Ein dickes klebriges Wasser verdampfte nach oben, um als Tau oder Regen wieder herabzusinken, und ein Modergeruch von fauliger Erde stieg auf. Ich atmete Grabesluft, roch den Tartaros, den Abgrund der Finsternis, mich umströmte eine giftige Jauche, die gurgelnd dahinschoss zwischen Landzungen aus Dung, Kot, Kompost, Kohlenstaub, Blei, Borke, Abschaum, Menstruum, Rauch, Schlamm, Schlacke, Teer, schwärzer als das schwärzeste Schwarz, das nun heller wurde, um zwei Reptilien erscheinen zu lassen, welche — das eine bläulich, das andere rötlich — sich zu einer Art von Kopulation vereinten, bei der sie einander in den Schwanz bissen, so daß sie eine einzige Kreisfigur bildeten.
Es war, als hätte ich zu viel Alkohol getrunken, ich sah meine Gefährten nicht mehr, sie waren im Dämmerdunkel verschwunden, ich erkannte die Gestalten nicht, die sich neben mir regten, und empfand sie wie aufgelöste, fließende Schemen... Da fühlte ich plötzlich, wie jemand mich an der Hand ergriff. Jetzt weiß ich, daß es nicht stimmte, doch damals wagte ich nicht, mich umzudrehen, um nicht zu entdecken, daß es eine Täuschung war. Aber ich roch das Parfüm von Lorenza, und erst in diesem Moment begriff ich, wie sehr ich sie begehrte. Es musste Lorenza sein. Sie war zurückgekommen, um jenen Dialog aus leisem Scharren und Nägelkratzen an meiner Tür wieder aufzunehmen, den sie in der Nach zuvor nicht beendet hatte. Schwefel und Quecksilber schienen sich zu einer feuchten Wärme zu verbinden, die mir die Lenden erbeben ließ, aber sanft, ohne Ungestüm.
Ich erwartete den Rebis, den androgynen Knaben, das Salz der Weisen, die Krönung des Weißen Werkes.
Mir war, als wüsste ich alles. Vielleicht kamen mir Dinge in den Sinn, die ich in den letzten Monaten gelesen hatte, vielleicht übertrug mir Lorenza ihr Wissen durch die Berührung ihrer Hand, die sich ein wenig feucht anfühlte.
Und ich ertappte mich dabei, obskure Namen zu murmeln — Namen, die einst, ich wusste es, die Alchimisten dem Weißen gegeben hatten, aber mit denen ich nun zitternd — vielleicht — Lorenza rief — oder die ich vielleicht auch nur vor mich hin murmelte wie eine Versöhnungslitanei: Agnus immaculatus, Abendstern, Aibathest, Alborach, Aqua benedicta, Mercurium purificatum, Auripigment, Azoch, Baurach, Cambar, Caspa, Cerussa, Cera, Clair de lune, Comerisson, Elektrum Euphrat, Eva, Fada, Favonius, Fundamentum Artis, Diamant, Narziss, Lilie, Hermaphrodit, Hae, Hyle, Hypostase, Jungfrauenmilch, Lapis Unica, Lebendiges Öl, Legumen, Mutter, Ei, Phlegma, Punkt, Radix, Wurzelsaft, Salz der Erde, Terra foliata, Tevos, Tincar, Vapor, Ventus, Virago Vitrum Pharaonis, Zephyr, Zibach, Ziva, Geier, Kinderurin, Plazenta, Menstruum, Servus fugitivus, Manus sinistra, Sperma Metallorum, Spiritus, Sulfur unctuosum...
In der Pechschwärze, die nun grau wurde, zeichnete sich ein Horizont aus Felsen und verdorrten Bäumen ab, hinter dem eine schwarze Sonne versank. Dann zuckte jäh ein fast blendendes Licht, und gleitende Bilder erschienen, die einander in allen Richtungen reflektierten, so daß ein Kaleidoskop-Effekt entstand. Die Ausdünstungen waren jetzt liturgisch, kirchlich, und mir begann der Kopf zu dröhnen, ich spürte etwas Schweres auf meine Stirne drücken, ich sah einen prächtigen Saal, mit goldgewirkten Wandteppichen geschmückt, vielleicht ein Hochzeitsbankett, mit einem prinzlichen Bräutigam und einer weiß gekleideten Braut, sodann einen alten König und eine Königin auf dem Thron nebst einem Krieger und einem weiteren König, der dunkelhäutig war. Vor dem alten Königspaar stand ein kleiner Altar, auf dem ein mit schwarzem Samt bezogenes Buch lag und eine Kerze auf einem elfenbeinernen Leuchter brannte. Neben diesem standen ein rotierender Globus und eine Uhr mit einem kleinen kristallenen Springbrunnen oben darauf, aus dem eine blutrote Flüssigkeit lief. Über dem Brunnen schließlich mochte ein Totenkopf sein, in dessen Augen sich eine weiße Schlange ringelte...
Lorenza hauchte mir einige Worte ins Ohr. Aber ich konnte ihre Stimme nicht hören.
Die Schlange ringelte sich im Rhythmus einer langsamen Trauermusik. Das alte Königspaar legte schwarze Kleider an, und vor ihm standen nun sechs schwarz verhängte Särge. Tiefe Tubatöne erklangen, und es erschien ein großer Mann in kohlschwarzer Kapuze. Zuerst war es eine hieratische Exekution, wie im Zeitraffer, der sich der alte König mit schmerzlicher Freude fügte, indem er gehorsam das Haupt niederbeugte. Dann schwang der Kapuzenmann seine Axt wie eine Sense, und es war wie das Sausen eines Pendels, der Axthieb vervielfachte sich auf jeder reflektierenden Fläche, in jeder Fläche und durch jede Fläche, und so waren es tausend Köpfe, die rollten, und von diesem Moment an folgten die Bilder einander so schnell, daß ich nicht mehr genau mitbekam, was geschah. Ich glaube, es wurden nacheinander alle Personen, einschließlich des schwarzen Königs, enthauptet und in die Särge gelegt, dann verwandelte sich der ganze Saal in ein Meeres- oder Seeufer, und wir sahen sechs erleuchtete Schiffe anlegen, auf welche die Särge gebracht wurden, wonach die Schiffe wieder ablegten und sich auf dem Wasserspiegel in die Nacht entfernten, und all das vollzog sich, während die Weihrauchschwaden immer dichter wurden, so daß ich für einen Augenblick fürchtete, selbst unter den Verurteilten zu sein, und viele rings um mich murmelten: »Die Hochzeit, die chymische Hochzeit...«
Ich hatte den Kontakt mit Lorenza verloren und wagte erst jetzt, mich umzudrehen, um sie unter den Schatten zu suchen.
Der Saal war jetzt eine Krypta geworden, oder ein prächtiges Grab, mit einem Gewölbe, das von einem enormen Karfunkelstein erleuchtet wurde.
Aus allen Ecken erschienen Frauen in jungfräulich weißen Gewändern und scharten sich um einen Kessel, der die Form eines Schlösschens hatte, zweistöckig, mit einem ovalen steinernen Unterbau auf Säulen, der ein Ofen zu sein schien, und mit zwei seitlichen Türmen, aus denen zwei Destillierkolben ragten, die in einer eiförmigen Kugel endeten, sowie einem dritten Turm in der Mitte, der oben als Brunnen endete...
Im Unterbau des Schlösschens sah man die Leichen der sechs Enthaupteten liegen. Eine der Frauen trug ein Kästchen, aus dem sie ein rundes Objekt nahm, das sie in eine Bogenöffnung des mittleren Turmes legte, woraufhin sofort das Wasser oben aus dem Brunnen zu sprudeln begann. Ich konnte das Objekt gerade noch rechtzeitig erkennen, es war der Kopf des Mohren, der nun wie ein Holzscheit brannte und das Wasser des Brunnens zum Sieden brachte. Dämpfe, Fauchen, Brodeln...
Lorenza legte mir diesmal die Hand in den Nacken und kraulte ihn, wie sie es mit Belbo im Auto getan hatte. Die Frau brachte eine goldene Kugel herein, öffnete einen Hahn am Unterbau des Kesselschlösschens und ließ eine dicke rote Flüssigkeit in die Kugel fließen. Dann wurde die Kugel geöffnet, und statt der roten Flüssigkeit enthielt sie ein schönes großes, schneeweißes Ei. Die Frauen nahmen es heraus und legten es auf den Boden, wo es in einem Häufchen gelben Sandes ruhte, bis es aufplatzte und ein kleiner Vogel herauskam, noch ganz blutig und ungestalt. Doch genährt mit dem Blut der Enthaupteten, wuchs er rasch vor unseren Augen und wurde herrlich und schön.
Dann köpften sie auch den Vogel und verbrannten ihn auf einem kleinen Altar zu Asche. Einige kneteten die Asche mit Wasser zu einem dünnen Teig, gossen den Teig in zwei Formen und taten die Formen in einen Ofen, dessen Feuer sie mit Blasrohren entfachten. Schließlich wurden die Formen geöffnet, und es erschienen zwei blasse und zarte, fast durchsichtige Gestalten, ein Knabe und ein Mädchen, nicht größer als vier Zoll, weich und fleischig wie lebende Wesen, aber mit glasigen, mineralischen Augen. Sie wurden auf zwei Kissen gelegt, und ein alter Mann goss ihnen Blutstropfen in den Mund...
Dann erschienen weitere Frauen mit langen goldglänzenden Trompeten, die mit grünen Kränzen geschmückt waren, und sie reichten eine davon dem Alten, der sie den beiden Kreaturen an den Mund hielt, die noch zwischen pflanzlicher Lethargie und sanftem tierischem Schlaf verharrten, und der Alte begann, Odem in ihre Leiber zu hauchen... Der Saal füllte sich mit Licht, das Licht verdämmerte zu einem Halbdunkel, dann zu einer Finsternis, die von orangenen Blitzen durchzuckt wurde, dann war es eine gewaltige Morgenröte, während Trompeten hoch und strahlend ertönten, und es war ein Gleißen wie von Rubinen, unerträglich. Und in diesem Moment verlor ich Lorenza erneut und begriff, daß ich sie niemals wiederfinden würde.