Im Zentrum der Lichtung lag ein Haufen Steine, der vage an einen Dolmen erinnerte. Vermutlich war die Lichtung gerade deswegen ausgesucht worden. Eine Priesterin stieg auf den Dolmen und blies in eine Trompete. Das Instrument glich noch mehr als das, welches wir vor ein paar Stunden gesehen hatten, einer Fanfare im Triumphmarsch der Aida. Doch es erklang ein weicher und dunkler Ton, der von sehr weither zu kommen schien. Belbo fasste mich am Arm: »Das ist das Ramsinga, das Alphorn der Thugs beim heiligen Banyan... «
Ich war taktlos. Ich begriff nicht, daß er den Scherz nur gemacht hatte, um damit andere Analogien zu verdrängen, und stieß das Messer in die Wunde: »Sicher war's mit dem Baryton nicht so suggestiv.«
Belbo nickte. »Die sind genau deswegen hier, weil sie kein Baryton wollen«, sagte er. Ich frage mich, ob es nicht an jenem Abend war, daß er eine Verbindung zu sehen begann, einen Zusammenhang zwischen seinen Träumen und dem, was in jenen Monaten mit ihm geschah.
Agliè hatte unseren Dialog nicht verfolgt, uns aber flüstern hören. »Es handelt sich weder um eine Warnung noch um einen Appell«, sagte er. »Es ist eine Art Ultraschallsignal, um Kontakt mit den unterirdischen Wellen herzustellen. Sehen Sie, jetzt halten sich die Druidinnen alle im Kreis an den Händen. Sie bilden eine Art lebendigen Akkumulator, um die Erdvibrationen aufzufangen und zu bündeln. Jetzt müsste die Wolke erscheinen... «
»Welche Wolke?« flüsterte ich.
»Die Tradition nennt sie grüne Wolke. Warten Sie... «
Ich erwartete keinerlei grüne Wolke. Aber fast jählings erhob sich aus der Erde ein weicher Dunst — ein Nebel, hätte ich gesagt, wenn es eine uniforme Masse gewesen wäre. Es war eine flockige Masse, die sich an einem Punkt zusammenklumpte und dann, vom Wind getrieben, wie ein Gewölle aus Zuckerwatte aufstob, um durch die Luft zu schweben und sich an einem anderen Punkt der Lichtung niederzulassen. Der Effekt war einzigartig, bald tauchten die Bäume im Hintergrund auf, bald vermischte sich alles in einem weißlichen Dunst, bald wirbelte das Geflocke ins Zentrum der Lichtung, nahm uns die Sicht auf das, was geschah, ließ aber sowohl die Ränder frei als auch den Himmel, an dem der Mond weiterhin schien. Die Flocken bewegten sich ruckartig, unerwartet, als gehorchten sie den Stößen einer launischen Brise.
Ich dachte zuerst an einen chemischen Kunstgriff, dann überlegte ich: Wir befanden uns auf etwa sechshundert Meter Höhe, es konnten durchaus echte Nebelschwaden sein. Waren sie im Ritus vorgesehen, womöglich von ihm evoziert? Nein, das wohl nicht, aber die Priesterinnen hatten damit gerechnet, daß sich auf dieser Höhe, unter günstigen Umständen, solche über den Boden irrenden Schwaden bilden könnten.
Es war schwer, sich dem Zauber der Szenerie zu entziehen, auch weil die weißen Gewänder der Priesterinnen mit dem Weiß der Schwaden verschmolzen und ihre Gestalten aus der milchigen Dunkelheit aufzutauchen und wieder in sie zu versinken schienen, als würden sie von ihr erzeugt.
Es gab einen Moment, in dem die Wolke das ganze Zentrum der Wiese erfüllte und einige Streifen, die zerfasernd aufstiegen, fast den Mond verdeckten, wenn auch nicht so sehr, daß sie die ganze Lichtung verdunkelten, denn an den Rändern blieb sie immer noch hell. In diesem Moment sahen wir eine Druidin aus der Wolke hervorkommen und direkt auf uns zulaufen, schreiend, mit vorgestreckten Armen, so daß ich schon dachte, sie hätte uns entdeckt und schleudere uns Flüche entgegen. Doch als sie dicht vor uns angelangt war, änderte sie ihre Richtung und begann, im Kreis um die Wolke zu laufen, verschwand nach links im weißlichen Dunst, um nach ein paar Minuten von rechts wieder zu erscheinen und uns erneut sehr nahe zu kommen, so daß ich ihr Gesicht sehen konnte. Es war das Gesicht einer Wahrsagerin mit großer dantesker Nase über einem schmalen, schlitzdünnen Mund, der sich öffnete wie eine unterseeische Blüte, zahnlos bis auf zwei Schneidezähne und einen asymmetrischen Eckzahn. Der Blick war beweglich, adlerscharf, stechend. Ich hörte, oder glaubte zu hören, oder glaube jetzt, mich zu erinnern, gehört zu haben — und lege über diese Erinnerung andere Erinnerungsbilder — zusammen mit einer Reihe von Worten, die ich damals für gälisch hielt, einige Beschwörungen in einer Art von Latein, etwas wie: »O pegnia (oh, e oh! intus) et eee uluma!!!«, und mit einem Schlag war der Nebel so gut wie verschwunden, die Lichtung klärte sich wieder, und ich sah, daß sie von einem Rudel Schweine erfüllt worden war, Schweine mit Ketten aus sauren Äpfeln um die gedrungenen Hälse. Die Druidin, die vorhin die Trompete geblasen hatte, zückte, immer noch auf dem Dolmen stehend, ein Messer.
»Gehen wir«, sagte Agliè trocken. »Es ist zu Ende.«
Die Wolke war plötzlich über uns und hüllte uns ein, so daß ich meine Nachbarn kaum noch sehen konnte.
»Was heißt zu Ende?« protestierte Garamond. »Mir scheint, das Beste fangt gerade erst an!«
»Zu Ende ist das, was Sie sehen konnten. Mehr gibt es nicht. Respektieren wir den Ritus. Gehen wir.«
Wir traten zurück in den Wald, dessen Feuchtigkeit uns sofort umfing. Wir bewegten uns fröstelnd, stolpernd und rutschend auf faulendem Laub, keuchend und ungeordnet wie eine Armee auf der Flucht. Schließlich fanden wir uns auf der Straße wieder. Wir könnten in knapp zwei Stunden in Mailand sein, sagte Agliè. Bevor er zu Garamond in den Mercedes stieg, verabschiedete er sich mit den Worten: »Verzeihen Sie bitte, wenn ich das Schauspiel unterbrochen habe. Ich wollte Ihnen etwas zeigen, jemanden, der um uns lebt und für den im Grunde auch Sie mittlerweile arbeiten. Aber mehr gab es nicht zu sehen. Als ich über dieses Ereignis informiert wurde, musste ich versprechen, die Zeremonie nicht zu stören. Unsere Anwesenheit hätte die folgenden Phasen negativ beeinflusst«
»Aber was ist mit den Schweinen? Und was passiert jetzt?« fragte Belbo.
»Was ich sagen konnte, habe ich gesagt.«
63
»Woran erinnert dich dieser Fisch?« »An andere Fische.« »Woran erinnern dich die anderen Fische?« »An andere Fische.«
Joseph Heller, Catch22, New York, Simon & Schuster, 1961, XXVII
Ich kam mit vielen Gewissensbissen aus Piemont zurück. Aber kaum sah ich Lia wieder, vergaß ich alle Begierden, die mich gestreift hatten.
Allerdings hatte der Ausflug andere Spuren in mir hinterlassen, und ich finde es jetzt beunruhigend, daß sie mich damals nicht beunruhigt hatten. Ich war dabei, die Bilder für die Geschichte der Metalle Kapitel für Kapitel definitiv zu ordnen, und es gelang mir nicht mehr, mich dem Dämon der Ähnlichkeit zu entziehen, wie seinerzeit in Rio. Worin unterschieden sich dieser zylindrische Ofen von Reaumur, 1750, dieser Brutkasten zum Eierausbrüten und dieser barocke Athanor, ein Mutterleib, ein obskurer Uterus zum Ausbrüten von wer weiß was für mystischen Metallen? Es war, als hätte man das Deutsche Museum in jenem piemontesischen Schloss installiert, das ich eine Woche zuvor besucht hatte.
Es fiel mir immer schwerer, die Welt der Magie von dem zu trennen, was wir heute das Universum der Präzision und Exaktheit nennen. Ich fand Personen wieder, die mir in der Schule als Träger des Lichts der Mathematik und Physik inmitten der Finsternis des Aberglaubens nahegebracht worden waren, und entdeckte, daß sie bei ihrer Arbeit im Laboratorium mit einem Fuß in der Kabbala gestanden hatten. War ich womöglich dabei, die ganze Geschichte mit den Augen unserer Diaboliker neu zu lesen? Ich riss mich zusammen, aber dann fand ich unverdächtige Texte, die mir erzählten, wie die positivistischen Physiker, sobald sie abends die Universität verließen, eiligst hingingen, um sich in telepathische Séancen und astrologische Tafelrunden zu stürzen, und wie Newton zu den Gesetzen der universalen Gravitation gelangt war, weil er an die Existenz okkulter Kräfte glaubte (was mich an seine Ausflüge in die rosenkreuzerische Kosmologie erinnerte).