Savidlin war aschfahl geworden, rührte sich jedoch nicht. Mit einem dünnen Lächeln auf den zusammengekniffenen Lippen wandte sich der Älteste wieder an Richard.
»Jetzt, da deine Tricks versagt haben«, sagte er voller Verachtung, »denkst du jetzt daran, unserem Volk Schaden zuzufügen, Richard mit dem Zorn?« Der Spott sollte Richard in Verruf bringen.
Richard sah so gefährlich aus, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Sein wütender Blick streifte kurz den Vogelmann, dann sah er wieder die sechs Dorfältesten unter dem Schutzdach an. Kahlan stockte der Atem. In der Menge war es totenstill. Langsam drehte er sich zu den Leuten um.
»Ich werde eurem Volk keinen Schaden zufügen«, sagte er ruhig. Allgemeine Erleichterung machte sich breit, als Kahlan seine Worte übersetzte. Als es wieder ruhig war, fuhr er fort. »Aber ich werde um seine Zukunft trauern.« Ohne sich zu ihnen umzudrehen, hob er den Arm und zeigte auf die Dorfältesten. »Um diese sechs werde ich nicht trauern. Den Tod von Narren beklage ich nicht.« Seine Worte waren wie Gift. Der Menge stockte der Atem.
Toffalars Gesicht war vor Wut und Erbitterung erstarrt. Die Zuschauer begannen, ängstlich zu tuscheln. Kahlan sah hinüber zum Vogelmann. Er schien um Jahre gealtert. Sie sah seinen schwermütigen braunen Augen an, wie sehr ihm dies zusetzte. Einen Augenblick lang trafen sich die Blicke der beiden, und beide teilten das Leid, das, wie sie wußten, über ihr aller Leben kommen würde. Dann senkte der Vogelmann den Blick.
Mit einer blitzartigen Bewegung wirbelte Richard zu den Dorfältesten herum und zog dabei das Schwert der Wahrheit blank. Alles ging so schnell, und fast jeder, auch die Ältesten, wich erschrocken einen Schritt zurück und blieb dann wie angewurzelt stehen. Den Sechsen stand das lähmende Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Die Menge wich langsam zurück, der Vogelmann hatte sich nicht gerührt. Kahlan fürchtete Richards Zorn, aber sie verstand ihn auch. Sie beschloß, sich nicht einzumischen, sondern alles zu tun, um den Sucher zu schützen, was immer er auch als nächstes tat. Kein Flüstern war zu hören, das einzige Geräusch in der Totenstille war das Klirren von Stahl. Mit zusammengebissenen Zähnen richtete Richard das funkelnde Schwert auf die Ältesten, die Spitze nur Zentimeter von ihren Gesichtern entfernt.
»Habt den Mut, ein letztes für euer Volk zu tun.« Richards Ton ließ ihr das Mark gefrieren. Kahlan übersetzte ohne nachzudenken, viel zu gebannt, etwas anderes zu tun. Dann geschah das Unfaßbare. Er drehte das Schwert herum, hielt den Ältesten das Heft hin. »Nehmt mein Schwert«, befahl er, »nehmt es und tötet damit Frauen und Kinder. Es wäre barmherziger als das, was Darken Rahl mit ihnen anstellen wird. Habt den Mut, ihnen die Torturen zu ersparen, die sie sonst erleiden müßten. Gewährt ihnen die Gnade eines schnellen Todes.« Ihre Gesichter welkten unter seinem Blick dahin.
Kahlan hörte, wie Frauen ihre Kinder um sich scharten und leise zu weinen begannen. Die Ältesten, gepackt von einem ungeahnten Entsetzen, rührten sich nicht. Endlich wichen sie Richards wütendem Blick aus. Als allen klar war, daß sie nicht den Mut hatten, das Schwert zu nehmen, ließ Richard es in aller Ruhe zurück in die Scheide gleiten, so als wolle er damit langsam ihre letzte Hoffnung auf Erlösung zunichte machen — eine unmißverständliche Geste: Sie hatten auf ewig die Hilfe des Suchers eingebüßt. Die Endgültigkeit war erschreckend. Dann endlich ließ er wütenden Blicks von ihnen ab und drehte sich zu Kahlan um. Sein Ausdruck änderte sich. Als sie den Blick in seinen Augen sah, mußte sie schlucken. Es war der schmerzliche Blick eines Mannes, der gekommen war, einem Volk zu helfen, es aber nicht konnte. Er ging zu ihr hin und nahm sie zärtlich beim Arm.
»Packen wir unsere Sachen zusammen und brechen wir auf«, sagte er leise. »Wir haben eine Menge Zeit vergeudet. Ich hoffe nur, es war nicht zuviel.« Seine grauen Augen wurden feucht. »Tut mir leid, Kahlan … weil ich mich falsch entschieden habe.«
»Du hast dich nicht falsch entschieden, Richard, sondern sie.« Auch ihre Wut auf die Ältesten hatte etwas Endgültiges, so als schlage sie diesen Menschen die Tür vor der Nase zu. Sie zog einen Schlußstrich unter ihr Mitgefühl für diese Menschen. Es waren lebende Tote. Man hatte ihnen eine Chance geboten, und sie hatten ihr Schicksal selbst gewählt.
Als sie an Savidlin vorbeikamen, hakten die beiden Männer kurz die Arme ineinander, ohne sich anzusehen. Sonst machte niemand Anstalten zu gehen. Alles blieb und sah zu, wie die beiden Fremden rasch zwischen ihnen hindurchgingen. Einige streckten im Vorübergehen die Hände aus und berührten Richard. Er erwiderte ihr wortloses Mitgefühl durch ein kurzes Drücken ihrer Arme. Ihnen in die Augen sehen konnte er nicht.
Sie holten ihre Sachen aus Savidlins Haus, stopften ihre Umhänge in ihre Taschen. Niemand sagte ein Wort. Kahlan fühlte sich leer, ausgehöhlt. Als sich endlich ihre Blicke trafen, fielen sie sich plötzlich wortlos in die Arme, Ausdruck ihrer gemeinsamen Sorge um ihre neuen Freunde, darüber, was ihnen mit Sicherheit zustoßen würde. Sie hatten das einzige aufs Spiel gesetzt, was sie hatten — Zeit — und verloren.
Nachdem sie sich wieder getrennt hatten, packte Kahlan ihre letzten Sachen in die Tasche und schloß die Lasche. Richard zerrte seinen Umhang wieder heraus. Sie sah zu, wie er seine Hand hineinsteckte und herumsuchte. Sein Suchen hatte etwas Dringliches. Er trat wegen des Lichts an die Tür und sah hinein, wühlte hektisch in den Gegenständen herum. Er senkte den Arm, der die Tasche hielt, hob den Kopf und machte ein besorgtes Gesicht.
»Der Stein der Nacht ist verschwunden.«
Die Art, wie er es sagte, machte ihr angst. »Vielleicht hast du ihn irgendwo draußen gelassen…«
»Nein. Ich habe ihn gar nicht aus der Tasche genommen. Kein einziges Mal.«
Kahlan verstand nicht, warum er deswegen so nervös wurde. »Wir brauchen ihn doch jetzt nicht mehr, Richard. Wir haben den Paß hinter uns. Ich bin sicher, Adie wird dir verzeihen, daß du ihn verloren hast. Wir haben jetzt wichtigere Sorgen.«
Er kam einen Schritt näher. »Du verstehst nicht. Wir müssen ihn finden.«
»Warum?« Sie legte die Stirn in Falten.
»Weil ich glaube, dieses Ding kann die Toten wecken.« Ihr Unterkiefer klappte herunter. »Kahlan, ich habe darüber nachgedacht. Weißt du noch, wie nervös Adie war, als sie ihn uns gegeben hat? Wie sie sich immer umgeschaut hat, bis ich ihn weggesteckt hatte? Und wann haben uns die Schatten im Paß angegriffen? Nachdem ich ihn herausgeholt hatte. Erinnerst du dich?«
Sie machte große Augen. »Aber sie meinte doch, selbst wenn jemand anderes ihn benutzt, hilft er nur dir.«
»Da meinte sie das Licht. Das Wecken der Toten hat sie nicht erwähnt. Ich kann nicht glauben, daß Adie uns nicht gewarnt hat.«
Kahlan sah zur Seite und dachte nach. Sie schloß die Augen, als sie die Erkenntnis wie eine Woge überkam. »Doch, hat sie, Richard. Sie hat dich mit einem Hexenrätsel gewarnt. So machen Hexen das. Sie sagen nicht einfach, was sie wissen. Manchmal wird sogar eine Warnung in einem Rätsel verpackt.«
Kahlan sah, wie wütend Richard war. Er ging zur Tür und sah hinaus. »Nicht zu fassen. Die Welt wird ins Nichts gesogen, und diese Alte gibt uns Rätsel auf, die wir losen sollen. Sie hatte es uns sagen müssen!« Er schlug mit der Faust gegen den Türrahmen.
»Vielleicht hatte sie ja einen Grund, Richard. Vielleicht ging es nicht anders.«
Er sah immer noch aus der Tür und dachte nach. »Wenn dein Wunsch groß genug ist. Das war es, was sie gesagt hat. Wie Wasser. Wertvoll ist es nur unter den richtigen Voraussetzungen. Für einen Ertrinkenden hat es geringen Nutzen und ist ein großes Problem. Damit wollte sie uns warnen. Ein großes Problem.« Er kehrte der Tür den Rucken zu, hob die Tasche auf und sah noch einmal hinein. »Gestern abend war er noch da, ich habe ihn gesehen. Wo konnte er sein?«