verlagerte das Gewicht auf den anderen Fuß. Darken Rahl blieb dran, beobachtete ihn, wartete. Demmin sprach so leise, daß ihn die Wächter nicht hören konnten.
»Ich mag es, wenn sie sich winden.«
Ein Lächeln zog auf Rahls Gesicht. »Das ist der andere Grund, mein Freund. Auch ich mag es sozusagen, wenn sie sich winden. Ich möchte mit Genuß verfolgen, wie sie sich windet, bevor ich sie töte.« Wieder befeuchtete er seine Fingerspitzen und strich sich damit über die Lippen.
Ein wissendes Grinsen huschte über das pockennarbige Gesicht. »Ich werde Königin Milena ausrichten, Vater Rahl habe ihren Bedingungen wohlwollend zugestimmt.«
Darken Rahl legte seine Hand auf Demmins muskulöse Schulter. »Sehr gut, mein Freund. Und jetzt zeig mir, was du mir für einen Jungen mitgebracht hast.«
Die beiden schritten, ein Lächeln auf dem Gesicht, zur Tür. Bevor sie sie erreicht hatten, blieb Darken Rahl plötzlich stehen. Er wirbelte auf dem Absatz herum, und seine Robe wehte um ihn herum.
»Was war das für ein Geräusch?« verlangte er zu wissen.
Bis auf das Zischen der Fackeln war die Gruft so still wie der tote König. Demmin und die Wächter sahen sich langsam in der Grabkammer um.
»Da!« Rahl stieß seinen Arm vor.
Die drei anderen blickten in die angezeigte Richtung. Ein einzelnes Blütenblatt lag auf dem Boden. Darken Rahls Gesicht wurde rot, seine Augen wild. Zitternd ballte er seine Hände zu Fäusten, die Knöchel wurden weiß, seine Augen füllten sich mit Tränen der Wut. Er war zu sehr außer sich, um zu sprechen. Er gewann seine Fassung zurück und zeigte mit der Hand auf die Stelle, wo das weiße Blütenblatt auf dem kalten Marmorboden lag. Als hätte eine Brise es erfaßt, stieg es in die Luft, schwebte durch den Raum und ließ sich auf Rahls ausgestreckter Hand nieder. Er leckte das Blütenblatt an, drehte sich zu einem der Wächter um und klebte es dem Mann auf die Stirn.
Der muskelbepackte Wächter blickte ihn teilnahmslos an. Er wußte, was der Meister wollte, und nickte einmal kurz und grimmig, bevor er in einer einzigen, fließenden Bewegung durch die Tür schritt und dabei sein Schwert zog.
Darken Rahl richtete sich auf, und strich sich mit der Hand über Haare und Kleidung. Er atmete tief durch und ließ dabei seinen Arger ab. Stirnrunzelnd sah er mit seinen blauen Augen an Demmin hoch, der ruhig neben ihm stand.
»Mehr verlange ich von ihnen nicht. Sie müssen sich nur um das Grab meines Vaters kümmern. Sie bekommen, was sie brauchen, zu essen, Kleidung, man kümmert sich um sie. Es ist ein einfacher Wunsch.« Er machte ein gekränktes Gesicht. »Warum verhöhnen sie mich mit ihrer Achtlosigkeit?« Er sah zum Sarg seines Vaters hinüber, dann wieder in das Gesicht seines Gegenübers. »Glaubst du, ich bin zu streng mit ihnen, Demmin?«
Der Kommandant erwiderte den finsteren Blick mit seinen harten Augen. »Nicht streng genug. Wärt Ihr nicht so einfühlsam, und würdet Ihr ihnen nicht eine rasche Bestrafung gewähren, vielleicht würden die anderen dann Euren Herzenswünschen mit mehr Eifer nachkommen. Ich wäre nicht so nachsichtig.«
Darken Rahl richtete seinen Blick in die Ferne, auf nichts Bestimmtes, und nickte geistesabwesend. Nach einer Weile atmete er tief durch und schritt mit Demmin an seiner Seite durch die Tür. Der verbliebene Wächter folgte in gebührendem Abstand. Sie gingen durch lange von Fackeln erleuchtete Korridore aus poliertem Granit, stiegen eine Wendeltreppe aus weißem Stein empor, durch weitere Korridore voller Fenster, die das Licht hinaus in die Dunkelheit warfen. Das Gestein roch feucht, muffig. Mehrere Stockwerke weiter oben wurde die Luft wieder frisch. Auf kleinen Tischen aus glänzendem Holz, in Abständen entlang der Flure postiert, standen Vasen mit frischen Blumensträußen, die die Räume mit zartem Duft erfüllten.
Als sie zu einer Doppeltür mit dem geschnitzten Relief einer waldigen Hügellandschaft kamen, stieß der zweite Wächter wieder zu ihnen. Sein Auftrag war erledigt. Demmin riß an den eisernen Ringen, und die schweren Türen öffneten sich leise und leicht. Dahinter befand sich ein in dunkler Eiche getäfelter Raum. Er erstrahlte im Licht der Kerzen und Lampen, die man auf den schweren Tischen verteilt hatte. Zwei Wände waren mit Büchern gesäumt, ein gewaltiger Kamin wärmte den zweistöckigen Raum. Rahl blieb einen kurzen Augenblick stehen, um ein altes, in Leder gebundenes Buch auf einem Pult zu Rate zu ziehen, dann gingen er und der Kommandant durch ein Labyrinth von Zimmern, von denen die meisten mit der gleichen warmen Holzvertäfelung ausgestattet waren. Einige Wände waren verputzt und mit Szenen aus den Landschaften, Wäldern und Feldern D'Haras bemalt, mit Tieren und Kindern. Die Wachen folgten mit Abstand und hatten ihre Augen überall. Wachsam, aber schweigend. Die Schatten des Meisters.