»Komm zu mir, Carl«, flüsterte er in der uralten Geheimsprache.
Einen Augenblick lang herrschte Totenstille, dann erschallte ein klagendes Röhren. Der Boden bebte.
Aus der Mitte des Sandes, der Mitte des Zaubers erhob sich die Seele des Jungen in der Gestalt von Shinga, dem Monster der Unterwelt.
Anfangs noch durchsichtig wie Rauch, der aus dem Sand aufsteigt, schraubte Shinga sich aus dem weißen Sand, aus der Mitte der lockenden Zeichnung auf dem Boden. Sein Kopf bäumte sich auf, als er sich mühevoll durch die Zeichnung zerrte und Dampf aus seinen geblähten Nüstern schnaubte. Rahl verfolgte ruhig, wie sich das furchterregende Monster erhob und dabei feste Gestalt annahm, den Boden aufriß, den Sand mit in die Höhe hob, wie sich seine mächtigen Hinterpranken befreiten, als es sich schließlich mit einem klagenden Laut in den Himmel reckte. Ein schwarzes Loch tat sich auf. Der Sand am Rand versank in bodenloser Finsternis. Der Shinga schwebte darüber. Stechende, braune Augen blickten auf Rahl hinunter.
»Danke, daß du gekommen bist, Carl.«
Das Monster beugte sich vor und rieb seine Nüstern an der nackten Brust des Meisters. Rahl erhob sich, streichelte Shingas Kopf, als er sich sträubte, und nahm ihm so die Ungeduld aufzubrechen. Als es schließlich beruhigt war, kletterte Rahl auf seinen Rücken und klammerte sich fest an seinen Hals.
Unter zuckenden Blitzen ringsum löste sich Shinga mit Rahl auf dem Rücken auf und verschmolz mit der schwarzen Leere und schraubte sich in die Tiefe. Beide verwandelten sich in Dampf. Der Boden bebte, und das schwarze Loch schloß sich mit einem Knirschen. Der Garten des Lebens blieb in der Stille der Nacht zurück.
Demmin Nass trat mit Schweißperlen auf der Stirn aus dem Schatten der Bäume. »Gute Reise, mein Freund«, flüsterte er, »gute Reise.«
25
Der Regen war erst einmal ausgeblieben, doch blieb der Himmel weiterhin stark bedeckt, und das schon fast solange sie zurückdenken konnte. Kahlan saß allein auf einer schmalen Bank vor der Mauer eines benachbarten Gebäudes und sah zu, wie Richard das Dach des Seelenhauses baute. Der Schweiß rann ihm über den nackten Rücken, über die Muskeln und die Narben, wo die Krallen des Gar seinen Rücken zerkratzt hatten.
Richard arbeitete zusammen mit Savidlin und einigen anderen Männern, denen er dabei gleichzeitig Unterricht erteilte. Er hatte Kahlan gesagt, er brauche sie nicht zum Übersetzen. Handarbeit war überall gleich, und wenn sie manchmal selbst überlegen mußten, dann würden sie es besser begreifen und wären stolzer auf ihr Werk. Savidlin überschüttete Richard laufend mit irgendwelchen Fragen, doch Richard grinste bloß und erklärte Dinge in einer Sprache, die die anderen nicht verstanden. Darüber hinaus bediente er sich einer Zeichensprache, die er je nach Bedarf variierte. Gelegentlich fanden die anderen das äußerst komisch, und alle lachten. Für Männer, die sich nicht verstanden, hatten sie eine Menge zusammen erreicht.
Zuerst hatte Richard ihr nicht sagen wollen, was er vorhatte, sondern ihr nur schmunzelnd erklärt, sie müsse abwarten und sehen. Er hatte als erstes einen ungefähr ein mal zwei Fuß großen Lehmblock genommen und zu einer Art Welle geformt. Die Oberfläche des Blocks bestand zur einen Hälfte aus einer konkaven, abflußähnlichen Rinne, zur anderen aus einer gerundeten Erhebung. Er hatte die Frau, die die Töpferei betrieb, gebeten, dieses Ding zu brennen. Als es fertig war, hatte er es als Form benutzt, in weitere Lehmblöcke gedrückt und dabei den dicken Teil ausgehöhlt, damit er beim Hartwerden im Feuer keinen Sprung bekam. Dann befestigte er rechts und links zwei gleich starke Hölzer auf einem glatten Brett und plazierte einen weichen Lehmklumpen in der Mitte. Mit einer Holzrolle rollte er den Lehm aus, wobei er die beiden Holzstreifen als Maß für die Stärke benutzte. Nachdem er dann den Überhang oben und unten abgeschnitten hatte, erhielt er Lehmtafeln gleicher Größe und Stärke, die er über die Formen legte und glättete. Mit einem Stock stach er Löcher in die beiden oberen Ecken. Die Frauen verfolgten ihn auf Schritt und Tritt und sahen sich genau an, was er tat, also nahm er auch ihre Hilfe in Anspruch. Schon bald hatte er einen ganzen Trupp lächelnder, schwatzender Frauen, die die Tafeln formten und ihm zeigten, wie man es besser hinkriegte. Sobald die Tafeln trocken waren, konnte man sie aus den Formen ziehen. Während sie gebrannt wurden, stellten die vor Neugier völlig aufgedrehten Frauen weitere her. Sie wollten wissen, wie viele sie brennen sollten. Er meinte, sie sollten einfach weiterarbeiten.
Richard überließ sie ihrer neuen Aufgabe, betrat das Haus der Seelen und ging daran, aus Lehmziegeln eine Feuerstelle zu bauen. Savidlin lief ihm die ganze Zeit hinterher und versuchte, alles zu lernen.
»Du stellst Dachziegel aus Lehm her, stimmt's?« hatte Kahlan ihn gefragt.
»Ja«, hatte er lächelnd geantwortet.
»Ich habe auch schon Strohdächer gesehen, die nicht durchlässig sind.«
»Ich auch.«
»Und warum überholst du dann nicht einfach ihre Grasdächer, bis sie dicht sind?«
»Weißt du, wie man Strohdächer baut?«
»Nein.«
»Ich auch nicht. Aber ich weiß, wie man Ziegeldächer herstellt, also mache ich das.«
Während er die Feuerstelle baute und Savidlin zeigte, wie es gemacht wurde, ließ er das Grasdach abnehmen, bis ein Balkenskelett stehenblieb, das über die ganze Länge des Hauses reichte, und an dem zuvor die einzelnen Grasschichten befestigt gewesen waren. Jetzt sollten daran die Lehmziegel befestigt werden. Die Ziegel reichten von einer Balkenreihe bis zur nächsten, wobei das untere Ende auf dem ersten, das obere auf dem zweiten zu liegen kam und die Löcher zum Festzurren benutzt wurden. Die zweite Ziegelreihe wurde so angelegt, daß sich ihr unteres Ende mit dem oberen der ersten überlappte und so die Löcher zum Festzurren bedeckte. Dank ihrer wellenähnlichen Form griffen sie ineinander. Da die Lehmziegel schwerer waren als das Stroh, hatte Richard die Pfähle von unten mit Stützen parallel zur Dachschräge und mit Querbalken abgesichert.
Das halbe Dorf schien an dem Werk beteiligt zu sein. Von Zeit zu Zeit kam der Vogelmann, um den Fortgang zu begutachten und war erfreut über das, was er sah. Manchmal setzte er sich schweigend zu Kahlan, gelegentlich sprach er mit ihr, meist jedoch sah er einfach nur zu. Hin und wieder ließ er eine Frage über Richards Charakter einfließen.
Kahlan blieb die meiste Zeit allein, während Richard arbeitete. Die Frauen nahmen ihr Angebot zu helfen nicht an, die Männer blieben auf Distanz und beobachteten sie aus den Augenwinkeln, und die jungen Mädchen waren viel zu schüchtern, um es über sich zu bringen, sie anzusprechen. Gelegentlich sah sie, wie sie dastanden und sie anstarrten. Wenn sie sie nach ihren Namen fragte, lächelten sie bloß schüchtern und liefen davon. Die kleinen Kinder wollten zu ihr, doch ihre Mütter hielten sie in sicherer Entfernung. Sie durfte weder beim Kochen helfen noch bei der Herstellung der Ziegel. Ihre Annäherungsversuche wurden höflich mit der Entschuldigung zurückgewiesen, sie sei ein Ehrengast.
Sie wußte es besser. Sie war Konfessor. Sie hatten Angst vor ihr.
Kahlan war diese Haltung gewohnt, die Blicke und das Getuschel.
Es berührte sie nicht mehr so wie früher, als sie jünger gewesen war. Sie mußte daran denken, wie ihr ihre Mutter lächelnd versichert hatte, die Menschen seien eben so, davon dürfe sie sich nicht verbittern lassen, eines Tages würde sie darüberstehen. Sie hatte geglaubt, all dies würde sie kaltlassen, keine Rolle für sie spielen. So war sie nun einmal, so war das Leben, das ihr vieles versagte, was andere Menschen kannten. Doch das war gewesen, bevor sie Richard getroffen hatte. Bevor er ihr Freund geworden war, sie anerkannt hatte, mit ihr gesprochen und sie wie einen normalen Menschen behandelt hatte. Bevor er sie mochte.
Allerdings wußte Richard nicht, was es mit ihr auf sich hatte.
Wenigstens war Savidlin freundlich zu ihr gewesen. Er hatte sie und Richard in sein kleines Zuhause mit zu Weselan, seiner Frau und Siddin, ihrem kleinen Jungen, genommen und ihnen auf dem Boden einen Platz zum Schlafen angeboten. Savidlin hatte zwar sehr hartnäckig darauf bestehen müssen, doch dann hatte Weselan Kahlan sehr gastfreundlich in ihrem Haus aufgenommen, ohne ihr hinter dem Rücken ihres Mannes die kalte Schulter zu zeigen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot. Abends, wenn es zum Arbeiten zu dunkel war, hockte Siddin mit großen Augen neben Kahlan auf dem Fußboden und lauschte ihren Geschichten über Könige und Burgen, über ferne Länder und wilde Tiere. Er krabbelte ihr dann auf den Schoß, bettelte um weitere Geschichten und drückte sie. Die Tränen traten ihr in die Augen, wenn sie daran dachte, wie Weselan dies einfach zuließ, ohne ihn wegzuziehen, und wie sie die Freundlichkeit besaß, ihre Furcht nicht zu zeigen. Wenn Siddin schlafen gegangen war, erzählten sie und Richard den beiden Geschichten über ihre Reise von Westland hierher. Savidlin wußte Erfolge im Kampf zu würdigen und lauschte mit fast ebenso staunenden Augen wie sein Sohn.