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»Verstehe«, sagte Rahl bedeutungsvoll.

Tränen liefen Carl über die Wange. Er wich Rahls Blick aus, während er weinte. Schließlich streckte Rahl die Hand aus und strich dem Jungen das Haar zurück.

»Es tut mir leid, Carl. Ich wollte dich nicht verletzen. Aber ich möchte, daß du weißt, wenn das alles hier vorbei ist und du wieder nach Hause gehst, wenn du jemals ein Zuhause brauchst, bist du hier immer willkommen. Du bist ein feiner Junge, ein netter junger Mann, und ich wäre stolz, wenn du hier bei mir bleiben würdest. Ihr beide, du und Tinker. Du sollst wissen, ich glaube, du kannst für dich selber denken und also auch kommen und gehen, wie es dir beliebt.«

Carl schaute mit feuchten Augen auf. »Danke, Vater Rahl.«

Rahl lächelte voller Wärme. »Wie wär's mit etwas zu essen?«

Carl nickte. Er war einverstanden.

»Was möchtest du? Wir haben alles, was du willst.«

Carl dachte einen Augenblick nach, und ein Lächeln überkam ihn. »Ich mag Blaubeerkuchen. Mein Lieblingsgericht.« Er senkte die Augen, das Lächeln erlosch. »Aber vor dem Frühstück kriege ich keinen.«

Ein breites Grinsen zog über Darken Rahls Gesicht. Er stand auf. »Blaubeerkuchen, also gut. Ich gehe ihn holen und bin sofort zurück.«

Der Meister ging durch den Garten zu einer kleinen, mit Kletterpflanzen bewachsenen Tür an der Seite. Die Tür öffnete sich für ihn, als er sich näherte. Der kräftige Arm von Demmin Nass hielt sie auf, als Rahl hindurchging und in einem dunklen Raum verschwand. Über einem Feuer in einer kleinen Esse hing ein Kessel, in dem übelriechender Schleim vor sich hin brodelte. Die beiden Wachen standen schweigend an der gegenüberliegenden Wand. Sie waren mit einer glänzenden Schweißschicht bedeckt.

»Meister Rahl.« Demmin verneigte sich. »Ich nehme an, der Junge findet Eure Zustimmung.«

Rahl leckte sich die Fingerspitzen. »Durchaus.« Er strich seine Brauen glatt. »Füll mir einen Teller von der Pampe ab, damit sie abkühlen kann.«

Demmin nahm eine Zinnschüssel und begann, mit dem Holzlöffel aus dem Kessel Haferschleim hineinzufüllen.

»Falls alles zum Besten steht«, ein verschlagenes Grinsen huschte über sein pockennarbiges Gesicht, »werde ich jetzt gehen und Königin Milena unseren Respekt bezeugen.«

»Schön. Mach auf dem Weg halt und sag der Drachendame, daß ich sie brauche.«

Demmin hörte auf zu löffeln. »Sie kann mich nicht ausstehen.«

»Sie kann niemanden ausstehen«, sagte Rahl entschieden. »Aber keine Sorge, Demmin, sie wird dich nicht fressen. Sie weiß, was ich tue, wenn sie meine Geduld übermäßig beansprucht.«

Demmin löffelte weiter. »Sie wird fragen, wie bald Ihr sie braucht.«

Rahl sah ihn aus dem Augenwinkel an. »Das braucht sie nicht zu kümmern. Sag ihr, ich hätte das gesagt. Sie hat zu kommen, wenn ich es will, und zu warten, bis ich soweit bin.« Er drehte sich um und blickte durch einen kleinen Schlitz zwischen den Blättern hindurch seitlich auf den Kopf des Jungen. »Aber dich brauche ich hier wieder in zwei Wochen.«

»Zwei Wochen, in Ordnung.« Demmin stellte die Schüssel mit Haferschleim ab. »Aber muß das wirklich so lange dauern mit dem Jungen?«

»Muß es, wenn ich aus der Unterwelt zurückkehren will.« Rahl sah noch immer durch den Schlitz. »Vielleicht auch länger. Es dauert so lange, wie es eben dauert. Ich muß sein völliges Vertrauen erlangen, ich brauche seinen vollkommen freiwilligen Schwur bedingungsloser Ergebenheit.«

Demmin hakte einen Daumen in seinen Gürtel. »Wir haben noch ein anderes Problem.«

Rahl blickte über seine Schulter nach hinten. »Hast du nichts Besseres zu tun, Demmin, als herumzulaufen und nach Problemen zu suchen?«

»Dadurch bleibt mein Kopf auf meinen Schultern.«

Rahl grinste. »Das stimmt, mein Freund. Das stimmt.« Er seufzte. »Dann also raus damit.«

Demmin verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß. »Ich habe gestern abend Berichte erhalten, denen zufolge die Spürwolke verschwunden ist.«

»Verschwunden?«

»Nun vielleicht nicht gerade verschwunden, aber untergetaucht.« Er kratzte sich an der Wange. »Es hieß, andere Wolken seien aufgezogen und hätten sie verdeckt.«

Rahl mußte lachen. Demmin runzelte verwirrt die Stirn.

»Unser Freund, der alte Zauberer. Klingt, als hätte er die Wolke gesehen und einen seiner alten Tricks angewandt, um mich zu ärgern. Das war zu erwarten. Dieser Kerl ist kein Problem, mein Freund. Die Sache ist ohne Bedeutung.«

»Meister Rahl, auf diese Weise wolltet Ihr das Buch finden. Abgesehen vom letzten Kästchen, was könnte bedeutender sein?«

»Ich habe nicht gesagt, daß das Buch unwichtig ist. Ich sagte, die Wolke sei unwichtig. Das Buch ist ausgesprochen wichtig, deshalb habe ich es auch nicht nur einer Spürwolke anvertraut. Was meinst du, Demmin, wie ich die Wolke dem jungen Cypher angehängt habe?«

»Meine Begabungen liegen auf anderen Gebieten als dem der Magie, Meister Rahl.«

»Wie wahr, mein Freund.« Rahl leckte sich die Fingerspitzen. »Vor vielen Jahren, bevor mein Vater von diesem miesen Zauberer getötet wurde, erzählte er mir von den Kästchen der Ordnung und dem Buch der Gezählten Schatten. Er hat selbst versucht, es wiederzufinden, aber dafür war er nicht gebildet genug. Er war zu sehr ein Mann der Tat, ein Mann des Schlachtfeldes.«

Rahl schaute auf und sah Demmin in die Augen. »Ganz so wie du, mein großer Freund. Ihm fehlte das nötige Wissen. Er war jedoch klug genug, mir beizubringen, daß der Kopf wertvoller ist als das Schwert. Durch den Gebrauch deines Kopfes kannst du jede Zahl Männer besiegen. Er ließ mich von den besten Lehrern unterrichten. Dann wurde er ermordet.«

Rahl hämmerte seine Faust auf den Tisch. Sein Gesicht wurde rot. Nach einer Weile beruhigte er sich wieder. »Also habe ich noch fleißiger gelernt. Viele Jahre lang, damit mir gelingen möge, woran mein Vater gescheitert war. Dem Hause Rahl wieder zu seiner rechtmäßigen Stellung als Herrscher aller Länder zu verhelfen.«

»Ihr habt die höchsten Erwartungen Eures Vaters übertroffen, Meister Rahl.«

Rahl lächelte kaum merklich. Nach einem weiteren Blick durch den Schlitz fuhr er fort: »Bei meinen Studien stieß ich auf das Versteck des Buchs der Gezählten Schatten. Es befand sich in den Midlands, auf der anderen Seite der Grenze. Doch ich war nicht in der Lage, durch die Unterwelt zu reisen, dorthinzugehen und es zurückzuholen. Also entsandte ich ein Wachtier, das es für mich bewachen sollte bis zu dem Tag, an dem ich selber losziehen und es holen konnte.«

Er richtete sich auf und drehte sich mit finsterem Gesichtsausdruck zu Demmin um. »Bevor ich lernte, die Unterwelt zu bereisen, die Grenze zu durchqueren, bevor ich das Buch holen konnte, tötete ein Mann namens George Cypher das Wachtier und stahl das Buch. Mein Buch. Er hat dem Tier einen Zahn als Trophäe ausgebrochen. Ein sehr dummer Fehler, denn das Tier war durch Zauberkraft entsandt worden, durch meine Zauberkraft.« Er zog eine Braue hoch. »Und die kann ich überallhin verfolgen.«

Rahl leckte sich die Finger, strich sich über die Lippen und starrte gedankenverloren ins Leere. »Das erste Gesetz des Zauberers. Darauf ist immer Verlaß«, sagte er fast tonlos zu sich selbst, bevor er fortfuhr. »Nachdem ich die Kästchen der Ordnung ins Spiel gebracht hatte, zog ich los, das Buch zu holen. Dabei fand ich heraus, daß man es gestohlen hatte. Es dauerte eine Weile, aber ich fand den Mann, der es gestohlen hatte. Unglücklicherweise hatte er das Buch nicht mehr und wollte mir auch nicht verraten, wo es war.« Rahl sah auf und lächelte Demmin an. »Er weigerte sich, mir zu helfen, und ich habe ihn dafür leiden lassen.« Demmin erwiderte das Lächeln. »Aber er hatte den Zahn seinem Sohn gegeben, wie ich herausfand.«

»Daher wißt Ihr also, daß der junge Cypher das Buch hat.«

»Richtig. Richard Cypher ist im Besitz des Buches der Gezählten Schatten. Außerdem trägt er den Zahn bei sich. Auf diese Weise habe ich ihm auch die Spürwolke angehängt, indem ich sie am Zahn festgemacht habe, dem Zahn mit meiner Zauberkraft. Ich hätte das Buch längst gefunden, es gab jedoch viele andere Dinge, um die ich mich hatte kümmern müssen. Die Wolke habe ich ihm nur angehängt, damit ich in der Zwischenzeit nicht seine Spur verliere. Das war reine Bequemlichkeit. Aber die Angelegenheit ist so gut wie erledigt. Ich kann das Buch haben, wann immer es mir beliebt. Die Wolke ist von geringer Bedeutung. Ich kann ihn durch den Zahn finden.«