»Carl«, sagte er in heiserem Flüstern, »ich liebe dich.«
»Ich liebe dich, Vater Rahl.«
Rahl schloß langsam die Augen. »Lege deinen Mund an das Horn, mein Junge, und halte fest.«
Während Carl tat, wie ihm geheißen, intonierte Rahl klopfenden Herzens den letzten Spruch. Das Knistern und Zischen der Fackeln vermischte sich mit dem Klang des Zauberspruchs. Und dann schüttete er den Inhalt des Tiegels in das Horn.
Carl riß die Augen auf und schluckte gegen seinen Willen, als das geschmolzene Blei ihn erreichte und sich in seinen Körper fraß.
Darken Rahl zitterte vor Erregung. Er ließ den leeren Tiegel zu Boden gleiten.
Der Meister stimmte den nächsten Zauberspruch an, der die Seele des Jungen in die Unterwelt begleiten sollte. Er sprach die Worte, ein jedes in der angemessenen Reihenfolge, machte den Weg in die Unterwelt frei, in die Leere, ins dunkle Nichts. Dunkle Gestalten umwirbelten ihn mit in die Höhe gereckten Armen. Ihr entsetzliches Gebrüll füllte die Nachtluft. Darken Rahl trat vor den kalten Steinaltar, kniete nieder, breitete die Arme über ihm aus und legte sein Gesicht darauf. Er sprach Worte einer uralten Sprache, die die Seele des Jungen mit seiner verbinden würden. Das Aufsagen der nötigen Sprüche dauerte nicht lange. Als er fertig war, erhob er sich, die Fäuste an der Seite, sein Gesicht gerötet. Demmin Nass trat aus der Dunkelheit.
Rahl richtete den Blick auf seinen Freund. »Demmin«, flüsterte er mit heiserer Stimme.
»Meister Rahl«, erwiderte der zur Begrüßung und verneigte sich.
Rahl trat gesenkten Blickes und schweißtriefend auf Demmin zu. »Hol den Jungen aus dem Boden und lege ihn auf den Altar. Nimm einen Eimer Wasser und reinige ihn.« Sein Blick fiel auf das Kurzschwert, das Demmin trug. »Breche seinen Schädel für mich auf, mehr nicht, und dann sei dir gestattet, zurückzutreten und zu warten.« Er fuhr mit der Hand über Demmins Kopf, und die Luft ringsum erbebte. »Dieser Zauber wird dich beschützen. Warte dann auf mich, bis ich kurz vor der Dämmerung zurückkehre. Ich brauche dich dann.« Er blickte gedankenverloren in die Ferne.
Demmin tat, was man von ihm verlangt hatte, und machte sich an seine grausige Aufgabe, während Rahl seinen Gesang in fremder Sprache fortsetzte und mit geschlossenen Augen wie in Trance hin und her pendelte. Demmin wischte das Schwert an seinem muskulösen Unterarm ab und steckte es in seine Scheide zurück. Er warf einen letzten Blick auf Rahl, der immer noch in Trance war. »Ich kann diesen Teil der Prozedur nicht ausstehen«, murmelte er vor sich hin. Er machte kehrt, trat wieder in den Schatten der Bäume und überließ den Meister seiner Arbeit.
Darken Rahl stellte sich hinter den Altar und atmete tief durch. Plötzlich schleuderte er seine Hand nach der Feuergrube, und Flammen züngelten donnernd empor. Er streckte beide Hände mit verrenkten Fingern aus, und schon hob sich die Eisenschale, schwebte herbei und hängte sich über das Feuer. Rahl zog sein gekrümmtes Messer aus der Scheide und legte es auf den feuchten Bauch des Jungen. Dann ließ er sein Gewand von den Schultern gleiten und auf den Boden fallen und trat es aus dem Weg. Schweiß bedeckte seinen schlanken Körper, rann in Strömen seinen Hals herab.
Seine Haut spannte sich glatt und fest über seinen wohlproportionierten Muskeln, nur auf seinem linken Oberschenkel, über einen Teil seiner Hüfte und des Unterleibes und der linken Seite seines erigierten Geschlechtsteils nicht. Dort befand sich die Narbe. Wo die Flammen an ihm gezehrt hatten. Die Flammen des alten Zauberers. Die Flammen des Zaubererfeuers, die seinen Vater verschlungen hatten, während er an seiner rechten Seite gestanden hatte. Flammen, die auch an ihm geleckt und ihn den Schmerz des Zaubererfeuers hatten fühlen lassen. Ein Feuer wie kein anderes, brennend und versengend, ein Feuer, das man nicht abschütteln konnte. Er hatte geschrien, bis seine Stimme versagte.
Darken Rahl leckte die Finger an und fuhr sich damit über die knotigen Narben. Wie hatte er sich danach gesehnt, als er gebrannt hatte, wie hatte er sich danach gesehnt, das Grauen des unerbittlichen Schmerzes und Brennens zu unterbinden. Doch die Heiler hatten es ihm verboten. Sie sagten, er dürfe den Brand nicht berühren, und so banden sie ihm die Handgelenke, damit er nicht nach unten greifen konnte. Er hatte sich die Finger geleckt und sie statt dessen über die Lippen gerieben, während er sich schüttelte und versuchte mit dem Weinen aufzuhören, und über seine Augen, um den Anblick seines Vaters fortzuwischen, der lebendig verbrannte. Monatelang hatte er gewinselt und geheult, darum gefleht, die Brandwunden berühren und lindern zu dürfen. Sie hatten ihn nicht gelassen.
Wie er den Zauberer haßte. Wie sehr er ihn töten wollte. Wie er dem Zauberer die Hand bei lebendigem Leib in den Körper rammen, ihm dabei in die Augen sehen und ihm das Herz herausreißen wollte.
Darken Rahl ließ von der Narbe ab, ergriff das Messer und verscheuchte die Gedanken an diese Zeit. Jetzt war er ein Mann. Er war der Meister. Er richtete sein Augenmerk auf die bevorstehende Aufgabe. Er flocht den passenden Zauber, dann stieß er dem Jungen das Messer in die Brust.
Sorgfältig entfernte er das Herz und legte es in die Eisenschale mit kochendem Wasser. Als nächstes nahm er das Gehirn heraus und legte es ebenfalls in die Schale. Zuletzt nahm er die Hoden und legte auch sie dazu, dann erst legte er das Messer fort. Blut mischte sich mit dem Schweiß, der seinen Körper bedeckte. Er troff ihm in dicken Fäden vom Ellenbogen. Er legte seine Arme auf den Körper und bot den Seelen Gebete an. Dann hob er den Blick zu den Fenstern, schloß die Augen und fuhr mit den Gesängen fort, die ihm mühelos über die Lippen kamen, ohne daß er hätte nachzudenken brauchen. Eine Stunde lang fuhr er fort mit den Worten der Zeremonie, während der er sich im richtigen Augenblick das Blut über die Brust schmierte.
Als er mit den Runen auf dem Grab seines Vaters fertig war, ging er zum Sand des Hexenmeisters, wo der Junge während seiner Prüfung eingegraben gewesen war. Mit den Armen glättete er den Sand, der als weiße Kruste am Blut kleben blieb. Er hockte sich hin und begann, von der Mittelachse ausgehend, den Zauberbaum sorgfältig in den Sand zu zeichnen, die jahrelang erlernten, fein verzweigten Muster zu ziehen. Konzentriert arbeitete er bis in die Nacht hinein. Sein blondes, glattes Haar hing herab, er hatte die Stirn vor Anstrengung in Falten gelegt, während er Element um Element hinzufügte, ohne einen Strich oder einen Bogen auszulassen, denn das wäre tödlich.
Als er endlich fertig war, trat er zu der heiligen Schale. Das Wasser war fast verkocht, so wie es sein sollte. Mittels Zauberkraft ließ er die Schale zurück auf den polierten Steinblock schweben und ein wenig abkühlen, bevor er einen Steinmörser ergriff und zu mahlen begann. Der Schweiß lief ihm vom Gesicht, während er Herz, Hirn und Hoden zu einer Paste zerstampfte, unter die er Zauberpulver mischte, das er aus seinem abgelegten Gewand hervorholte.
Vor dem Altar stehend, hob er die Schale in die Höhe und sprach die Anrufungsformeln. Als er fertig war, senkte er die Schale und sah sich im Garten des Lebens um. Vor seinem Eintritt in die Unterwelt warf er gerne noch einen Blick auf schöne Dinge.
Er aß mit den Fingern aus der Schale. Den Geschmack von Fleisch fand er abstoßend. Er aß nie etwas anderes als Pflanzen. Jetzt jedoch hatte er keine Wahl — was getan werden mußte, mußte getan werden. Wenn er in die Unterwelt hinabsteigen wollte, mußte er das Fleisch essen. Er ignorierte den Geschmack, aß alles auf, und versuchte sich vorzustellen, es sei Gemüsepaste. Zum Schluß leckte er sich die Finger, setzte die Schale ab und ging zum Gras vor dem weißen Sand, wo er sich mit untergeschlagenen Beinen niederließ. Sein blondes Haar war stellenweise mit Blut verklebt. Er legte die Handflächen auf die Knie, schloß die Augen, atmete tief durch und bereitete sich auf das Zusammentreffen mit der Seele des Jungen vor.
Als er endlich fertig war, alle Vorbereitungen getroffen, jeder Bann gesprochen und alle Formeln gesagt waren, hob er den Kopf. Die Augen des Meisters öffneten sich.