Zedd beendete seine Mahlzeit, schob die Schale behutsam von sich. Er faltete seine dürren Hände auf dem Tisch, betrachtete sie und tippte mit den Daumen gegeneinander. Der Schein der Lampe flackerte und tanzte über sein dichtes, weißes Haar.
»Hat Richard gesagt, wie ich ihn finden soll?«
Adie antwortete eine Weile nicht. Der Zauberer wartete und tippte mit den Daumen aneinander, bis sie endlich sprach. »Ich habe ihm einen Stein der Nacht gegeben.«
Zedd sprang auf. »Du hast was getan?«
Adie sah in aller Ruhe zu ihm hoch. »Hätte ich ihn vielleicht nachts durch den Paß schicken sollen, ohne ihm eine Möglichkeit zu geben, etwas zu erkennen? Blind durch den Paß zu laufen bedeutet den sicheren Tod. Er sollte es schaffen. Nur so konnte ich ihm helfen.«
Der Zauberer stemmte sich mit den Knöcheln auf den Tisch und beugte sich vor. Sein weißes Haar fiel wallend um sein Gesicht. »Und hast du ihn gewarnt?«
»Natürlich habe ich das.«
Er kniff die Augen zusammen. »Wie denn? Mit einem Hexenrätsel?«
Adie nahm zwei Äpfel zur Hand und warf Zedd einen zu. Er fing ihn mitten in der Luft mit einem Zauber auf. Der Apfel schwebte, sich in der Luft drehend, während Zedd die alte Frau immer noch wütend ansah.
»Setz dich, Zauberer, und hör auf mit der Angeberei.« Sie biß in ihren Apfel, kaute langsam. Zedd nahm eingeschnappt Platz. »Ich wollte ihm keine Angst einjagen. Er hatte schon so genug Angst. Hätte ich ihm gesagt, wozu der Stein der Nacht gut ist, hätte er vielleicht Angst gehabt, ihn zu benutzen. Das Ergebnis wäre, die Unterwelt hätte ihn mit Sicherheit bekommen. Ja, ich habe ihn gewarnt, doch mit einem Rätsel, damit er erst später darauf kommt, wenn er durch den Paß hindurch ist.«
Zedd schnappte den Apfel mit seinen hölzern wirkenden Fingern aus der Luft. »Verdammt, Adie, du verstehst nicht. Richard kann Rätsel nicht ausstehen, das konnte er noch nie. Er betrachtet sie als Beleidigung seines Ehrgefühls. Er duldet sie nicht und beachtet sie aus Prinzip nicht.« Er biß krachend in den Apfel.
»Er ist der Sucher, und das ist es, was Sucher tun. Sie lösen Rätsel.«
Zedd reckte einen knochigen Finger in die Höhe. »Rätsel des Lebens, keine Worträtsel. Das ist ein Unterschied.«
Adie legte den Apfel weg und beugte sich vor. Mit sorgenvoller Miene legte sie ihre Hände mitten auf den Tisch. »Zedd, ich habe versucht, dem Jungen zu helfen. Er soll Erfolg haben. Ich habe im Paß meinen Fuß verloren, aber er hätte sein Leben verloren. Wenn der Sucher sein Leben verliert, verlieren wir auch unseres. Ich wollte ihm nichts Böses.«
Zedd legte den Apfel weg und wischte seinen Ärger mit einer Handbewegung fort. »Das weiß ich, Adie. Das habe ich auch nicht sagen wollen.« Er ergriff Adies Hand. »Es wird schon klappen.«
»Ich bin ein Narr«, sagte sie bitter. »Er hat mir gesagt, daß er keine Rätsel mag, aber ich habe nicht mehr daran gedacht. Zedd, suche ihn mit Hilfe des Steins der Nacht. Stelle fest, ob er es geschafft hat.«
Zedd nickte. Er schloß die Augen, ließ das Kinn auf die Brust sinken und atmete dreimal tief durch. Dann hörte er für lange Zeit auf zu atmen. In der Luft ringsum ertönte das leise, sanfte Säuseln eines fernen Windes, eines Windes über einer weiten Ebene, einsam, unheilvoll, gespenstisch. Endlich verschwand das Windgeräusch, und der Zauberer begann wieder zu atmen. Er hob den Kopf und öffnete die Augen.
»Er ist in den Midlands. Er hat es durch den Paß geschafft.«
Adie nickte erleichtert. »Ich werde dir einen Knochen mitgeben, damit du sicher durch den Paß kommst. Willst du ihm sofort nachgehen?«
Der Zauberer wich ihren weißen Augen aus und blickte auf den Tisch. »Nein«, sagte er ruhig. »Wie du gesagt hast, er ist der Sucher. Ich habe etwas Wichtiges zu erledigen, wenn wir Darken Rahl aufhalten wollen. Hoffentlich kann er inzwischen allen Ärger vermeiden.«
»Geheimnisse?« fragte die Hexenmeisterin mit ihrem dünnen Lächeln.
»Geheimnisse«, bejahte der Zauberer mit einem Nicken. »Ich muß sofort aufbrechen.«
Sie zog eine Hand unter der seinen hervor und strich über seine lederne Haut.
»Draußen ist es dunkel.«
»Richtig«, gab er ihr recht.
»Warum bleibst du nicht über Nacht? Und brichst in der Dämmerung auf.«
Zedd riß die Augen auf und sah sie mit gesenktem Kopf an. »Ich soll über Nacht bleiben?«
Adie zuckte mit den Achseln und strich weiter über seine Hand. »Manchmal ist es hier recht einsam.«
»Also«, Zedd strahlte schelmisch übers ganze Gesicht — »du hast recht, es ist dunkel draußen. Und ich schätze, es macht auch mehr Sinn, morgens aufzubrechen.« Plötzlich runzelte er die Stirn. »Das ist doch nicht eines deiner Rätsel, oder?«
Sie schüttelte den Kopf, nein, das war es nicht. Und er strahlte wieder.
»Ich habe meinen Zaubererfelsen dabei. Hast du vielleicht Interesse?«
Adies Züge schmolzen zu einem schüchternen Lächeln. »Sehr gerne.« Sie sah ihn an, lehnte sich zurück und biß von ihrem Apfel ab.
Zedd zog eine Braue hoch. »Nackt?«
Wind und Regen beugten das hohe Gras in weiten, gemächlichen Wogen, während sich die beiden ihren Weg über die offene, flache Ebene bahnten. Die wenigen Bäume, die es gab, standen weit auseinander. Meist waren es kleine Birken- und Erlengruppen längs der Bachläufe. Kahlan behielt das Gras ringsum im Auge. Sie befanden sich in der Nähe des Gebietes der Schlammenschen. Richard folgte schweigend und hielt sein Auge wachsam auf Kahlan gerichtet, wie immer.
Der Gedanke, ihn zu den Schlammenschen mitzunehmen, behagte ihr nicht, doch er hatte recht, sie mußten wissen, wo sie nach dem letzten Kästchen suchen sollten, und es gab niemanden sonst in der Nähe, der ihnen die richtige Richtung zeigen konnte. Der Herbst neigte sich dem Ende zu, die Zeit wurde knapp. Vielleicht halfen ihnen die Schlammenschen aber auch nicht, dann wäre die Zeit vergeudet.
Schlimmer noch. Sie wußte zwar, sie würden es nicht wagen, einen Konfessor zu töten, noch dazu einen, der unter dem Schutz eines Zauberers reiste, ob sie sich aber trauen würden, den Sucher zu töten, wußte sie nicht. Nie war sie zuvor ohne einen Zauberer durch die Midlands gereist, das tat kein Konfessor. Es war zu gefährlich. Richard war ein besserer Schutz als Giller, der letzte Zauberer, den man ihr zugeteilt hatte, doch eigentlich sollte Richard nicht sie beschützen, sondern sie ihn. Sie durfte nicht zulassen, daß er sein Leben für sie aufs Spiel setzte. Er sollte schließlich Rahl aufhalten. Das vor allem zählte. Sie hatte geschworen, ihr Leben für den Sucher einzusetzen. Für Richard. Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas inbrünstiger gewollt. Sollte je der Zeitpunkt der Entscheidung kommen, dann wäre sie es, die sterben müßte.
Der Pfad durch die Steppe erreichte zwei mit getrockneten Häuten umspannte Pfähle, die mit roten Streifen eingefärbt waren, jeweils einer zu beiden Seiten des Pfades. Richard blieb bei den Pfählen stehen und betrachtete die Totenschädel, die oben auf ihnen befestigt waren.
»Soll uns das abschrecken?« fragte er und strich mit der Hand über die Häute.
»Nein, das sind die Schädel der verehrten Ahnen. Sie sollen das Land bewachen. Nur den Geachtetsten wird diese Ehre zuteil. Anhand der Gebeine der Ehrwürdigsten sollen anderen sozusagen die Besten aus ihrer Mitte gezeigt werden.«
»Klingt nicht bedrohlich. Vielleicht sind sie gar nicht so abgeneigt, uns zu sehen.«
Kahlan drehte sich zu ihm um und zog eine Braue hoch. »Bei den Schlammenschen verschafft man sich unter anderem dadurch Achtung, daß man Fremde tötet.« Sie sah wieder zu den Schädeln. »Trotzdem ist das nicht als Drohung für Fremde gedacht. Es handelt sich bei ihnen lediglich um eine traditionelle Ehrung.«
Erleichtert nahm Richard die Hand vom feuchten Pfahl. »Mal sehen, vielleicht können wir sie überreden, uns zu helfen, dann können sie wieder ihre Ahnen verehren und sich die Fremden vom Leib halten.«
»Denk daran, was ich dir gesagt habe«, warnte sie. »Vielleicht wollen sie uns nicht helfen. Die Entscheidung liegt bei ihnen, das mußt du anerkennen. Sie gehören zu den Völkern, die ich versuche zu retten. Ich will ihnen nicht weh tun.«