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Und dann machte sie einen Fehler.

Sie wollte gerade nach Toffalar greifen, als sie merkte, wie Richard sie ansah. Der Gedanke, er könnte sehen, wie sie ihre Macht benutzte, ließ sie kurz zögern, und Toffalar erhielt den winzigen Augenblick, den er brauchte. Richard schrie ihren Namen, wollte sie warnen. Dann mußte er sich umdrehen, um die Schatten hinter sich zurückzuschlagen.

Toffalar riß das Messer hoch, stach zu, traf sie am rechten Arm, und die Klinge glitt am Knochen ab.

Schock und Schmerz machten sie wie tollwütig. Über ihre eigene Dummheit. Das zweite Mal verpaßte sie ihre Eröffnung nicht. Mit links packte sie Toffalar an der Kehle und spürte, wie ihr Griff ihm für einen Augenblick die Luft abquetschte. Sie brauchte ihn nur zu berühren. Daß sie ihn an der Kehle packte, war ein Reflex ihrer Wut, nicht ihrer Macht.

Trotz der entsetzten Schreie ringsum und des Geheuls der Schatten, die Richard massenhaft vernichtete, wurde sie plötzlich ruhig. In ihrem Kopf herrschte absolute Stille. Sonst nichts. Die Stille dessen, was folgen wurde.

Im tragen Funken eines Augenblicks, der sich für sie zu einer Ewigkeit dehnte, erkannte sie den Ausdruck von Angst in Toffalars Blick, die Erkenntnis seines Schicksals, seines Endes. Sie las in seinen Augen, wie er sich diesem Ende widersetzen wollte, wie sich seine Muskeln anspannten, um sich gegen sie zu stemmen, wie seine Hände ebenso langsam wie aussichtslos nach den ihren um seine Kehle griffen. Er hatte keine Chance, nicht die geringste. Sie hatte die Oberhand. Die Zeit gehörte ihr. Er gehörte ihr. Sie spürte kein Mitleid. Keine Reue. Nur tödliche Ruhe.

Wie schon unzählige Male zuvor in dieser Ruhe, loste die Mutter Konfessor ihre Sperre. Endlich befreit, fuhr ihre Kraft Toffalar in die Knochen.

Die Luft ringsum bebte gewaltig. Donner ohne Hall. Das Wasser in den Pfützen tanzte und schleuderte schlammige Tropfen in die Luft.

Toffalar riß die Augen auf. Seine Gesichtsmuskeln erschlafften. Sein Unterkiefer klappte herunter.

»Herrin!« stieß er ehrfürchtig flüsternd hervor.

Ihr ruhiger Gesichtsausdruck verzerrte sich vor Wut. Mit voller Kraft schleuderte sie Toffalar nach hinten in den Ring aus Schatten rings um Richard und Siddin. Er warf die Arme in die Luft, stürzte schreiend in die Schatten, bevor er im Matsch versank. Irgendwie hatte der Aufprall kurz eine winzige Lücke in den Ring der Schatten gerissen. Ohne Zögern stürzte sie sich hindurch, kurz bevor er sich hinter ihr wieder schloß. Kahlan warf sich über Siddin.

»Beeil dich!« brüllte Richard.

Siddin sah sie nicht an. Er starrte wie versteinert mit offenem Mund auf die Schatten. Sie versuchte, ihm den Stein aus seiner kleinen, geballten Faust zu entwinden, doch er hielt ihn mit der ganzen Kraft seines Entsetzens umklammert. Sie riß ihm den Beutel aus der anderen Hand. Mit links packte sie den Beutel und sein Handgelenk, begann mit rechts seine kleinen Finger vom Stein zu lösen, während sie ihn die ganze Zeit anflehte loszulassen. Er hörte sie nicht. Blut lief ihr über den Arm auf die zitternde Hand, vermischte sich mit dem Regen und machte ihre Finger glitschig. Eine Schattenhand griff nach ihrem Gesicht. Sie zuckte zurück. Das Schwert zischte an ihrem Gesicht vorbei, durch den Schatten hindurch. Das Geheul ging unter in dem der anderen. Siddin hatte den Blick auf die Schatten geheftet, seine Muskeln waren erstarrt. Richard war direkt über ihr und schwang das Schwert in alle Richtungen. Es gab kein Zurück. Die drei waren auf sich gestellt. Siddins glitschige Hand ließ sich nicht öffnen.

Mit zusammengebissenen Zähnen und einer Anstrengung, die in ihrem verwundeten Arm einen siedenden Schmerz verursachte, löste sie schließlich den Stein aus Siddins Hand. Im Blut und Matsch entglitt er ihren Fingern wie ein Melonenkern und versank beinahe neben ihrem Knie im Schlamm. Sie schob ihn in den Beutel und riß die Schnur zusammen. Keuchend hob sie den Kopf.

Die Schatten hielten inne. Sie hörte Richards schweren Atem; der Sucher drosch immer noch auf sie ein. Zuerst langsam, dann schneller, zogen sich die Schatten zurück, ganz so, als wären sie verwirrt, verloren, auf der Suche nach irgend etwas. Nacheinander lösten sie sich in Luft auf, verschwanden in die Unterwelt, aus der sie aufgetaucht waren. Die drei befanden sich allein auf einer leeren, weiten Fläche aus Schlamm.

Kahlan lief der Regen übers Gesicht. Sie nahm Siddin in die Arme und drückte ihn fest an sich. Er begann zu weinen. Richard schloß erschöpft die Augen und sank auf Knie und Fersen. Er ließ den Kopf hängen und schnappte nach Luft.

»Kahlan«, jammerte Siddin, »sie haben meinen Namen gerufen

»Ich weiß«, flüsterte sie in sein Ohr und küßte es, »jetzt ist alles gut. Du warst sehr tapfer. So tapfer wie ein Jäger

Er schlang ihr die Arme um den Hals und ließ sich von ihr trösten. Sie fühlte sich schwach. Fast hätten sie ihr Leben verloren, nur um ein einziges zu retten. Sie hatte dem Sucher gesagt, so etwas dürfe er nicht tun, und doch hatte er es ohne jedes Zögern getan. Wie, hätten sie es nicht wenigstens versuchen sollen? Siddins Arme um ihren Hals waren die schönste Belohnung. Richard hielt das Schwert immer noch in beiden Händen, seine Spitze steckte im Schlamm. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter.

Bei der Berührung riß er sofort den Kopf hoch und schwang das Schwert, das erst dicht vor ihrem Gesicht stoppte. Kahlan sprang überrascht auf. In Richards grauen Augen blitzte Wildheit.

»Richard«, sagte sie erschrocken, »ich bin's doch nur. Es ist vorbei. Ich wollte dich nicht erschrecken.«

Er löste seine verspannten Muskeln und ließ sich seitlich in den Matsch sinken.

»Tut mir leid«, brachte er hervor, immer noch um Atem ringend. »Als deine Hand mich berührt hat … ich dachte wohl, es wäre ein Schatten.«

Plötzlich waren überall Beine. Sie hob den Kopf. Der Vogelmann war da, Savidlin und Weselan auch. Weselan schluchzte laut. Kahlan stand auf und gab ihr ihren Sohn. Weselan gab den Jungen weiter an ihren Mann, schlang ihre Arme um Kahlan und gab ihr einen Kuß.

»Danke, Mutter Konfessor, danke, daß du meinen Jungen gerettet hast«, sagte sie weinend. »Danke, Kahlan, danke

»Schon gut, schon gut.« Kahlan nahm sie in den Arm. »Es ist alles wieder gut

Tränenüberströmt drehte Weselan sich um und nahm Siddin in die Arme. Kahlan entdeckte Toffalar, der in der Nähe lag, tot. Sie ließ sich erschöpft in den Schlamm sinken, zog die Knie hoch und schlang die Arme darum.

Sie legte das Gesicht auf die Knie, verlor die Beherrschung und fing an zu weinen. Nicht, weil sie Toffalar getötet hatte, sondern weil sie gezögert hatte. Fast hätte es sie das Leben gekostet. Und auch Richard und Siddin. Jeden. Fast hätte sie Rahl den Sieg überlassen, nur weil Richard nicht sehen sollte, was sie tat. Etwas Dümmeres hatte sie noch nie getan, sah man einmal davon ab, daß sie Richard nicht verraten hatte, daß sie Konfessor war. Niedergeschlagen ließ sie den Tränen freien Lauf, während sie schluchzend nach Luft rang.

Eine Hand griff unter ihren gesunden Arm und zog sie hoch. Der Vogelmann. Sie biß sich auf die bebenden Lippen und zwang sich, mit dem Geheule aufzuhören. Sie durfte vor diesen Menschen keine Schwäche zeigen. Sie war Konfessor.

»Gut gemacht, Mutter Konfessor«, sagte er und nahm von einem seiner Männer einen Stoffetzen entgegen, den er ihr um den verwundeten Arm wickelte.

Kahlan hob den Kopf. »Danke, geehrter Ältester

»Das wird genäht werden müssen. Ich werde unseren besten Heiler damit beauftragen

Wie betäubt ließ sie ihn den Verband anlegen. Ein stechender Schmerz schoß durch die tiefe Schnittwunde. Sie sah zu Richard, der zufrieden damit zu sein schien, auf dem Rücken im Matsch zu liegen, als wäre dies das bequemste Bett der Welt.