Schlamm machte seine Stiefel schwer, Angst belastete seine Gedanken. Jedes Hindernis, auf das sie stießen, mußte überquert werden, umgehen war nicht möglich. Die Grenzwälle bestimmten ihren Weg. Manchmal ging es über umgestürzte Bäume, manchmal über Felsen, manchmal durch eine Unterspülung, wo sie sich nur an freigelegten Wurzeln festhalten und so auf die andere Seite ziehen konnten. Schweigend halfen sie einander, zur Aufmunterung gab es nicht mehr als einen Händedruck. Nirgendwo konnten sie mehr als ein oder zwei Schritte von ihrem Weg abweichen, ohne daß die dunklen Wälle auftauchten. Das geschah bei jeder Biegung, manchmal auch mehrere Male hintereinander, bis sie endlich wußten, in welche Richtung der Weg weiterging. Jedesmal zogen sie sich so schnell wie möglich zurück, und jedesmal fuhr es ihm eiskalt in die Knochen.
Richards Schultern schmerzten. Er hatte vor Anspannung die Muskeln zusammengezogen, sein Atem war flach geworden. Er entspannte sich, atmete tief durch, ließ seine Arme herabhängen, schüttelte die Handgelenke, um der Anstrengung Herr zu werden. Dann ergriff er wieder Kahlans Hand. Er lächelte in ihr gespenstisch grünlich beschienenes Antlitz. Sie lächelte zurück, doch er sah ihren Augen an, wie schwer sie ihr Entsetzen beherrschen konnte. Wenigstens hielten ihnen die Knochen die Schattenwesen und die Monster vom Leib, und auch hinter den Wällen war nichts zu erkennen, wenn sie aus Versehen daranstießen.
Richard fühlte sich wie betäubt von dem Marsch, der einen Tag und eine halbe Nacht gedauert hatte, von den furchteinflößenden Dingen, die geschehen waren, vom Mangel an Schlaf und von den stundenlangen Reisen durch die unheimliche Welt zwischen den Grenzwällen, einer Welt, in der er fast spürte, wie ihm der Lebenswille mit jedem vorsichtigen Schritt aus der Seele gesogen wurde. Zeit wurde etwas Unwirkliches, barg keine feste Bedeutung mehr. Er hätte erst Stunden oder schon Tage im Schlund sein können, es fiel ihm schwer, das noch zu unterscheiden. Er hatte nur noch einen Wunsch, er sehnte sich nach Frieden, daß es vorbei und er wieder in Sicherheit sein möge. Die starke Anspannung, die ihn während ihres Vordringens erfaßt hatte, begann seine Angst abzustumpfen. Kahlans Hand war alles, was ihn noch mit der Welt aus Licht und Leben verband.
Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Er sah sich um. Schattenwesen, jedes umgeben von einem grünen Lichtglanz, schwebten in einer Reihe dicht hinter ihnen zwischen den Grenzwällen. Sie folgten den beiden dicht über dem Boden fliegend den Pfad hinab und sprangen der Reihe nach über einen im Weg liegenden Stamm. Richard und Kahlan blieben wie erstarrt stehen und schauten zu. Die Schatten hielten nicht an.
»Geh voran«, flüsterte er, »und halte dich an meiner Hand fest. Ich behalte sie im Auge.«
Ihr Hemd war schweißnaß, genau wie seines, dabei war es keine warme Nacht. Sie zog los, ohne auch nur zu nicken. Er lief rückwärts, mit dem Rücken zu ihr, heftete den Blick auf die Schatten, und sein Verstand befand sich in Aufruhr. Kahlan lief so schnell sie konnte. Manchmal mußte sie stehenbleiben und die Richtung wechseln und zog ihn dann an der Hand hinter sich her. Wieder blieb sie stehen, tastete sich endlich nach rechts, wo der Pfad sich in scharfem Knick den Hügel hinabsenkte. Rückwärts hinab zu gehen war schwierig. Er ging vorsichtig, um nicht zu fallen. Die Schatten folgten im Gänsemarsch, kamen um die Wegbiegung. Richard widerstand der Versuchung, Kahlan zu sagen, sie solle schneller gehen. Er wollte nicht, daß sie einen Fehler machte. Doch die Schatten kamen näher. Es war nur noch eine Frage von Minuten, bis sie sie eingeholt hätten und sich auf sie stürzen würden.
Mit angespannten Muskeln packte er das Heft seines Schwertes. In Gedanken wägte er noch ab, ob er es ziehen sollte. Er wußte nicht, ob es ihnen nützen oder schaden würde. Selbst wenn es gegen die Schatten wirksam war, ein Kampf in der Enge dieser Stelle des Passes war in jedem Fall ein großes Risiko. Wenn er jedoch keine Wahl hatte, falls sie also zu dicht aufrückten, würde er das Schwert benutzen müssen.
Die Schatten schienen Gesichter angenommen zu haben. Richard versuchte sich zu erinnern, ob sie schon vorher Gesichter gehabt hatten. Es gelang ihm nicht. Seine Finger faßten das Heft fester, während er rückwärts ging und Kahlans Hand warm und weich in seiner lag. Die Gesichter wirkten im grünen Schein traurig, sanft. Sie betrachteten ihn mit freundlich flehendem Gesichtsausdruck. Die erhabenen Buchstaben des Wortes WAHRHEIT auf dem Schwert schienen sich in seine Hand zu brennen. Er packte es noch fester. Zorn strömte aus dem Schwert, tastete sich vor bis in sein Hirn, suchte nach seiner eigenen Wut, fand jedoch nichts als Angst und Verwirrung. Der Zorn schwand dahin und erlosch. Die Gestalten kamen nicht länger näher, hielten nur noch den Abstand und leisteten ihm in der einsamen Finsternis Gesellschaft. Irgendwie nahmen sie ihm ein Stück der Angst und Anspannung.
Ihr Geflüster beruhigte ihn. Richards Schwerthand entspannte sich. Er versuchte ihre Worte zu verstehen. Ihr ruhiges, gelassenes Lächeln hatte etwas Beruhigendes, lockerte seine Vorsicht und erweckte in ihm den Wunsch, mehr zu hören, das Gemurmel zu verstehen. Das grüne Licht um die Formen leuchtete tröstlich. Sein Herz pochte vor Verlangen nach Ruhe, nach Frieden und ihrer Gesellschaft. Seine Gedanken schwebten dahin wie die Schatten, sanft, sacht und leise. Richard mußte an seinen Vater denken, sehnte sich nach ihm. Voller Freude erinnerte er sich an die unbeschwerten Zeiten mit ihm, Zeiten voller Liebe, voller Gemeinsamkeiten und gegenseitiger Sorge, Zeiten der Sicherheit, in denen ihn nichts bedroht, geängstigt oder ihm Sorgen gemacht hatte. Nach diesen Zeiten sehnte er sich zurück. Das Geflüster versprach ihm genau das. Es könnte wieder so werden wie früher. Die Schattenwesen wollten ihm nur helfen, an diesen Ort zurückzukehren, das war alles.
Leise Warnungen regten sich in seinen Gedanken, welkten dahin und waren wieder verschwunden. Seine Hand glitt vom Schwert.
Wie hatte er sich getäuscht, wie blind war er gewesen, daß er es zuvor nicht erkannt hatte. Sie waren nicht hier, um ihm Schaden zuzufügen, sondern um ihm zu helfen, seinen Frieden zu finden. Es ging nicht darum, was sie wollten, sondern sein Wunsch zählte, und das boten sie ihm an. Sie wollten ihn nur aus seiner Einsamkeit befreien. Ein versöhnliches Lächeln trat auf seine Lippen. Wie hatte er das zuvor nur verkennen können? Wie süße Musik umbrandete ihn das Geflüster in sanften Wellen, nahm ihm die Angst und erleuchtete die dunklen Stellen seiner Gedanken mit warmem Licht. Er blieb stehen, damit er nicht aus dem wärmenden Bad ihres bezaubernden Gemurmels, dem Atem der Musik, heraustreten mußte.
Heftig riß eine kalte Hand an seiner und versuchte ihn weiterzuziehen. Also ließ er los. Sie ließ es widerspruchslos geschehen und störte nicht mehr.
Die Schatten schwebten näher. Richard erwartete sie, betrachtete ihre sanftmütigen Gesichter, lauschte auf ihr leises Flüstern. Als sie seinen Namen hauchten, bekam er vor Freude eine Gänsehaut. Er hieß sie willkommen, als sie ihn tröstlich umringten, immer näher schwebten und dabei die Hände nach ihm ausstreckten. Hände wollten nach seinem Gesicht greifen, berührten ihn fast, schienen ihn liebkosen zu wollen. Er blickte von einem Gesicht zum nächsten, sah seinen Rettern in die Augen, die seinen Blick erwiderten und ihm wunderbare Versprechungen zuflüsterten.
Fast hätte eine Hand sein Gesicht gestreift, und er glaubte einen brennenden Schmerz zu spüren. Sicher war er nicht. Der Besitzer der Hand versprach ihm, er würde nie wieder Schmerz verspüren, sobald er sich ihnen angeschlossen hätte. Er wollte sprechen, hatte so viele Fragen, doch plötzlich schien das unbedeutend, trivial. Er brauchte sich nur ihrer Obhut zu überlassen, und alles wäre in Ordnung. Er bot sich an, wollte aufgenommen werden.