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»Am Ende vielleicht«, meinte der Vogelmann, »am Anfang jedoch nicht

»Und wenn ich zum Volk der Schlammenschen gehören würde?« fragte Richard. Er kniff die Augen zusammen.

»Dann werden sie die Versammlung für dich einberufen, ohne die Tradition verletzen zu müssen

»Könntest du mich zu einem Schlammenschen machen?«

Das silbergraue Haar des Vogelmannes leuchtete im Schein der Flammen, während er es sich durch den Kopf gehen ließ. »Du müßtest erst etwas tun, das für unser Volk von Nutzen ist, das ihm guttut und aus dem du keinen Vorteil für dich selber ziehst. Damit hättest du bewiesen, wie wohlgesonnen du uns bist. Wenn wir dir dann nicht versprechen müßten, dir zu helfen, und die Ältesten einverstanden sind, dann vielleicht

»Und sobald du mich zu einem der Schlammenschen ernannt hast, könnte ich um eine Versammlung bitten?«

»Wenn du einer von uns wärst, wüßten sie, daß dir unser Wohl am Herzen liegt. Sie würden den Rat der Propheten einberufen, um dir zu helfen

»Und wenn sie den Rat einberiefen, könnten sie mir dann auch verraten, wo sich das befindet, was ich suche?«

»Das kann ich nicht beantworten. Manchmal weigern sich die Seelen, unsere Fragen zu beantworten, manchmal wissen sie die Antworten nicht. Niemand kann dir unsere Hilfe versprechen, selbst wenn wir eine Versammlung einberufen. Ich kann dir nur zusagen, daß wir unser Bestes geben werden

Richard blickte zu Boden und dachte nach. Mit dem Finger schob er ein wenig Erde in eine Pfütze, die sich dort gebildet hatte, wo der Regen durchtropfte.

»Kahlan«, sagte er ruhig, »kennst du sonst noch jemanden, der die Macht hat, uns zu sagen, wo das Kästchen ist?«

Kahlan hatte bereits den ganzen Tag darüber nachgedacht. »Ja. Ich weiß aber nicht, ob die, die ich kenne, dazu bereit wären, uns wie die Schlammmenschen zu helfen. Manche würden uns töten, nur weil wir fragen.«

»Nun, wie weit sind die entfernt, die uns nicht gleich deswegen töten würden?«

»Drei Wochen mindestens. Richtung Norden. Durch Gebiete, die Rahl in seiner Gewalt hat.«

»Drei Wochen«, wiederholte Richard schwer enttäuscht.

»Aber Richard, der Vogelmann kann uns herzlich wenig versprechen. Wenn du eine Möglichkeit findest, ihnen zu helfen, wenn die Dorfältesten einverstanden sind, wenn sie den Vogelmann bitten, dich zu einem Schlammenschen zu ernennen, wenn der Rat der Propheten eine Antwort erhält, wenn die Seelen die Antwort überhaupt wissen … wenn, wenn, wenn. Viele Möglichkeiten, einen falschen Schritt zu tun.«

»Hast du nicht selbst gesagt, ich müßte sie für uns gewinnen?« fragte er mit einem Lächeln.

»Stimmt.«

»Also, was meinst du? Glaubst du, wir sollten bleiben und versuchen, sie dazu zu bringen, uns zu helfen, oder sollen wir losziehen und die Antwort woanders suchen?«

Sie schüttelte langsam den Kopf. »Ich denke, du bist der Sucher, und du wirst entscheiden müssen.«

Er lächelte. »Wir sind Freunde. Ich könnte deinen Rat gebrauchen.«

Sie klemmte sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Dabei hängt auch mein Leben von der Richtigkeit der Entscheidung ab. Als dein Freund vertraue ich dir; du wirst schon einen weisen Entschluß fällen.«

Grinsend meinte er: »Und wenn ich die falsche Entscheidung treffe, wirst du mich dann hassen?«

Sie blickte in seine grauen Augen, Augen, die in sie hineinsehen und sie vor Sehnsucht schwach werden lassen konnten. »Selbst wenn du dich falsch entscheidest und es mich das Leben kostet«, hauchte sie und würgte den Kloß im Hals hinunter, »selbst dann könnte ich dich niemals hassen.«

Er vermied es, sie anzusehen und starrte einen Augenblick lang in den Staub. Dann sah er wieder den Vogelmann an. »Mag dein Volk Dächer, die leck sind?«

Der Vogelmann sah ihn erstaunt an. »Wie würde es dir gefallen, wenn dir das Wasser im Schlaf ins Gesicht tropft?«

Richard lächelte und schüttelte den Kopf. »Warum baut ihr dann keine Dächer, die dicht sind?«

Der Vogelmann zuckte mit den Achseln. »Weil es unmöglich ist. Wir haben nichts anderes. Lehmziegel sind zu schwer und würden herunterfallen. Holz ist zu selten, es muß über weite Strecken herangeschleppt werden. Gras ist alles, was wir haben, und das leckt eben

Richard nahm eine der Tonschalen in die Hand und stellte sie verkehrt herum unter eines der Lecks. »Ihr habt den Ton, aus dem ihr die Töpferwaren macht.«

»Unsere Ofen sind klein, eine so große Schale könnten wir nicht herstellen. Außerdem würde sie Risse bekommen und ebenfalls undicht werden. Es ist unmöglich

»Es ist ein Fehler, zu meinen, etwas sei unmöglich, nur weil man nicht weiß, wie man es angehen soll. Ich wäre sonst nicht hier.« Er sagte es mit Bedacht, ohne jede Bosheit. »Dein Volk ist stark und klug. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn der Vogelmann mir gestatten würde, seinem Volk beizubringen, wie man dichte Dächer herstellt, durch die gleichzeitig noch der Rauch abziehen könnte.«

Der Vogelmann ließ sich den Vorschlag durch den Kopf gehen, ohne irgendwelche Regungen zu zeigen. »Wenn dir das gelänge, wäre dies für mein Volk von großem Vorteil. Man wäre dir sehr dankbar. Aber darüber hinaus kann ich dir nichts versprechen

Richard zuckte mit den Achseln. »Ich habe auch nicht darum gebeten.«

»Die Antwort könnte dennoch ›nein‹ lauten, das mußt du annehmen, ohne meinem Volk Schaden zuzufügen

»Ich werde für dein Volk mein Bestes geben und hoffe darauf, daß sie mich gerecht beurteilen.«

»Es steht dir frei, es zu versuchen. Trotzdem sehe ich nicht, wie du ein Lehmdach herstellen willst, das nicht leckt

»Ich werde ein Dach für euer Haus der Seelen machen, das tausend Risse hat und doch nicht leckt, und ich werde euch beibringen, wie ihr so etwas selber herstellen könnt.«

Der Vogelmann lächelte und nickte kurz.

24

»Ich hasse meine Mutter.«

Der Meister saß mit untergeschlagenen Beinen im Gras, blickte hinab in das verbitterte Gesicht des Jungen und wartete einen Augenblick, bevor er antwortete. »Das ist eine sehr heftige Äußerung, Carl. Du sollst nichts sagen, was du später bereust, wenn du darüber nachgedacht hast.«

»Ich habe reichlich darüber nachgedacht«, fuhr Carl auf. »Wir haben lange darüber geredet. Ich weiß jetzt, wie sie mich getäuscht haben. Wie sie nur an sich denken.« Er kniff die Augen zusammen. »Sie sind Feinde des Volkes.«

Rahl sah hoch zu den Fenstern, wo die letzten Strahlen des schwindenden Sonnenlichts die Wolkenfetzen wunderschön tiefrot verfärbten und mit einem Goldrand versahen. Heute. Heute, endlich, war der Abend gekommen, an dem er in die Unterwelt zurückkehren würde.

Die meisten langen Tage und Nächte hatte er den Jungen mit dem besonderen Haferschleim wach gehalten, ihm das Schlafen nur für kurze Zeit gestattet, ihn wachgehalten, um ihn zu bearbeiten, bis sein Kopf leer war und er geformt werden konnte. Endlos hatte er auf den Jungen eingeredet, ihn davon überzeugt, andere hätten ihn benutzt, mißbraucht, angelogen. Gelegentlich hatte er den Jungen sich selbst überlassen, damit er darüber nachdenken konnte, was er ihm erzählt hatte, und die Entschuldigung dazu benutzt, das Grab seines Vaters aufzusuchen und noch einmal die geheimen Inschriften zu lesen oder etwas Ruhe zu schöpfen.

Und dann, gestern abend, hatte er dieses Mädchen zu sich ins Bett genommen, um ein wenig zu entspannen: eine unbedeutende, vorübergehende Ablenkung. Ein zartes Zwischenspiel, das Gefühl des zarten Fleisches einer anderen auf seinem, um seine angestaute Erregung abzubauen. Eigentlich hätte sie sich geehrt fühlen müssen, besonders, nachdem er so zärtlich, so charmant um sie geworben hatte. Sie war versessen genug gewesen, mit ihm zusammenzusein. Aber was hatte sie dann getan? Sie hatte gelacht. Sie hatte gelacht, als sie seine Narben sah. Rahl mußte sich alle Mühe geben, um nicht die Beherrschung zu verlieren, als er jetzt daran dachte, mußte sich zusammenreißen, um dem Jungen sein Lächeln zu zeigen und seine Ungeduld zu verbergen. Er dachte daran, was er dem Mädchen angetan hatte, an die Heiterkeit seiner ungehemmten Brutalität, an ihre herzzerreißenden Schreie, und schon fiel ihm das Lächeln leichter. Sie würde bestimmt nicht mehr über ihn lachen.