»Kahlan, ich habe nicht die Absicht, ihnen etwas zu tun. Keine Sorge, sie werden uns helfen. Es liegt doch in ihrem eigenen Interesse.«
»Sie sehen es vielleicht nicht ganz so«, hakte sie nach. Der Regen hatte aufgehört und war einem kühlen Dunst gewichen, den sie auf ihrem Gesicht spürte. Sie schob ihre Kapuze nach hinten. »Richard, versprich mir, daß du ihnen nichts tun wirst.«
Er schob seine Kapuze ebenfalls zurück, stemmte die Hände in die Hüften und überraschte sie mit einem kleinen, schiefen Lächeln. »Jetzt weiß ich endlich, wie sich das anfühlt.«
»Was?« fragte sie mit leichtem Argwohn in der Stimme.
Er blickte an ihr hinunter, und sein Lächeln wurde breiter. »Weißt du noch, als ich das Fieber von der Schlingpflanze hatte und dich bat, Zedd nichts zu tun? Jetzt weiß ich, wie dir zumute war, als du dieses Versprechen nicht geben konntest.«
Kahlan sah in seine grauen Augen, dachte daran, wie sehr sie sich wünschte, Rahl aufzuhalten. Sie dachte auch an alle jene, die er getötet hatte, wie sie wußte.
»Und ich weiß jetzt, wie du dich gefühlt haben mußt, als du mir das Versprechen nicht geben konntest.« Sie mußte gegen ihren Willen lächeln. »Bist du dir auch so dumm vorgekommen, als du gefragt hast?«
Er nickte. »Ja, als ich gemerkt habe, was auf dem Spiel stand. Und vor allem nachdem ich wußte, was für ein Mensch du bist, und du niemandem etwas antun würdest, es sei denn, du hast keine andere Wahl. In dem Augenblick kam ich mir dumm vor, weil ich dir nicht vertraut habe.«
Ihr ging es genauso. Dabei wußte sie, wie sehr er ihr vertraute.
»Tut mir leid«, sagte sie, das Lächeln noch immer auf den Lippen. »Ich sollte dich eigentlich besser kennen.«
»Weißt du, wie wir sie dazu bringen können, uns zu helfen?« Sie war bereits mehrere Male im Dorf der Schlammenschen gewesen, nie jedoch auf Einladung. Einen Konfessor lud man dort nicht ein. Es gehörte einfach zu den üblichen Aufgaben eines Konfessors, den verschiedenen Völkern der Midlands einen Besuch abzustatten. Sie hatten Angst gehabt und waren deswegen recht höflich gewesen, hatten ihr aber zu verstehen gegeben, daß sie ihre Angelegenheiten allein zu regeln pflegten und keine Einmischung von außen wünschten. Auf Drohungen reagierten sie nicht.
»Die Schlammenschen halten eine Versammlung ab, die man den Rat der Propheten nennt. Man hat mir nie erlaubt, teilzunehmen, sei es, weil ich eine Fremde bin, sei es, weil ich eine Frau bin, doch ich habe davon gehört. Irgendwie weissagen sie dabei die Antworten auf Fragen. Ich will damit nur sagen, Richard, sie werden keine Versammlung bei vorgehaltenem Schwert abhalten. Vielleicht hätten sie unter solchen Umständen nicht mal Erfolg. Wenn sie uns helfen, dann nur freiwillig. Du mußt sie für dich gewinnen.«
Er sah ihr hart in die Augen. »Mit deiner Hilfe schaffen wir es. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig.«
Sie nickte und wandte sich wieder dem Pfad zu. Mächtige Wolken hingen tief über der Steppe und schienen zu brodeln, während sie in endloser Prozession dahinzogen. Hier draußen über der Ebene schien es so viel mehr Himmel zu geben als überall sonst. Das Gefühl war übermächtig und ließ das abwechslungslose, flache Land winzig erscheinen.
Der Regen hatte die Bachläufe anschwellen lassen. Das gurgelnde, schlammige Wasser donnerte stampfend und schäumend unter den Baumstämmen hindurch, die als Steg dienten. Kahlan spürte die Kraft des Wassers, das die Stämme unter ihren Stiefeln zum Zittern brachte. Sie trat vorsichtig auf. Die Stämme waren glitschig, und es gab keine Halteseile, die das Überqueren erleichtert hätten. Richard bot ihr die Hand, um sie zu stützen, und sie war froh über den Vorwand, sie ergreifen zu können. Sie stellte fest, daß sie sich darauf freute, nur um seine Hand berühren zu können. Doch so sehr es auch schmerzte, sie durfte ihm keine Hoffnungen machen. Wie gerne wäre sie einfach nur eine Frau gewesen wie alle anderen. Aber das war sie nicht. Sie war Konfessor. Manchmal jedoch, für einen kurzen Augenblick, konnte sie es vergessen und so tun als ob.
Gerne hätte sie Richard an ihrer Seite gehabt, doch er blieb hinter ihr, suchte das Land ab und paßte auf sie auf. Er befand sich in einem fremden Land, nahm nichts als selbstverständlich, sah in allem eine Bedrohung. In Westland hatte sie sich genauso gefühlt, sie kannte das also. Er riskierte sein Leben im Kampf gegen Rahl und gegen Dinge, denen er nie zuvor begegnet war, und er hatte die Pflicht, wachsam zu sein. Die Wachsamen starben schnell genug in den Midlands. Und die Unachtsamen noch viel schneller.
Sie hatten gerade einen weiteren Bach überquert und waren wieder in das feuchte Gras eingetaucht, als acht Männer vor ihnen aufsprangen. Kahlan und Richard blieben wie angewurzelt stehen. Die Männer hatten ihre Körper größtenteils in Felle gehüllt. Klebriger Schlamm, den selbst der Regen nicht herunterwaschen konnte, bedeckte den Rest der Haut und die Gesichter, glättete die Haare. An Armen und an verschiedenen Stellen der Haut sowie unter den Stirnbändern hatten sie Grasbüschel befestigt, so daß sie in ihrer Lauerstellung nicht zu sehen gewesen waren. Schweigend blieben sie vor den beiden stehen. Alle hatten eine finstere Miene aufgesetzt. Kahlan erkannte mehrere der Männer wieder. Es handelte sich um einen Jagdtrupp der Schlammenschen.
Der Älteste, ein drahtiger Mann namens Savidlin, ging auf sie zu. Die anderen warteten, Speer und Bogen bei Fuß, aber bereit. Kahlan spürte Richard dicht hinter sich. Ohne sich umzudrehen flüsterte sie ihm zu, er solle ruhig bleiben und das gleiche tun wie sie. Savidlin blieb vor ihr stehen.
»Kraft dem Konfessor Kahlan«, sagte er.
»Kraft dir, Savidlin, und dem Volk der Schlammenschen«, erwiderte sie in deren Sprache.
Savidlin schlug ihr fest ins Gesicht. Sie schlug ebenso fest zurück. Sofort hörte Kahlan, wie Richard klirrend sein Schwert zog. Sie wirbelte herum.
»Richard, nein!« Er hatte das Schwert erhoben. »Nein!« Sie packte seine Handgelenke. »Ich hab' dir doch gesagt, du sollst ruhig bleiben und dasselbe tun wie ich.«
Sein Blick zuckte von Savidlins Augen zu ihren. Die enthemmte Wut stand in seinen Augen, die Magie war bereit zum tödlichen Schlag. Er biß die Zähne zusammen. »Wenn sie dir die Kehle aufschlitzen, soll ich sie mir dann vielleicht auch aufschlitzen lassen?«
»Das ist ihre Art der Begrüßung. Es soll den Respekt vor der Kraft des anderen bekunden.« Er runzelte die Stirn und zögerte. »Tut mir leid, ich hätte dich warnen sollen. Steck das Schwert weg, Richard.«
Sein Blick schwankte zwischen den beiden hin und her, bevor er nachgab und das Schwert verärgert zurück in die Scheide schob. Erleichtert wandte sie sich den Schlammenschen zu. Richard stellte sich schützend neben sie. Savidlin und die anderen hatten die Szene in aller Ruhe verfolgt. Die Worte verstanden sie nicht, doch schienen sie ihre Bedeutung zu ahnen. Savidlin wandte den Blick von Richard ab und sah Kahlan an.
»Wer ist dieser zornige Mann?«
»Sein Name ist Richard. Er ist der Sucher.«
Unter den anderen Männern des Jagdtrupps erhob sich Gemurmel. Savidlin sah Richard in die Augen.
»Kraft dem Sucher Richard.«
Kahlan übersetzte ihm, was er gesagt hatte. Der Zorn stand ihm immer noch ins Gesicht geschrieben.
Savidlin trat vor und schlug Richard, jedoch nicht mit der flachen Hand wie Kahlan, sondern mit der Faust. Sofort antwortete Richard mit einem kräftigen Hieb, der Savidlin von den Füßen holte und ausgestreckt auf den Rücken warf. Benommen streckte er alle viere von sich. Die Waffen wurden fester gepackt. Richard richtete sich auf und warf den Männern einen warnenden Blick zu, der sie an Ort und Stelle festwachsen ließ.
Savidlin stützte sich auf eine Hand und rieb sich das Kinn mit der anderen. Er grinste über das ganze Gesicht. »Noch nie hat jemand solchen Respekt vor meiner Kraft bekundet! Dies ist ein weiser Mann.«