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Es fiel Richard schwer, jedem zuzulächeln. Wenn die Gerüchte von der Grenze stimmten, war ganz Westland in Gefahr. Die Menschen in den an das Kernland angrenzenden Gebieten hatten bereits jetzt Angst, nachts das Haus zu verlassen; Geschichten von halb aufgefressenen Leichenfunden machten die Runde. Richard hatte gemeint, sie seien lediglich eines normalen Todes gestorben, und wilde Tiere hätten ihre Leichen gefunden. So was passierte ständig. Die Leute behaupteten, sie kämen aus der Luft. Er tat es als abergläubischen Unsinn ab.

Bis jetzt.

Selbst zwischen all diesen Menschen spürte Richard eine überwältigende Einsamkeit. Er wußte nicht, an wen er sich halten konnte. Kahlan war die einzige, bei der er sich wohl fühlte, und doch fürchtete er sich vor ihr. Die Begegnung auf dem Felsen hatte ihm angst gemacht. Am liebsten hätte er sie an die Hand genommen und wäre gegangen.

Vielleicht wußte Zedd, was zu tun war. Vor den Zeiten der Grenze hatte er in den Midlands gelebt, auch wenn er nie darüber sprechen wollte. Und dann dieses kalte Gefühl, das alles könnte etwas mit dem Tod seines Vaters zu tun haben, und der Tod seines Vaters mit seinen eigenen Geheimnissen, die sein Vater ihm, ganz allein ihm aufgebürdet hatte.

Richard fragte sich, wo Michael steckte. Seltsam, daß er noch nicht hier war.

Ihm war der Appetit zwar vergangen, aber Kahlan hatte schon seit zwei Tagen nichts mehr gegessen. Offenbar verfügte sie über eine bemerkenswerte Selbstbeherrschung bei all den verlockenden Köstlichkeiten ringsum. Die herrlichen Düfte begannen, seine Einstellung zu seinem Appetit zu verändern.

Er beugte sich zu ihr. »Hungrig?«

»Sehr.«

Er führte sie an einen langen Tisch voller Speisen und Getränke. Es gab riesige dampfende Tabletts voller Würste und Fleisch, verschiedene Sorten Trockenfisch, gegrillten Fisch, große Terrinen mit Kohl- und Wursteintopf, Zwiebelsuppe, Gewürzsuppe, Tabletts mit Brot, Käse, Obst, Pasteten und Kuchen, Krüge voller Wein und Bier. Bedienstete eilten hin und her und sorgten dafür, daß die Tabletts immer gefüllt waren.

Kahlan sah sie sich an. »Einige der Mädchen, die bedienen, tragen die Haare lang. Ist das erlaubt?«

Richard blickte sich ein wenig verwirrt um. »Ja. Jeder kann die Haare so tragen, wie er möchte. Sieh.« Er beugte sich vor und wies mit angelegtem Arm in eine bestimmte Richtung. »Die Frauen dort drüben sind Beraterinnen. Einige haben kurzes, andere langes Haar. Ganz wie es ihnen gefällt.« Er betrachtete sie aus den Augenwinkeln. »Hast du dir jemals die Haare abschneiden müssen?«

Sie sah ihn überrascht an. »Nein. Mich hat noch nie jemand gebeten, mir die Haare abzuschneiden. Wo ich herkomme, hat die Länge der Haare bei den Frauen eine gewisse soziale Bedeutung.«

»Heißt das, du bekleidest einen gewissen gesellschaftlichen Rang?« Mit einem beiläufigen Lächeln versuchte er, der Frage jede Aufdringlichkeit zu nehmen. »Bei deinen wundervollen, langen Haaren, meine ich.«

Sie erwiderte verlegen sein Lächeln, wenn auch ohne Freude. »Einige glauben das. Nach heute morgen hätte ich mir denken können, daß du auf diese Idee kommst. Wir alle können nur das sein, was wir sind, nicht mehr und nicht weniger.«

»Also, schlag mich, wenn ich dir eine Frage stelle, die man einer Freundin nicht stellt.«

Ihre Miene erhellte sich, trotzdem blieb ihr Lächeln so dünn wie zuvor. Das teilnahmsvolle Lächeln. Er mußte grinsen.

Er wandte sich dem Buffet zu und entdeckte eine seiner Lieblingsspeisen, Rippchen in würziger Soße, legte ein paar davon auf einen Teller und reichte sie ihr.

»Probier die zuerst, eine meiner Lieblingsspeisen.«

Kahlan hielt den Teller mit ausgestrecktem Arm von sich und betrachtete ihn argwöhnisch. »Von welchem Tier stammt das Fleisch?«

»Vom Schwein«, sagte er, ein wenig überrascht. »Probier es, das ist das Beste hier, bestimmt.«

Sie entspannte sich, zog den Teller heran und aß. Er verspeiste selbst mit Genuß ein halbes Dutzend Rippchen.

Er legte ihr einige Würstchen auf den Teller. »Hier, probier die auch mal.«

Wieder flammte ihr Argwohn auf. »Woraus sind die?«

»Aus Rind- und Schweinefleisch und Gewürzen, welche, weiß ich nicht. Warum? Gibt es Dinge, die du nicht ißt?«

»Einiges«, sagte sie unbestimmt, bevor sie ein Würstchen verspeiste. »Könnte ich von der Gewürzsuppe kosten, bitte?«

Er schöpfte die Suppe in eine feine, weiße Schüssel mit Goldrand und nahm ihr den Teller ab. Sie hielt die Schale mit beiden Händen und probierte.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Sie ist gut, genau wie ich es mache. Ich denke, unsere beiden Heimatländer sind nicht so verschieden, wie du fürchtest.«

Während sie den Rest der Suppe austrank, nahm Richard, der sich nach ihrer Bemerkung besser fühlte, ein großes Stück Brot, belegte es mit Hühnerfleischstreifen und gab es ihr, als sie mit der Suppe fertig war. Sie reichte ihm die leere Schale, nahm das Brot mit dem Hühnerfleisch und ging essend zum Rand des Saales. Er stellte die Suppenschale ab und folgte ihr, wobei er gelegentlich jemandem die Hand schüttelte. Alle beäugten kritisch ihre Kleidung. Als sie einen ruhigen Ort neben einer Säule erreicht hatte, drehte sie sich zu ihm um.

»Holst du mir bitte ein Stück Käse?«

»Sicher. Welche Sorte?«

Sie ließ den Blick über die Menge schweifen. »Egal.«

Richard arbeitete sich durch das Gedränge zurück zum Buffet, wählte zwei Stücke Käse aus, von denen er eins auf dem Rückweg zu Kahlan verspeiste. Er reichte ihr den Käse. Sie griff danach, doch statt ihn zu essen, ließ sie den Käse zu Boden fallen, als hätte sie vergessen, daß sie ihn in der Hand hielt.

»Die falsche Sorte?«

Ihre Stimme klang abwesend. »Ich kann Käse nicht ausstehen.« Sie starrte an ihm vorbei auf einen Punkt auf der anderen Seite des Raumes.

»Sieh mich an«, sagte sie und blickte ihm in die Augen. »Hinter dir, drüben, stehen zwei Männer. Sie beobachten uns schon die ganze Zeit. Als ich dich Essenholen geschickt habe, haben sie dich dabei beobachtet. Auf mich haben sie nicht geachtet. Du bist es, auf den sie ein Auge geworfen haben.«

Richard legte ihr die Hände auf die Schulter und wechselte den Platz mit ihr, damit er sich selbst ein Bild machen konnte. Er ließ den Blick über die Köpfe hinweg zur gegenüberliegenden Seite des Raumes schweifen. »Das sind nur zwei von Michaels Gehilfen. Sie kennen mich. Vermutlich fragen sie sich, wo ich gesteckt habe und warum ich so heruntergekommen aussehe.« Er sah ihr in die Augen und sprach so leise, daß niemand es hören konnte. »Alles in Ordnung, Kahlan, entspann dich. Die Männer von heute morgen sind tot. Du bist in Sicherheit.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es werden andere kommen. Ich sollte mich nicht bei dir aufhalten. Ich möchte dein Leben nicht mehr gefährden, als ich es bereits getan habe. Du bist mein Freund.«

»Kein Quadron kann dich aufspüren, nicht hier in Kernland, ausgeschlossen.« Er verstand vom Aufspüren genug und war von dem überzeugt, was er gesagt hatte.

Kahlan hakte ihren Finger in sein Hemd und zog sein Gesicht dicht heran. In ihren grünen Augen blitzten Ärger und Unduldsamkeit auf.

Im Flüsterton sagte sie scharf: »Als ich meine Heimat verließ, belegten fünf Magier meine Fährte mit einem Zauber, und niemand konnte wissen, wohin ich gegangen war. Anschließend haben sie sich umgebracht, damit man sie nicht zum Sprechen bringen konnte!« Sie biß wütend die Zähne aufeinander, und ihre Augen waren feucht. Sie begann zu zittern.

Zauberer! Richard erstarrte. Endlich nahm er sachte ihre Hand von seinem Hemd, hielt sie fest und sagte mit einer Stimme, die in dem Lärm kaum zu verstehen war. »Das tut mir leid.«

»Richard, ich habe eine Todesangst!« Ihr Zittern war heftiger geworden. »Wenn du heute nicht gewesen wärst, wer weiß, was dann aus mir geworden wäre. Der Tod wäre vielleicht noch das Beste gewesen. Du weißt nichts über diese Männer.« Sie schüttelte sich voller Entsetzen.