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Im Umdrehen hielt er nach Kahlan Ausschau. Er wollte sie mitnehmen, seinen Frieden mit ihr teilen. Die Erinnerung an sie loderte in seinen Gedanken. Es lenkte ihn ab, obwohl die Schatten ihn flüsternd bedrängten, nicht darauf zu achten. Er suchte den Hang ab, starrte in das finstere Geröll. Ein schwacher Lichtschein färbte den Himmel. Der Morgen brach an. Die schwarze Leere der Bäume vor ihm hob sich vor dem ersten Blaßrosa des Himmels ab. Er hatte das Ende des Erdrutsches fast erreicht. Kahlan war nirgendwo zu sehen. Die Schatten flüsterten ihm eindringlich zu, riefen seinen Namen. Plötzlich flammte eine erstickende Angst in ihm auf, die das Flüstern in seinen Gedanken zu Asche verbrannte.

»Kahlan!« schrie er.

Keine Antwort.

Dunkle Hände, die Hände von Toten, griffen nach ihm. Die Gesichter der Schatten flirrten wie Dämpfe über kochendem Gift.

Knarzende Stimmen riefen seinen Namen. Verwirrt trat er einen Schritt zurück, fort von ihnen.

»Kahlan!« schrie er noch einmal.

Hände griffen nach ihm und verursachten brennende Schmerzen, obwohl sie ihn nicht einmal berührten. Wieder wich er einen Schritt vor ihnen zurück, aber jetzt plötzlich hatte er den dunklen Wall im Rücken. Die Hände reckten sich empor, wollten ihn stoßen. Bestürzt sah er sich nach Kahlan um. Jetzt brachte ihn der Schmerz zu vollem Bewußtsein. Entsetzen raste durch seinen Körper, als er merkte, wo er war und was geschah.

Und dann explodierte sein Zorn.

Die heiße Wut der Magie durchströmte ihn, als er das Schwert in weitem Bogen auf die Schatten zu schwang. Wer von der Klinge getroffen wurde, flammte auf und verschwand im Nichts. Der Rauch kreiste, als wäre er in einem Luftwirbel gefangen, bevor er mit einem Heulen zerriß. Weitere kamen. Das Schwert fetzte durch sie hindurch. Immer mehr tauchten auf, als hätte ihre Zahl kein Ende. Während er sie auf der einen Seite niedermähte, langten sie auf der anderen nach ihm. Der Schmerz der Beinaheberührungen brannte sich ein, bevor er sich mit dem Schwert umdrehen konnte. Einen kurzen Augenblick lang überlegte Richard, wie es wohl sein mochte, wenn sie ihn tatsächlich berührten, ob er den Schmerz spüren oder auf der Stelle tot zusammenbrechen würde. Er rückte mit dem Schwert um sich schlagend ab von der Wand. Noch ein Schritt nach vorn unter wüstem Gedresche. Die Klinge pfiff durch die Luft.

Richard stand breitbeinig da und vernichtete die Schatten, wie sie kamen. Seine Arme schmerzten, sein Rücken tat weh, der Schädel wummerte. Schweiß rann ihm übers Gesicht. Er war erschöpft. Er hatte keine Fluchtmöglichkeit und mußte standhaft bleiben, doch er wußte, ewig konnte er das nicht durchhalten. Geheul und Schreie füllten die Nachtluft, als die Schatten gierig über sein Schwert herzufallen schienen. Ein Knäuel schoß vor und zuckte zurück, bevor er es durchtrennen konnte. Wieder spürte er die dunkle Wand im Rücken. Schwarze Gestalten von der anderen Seite langten nach ihm und stießen gequälte Schreie aus. Zu viele Schatten griffen gleichzeitig an, als daß er von der Wand hätte abrücken können. Er konnte nichts tun, als seine Stellung zu behaupten. Der Schmerz der grabbelnden Hände machte ihn müde. Sie brauchten nur schnell genug und in ausreichender Zahl anzugreifen, dann konnten sie ihn mit Sicherheit durch die Wand und in die Unterwelt stoßen. Wie betäubt kämpfte er endlos weiter.

Sein Zorn wich Panik. Die Muskeln in seinen Armen brannten von der Anstrengung, das Schwert zu schwingen. Offenbar war es die Absicht der Schatten, ihn einfach durch ihre Zahl zu zermürben. Es war richtig gewesen war, das Schwert vorher nicht zu gebrauchen, es hätte nur geschadet. Aber jetzt er hatte keine Wahl. Er mußte es benutzen, um sie beide zu retten.

Doch das ›sie‹ stimmte gar nicht mehr. Kahlan war nirgends zu entdecken. Er war allein. Das Schwert schwingend, fragte er sich, ob es für sie genauso gewesen war, ob die Schatten sie mit ihrem Flüstern verführt, sie berührt und durch die Wand gedrängt hatten. Sie besaß kein Schwert, um sich zu schützen, diese Aufgabe hatte er übernehmen wollen. Erneut brach die Wut in ihm aus. Die Vorstellung, Kahlan könnte von den Schatten der Unterwelt überwältigt worden sein, weckte abermals einen tosenden Zorn in ihm. Das Schwert der Wahrheit wurde seinen Anforderungen gerecht. Richard zerstückelte die Schatten mit neuem Mut. Haß loderte zwischen dem weißglühenden Verlangen auf, trieb ihn vor, zwischen die Gestalten, und ließ ihn das Schwert schneller schwingen, als sie angreifen konnten. Jetzt war er es, der auf sie losging. Ihr Geheul vermischte sich zu einem angstvollen Aufschrei. Richards Wut, sie könnten Kahlan etwas angetan haben, trieb ihn in wild-gewalttätiger Raserei nach vorn.

Zuerst merkte er es nicht. Die Schatten hatten aufgehört, sich zu bewegen. Sie standen nur noch in der Luft, während Richard sich weiter den Pfad zwischen den Wällen hindurcharbeitete und auf sie eindrosch. Eine Weile machten sie keine Anstalten, seiner Klinge auszuweichen, sondern schwebten an einer Stelle. Dann begannen sie wie Rauchschwaden in fast stehender Luft wegzugleiten. Sie schwebten in die Grenzwälle, verloren auf dem Weg durch sie hindurch ihren grünlichen Schimmer und wurden zu den dunklen Wesen der anderen Seite. Endlich gelangte Richard keuchend zur Ruhe. Seine Arme pochten vor Erschöpfung.

Das waren sie also. Keine Schattenmenschen, sondern die Wesen von der anderen Seite des Grenzwalles. Jene Wesen, die entkommen waren und Menschen geraubt hatten, genau wie sie versucht hatten, ihn zu rauben.

Genau, wie sie Kahlan geraubt hatten.

Ein Schmerz stieg aus seinem tiefsten Innern empor, Tränen traten ihm in die Augen.

»Kahlan«, hauchte er in die kühle Morgenluft.

Der Schmerz über ihren möglichen Verlust schien ihm das Herz zu zerreißen. Es war sein Fehler gewesen, er war nicht wachsam genug gewesen, er hatte sie im Stich gelassen und sie nicht beschützt. Wie hatte das so schnell geschehen können? So leicht? Adie hatte ihn gewarnt, daß sie ihn rufen würden. Wieso war er nicht vorsichtiger gewesen? Warum hatte er sich ihre Warnung nicht mehr zu Herzen genommen? Immer wieder kreisten seine Gedanken um die Angst, die sie jetzt haben mußte, ihre Verwirrung, warum er nicht bei ihr war, ihr Flehen, ihr zu helfen. Ihre Qual. Ihren Tod. Verzweifelt rasten seine Gedanken, während er unter Tränen versuchte, die Zeit zurückzudrehen, es noch mal — anders — zu machen, die Stimmen zu ignorieren, ihre Hand festzuhalten und sie zu retten. Die Tränen liefen ihm übers Gesicht, als er die Schwertspitze senkte und über den Boden schleifen ließ. Er war zu erschöpft, es wegzustecken, und trottete wie im Tran vorwärts. Das Geröll hatte aufgehört. Das grüne Licht wurde schwächer und war verschwunden, als er in den Wald und auf den Pfad trat.

Jemand flüsterte seinen Namen, die Stimme eines Mannes. Er blieb stehen und sah sich um.

Im Licht der Grenze stand Richards Vater.

»Sohn«, hauchte sein Vater, »laß mich dir helfen.«

Richard starrte ihn hölzern an. Der Morgen hellte den bedeckten Himmel auf und tauchte alles in ein graues Licht. Die einzige Farbe war das leuchtende Grün um seinen Vater, der die Hände ausbreitete.

»Du kannst mir nicht helfen«, flüsterte Richard heiser zurück.

»Doch, ich kann. Sie ist bei uns. Sie ist in Sicherheit.«

Richard trat ein paar Schritte auf seinen Vater zu. »In Sicherheit?«

»Ja. Sie ist in Sicherheit. Komm, ich bringe dich zu dir.«

Richard ging noch ein paar Schritte, schleppte das Schwert mit der Spitze über den Boden. Tränen liefen ihm über die Wangen. Seine Brust hob sich. »Du könntest mich wirklich zu ihr bringen?«

»Ja, mein Sohn«, sagte sein Vater sanft. »Komm. Sie wartet auf dich. Ich werde dich zu ihr bringen.«