Sollte eines Tages einer der Dorfältesten sterben, würde Savidlin einer der sechs werden. Kahlan hätte das jetzt schon gerne gesehen. Einen starken Verbündeten bei den Ältesten hätten sie gut brauchen können. Der Vogelmann war mit dem neuen Dach offenbar zufrieden. Schmunzelnd hatte er langsam den Kopf geschüttelt, als er genug gesehen hatte und verstand, wie es funktionierte. Die sechs Ältesten jedoch waren weniger beeindruckt gewesen. Ein paar gelegentliche Regentropfen lohnten ihrer Ansicht nach den ganzen Aufwand nicht, und sie hatten etwas gegen einen Fremden, der einfach daherkam und ihnen zeigte, wie unwissend sie waren.
Kahlan dachte besorgt an die Zeit nach dem Bau des Daches. Was würde geschehen, wenn die Dorfältesten sich weigerten, Richard zu einem Schlammenschen zu ernennen? Richard hatte versprochen, ihnen nichts zu tun. Auch wenn dies nicht seiner Art entsprach, er war der Sucher. Es stand viel mehr auf dem Spiel als das Leben von ein paar Menschen. Viel mehr. Das mußte der Sucher bedenken. Und sie auch.
Kahlan wußte nicht genau, ob das Töten des letzten Mannes aus dem Quadron ihn verändert, härter gemacht hatte. Man veränderte sich, wenn man gelernt hatte zu töten, man gewichtete die Dinge anders. Es wurde leichter beim nächsten Mal. Das kannte sie selbst nur zu gut.
Wäre er ihr doch bloß nicht zu Hilfe gekommen. Und hätte er den Mann doch bloß nicht umgebracht. Sie brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, wie unnötig seine Hilfe gewesen war. Sie wäre selber damit fertig geworden. Schließlich stellte ein Mann allein kaum eine tödliche Bedrohung für sie dar. Deswegen schickte Rahl Konfessoren auch immer vier Männer hinterher, einen, der sich von ihrer Macht berühren lassen mußte, die drei anderen, um sie zu töten. Manchmal blieb nur einer übrig, doch der reichte, wenn ein Konfessor einmal seine Kraft aufgebraucht hatte. Aber einer ganz allein? Er hatte praktisch keine Chance. Selbst wenn er kräftig war, sie war schneller. Holte er mit dem Schwert aus, konnte sie einfach auf die Seite springen. Bevor er es erneut hätte hochreißen können, hätte sie ihn berührt. Er wäre ihr verfallen. Und das wäre sein Ende.
Kahlan konnte Richard unmöglich erzählen, daß er ihn nicht hätte umbringen müssen. Was es doppelt so schlimm machte: Er hatte für sie getötet und geglaubt, sie zu retten.
Vermutlich war längst schon das nächste Quadron auf dem Weg. Sie waren unerbittlich. Der Mann, den Richard umgebracht hatte, wußte, er würde sterben. Allein hatte er gegen einen Konfessor keine Chance. Und doch war er gekommen. Sie würden nie nachgeben, der Gedanke war ihnen fremd. Sie dachten nie an etwas anderes als an ihr Ziel.
Außerdem hatten sie ihren Spaß daran.
Ohne es zu wollen, mußte sie immer wieder an Dennee denken. Jedesmal, wenn sie an die Quadrone dachte, fiel ihr ein, was sie Dennee angetan hatten.
Bevor Kahlan zur Frau geworden war, hatte eine fürchterliche Krankheit ihre Mutter befallen, und kein Heiler hatte etwas dagegen tun können. Viel zu rasch war sie an der grauenhaften, auszehrenden Krankheit gestorben. Konfessoren bildeten eine enge Schwesternschaft. Geriet eine in Schwierigkeiten, fühlten sich alle betroffen. Dennees Mutter hatte Kahlan aufgenommen und getröstet. Die beiden Mädchen, die besten Freundinnen, waren begeistert von der Aussicht, Schwestern zu werden, wie sie sich von da an nannten. Es hatte Kahlan geholfen, den Verlust ihrer Mutter zu verschmerzen.
Dennee war ein zartes Wesen, ebenso zart wie ihre Mutter. Sie verfügte nicht über Kahlans Macht, die während dieser Zeit zu ihrer Beschützerin, ihrer Wächterin wurde und sie vor allem beschützte, was mehr Kraft erforderte, als sie in ihrem Innern erzeugen konnte. Kahlan gewann ihre Macht nach ein oder zwei Stunden wieder zurück, Dennee jedoch benötigte manchmal mehrere Tage.
An jenem entsetzlichen Tag war Kahlan eine Weile fortgewesen und hatte einem Mörder, der gehängt werden sollte, die Beichte abgenommen. Ein Auftrag, den eigentlich Dennee hätte ausführen sollen. Kahlan hatte ihre Schwester vertreten, um Dennee diese Tortur zu ersparen. Dennee haßte es, Beichten abzunehmen. Haßte diesen Blick in den Augen. Manchmal weinte sie noch Tage danach. Nie bat sie Kahlan, an ihrer Stelle zu gehen, das kam ihr nicht in den Sinn, doch der erleichterte Blick, nachdem Kahlan sich bereit erklärt hatte, sprach Bände. Kahlan nahm auch nicht gerne die Beichte ab, aber sie war stärker, weiser, besonnener. Sie wußte, als Konfessor verfügte sie über Macht, daher tat es ihr nicht so weh wie Dennee. Kahlan ging der Verstand immer vor dem Herzen. Sie hätte Dennee jede schmutzige Arbeit abgenommen.
Auf dem Heimweg hatte sie ein leises Winseln aus dem Unterholz neben dem Pfad gehört, das qualvolle Stöhnen tödlicher Schmerzen. Zu ihrem Entsetzen fand sie dort Dennee. Jemand hatte sie dort liegengelassen.
»Ich wollte dich abholen und mit dir zurückgehen«, hatte Dennee gestammelt, als Kahlan ihren Kopf in den Schoß nahm. »Ein Quadron hat mich erwischt. Tut mir leid. Ich habe einen von ihnen erwischt, Kahlan. Ich habe ihn berührt. Ich habe einen erwischt. Du wärst stolz auf mich gewesen.«
Kahlan stand unter Schock, hielt Dennees Kopf, tröstete sie, und meinte, alles würde wieder gut werden.
»Bitte, Kahlan … kannst du mir das Kleid herunterreißen?« Ihre Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne. Rasselnd und schwach. »Meine Arme wollen nicht mehr.«
Trotz ihrer Panik hatte sie gesehen, warum. Man hatte Dennee die Arme brutal zertrümmert. Sie lagen nutzlos an ihrer Seite, an den unmöglichsten Stellen geknickt. Aus einem Ohr sickerte Blut. Kahlan zog ihrer Schwester die Überreste des blutgetränkten Kleides über den Kopf und bedeckte sie, so gut es eben ging. Ihr wurde schwindlig, als sie entsetzt erkannte, was die Männer getan hatten. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie brachte kein Wort hervor. Sie hatte sich zusammennehmen müssen, um nicht zu schreien, aus Furcht, ihrer Schwester noch mehr zu ängstigen. Sie wußte, ein letztes Mal mußte sie jetzt noch stark sein.
Dennee hatte Kahlans Namen geflüstert und sie zu sich gewunken. »Das hat mir Darken Rahl angetan; er war nicht hier, dennoch hat er mir das angetan.«
»Ich weiß«, sagte Kahlan mit aller Zärtlichkeit, die sie aufbringen konnte. »Lieg still, alles wird gut. Ich bringe dich nach Hause.« Sie wußte, das war gelogen. Dennee würde nie wieder gesund werden.
»Bitte, Kahlan«, flüsterte sie, »bring ihn um. Mach Schluß mit diesem Wahnsinn. Ich wünschte, ich wäre stark genug. Bring ihn um, für mich.«
Wut war in ihr hochgekocht. Zum ersten Mal wollte Kahlan ihre Macht dazu benutzen, jemandem weh zu tun, jemanden zu töten. Sie war in Bereiche vorgestoßen, die sie nie zuvor oder danach wieder gespürt hatte. Ein grauenhafter Zorn, eine Kraft tief aus ihrem Innern, ein fürchterliches Geburtsrecht. Mit zittrigen Fingern strich sie Dennee durch das blutige Haar.
»Das werde ich«, versprach sie.
Dennee ließ sich entspannt in ihre Arme sinken. Kahlan nahm das Knochenhalsband ab und legte es ihrer Schwester um.