Sie hoben beide den Kopf und sahen sich an.
»Siddin«, sagten beide wie aus einem Mund.
26
Sie ließen die Taschen fallen und rannten zur Tür hinaus auf den weiten Platz, wo sie Savidlin zuletzt gesehen hatten. Zu zweit riefen sie Siddins Namen. Die Leute sprangen zur Seite, als sie durch den Matsch rannten. Als sie den weiten Platz erreicht hatten, war in der Menge bereits Panik ausgebrochen. Niemand wußte, was geschehen war, und alles strömte in den Schutz der Häuser. Die Dorfältesten zogen sich auf die Plattform zurück. Der Vogelmann richtete sich auf und versuchte, etwas zu erkennen. Der Jagdtrupp hinter ihm legte Pfeile in die Bogen.
Dann entdeckten sie Savidlin, der verängstigt und verwirrt war, weil sie den Namen seines Sohnes riefen.
»Savidlin!« schrie Kahlan, »Du mußt Siddin finden. Er darf auf keinen Fall den kleinen Beutel öffnen, den er bei sich hat!«
Savidlin wurde blaß, als er sie schreien hörte, drehte sich suchend im Kreis, machte sich dann geduckt auf die Suche nach seinem Sohn. Sein Kopf schoß zwischen den durcheinanderlaufenden Menschen hindurch. Kahlan konnte Weselan nirgends entdecken. Richard und Kahlan trennten sich und weiteten die Suche aus. Die Menge verwandelte sich in eine verwirrte Masse, ständig mußte sie Menschen zur Seite schieben. Kahlan schlug das Herz bis zum Hals. Wenn Siddin den Beutel öffnete…
Und dann sah sie ihn.
Als die Menge die Dorfmitte räumte, saß er plötzlich da, ohne auf die Panik ringsum zu achten, mitten im Matsch, und versuchte, den Stein aus dem ledernen Beutel in seiner Hand zu schütteln.
»Siddin, nicht!« schrie sie immer wieder, während sie zu ihm rannte.
Er hörte ihre Schreie nicht. Vielleicht bekam er ihn nicht heraus. Er war doch nur ein schutzloser kleiner Junge, bitte, flehte sie in Gedanken, möge das Schicksal ihm gnädig sein.
Der Stein fiel aus dem Beutel und blieb im Matsch stecken. Lächelnd nahm Siddin ihn in die Hand. Kahlan spürte, wie ihr das Blut gefror.
Überall ringsum tauchten Schattenwesen auf. Wie Nebelschwaden wirbelten sie durch die feuchte Luft, so als wollten sie sich umsehen. Dann schwebten sie auf Siddin zu.
Richard stürmte los und rief Kahlan zu: »Nimm den Stein! Steck ihn zurück in den Beutel!«
Sein Schwert blitzte durch die Luft und durchtrennte die Schatten, während er auf kürzestem Weg zu Siddin rannte. Sie heulten gequält auf und stoben auseinander, als das Schwert sie durchschnitt. Siddin hob den Kopf, als er das fürchterliche Heulen hörte, und erstarrte mit weitaufgerissenen Augen. Kahlan schrie ihn an, er soll den Stein in den Beutel zurückstecken, doch er war wie gelähmt. Er hörte andere Stimmen. Sie rannte schneller, als sie je gerannt war, umkurvte die dichten Knäuel der Schatten, die auf den Jungen zuschwebten.
Etwas Dunkles und Kleines huschte an ihr vorbei. Ihr stockte der Atem. Dann noch eins, hinter ihr. Pfeile. Plötzlich war die Luft voller Pfeile. Der Vogelmann hatte seinen Leuten befohlen, die Schatten niederzustrecken. Ein jeder fand ins Ziel, doch die Pfeile passierten die Schatten, als flögen sie durch Rauch. Das Ergebnis war, daß überall Giftpfeile wild herumsirrten. Wenn einer davon Richard oder sie ritzte, waren sie tot. Jetzt mußte sie nicht nur den Schatten ausweichen, sondern auch noch den Pfeilen. Sie konnte sich gerade in letzter Sekunde noch ducken, als sie wieder einen an ihrem Ohr vorbeizischen hörte. Einer prallte vorn Matsch auf dem Boden ab und flog an ihrem Bein vorbei.
Richard hatte den Jungen erreicht, kam aber nicht dazu, den Stein zu packen. Er konnte nichts tun, als wie ein Rasender die vorrückenden Schatten niederzumetzeln. Für den Stein blieb keine Zeit. Kahlan war immer noch ein gutes Stück entfernt. Sie hatte nicht so zielstrebig laufen können wie Richard, der sich einfach den Weg freihackte. Wenn sie aus Versehen einen Schatten berührte, war sie tot. Um sie herum tauchten so viele auf, daß es zu einem Irrgarten in Grau wurde. Richard kämpfte einen Kreis um den Jungen frei, der ständig kleiner wurde. Er hielt das Schwert mit beiden Händen gepackt und schlug wild um sich. Keinen Augenblick durfte er langsamer werden, sonst würden sie ihn berühren. Die Schatten nahmen kein Ende.
Kahlan kam kein Stück mehr vorwärts. Die ringsum schwebenden Schatten, die vorbeizischenden Pfeile schnitten ihr bei jeder Drehung den Weg ab, zwangen sie zurückzuspringen, sobald sie glaubte, einen Durchschlupf gefunden zu haben. Richard konnte unmöglich länger durchhalten. so sehr er auch kämpfte, der Kreis schloß sich immer enger um den Jungen. Ihre einzige Chance war Kahlan, und die war nicht einmal in der Nähe.
Wieder schoß ein Pfeil vorbei. Die Feder streifte ihr Haar.
»Hört auf mit den Pfeilen!« brüllte sie wütend den Vogelmann an. »Hört auf mit den Pfeilen! Ihr bringt uns um!«
Gereizt bemerkte er ihre mißliche Lage und gebot den Bogenschützen widerwillig Einhalt. Aber dann zückten sie alle ihre Messer und rückten rasch gegen die Schatten vor. Sie hatten keine Ahnung, was sie vor sich hatten. Sie würden bis auf den letzten Mann aufgerieben werden.
»Nein!« kreischte sie. »Wenn ihr sie berührt, seid ihr tot! Bleibt zurück!«
Der Vogelmann hob den Arm und hielt seine Männer zurück. Sie wußte, wie hilflos er sich fühlen mußte, wenn er sie jetzt zwischen den Schatten hindurchschießen sah, und sie sich immer näher an Siddin und Richard herankämpfte.
Dann hörte sie eine andere Stimme. Toffalar. Er brüllte irgend etwas.
»Haltet sie auf! Sie vernichten die Seelen unserer Vorfahren! Schießt sie mit den Pfeilen nieder! Erschießt die Fremden!«
Die Bogenschützen sahen sich an und luden zögernd nach. Einem der Dorfältesten durften sie nicht den Gehorsam verweigern.
»Erschießt sie!« gellte er mit rotem Gesicht, die Faust schüttelnd. »Ihr habt mich gehört! Erschießt sie!«
Sie rissen ihre Bögen hoch. Kahlan ging in die Hocke und machte sich darauf gefaßt, den Pfeilen aus dem Weg zu springen, sobald sie abgeschossen würden. Der Vogelmann trat vor seine Leute, breitete die Arme aus und zog den Befehl zurück. Zwischen ihm und Toffalar kam es zu einem Wortgefecht, das sie nicht verstand. Sie ergriff die Gelegenheit, sich unter den ausgestreckten Armen der schwebenden Schatten weiter vorzuarbeiten.
Aus den Augenwinkeln entdeckte sie Toffalar. Er stürmte mit einem Messer in der Hand auf sie zu. Egal. Früher oder später würde er in einen Schatten hineinlaufen und getötet werden. Gelegentlich blieb er stehen und flehte die Schatten an. Vor lauter Geheul verstand sie nicht, was er sagte. Als sie sich das nächste Mal umdrehte, hatte er sie fast erreicht. Unfaßbar, daß er in keinen hineingelaufen war. Irgendwie schienen sich die Lücken vor ihm aufzutun, als er mit wutverzerrtem Gesicht acht- und kopflos auf sie zuraste. Sie machte sich immer noch keine Sorgen. Bald mußte er in einen hineinlaufen und würde sterben.
Der Ring aus Schatten um Richard und Siddin erwies sich für Kahlan als undurchdringliche, graue Wand. Es gab keine Öffnung. Sie tauchte nach rechts, nach links, versuchte einen Eingang zu finden, konnte aber nicht durch. Sie war so dicht dran und doch so fern. Die Falle schien sich auch um sie zu schließen. Verschiedene Male entkam sie nur knapp durch einen Schritt zurück, bevor sich die Schatten zusammenschoben. Richard versuchte zu erkennen, wo sie steckte. Mehrere Male wollte er sich zu ihr durchkämpfen, mußte sich aber dann jedesmal wieder auf die andere Seite schlagen, um Siddin die Schatten vom Leib zu halten.
Mit Entsetzen sah sie, wie das Messer durch die Luft schnitt. Toffalar stand neben ihr. Blind vor Haß kreischte er etwas, das sie nicht verstand. Doch das Messer und seine Absicht waren eindeutig. Er wollte sie umbringen. Sie tauchte unter seinem Hieb weg. Ihre Eröffnung.