Rahl nahm die Schale mit Haferschleim zur Hand und reichte sie Demmin. »Koste mal, ob es kalt genug ist.« Er zog eine Braue hoch. »Ich möchte dem Jungen nicht weh tun.«
Demmin schnupperte an der Schale und rümpfte angewidert die Nase. Er reichte die Schüssel einer der Wachen, der sie widerspruchslos entgegennahm und einen Löffel Haferschleim an die Lippen führte. Er nickte.
»Cypher könnte den Zahn verlieren oder ihn einfach wegwerfen. Dann könntet Ihr weder ihn noch das Buch finden.« Demmin senkte unterwürfig den Kopf, während er sprach. »Bitte vergebt mir, daß ich davon spreche, Meister Rahl, aber mir scheint, als überließet Ihr eine Menge dem Zufall.«
»Gelegentlich, Demmin, überlasse ich Dinge dem Schicksal, dem Zufall jedoch nie. Ich verfüge über andere Mittel, Richard Cypher zu finden.«
Demmin atmete tief durch und wurde ruhiger, als er über Rahls Worte nachdachte. »Jetzt begreife ich, warum Ihr nicht besorgt wart. Ich wußte das alles nicht.«
Rahl sah seinen treuen Kommandanten stirnrunzelnd an. »Wir haben nicht mal die Oberfläche dessen angekratzt, was du alles nicht weißt, Demmin. Aus diesem Grunde dienst du mir und nicht ich dir.« Sein Ausdruck wurde versöhnlicher. »Seit wir Jungen waren, warst du ein guter Freund, Demmin, also werde ich dir diesbezüglich deine Sorgen nehmen. Es gibt eine Reihe dringlicher Angelegenheiten, für die ich Zeit brauche, Angelegenheiten der Magie, die keinen Aufschub dulden. Wie dies zum Beispiel.« Er streckte den Arm aus und zeigte auf den Jungen. »Ich weiß, wo sich das Buch befindet, und ich kenne meine Fähigkeiten. Ich kann das Buch beschaffen, wann immer es mir beliebt. Im Augenblick verwahrt es Richard Cypher lediglich sicher für mich.« Rahl beugte sich weiter vor. »Zufrieden?«
Demmin senkte den Blick zum Boden. »Ja, Meister Rahl.« Er sah wieder auf. »Ihr sollt wissen, daß ich nur deshalb mit meinen Bedenken zu Euch komme, weil ich Euch den Erfolg wünsche. Ihr seid der rechtmäßige Herrscher aller Länder. Wir alle brauchen Euch, damit Ihr uns führt. Ich möchte nur zu Eurem Sieg beitragen. Ich fürchte nichts mehr, als Euch zu enttäuschen.«
Darken Rahl legte Demmin den Arm um seine breiten Schultern, schaute hinauf in das pockennarbige Gesicht, auf die schwarze Strähne im blonden Haar. »Hätte ich nur mehr wie dich, mein Freund.« Er zog seinen Arm zurück und ergriff die Schale. »Geh jetzt und berichte Königin Milena von unserem Bündnis. Vergiß nicht, den Drachen herbeizurufen.« Sein angedeutetes Lächeln erschien wieder auf seinen Lippen. »Und laß dich von deinen kleinen Zerstreuungen nicht dazu verleiten, zu spät zu kommen.«
Demmin verneigte sich. »Danke, Meister Rahl, für die Ehre, Euch dienen zu dürfen.«
Der große Mann ging durch die Hintertür, als Rahl durch die Gartenpforte hinaustrat. Die Wachen blieben in der kleinen, heißen Schmiede zurück.
Rahl nahm sein Fütterhorn und ging zu dem Jungen. Das Fütterhorn bestand aus einer langen Messingröhre, schmal am Mundstück, breit am anderen Ende. Das breite Ende wurde in Schulterhöhe von zwei Beinen getragen. Rahl stellte es so auf, daß Carl das dünne Ende vor sich hatte.
»Was ist denn das für ein Ding?« fragte Carl und sah es mit zusammengekniffenen Augen an. »Ein Horn?«
»Ja, ganz recht. Sehr gut, Carl. Es ist ein Fütterhorn. Es gehört zu der Zeremonie, an der du teilnehmen wirst. Die anderen jungen Männer, die dem Volk in der Vergangenheit geholfen haben, hielten es für eine höchst vergnügliche Art des Essens. Du stülpst deinen Mund über das Ende dort, und ich fütterte dich, indem ich das Essen oben hineinschütte.«
Carl wirkte skeptisch. »Wirklich?«
»Ja.« Rahl lächelte beruhigend. »Und stell dir vor, ich habe dir einen frischen Blaubeerkuchen mitgebracht, noch warm, aus dem Backofen.«
Carls Augen begannen zu leuchten. »Prima!« Bereitwillig stülpte er den Mund über die Öffnung des Horns.
Rahl ließ seine Hand dreimal über der Schale kreisen, dann schaute er auf Carl hinunter. »Ich mußte ihn zerstampfen, damit er durch das Fütterhorn paßt. Ich hoffe, das ist in Ordnung.«
»Ich zerdrücke ihn immer mit meiner Gabel«, erwiderte Carl grinsend und stülpte den Mund wieder über das Horn.
Rahl kippte ein wenig Haferschleim in den Trichter des Horns. Als er Carls Mund erreichte, verschlang dieser ihn gierig.
»Ganz prima! Der beste, den ich je gegessen habe!«
»Das freut mich wirklich«, sagte Rahl mit einem scheuen Lächeln. »Das Rezept ist von mir. Ich hatte befürchtet, er wäre nicht so gut wie der von deiner Mutter.«
»Er ist sogar besser. Kann ich noch etwas bekommen?«
»Aber natürlich, mein Sohn. Bei Vater Rahl kannst du immer noch etwas bekommen.«
21
Erschöpft suchte Richard den Boden ab, um die Stelle zu finden, wo der Pfad am Ende des Erdrutsches wieder anfing. Seine Hoffnung schwand. Dunkle Wolken jagten tief am Himmel dahin und ließen gelegentlich ein paar dicke, kalte Tropfen fallen, die ihm auf den Hinterkopf klatschten. Ihm war der Gedanke eingefallen, daß Kahlan es vielleicht durch den Schlund geschafft hatte, nur von ihm getrennt worden und weitergegangen war. Sie hatte den Knochen bei sich, den Adie ihr gegeben hatte, und der hätte sie eigentlich schützen müssen. Eigentlich hätte sie durchkommen können. Doch er trug den Zahn bei sich, und laut Adie hätte er dadurch unsichtbar sein müssen. Die Schatten hatten sie trotzdem angegriffen. Irgendwie seltsam. Die Schatten hatten sich erst in der Dunkelheit, in der Nähe des gespaltenen Felsens bewegt. Wieso hatten sie nicht schon vorher angegriffen?
Spuren gab es nicht. Durch den Schlund war schon lange niemand mehr gegangen. Erschöpfung und Verzweiflung ergriffen ihn aufs neue, als eisige Windböen ihm das Waldgewand um den Körper peitschten, ihn drängten weiterzugehen, fort vom Schlund. Bar jeder Hoffnung betrat er wieder den Pfad in Richtung Midlands.
Er hatte erst ein paar Schritte getan, als ein Gedanke ihn abrupt anhalten ließ. Wenn Kahlan von ihm getrennt worden war und sie annahm, die Unterwelt hätte sich seiner bemächtigt, wenn sie glaubte, sie hätte ihn verloren und sei nun allein, wäre sie dann weiter in die Midlands gegangen? Noch dazu allein?
Nein.
Er drehte sich um und blickte zum Schlund. Nein. Sie wäre zurückgegangen. Zurück zum Zauberer.
Es hätte keinen Sinn, allein in die Midlands zu gehen. Sie brauchte Hilfe, deswegen war sie ja überhaupt erst nach Westland gereist. Und ohne den Sucher war der Zauberer die einzige Hilfe.
Richard wagte es nicht, diesem Gedanken allzuviel Glauben zu schenken, doch war es nicht allzuweit bis zu der Stelle, wo er die Schatten bekämpft und Kahlan verloren hatte. Er konnte unmöglich weitergehen, ohne nachzusehen, ohne Gewißheit zu haben. Die Erschöpfung war vergessen, als er sich aufmachte und wieder in den Schlund stürzte. Er verfolgte seine Spuren zurück und hatte in kurzer Zeit die Stelle wiedergefunden, wo er gegen die Schatten gekämpft hatte. Seine Fußabdrücke waren überall im Schlamm des Erdrutsches zu sehen und erzählten die Geschichte seines Kampfes. Er war überrascht, wieviel Boden er während des Kampfes abgedeckt hatte. Er konnte sich an all das Herumkreisen, das Hin und Her überhaupt nicht erinnern. Aber bis auf den Schluß wußte er ohnehin nicht mehr viel von dem Gemetzel.
Er fuhr zusammen, als er entdeckte, was er gesucht hatte. Die Spuren der beiden, zusammen, und dann ihre, allein. Klopfenden Herzens folgte er ihnen und hoffte dabei inständig, sie würden nicht in den Wall führen. Er ging in die Hocke, untersuchte sie, berührte sie. Ihre Spuren wanderten eine Weile herum, scheinbar wirr, dann hielten sie plötzlich an und kehrten. Dort, wo ihre beiden Spuren von der anderen Seite hereinführten, lief eine Spur wieder zurück.