»Darken Rahl ist auf der Suche nach einem Zauber, der ihm die Macht gibt, alle zu beherrschen, auch das Volk der Schlammenschen. Ich bin ebenfalls auf der Suche nach diesem Zauber, damit ich ihm diese Macht versagen kann. Ich möchte, daß ihr eine Versammlung der Propheten einberuft, damit ihr mir sagen könnt, wo ich diesen Zauber finden kann, bevor es zu spät ist und ihn Rahl vielleicht als erster findet.«
Toffalars Gesicht wurde härter. »Für Fremde berufen wir keine Versammlungen ein.«
Kahlan sah, wie Richard wütend wurde und Mühe hatte, sich zu beherrschen. Ohne den Kopf zu bewegen, ließ sie den Blick in die Runde schweifen und schätzte ab, wo jeder saß, wo die Männer mit den Waffen waren, für den Fall, daß sie sich den Weg nach draußen freikämpfen mußten. Sie schätzte die Chance zu entkommen nicht besonders gut ein. Hätte sie ihn doch nie hierhergebracht.
Mit Feuer in den Augen betrachtete Richard die Dorfbevölkerung, dann wieder die Ältesten. »Als Gegenleistung für den Regen möchte ich euch nur bitten, nicht sofort zu entscheiden. Überlegt euch erst, wie ihr mich einschätzen wollt.« Er versuchte, ruhig zu bleiben, aber die Bedeutung seiner Worte war unmißverständlich. »Denkt sorgfältig darüber nach. Von eurer Entscheidung hängen viele Menschenleben ab. Meins. Kahlans. Und eure.«
Beim Übersetzen hatte Kahlan plötzlich den Eindruck, daß Richard nicht zu den Ältesten sprach. Er sprach zu jemand anderem. Plötzlich fühlte sie dessen Blicke. Sie ließ den Blick über die Menge schweifen. Die Augen aller waren auf die beiden gerichtet. Sie wußte nicht, welches Paar sie spürte.
»Schon«, verkündete Toffalar schließlich. »Bis zu unserer Entscheidung könnt ihr beide euch frei unter unserem Volk bewegen. Erfreut euch an allem, was wir haben, teilt unsere Speisen und Häuser.«
Es regnete leicht, als die Dorfältesten zu den Gemeinschaftsgebäuden aufbrachen. Die Menge machte sich wieder an die Arbeit, die Kinder wurden verscheucht. Savidlin blieb bis zuletzt. Lächelnd bot er an, ihnen zu helfen, sollten sie etwas brauchen. Sie bedankte sich, und er stapfte im Regen davon. Kahlan und Richard saßen allein auf dem nassen Holzboden, wichen dem Regen aus, der durch das Dach tröpfelte. Der geflochtene Teller mit Tavabrot und die Schale mit gerösteten Pfefferschoten standen noch da. Sie beugte sich vor und nahm von jedem eins und wickelte den Pfeffer in das Brot. Sie reichte es Richard und machte sich selbst auch eins.
»Bist du böse auf mich?« fragte er.
»Nein«, gab sie lächelnd zu. »Ich bin stolz auf dich.«
Ein Kleinjungengrinsen zeigte sich auf seinem Gesicht. Er begann zu essen, mit rechts, stopfte das Brot in sich hinein. Als er den letzten Bissen hinuntergeschlungen hatte, redete er weiter.
»Sieh über meine rechte Schulter. Dort lehnt ein Mann an einer Mauer. Langes graues Haar, die Arme über der Brust verschränkt. Weißt du, wer das ist?«
Kahlan biß ein Stück Brot und Pfeffer ab und warf kauend einen Blick über seine Schulter.
»Das ist der Vogelmann. Ich weiß nichts über ihn, außer daß er Vögel herbeirufen kann.«
Richard nahm das nächste Stück Brot, rollte es ein und biß ein Stück ab. »Ich glaube, wir sollten uns mal mit ihm unterhalten.«
»Warum?«
Richard sah sie von unten herauf an. »Weil er hier das Sagen hat.«
Kahlan runzelte die Stirn. »Das Sagen haben die Dorfältesten.«
Richard lächelte aus dem Mundwinkel. »Die wahre Macht wird nicht öffentlich verwaltet.« Er sah sie aus seinen stechend grauen Augen an. »Die Dorfältesten sind nur für den Schein. Sie werden verehrt, daher setzt man sie den anderen vor. Wie die Schädel auf den Pfählen, nur daß sie noch die Haut darauf haben. Sie haben Autorität, weil man sie schätzt, aber das Sagen haben sie nicht.« Mit einer raschen Bewegung seiner Augen deutete Richard auf den Vogelmann, der an der Wand hinter ihm lehnte. »Das hat er.«
»Warum hat er sich dann nicht zu erkennen gegeben?«
»Weil«, er grinste, »er herausfinden möchte, wie schlau wir sind.«
Richard stand auf und reichte ihr die Hand. Sie stopfte sich den Rest Brot in den Mund und wischte sich die Hände an der Hose ab. Als er Kahlan aufhalf, mußte sie daran denken, wie sehr ihr diese kleine Geste gefiel. Das hatte noch niemand getan. Bei ihm schien alles so einfach.
Sie gingen durch Matsch und kalten Regen zum Vogelmann. Er lehnte noch immer an der Wand und verfolgte mit seinen stechenden, braunen Augen, wie sie näher kamen. Er hatte langes, meist silbergraues Haar. Es hing ihm über die Schultern und fiel auf das Wildlederhemd, das zu seinen Hosen paßte. Seine Kleider waren schmucklos, doch um seinen Hals hing ein Lederriemen. Er war weder alt noch jung, sah noch recht gut aus und war ungefähr so groß wie sie. Die Haut seines wettergegerbten Gesichts wirkte ebenso zäh wie seine Wildlederkleidung.
Sie traten vor ihn. Noch immer lehnte er mit den Schultern an der Wand, stützte den einen Fuß gegen die verputzten Ziegel, reckte sein Knie vor. Mit verschränkten Armen betrachtete er ihre Gesichter.
Richard verschränkte ebenfalls die Arme. »Ich würde gerne mit dir sprechen, es sei denn, du hast Angst, ich könnte eine Seele sein.«
Der Vogelmann sah sie an, als sie übersetzte, dann sah er wieder zu Richard.
»Ich habe bereits Seelen gesehen«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Sie tragen keine Schwerter.«
Kahlan übersetzte. Richard mußte lachen. Ihm gefiel, wie locker er geantwortet hatte.
»Ich habe auch schon Seelen gesehen, und du hast recht, sie tragen tatsächlich keine Schwerter.«
Ein dünnes Lächeln verzog die Mundwinkel des Vogelmannes. Er löste seine Arme und richtete sich auf. »Kraft dem Sucher.« Er verpaßte Richard einen Klaps.
»Kraft dem Vogelmann«, sagte der und erwiderte den Klaps.
Der Vogelmann ergriff den Gegenstand, der an der Lederschnur um seinen Hals hing und führte ihn an die Lippen. Seine Wangen blähten sich, und er blies, doch war kein Ton zu hören. Er ließ die Pfeife fallen und breitete die Arme aus, ohne Richards Blick auszuweichen. Nach einer Weile kam kreisend ein Habicht aus dem grauen Himmel und ließ sich auf seinem ausgestreckten Arm nieder. Er plusterte die Federn auf, glättete sie, blinzelte mit den schwarzen Augen und drehte dabei den Kopf in kurzen, ruckartigen Bewegungen.
»Kommt«, sagte der Vogelmensch. »Unterhalten wir uns.«
Er führte sie zwischen den großen Gemeinschaftsgebäuden hindurch nach hinten zu einem kleineren Haus, das etwas abseits von den anderen stand. Kahlan kannte das Haus ohne Fenster, obwohl sie es noch nie betreten hatte. Es war das Haus der Seelen, in dem die Versammlungen abgehalten wurden.
Der Habicht blieb auf dem Arm sitzen, als der Vogelmann die Tür aufstieß und sie bat, einzutreten. In einer Vertiefung am hinteren Ende brannte ein kleines Feuer und erhellte den ansonsten dunklen Raum ein wenig. Ein Loch in der Decke über dem Feuer ließ den Rauch abziehen, wenn auch nur schlecht, so daß es beißend rauchig stank. Überall auf dem Boden standen Tonschalen herum, die von einer früheren Mahlzeit übriggeblieben waren, und auf einem Bretterregal an einer Wand lag ein gutes Dutzend Ahnenschädel. Abgesehen davon war der Raum leer. Der Vogelmann fand eine Stelle fast in der Mitte des Raumes, wo kein Regen durchtropfte, und ließ sich auf dem Lehmboden nieder. Richard und Kahlan setzten sich Seite an Seite ihm gegenüber. Der Habicht verfolgte ihre Bewegungen.
Der Vogelmann sah Kahlan in die Augen. Offenbar war er es gewohnt, daß Menschen Angst hatten, wenn sie ihn ansahen, auch wenn es unberechtigt war. Sie wußte es, weil es ihr genauso ging. Diesmal entdeckte er keine Angst.
»Mutter Konfessor, Ihr habt noch keinen Begleiter erwählt.« Sanft strich er dem Habicht über den Kopf, während er sie beobachtete.
Kahlan gefiel sein Ton nicht. Er wollte sie auf die Probe stellen. »Nein. Wollt Ihr Euch selber anbieten?«