Er zog sie zärtlich an sich, damit sie sich an seiner Schulter ausweinen konnte. »Die Volker der Midlands schätzen sich glücklich, dich auf ihrer Seite zu haben.«
»Wenn wir finden, was wir suchen und es Darken Rahl bis zum ersten Tag des Winters vorenthalten können, wird er sterben. Niemand sonst braucht verletzt zu werden. Aber wir brauchen Hilfe, um es zu finden.«
»Der erste Tag des Winters. Kind, dann bleibt nicht viel Zeit. Diese Jahreszeit vergeht, die nächste wird bald hier sein.«
»Ich stelle die Regeln des Lebens nicht auf, verehrter Ältester. Wenn du das Geheimnis kennst, die Zeit aufzuhalten, bitte sag es mir, damit ich es tun kann.«
Er saß schweigend da, antwortete nicht. »Ich habe dich schon vorher bei unserem Volk beobachtet. Immer hast du unsere Wunsche geachtet. Niemals hast du etwas getan, was uns schaden konnte. Mit dem Sucher ist es dasselbe. Ich stehe auf deiner Seite, Kind, ich werde mein Bestes geben, um die anderen zu überzeugen. Hoffentlich reicht mein Einfluß. Ich mochte nicht, daß meinem Volk etwas zustößt.«
»Den Sucher brauchst du nicht zu fürchten, falls sie nein sagen«, sagte sie, lehnte sich an seine Schulter und starrte ins Leere. »Sondern diesen Mann aus D'Hara. Wie ein Sturm wird er über euch herfallen und euch vernichten. Gegen ihn habt ihr keine Chance. Er wird euch niedermachen.«
Am selben Abend saß Kahlan in der Warme von Savidlins Zuhause auf dem Boden und erzählte Siddin die Geschichte jenes Fischers, der sich in einen Fisch verwandelte und im See gelebt hatte, wo er gerissen den Köder von den Haken klaute, ohne je erwischt zu werden. Es war eine alte Geschichte. Ihre Mutter hatte sie ihr schon erzählt, als sie so klein war wie er. Das Staunen in seinem Gesicht erinnerte sie daran, wie aufgeregt sie selbst gewesen war, als sie sie zum ersten Mal gehört hatte. Als Weselan später Süßwurz kochte, deren angenehmer Duft sich mit dem Rauch vermischte, und Savidlin Richard zeigte, wie man die richtigen Pfeilspitzen für verschiedene Tiere schnitzte, sie über der Glut des Kuchenfeuers härtete und die Spitzen mit Gift versah, lag Kahlan auf einem Fell zusammen mit Siddin auf dem Boden. Er schmiegte sich an ihren Bauch, und sie strich ihm im Schlaf übers Haar. Sie mußte schlucken, als sie daran dachte, wie sie dem Vogelmann erklärt hatte, mit welcher Bereitschaft sie diesen kleinen Jungen töten wurde. Sie hatte es am liebsten zurückgenommen. Der Gedanke war abscheulich. Am liebsten hatte sie es gar nicht gesagt. Richard hatte nicht gesehen, daß sie mit dem Vogelmann gesprochen hatte, und sie hatte ihm nichts von ihrer Unterhaltung erzählt. Sie sah keinen Sinn darin, ihm Grund zur Sorge zu geben. Was geschehen wurde, wurde geschehen. Sie hoffte bloß auf die Vernunft der Ältesten.
Am nächsten Tag war es windig und außergewöhnlich warm, mit gelegentlichen Schauern. Am frühen Nachmittag hatte sich vor dem Haus der Seelen eine Menschenmenge versammelt, denn das Dach war fertig, und das Feuer in der neuen Feuerstelle wurde angezündet. Aufgeregte und erstaunte Rufe ertönten aus der Menge, als die ersten Rauchwölkchen aus dem Schornstein stiegen. Jeder warf einen Blick durch die Tür, um das Feuer zu sehen, das brannte, ohne den Raum mit Rauch zu füllen. Die Vorstellung, ohne Rauch in den Augen zu leben, war ebenso aufregend wie die, zu leben, ohne daß einem ständig Wasser auf den Kopf tropfte. Ein vom Wind getriebener Regen wie dieser war der schlimmste. Durch die Grasdächer ging er glatt hindurch. Alles sah voller Freude zu, wie das Wasser von den Ziegeln rann, ohne ins Haus zu laufen. Richard war bester Laune, als er herunterkletterte. Das Dach war fertig, es war dicht, der Schornstein zog gut, und alle waren froh darüber, was er für sie getan hatte. Seine Helfer waren stolz auf ihre Leistung und das, was sie gelernt hatten. Sie spielten Führer und erklärten aufgeregt die Einzelheiten des Bauwerks.
Richard schnallte sich das Schwert um und steuerte, ohne auf die Schaulustigen zu achten, geradewegs auf die Dorfmitte zu, wo die Ältesten unter einem der Pfahlbauten warteten. Fest entschlossen, für ihn einzutreten, nahmen ihn Kahlan und Savidlin in die Mitte. Die Menge sah, wohin er gegangen war, schloß sich ihm an und verteilte sich lachend und rufend rings um die Gebäude. Richard machte ein entschlossenes Gesicht.
»Meinst du, du mußt das Schwert mitnehmen?« wollte sie wissen.
Er sah sie an, ohne seine schnellen Schritte zu verlangsamen, und verzog den Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. Der Regen lief ihm aus dem nassen, verfilzten Haar. »Ich bin der Sucher.«
Sie warf ihm einen mißbilligenden Blick zu. »Keine Spielchen, Richard. Du weißt genau, was ich meine.«
Sein Lächeln wurde breiter. »Ich hoffe, es hilft ihnen, die richtige Entscheidung zu treffen.«
Kahlan verspürte ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube. Die Dinge schienen ihr zu entgleiten. Möglicherweise tat Richard etwas Fürchterliches, wenn die Dorfältesten ihn ablehnten. In den letzten Wochen hatte er von früh bis spät hart gearbeitet und die ganze Zeit nur einen einzigen Gedanken im Kopf gehabt. Er wollte sie für sich gewinnen. Bei den meisten hatte er das auch geschafft, aber das waren nicht die Leute, die zählten. Sie befürchtete, er hätte sich nicht genau überlegt, was er tun wollte, wenn die Antwort ›nein‹ lautete.
Toffalar stand groß und stolz inmitten der undichten Pfahlkonstruktion. Der Regen drang überall durch und sammelte sich spritzend in kleinen Pfützen am Boden. Surin, Caldus, Arbrin, Breginderin und Hajanlet hatten sich neben ihn gestellt. Jeder trug sein Kojotenfell, was sie nur bei offiziellen Ereignissen taten, wie Kahlan erfahren hatte. Das ganze Dorf schien auf den Beinen. Man verteilte sich rings um das Freigelände, saß unter den Dächern der offenen Gebäude, hing in den Fenstern und sah zu. Die Arbeit ruhte, und alles wartete darauf, zu hören, was die Ältesten über ihre Zukunft zu sagen hatten.
Kahlan entdeckte den Vogelmann zwischen einigen Bewaffneten neben einem Pfahl, der das Dach über den Köpfen der Ältesten stützte. Als sich ihre Blicke trafen, verlor sie den Mut. Sie packte Richard am Hemdsärmel und beugte sich zu ihm.
»Vergiß nicht, egal, was die Männer sagen, wir müssen hier raus, wenn wir eine Chance haben wollen, Darken Rahl aufzuhalten. Schwert oder kein Schwert, wir sind zu zweit, und sie sind viele.«
Er hörte nicht zu. »Geehrte Älteste«, hob er mit lauter, klarer Stimme an. Sie übersetzte. »Ich habe die Ehre euch mitzuteilen, daß das Haus der Seelen ein neues Dach bekommen hat, welches dicht ist. Es war mir eine Ehre, eurem Volk beizubringen, wie man solche Dächer baut, damit sie andere Gebäude des Dorfes ebenfalls ausbessern können. Ich habe dies aus Respekt vor eurem Volk getan und erwarte keine Gegenleistung. Ich hoffe nur, daß es euch gefällt.«
Die sechs lauschten Kahlans Übersetzung mit grimmiger Miene. Als sie fertig war, breitete sich Schweigen aus.
Endlich meldete sich Toffalar mit entschiedener Stimme zu Wort. »Es gefällt uns nicht.«
Richards Gesicht verdunkelte sich, als sie ihm Toffalars Worte übersetzte. »Warum nicht?« wollte er wissen.
»Ein bißchen Regen kann der Kraft der Schlammenschen nichts anhaben. Vielleicht ist dein Dach dicht. Aber nur, weil es gerissen ist. Gerissen, wie Fremde nun mal sind. Wir sind anders. Wir würden damit lediglich Fremden gestatten, uns zu sagen, was wir zu tun haben. Wir wissen, was du willst. Du möchtest zu einem von uns ernannt werden, damit wir eine Versammlung für dich einberufen. Wieder einer dieser schlauen, fremden Tricks, damit du von uns bekommst, was dir nutzt. Du willst uns in deinen Kampf hineinziehen. Unsere Antwort lautet ›Nein‹!« Er wandte sich an Savidlin. »Das Dach des Seelenhauses wird wieder in seinen alten Zustand zurückversetzt. So wie unsere geehrten Vorfahren es gewollt haben.«