Richard nickte ernst. »Ja, das habe ich. Auch meinen Vater wieder. Sie haben mich angegriffen und versucht, mich in die Grenze zu holen.«
Kahlans Gesicht wurde besorgt. »Wieso nur dich? Warum nicht uns beide?«
»Ich weiß es nicht. Gestern abend am gespaltenen Felsen und später, als sie uns verfolgt haben, müssen sie hinter mir und nicht dir hergewesen sein. Der Knochen hat dich beschützt.«
»Beim letzten Mal haben sie alle angegriffen, nur dich nicht«, sagte sie. »Was ist denn diesmal anders?«
Richard überlegte einen Augenblick. »Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall müssen wir über den Paß. Wir sind zu müde, um uns diese Nacht noch einmal mit den Schatten rumzuschlagen. Wir müssen die Midlands vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Und ich verspreche dir, diesmal werde ich deine Hand nicht loslassen.«
Kahlan drückte lächelnd seine Hand. »Ich deine auch nicht.«
»Ich bin durch den Schlund zurückgelaufen. Es hat nicht lange gedauert. Meinst du, du schaffst das?«
Sie nickte, und die beiden trabten in einem lockeren Tempo los, das sie, wie er glaubte, halten konnten. Wie bei seiner letzten Durchquerung folgten auch diesmal keine Schatten, wenngleich einige über dem Pfad schwebten. Wie zuvor stürmte Richard mit dem Schwert voran hindurch, ohne abzuwarten, was sie tun würden. Ihr Geheul ließ Kahlan zusammenzucken. Er behielt im Laufen die Spuren im Auge, zog sie durch die Biegungen, sorgte dafür, daß sie auf dem Pfad blieben.
Als sie den Erdrutsch hinter sich und den Waldpfad am anderen Ende des Schlundes erreicht hatten, verlangsamten sie das Tempo zu einem flotten Marsch, um wieder zu Atem zu kommen. Nieselregen legte sich auf Haare und Gesichter. Die Freude darüber, Kahlan wiedergefunden zu haben, dämpfte seine Sorge über die Schwierigkeiten, die noch vor ihnen lagen. Im Gehen teilten sie sich Brot und Früchte. Obwohl sein Magen vor Hunger knurrte, wollte er nicht anhalten, um etwas Vernünftigeres zu essen.
Die Reaktion der Magie, als Kahlan seine Hand ergriffen hatte, bereitete Richard immer noch Sorgen. Spürte die Magie etwas in ihr, oder reagierte sie auf etwas, das sich in seinen Gedanken abspielte? Vielleicht weil er Angst vor ihrem Geheimnis hatte? Oder ging es um mehr, um etwas, das die Magie selbst in ihr erfühlte? Wenn Zedd nur da wäre und er ihn fragen könnte, was er darüber dachte. Allerdings war Zedd auch beim letzten Mal dabei gewesen, und da hatte er ihn auch nicht gefragt. Hatte er Angst vor dem, was Zedd ihm erzählen könnte?
Sie aßen ein wenig, und der Nachmittag schleppte sich dahin. Dann hörten sie ein Knurren tief im Wald. Kahlan meinte, es seien die Monster. Sie beschlossen, wieder zu laufen, um den Paß so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Richard war vollkommen übermüdet. Wie betäubt rannte er zusammen mit ihr durch den dichten Wald. Der leichte Regen auf den Blättern übertönte das Geräusch ihrer Schritte.
Vor Einbruch der Dunkelheit erreichten sie den Rand eines langen Grats. Vor ihnen führte der Pfad in Serpentinen hinunter. Sie standen oben im Wald am Rand des Grats wie an der Öffnung einer gewaltigen Felsenhöhle, vor sich eine offene Prärie, über die der Regen hinwegfegte.
Kahlan hielt sich aufrecht, starr. »Ich kenne diese Gegend«, flüsterte sie.
»Und, wo sind wir?«
»Man nennt sie die Wildnis. Wir befinden uns in den Midlands.« Sie drehte sich zu ihm um. »Ich bin wieder zu Hause.«
Er zog eine Braue hoch. »So wild sieht mir diese Gegend nicht aus.«
»Man hat sie nicht nach dem Land benannt, sondern nach den Leuten, die hier leben.«
Nach dem steilen Abstieg entdeckte Richard eine kleine, geschützte Stelle unter einer Felsplatte. Sie war nicht tief genug, um den Regen völlig abzuhalten, daher schnitt er einige Fichtenäste und lehnte sie an den Felsvorsprung, und baute so einen kleinen, halbwegs trockenen Unterschlupf, in dem sie die Nacht verbringen konnten. Kahlan kroch hinein, Richard folgte und zog die Zweige vor den Eingang. Die beiden ließen sich durchnäßt und erschöpft auf den Boden fallen.
Kahlan zog ihr Gewand aus und schüttelte das Wasser ab. »Ich habe noch nie so lange einen bedeckten Himmel oder so viel Regen gesehen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie die Sonne aussieht. Langsam bin ich es leid.«
»Ich nicht«, sagte er ruhig. Sie runzelte die Stirn, also erklärte er es ihr. »Erinnerst du dich noch an die Schlangenwolke, die mir gefolgt ist, und die Rahl auf mich angesetzt hat?« Sie nickte. »Zedd hat ein magisches Netz ausgeworfen, damit andere Wolken kommen und sie verdecken. Solange es bedeckt ist und wir die Schlangenwolke nicht sehen können, kann Rahl es auch nicht. Der Regen ist mir lieber als Darken Rahl.«
Kahlan dachte darüber nach. »Ich werde mich von jetzt an mehr über die Wolken freuen. Könntest du ihn trotzdem bitten, daß er beim nächsten Mal Wolken nimmt, die nicht so naß sind?« Richard lächelte und nickte. »Möchtest du etwas zu essen?« fragte sie.
Er schüttelte den Kopf. »Ich bin zu müde. Ich will nur schlafen. Ist es hier sicher?«
»Ja. In der Wildnis nahe der Grenze lebt niemand. Adie meinte, wir seien vor den Monstern geschützt, also dürften uns die Herzhunde auch nicht behelligen.«
Das Geräusch des gleichmäßigen Regens machte ihn noch schläfriger. Bereits jetzt war die Nacht kühl, und sie hüllten sich in ihre Decken. Im schwachen Licht konnte Richard gerade noch Kahlans Gesicht erkennen, die aufrecht an der Felswand lehnte. Für ein Feuer war der Unterschlupf zu klein, außerdem war alles ohnehin zu feucht. Er griff in seine Tasche, tastete nach dem Beutel mit dem Stein der Nacht und überlegte, ob er ihn herausnehmen sollte, damit man besser sehen konnte, entschied sich aber schließlich dagegen.
Kahlan lächelte zu ihm hinüber. »Willkommen in den Midlands. Du hast erreicht, was du versprochen hast. Du hast uns hergebracht. Jetzt beginnt der schwierige Teil. Was sollen wir deiner Meinung nach tun?«
Richards Kopf pochte, er lehnte sich zurück, neben sie. »Wir brauchen jemanden mit Zauberkraft, der uns sagen kann, wo sich das letzte Kästchen befindet. Oder zumindest, wo wir suchen sollen. Wir können nicht einfach blind in der Gegend herumrennen. Wir brauchen jemanden, der uns den richtigen Weg weisen kann. Wer käme deiner Meinung nach in Frage?«
Kahlan warf ihm einen Seitenblick zu. »Hier gibt es weit und breit niemanden, der uns helfen will.«
Sie wollte ihm etwas verschweigen. Er wurde sofort gereizt. »Ich habe nicht gesagt, sie müssen uns helfen wollen, sie müssen es nur können. Bring mich einfach hin, um das übrige kümmere ich mich!« Richard bereute seinen scharfen Ton sofort. Er legte den Kopf an die Felswand und schluckte den Ärger hinunter. »Tut mir leid, Kahlan.« Er drehte den Kopf von ihr fort. »Ich hatte einen harten Tag. Ich mußte nicht nur diesen Mann töten, sondern auch wieder meinen Vater mit dem Schwert durchbohren. Aber das Schlimmste war, ich habe geglaubt, ich hätte meine beste Freundin an die Unterwelt verloren. Ich will nur eins: Rahl aufhalten, damit dieser Alptraum ein Ende hat.«
Er wandte sich zu ihr um, und sie schenkte ihm ihr besonderes, schmallippiges Lächeln. Kahlan sah ihm in fast völliger Dunkelheit ein paar Minuten in die Augen.
»Nicht leicht, Sucher zu sein«, sagte sie sanft.
Er erwiderte ihr Lächeln. »Allerdings«, gab er ihr recht.
»Die Schlammenschen«, sagte sie schließlich. »Möglicherweise können sie uns sagen, wo wir suchen sollen. Aber es gibt keine Garantie dafür, daß sie uns helfen. Die Wildnis ist ein entlegenes Gebiet in den Midlands, und die Schlammenschen sind Fremde nicht gewöhnt. Sie haben seltsame Bräuche. Die Probleme anderer interessieren sie nicht. Sie wollen nur in Ruhe gelassen werden.«
»Im Falle eines Erfolges wird Darken Rahl ihre Wünsche wohl kaum beherzigen«, erinnerte er sie.
Kahlan atmete tief durch. »Sie können gefährlich sein, Richard.«
»Hattest du schon mal mit ihnen zu tun?«
Sie nickte. »Ein paarmal. Sie sprechen nicht unsere Sprache, aber ich ihre.«