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Kahlan.

Richard war sofort wieder auf den Beinen. Sein Atem ging schnell, sein Puls raste. Der grüne Lichtschein umflirrte ihn entnervend. Er überlegte, wie weit sie gegangen sein mochte. Sie hatten den größten Teil der Nacht gebraucht, um unter Mühe durch den Schlund zu gelangen. Allerdings hatten sie nicht gewußt, wo der Pfad verlief. Er blickte auf die Fußspuren im Schlamm. Er wußte es.

Er mußte sich beeilen. Ängstlichkeit beim Zurückverfolgen des Weges konnte er sich nicht erlauben. Ihm fiel etwas ein, das Zedd ihm beim Überreichen des Schwertes gesagt hatte. Die Kraft des Zorns verleiht dir den Schwung, um trotz Unachtsamkeit zu obsiegen.

Das klare metallische Klirren füllte die Luft des trüben Morgens, als der Sucher sein Schwert zog. Zorn durchströmte ihn. Ohne einen weiteren Gedanken stürmte Richard den Pfad hinab, den Spuren folgend. Der Widerstand des Walls schüttelte ihn durch, als er durch die kühle Luft, den kühlen Dunst trabte. Auch an Biegungen und Serpentinen verlangsamte er sein Tempo nicht, sondern stemmte seinen Fuß mal zur einen, mal zur anderen Seite, um sein Gewicht in entgegengesetzter Richtung den Pfad hinabzuwerfen.

Ein stetes, gleichmäßiges Tempo beibehaltend, hatte er den Schlund bereits gegen Mitte des Vormittages durchquert. Zweimal war er einem Schatten begegnet, der auf der Stelle über dem Pfad schwebte. Sie bewegten sich nicht, schienen ihn nicht einmal zu bemerken. Richard stürmte, Schwert voran, hindurch. Selbst ohne Gesicht wirkten sie überrascht, als sie heulend auseinanderstoben.

Ohne das Tempo zu verlangsamen, durchquerte er den gespaltenen Felsen, trat dabei einen Greifer aus dem Weg. Auf der anderen Seite blieb er stehen, um Luft zu holen. Zu seiner überwältigenden Erleichterung stellte er fest, daß ihre Spuren hindurchführten. Ab jetzt, auf dem Pfad durch den Wald, wären ihre Spuren schwerer zu erkennen, aber das spielte keine Rolle. Er wußte, wohin sie wollte, und daß sie den Schlund sicher durchquert hatte. Am liebsten hätte er vor Freude geheult, weil Kahlan noch lebte.

Er holte auf. Der Nebel hatte die scharfen Kanten ihrer Fußspuren noch nicht aufgeweicht, wie am Anfang, als er sie entdeckt hatte. Seit Tagesanbruch mußte sie zur Orientierung ihren Spuren gefolgt sein, statt sich von den Wällen den Weg zeigen zu lassen, sonst hätte er sie längst eingeholt. Gutes Mädchen, dachte er. Sie gebrauchte ihren Kopf. Er würde noch eine richtige Waldfrau aus ihr machen.

Richard trabte wieder los, den Pfad hinab, das Schwert gezückt und im Zorn hellwach. Er vergeudete keine Zeit darauf, nach ihren Spuren zu suchen. Sobald der Grund weich oder schlammig wurde, blickte, er zu Boden, wurde etwas langsamer und nahm ihre Spur auf. Nachdem er laufend eine mit weichem Moos bewachsene Stelle überquert hatte, erreichte er eine kleine, kahle Stelle mit Fußspuren. Er warf im Vorübergehen einen flüchtigen Blick darauf. Dann sah er etwas. Er blieb so abrupt stehen, daß er stürzte. Auf Händen und Knien starrte er auf die Spuren. Er riß die Augen auf.

Ein Teil ihres Abdrucks war von einem Männerstiefel überdeckt, der fast dreimal so groß war wie ihrer. Er wußte ohne den geringsten Zweifel, wem er gehörte — dem letzten Mann des Quadrons.

Wut verhalf ihm auf die Beine, und stolpernd rannte er blindlings drauflos. Äste und Felsen flogen verschwimmend vorbei. Auf dem Pfad zu bleiben und nicht aus Versehen in die Grenze hineinzurennen, war seine einzige Sorge. Nicht, weil er Angst um sich gehabt hätte, sondern weil er Kahlan schlecht helfen konnte, wenn er sich umbringen ließ. Seine Lungen brannten, seine Brust hob sich vor Anstrengung. Der Zorn der Magie ließ ihn seine Erschöpfung, seinen Schlafmangel vergessen.

Er erklomm den Gipfel eines kleinen Felsvorsprunges und erblickte sie unten, auf der anderen Seite. Einen Augenblick lang war er wie gelähmt. Kahlan stand links, die Füße leicht gespreizt, halb in der Hocke, mit dem Rücken zur Felswand. Der letzte Mann des Quadrons stand vor ihr, zu Richards rechter Seite. Panische Angst riß eine klaffende Wunde in seine Wut. Die Lederuniform des Mannes gleißte in der Feuchtigkeit. Die Kapuze des Kettenhemdes bedeckte seinen Blondschopf. Sein Schwert ragte zwischen massigen Fäusten empor, Muskeln wucherten knotig aus den Armen. Er stieß ein Kampfgeheul aus.

Er würde sie umbringen.

Eine Explosion von Wut füllte Richards Gedanken. »Nein!« kreischte er in mörderischer Raserei und sprang vom Felsen hinab. Beidarmig riß er noch in der Luft das Schwert der Wahrheit in die Höhe. Auf dem Boden angelangt, rollte er ab und schwenkte es von hinten im Bogen herum. Das Schwert zerschnitt pfeifend die Luft.

Der Mann hatte sich umgedreht, als Richard auf dem Boden gelandet war. Als er Richards Schwert kommen sah, riß er seins zur Verteidigung schnell wie das Licht in die Höhe, so daß die Sehnen in Hand und Gelenken knackten.

Wie im Traum verfolgte Richard, wie sein Schwert im Bogen kreiste.

Jedes Quentchen seiner Kraft steckte er in den Versuch, schneller, genauer zu sein. Tödlicher. Der Zauber raste vor Gier. Richard wandte den Blick vom Schwert des Mannes ab und blickte ihm in die stahlblauen Augen. Das Schwert des Suchers folgte dem Weg seines Blickes. Er hörte sich immer noch brüllen. Der Mann hielt sein Schwert senkrecht in die Höhe, um den Schlag abzuwehren.

Rings um den Mann schien sich alles aufzulösen. Richards Zorn, der Zauber, wurde freigesetzt wie nie zuvor. Keine Macht der Welt konnte ihm das Blut des Mannes versagen. Richard war jenseits aller Vernunft. Jenseits aller anderen Bedürfnisse. Jenseits jeden anderen Lebenszwecks. Er war der Tod, zum Leben erwacht.

Richards gesamte Lebenskraft sammelte sich als tödlicher Haß im Schwung seines Schwertes.

Während eines einzigen Herzschlags, den er bis in die angespannten Muskeln seines Halses spürte, verfolgte Richard am Rande seines Gesichtsfeldes in erwartungsvoller Hochstimmung, wie sein Schwert in sattem Bogen das letzte Stück der quälenden Entfernung zurücklegte und endlich gegen das erhobene Schwert des Feindes prallte, sah in allen Einzelheiten, wie dieses unglaublich langsam inmitten einer Wolke heißer Bruchstücke zersplitterte, sah, wie das größte Stück der abgetrennten Klinge wirbelnd in die Luft gehoben wurde, wie die glattpolierte Oberfläche mit jeder der drei Umdrehungen, die es vor dem Schwert des Suchers vollbrachte, im Licht aufblitzte. Dann, mit all der Kraft seines Zornes und der Magie dahinter, erreichte Richards Schwert den Kopf des Mannes, berührte das Kettenhemd, lenkte den Kopf des Mannes nur ein winziges Stück ab, bevor es krachend durch die Stahlglieder des Kettenhemdes fetzte und die Luft mit einem Regen aus Stahlsplittern füllte. Plötzlich färbte sich der Morgendunst explosionsartig mit einem roten Nebel, der Richard ein kurzes Hochgefühl bereitete, als er mitansah, wie blondes Haar, Knochen und Hirn wie irre davontrudelten, während die Klinge ihren Schwung durch die scharlachrote Luft fortsetzte, sich aus den letzten zerfetzten Bruchstücken des feindlichen Schädels befreite und seine Reise fortsetzte, während der Körper nur noch mit Hals und Kiefer und wenig mehr Erkennbarem darüber langsam in sich zusammensackte, so als hätten sich sämtliche Knochen aufgelöst, so als existierte nichts mehr, was ihn hätte aufrecht halten können, bis er schließlich mit einem dumpfen Geräusch den Boden erreichte. Blut spritzte in hohem, befriedigendem Bogen durch die Luft, klatschte auf die Erde und auf Richard nieder, der als Sieger in den Genuß des heißen Geschmacks der Genugtuung kam, als einige Tropfen davon in seinen zu wütendem Brüllen aufgerissenen Mund trafen, während immer mehr davon zäh und satt in den Dreck sickerte, Splitter des Kettenhemdes und des Schwertes zu Boden regneten und weitere Brocken aus Knochen und Stahl über den Felsen hinter Richard hüpften und sprangen, bis endlich mehr und mehr Knochen, Hirn und Blut aus der Luft ringsum niedergingen und alles tiefrot färbten.

Der Todesbote stand siegreich über dem Objekt seines Hasses und seiner Wut, getränkt in Blut und Herrlichkeit, wie er es sich nie hätte träumen lassen. Seine Brust hob und senkte sich vor Verzückung. Er brachte das Schwert wieder vor den Körper und suchte nach einer weiteren Bedrohung. Die gab es nicht.