Er lächelte dünn. »Nein. Ich muß mich entschuldigen. Ich wollte Euch nicht beleidigen. Warum befindet Ihr euch nicht in Begleitung eines Zauberers?«
»Bis auf zwei sind alle Zauberer tot. Und von diesen zweien hat einer sich bei einer Königin verdingt. Der andere wurde von einem Monster aus der Unterwelt niedergeschlagen und liegt in tiefem Schlaf. Es gibt keinen mehr, der mich beschützen könnte. Alle anderen Konfessoren sind getötet worden. Wir leben in einer finsteren Zeit.«
Seine Augen machten einen aufrichtig mitfühlenden Eindruck, seine Stimme dagegen noch immer nicht. »Für einen Konfessor ist das Alleinsein gefährlich.«
»Richtig. Und für einen Mann ist es gefährlich, mit einem Konfessor allein zu sein, der dringend etwas braucht. Meiner Ansicht nach schwebt Ihr in größerer Gefahr als ich.«
»Vielleicht«, sagte er und streichelte den Habicht. Er lächelte erneut dünn. »Vielleicht. Und dieser Mann hier ist ein echter Sucher? Von einem Zauberer ernannt?«
»Ja.«
Der Vogelmann nickte. »Es ist viele Jahre her, seit ich einen echten Sucher gesehen habe. Einmal ist hier ein Sucher aufgetaucht, der kein echter Sucher war. Er hat viele aus meinem Volk getötet, als wir ihm nicht geben wollten, was er verlangte.«
»Das tut mir leid«, sagte sie.
Er schüttelte langsam den Kopf. »Braucht es nicht. Sie sind sehr schnell gestorben. Der Sucher sollte dir leid tun, er starb nicht so schnell.« Der Habicht sah sie an und blinzelte.
»Ich habe noch keinen falschen Sucher gesehen, dafür aber diesen hier, wenn er in Wut gerät. Glaubt mir, Ihr und Euer Volk dürft ihm niemals einen Grund geben, sein Schwert aus Wut zu ziehen. Er weiß, wie man sich den Zauber zunutze macht, ich habe sogar gesehen, wie er böse Geister niederstreckt.«
Einen Augenblick lang betrachtete er ihre Augen, als wollte er prüfen, ob sie die Wahrheit sagte. »Danke für die Warnung. Ich werde an Eure Worte denken.«
Endlich meldete sich Richard zu Wort. »Seid ihr endlich fertig mit den Drohgebärden?«
Kahlan sah ihn überrascht an. »Ich dachte, du könntest ihre Sprache nicht verstehen?«
»Kann ich auch nicht. Aber ich sehe es an den Augen. Wenn Blicke Funken sprühen könnten, stände dieses Haus in Flammen.«
Kahlan drehte sich wieder zu dem Vogelmann um. »Der Sucher möchte wissen, ob wir mit den gegenseitigen Drohungen fertig sind.«
Er sah kurz zu Richard hinüber. »Er ist ungeduldig, hab' ich recht?«
Sie nickte. »Das habe ich ihm auch schon gesagt. Er streitet es ab.«
»Mit ihm zu reisen ist bestimmt anstrengend.«
Kahlan mußte lächeln. »Überhaupt nicht.«
Der Vogelmann erwiderte ihr Lächeln und richtete seinen Blick auf Richard. »Und wenn wir beschließen, dir nicht zu helfen, wie viele von uns wirst du dann töten?«
Kahlan übersetzte, während er sprach.
»Keinen.«
Der Vogelmann betrachtete den Habicht und fragte: »Und wenn wir beschließen, Darken Rahl nicht zu helfen, wie viele wird er dann von uns töten?«
»Sehr viele, früher oder später.«
Er ließ vom Habicht ab, und warf Richard einen stechenden Blick zu. »Das klingt, als wolltest du uns überreden, Darken Rahl zu helfen.«
Richard mußte grinsen. »Solltest du dich entschließen, mir nicht zu helfen und neutral zu bleiben, so töricht das auch wäre, so ist das dein gutes Recht. Ich werde niemandem aus deinem Volk etwas tun. Rahl dagegen schon. Ich werde weiter gegen ihn kämpfen, bis zum letzten Atemzug, wenn es sein muß.« Sein Gesicht nahm einen bedrohlichen Ausdruck an. Er beugte sich vor. »Solltest du dich andererseits jedoch entschließen, Darken Rahl zu unterstützen, und ich gewinne, dann werde ich zurückkommen und…« Er fuhr sich mit dem Finger über die Kehle und machte eine Geste, die keiner Übersetzung bedurfte.
Der Vogelmann saß da mit versteinerter Miene. »Wir wollen nur in Frieden gelassen werden«, sagte er schließlich.
Richard zuckte mit den Achseln und senkte den Blick. »Das kann ich verstehen. Ich möchte auch gerne in Frieden gelassen werden.« Er hob den Kopf. »Darken Rahl schickt mir böse Geister, die aussehen wie mein Vater, den er umgebracht hat, und die mich verfolgen. Er schickt Männer aus, die Kahlan töten sollen. Er läßt die Grenze zusammenbrechen, um meine Heimat zu überfallen. Seine Diener haben zwei meiner ältesten Freunde niedergeschlagen. Sie liegen in tiefem Schlaf, dem Tode nahe, aber wenigstens werden sie überleben. Wenn er nicht beim nächsten Mal mehr Erfolg hat. Kahlan hat mir erzählt, wie viele er auf dem Gewissen hat. Kinder. Die Geschichten würden dir das Herz brechen.« Er nickte, seine Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern. »Ja, mein Freund, auch ich würde gerne in Frieden gelassen werden. Am ersten Tag des Winters, vorausgesetzt, Darken Rahl gelingt es, den Zauber zu finden, den er sucht, wird er über eine Macht verfügen, der sich niemand widersetzen kann. Dann ist es zu spät.« Er griff nach dem Schwert. Kahlan riß die Augen auf. »Säße er hier an meiner Stelle, er würde dieses Schwert ziehen und deine Hilfe oder deinen Kopf verlangen.« Er ließ das Schwert los. »Das ist der Grund, mein Freund, weshalb ich dir nichts tun kann, auch wenn du dich entscheidest, mir nicht zu helfen.«
Der Vogelmann saß eine Weile schweigend da und rührte sich nicht. »Eins begreife ich jetzt. Ich will weder Darken Rahl zum Feind noch dich.« Er stand auf und ging zur Tür, warf den Habicht in die Luft. Der Vogelmann nahm wieder Platz und atmete schwer unter der Last seiner Gedanken. »Deine Worte scheinen wahr zu sein, aber genau kann ich das noch nicht wissen. Du willst offenbar, daß wir dir helfen, gleichzeitig willst du uns helfen. Ich glaube, du meinst es ernst damit. Ein weiser Mann, wer Hilfe durch Hilfe zu gewinnen sucht, und nicht durch Drohungen oder Tricks.«
»Wenn ich deine Hilfe durch Tricks hätte gewinnen wollen, hätte ich dich in dem Glauben gelassen, ich sei eine Seele.«
Die Mundwinkel des Vogelmannes verzogen sich zu einem dünnen Lächeln. »Bei einer Versammlung hätten wir die Wahrheit herausgefunden. Ein weiser Mann hätte auch das geahnt. Aus welchem Grund erzählst du uns also die Wahrheit? Hast du uns nicht hereinlegen wollen, oder hattest du Angst davor?«
Richard lächelte ebenfalls. »Soll ich die Wahrheit sagen? Beides.«
Der Vogelmann nickte. »Du sprichst die Wahrheit, und ich danke dir dafür.«
Richard saß schweigend da und atmete erleichtert auf. »Jetzt habe ich dir also meine Geschichte erzählt. Ob sie wahr ist oder nicht, mußt du entscheiden. Die Zeit läuft gegen mich. Wirst du mir helfen?«
»So einfach ist das nicht. Ich biete meinem Volk Orientierung. Sie bitten mich um Führung. Würdest du um Lebensmittel bitten, könnte ich sagen ›gebt ihm etwas zu essen‹, und sie würden es tun. Aber du hast um eine Versammlung gebeten. Das ist etwas anderes. Der Rat der Propheten besteht aus den sechs Dorfältesten, mit denen du gesprochen hast, und aus mir. Es sind alte Männer, sehr festgelegt in ihrer Meinung. Noch nie hat man einem Fremden eine Versammlung gewährt, noch nie ist zugelassen worden, daß jemand den Frieden unserer Ahnenseelen stört. Die sechs werden schon bald zu den Ahnenseelen gehören, und der Gedanke, aus der Welt der Seelen auf Wunsch eines Außenstehenden herbeizitiert zu werden, wird ihnen nicht gefallen. Brechen sie mit dieser Tradition, werden sie immer an dieser Last zu tragen haben. Ich kann ihnen nicht befehlen, das zu tun.«
»Es geht nicht nur um den Wunsch eines Fremden«, sagte Kahlan und übersetzte für beide, »es hilft auch den Schlammenschen, wenn sie uns helfen.«