Ich hatte mir die Ungläubigkeit zu einer wissenschaftlichen Pflicht gemacht, aber nun musste ich auch den Meistern misstrauen, die mich gelehrt hatten, ungläubig zu werden.
Ich bin wie Amparo, sagte ich mir: ich glaube nicht daran, aber ich falle darauf herein. Und ich ertappte mich beim Nachdenken darüber, daß die Höhe der Großen Pyramide im Grunde ja wirklich ein Milliardstel der Entfernung Erde-Sonne betrug, oder daß es ja tatsächlich Analogien zwischen keltischer und indianischer Mythologie gab. Und so begann ich, alles und jedes, was mich umgab, zu befragen, die Häuser, die Firmenschilder, die Wolken am Himmel und die Abbildungen in den Büchern, um ihnen nicht ihre eigene Geschichte, sondern eine andere zu entlocken, eine, die sie gewiss verbargen, aber die sie letztlich gerade aufgrund und kraft ihrer mysteriösen Ähnlichkeiten enthüllten.
Es rettete mich Lia, jedenfalls für den Moment.
Ich hatte ihr alles (oder fast alles) von unserem Ausflug nach Piemont erzählt, und jeden Abend kam ich mit neuen kuriosen Entdeckungen heim, um sie in meine Kartei der Querverweise einzutragen. »Iss, du bist dünn wie ein Nagel«, lautete ihr Kommentar. Eines Abends setzte sie sich seitlich neben mich an den Schreibtisch, teilte die Mähne in der Mitte der Stirn, um mir gerade in die Augen zu sehen, und legte die Hände in den Schoß, wie es Hausfrauen tun. So hatte sie sich noch nie hingesetzt: die Beine gespreizt, so daß der Rock sich über den Knien spannte. Nicht sehr anmutig, dachte ich. Aber dann sah ich in ihr Gesicht, und es schien mir zu leuchten, übergossen von einer zarten Färbung. Und ich hörte ihr — noch ohne zu wissen warum — mit Respekt zu.
»Pim«, sagte sie, »mir gefällt die Art nicht, wie du mit dieser Manuzio-Geschichte umgehst. Erst hast du Fakten gesammelt, wie andere Leute Muscheln sammeln. Jetzt scheint es, als ob du Lottozahlen ankreuzt.«
»Das ist bloß, weil ich mich mit denen mehr amüsiere.«
»Du amüsierst dich nicht. Du bist fasziniert. Das ist was anderes. Pass auf, die machen dich krank.«
»Jetzt übertreib nicht. Krank sind höchstens die selber. Man wird nicht verrückt, wenn man als Pfleger in der Klapsmühle arbeitet.«
»Das wäre erst noch zu beweisen.«
»Ich habe den Analogien immer misstraut, das weißt du. Und jetzt bin ich auf einmal mitten in einem Fest von Analogien, einem Coney Island, einem Ersten Mai in Moskau, einem Heiligen Jahr der Analogien, und dabei stelle ich fest, daß einige besser als andere sind, und frage mich, ob es dafür nicht zufällig einen Grund gibt«
»Pim«, sagte Lia, »ich hab mir deine Karteikarten angesehen. Ich bin es ja, die sie hinterher wieder ordnen muß. Was immer deine Diaboliker auch entdecken, es ist alles schon hier, schau her«, und sie klopfte sich auf den Bauch, an die Hüften, auf die Schenkel und an die Stirn. So wie sie dasaß, breitbeinig, mit gestrafftem Rock, frontal vor mir, erschien sie mir wie eine stämmige, blühende Amme — sie, die so zart und biegsam war —, denn eine ruhige Klugheit erleuchtete sie von innen mit matriarchalischer Autorität.
»Pim, es gibt keine Archetypen, es gibt nur den Körper. Das Innen ist schön, weil da drinnen im Bauch das Kind heranwächst, dein Piephahn schlüpft da fröhlich hinein, und die gute, wohlschmeckende Speise sinkt da hinunter, und darum sind schön und wichtig die Höhle, die Schlucht, der Gang, der Untergrund und sogar das Labyrinth, das genauso beschaffen ist wie unsere guten und heiligen Eingeweide, und wenn jemand was Wichtiges erfinden muß, dann lässt er's von da drinnen kommen, weil auch du von da drinnen gekommen bist am Tage deiner Geburt, und die Fruchtbarkeit ist immer in einem Loch, wo erst etwas verfault, und dann siehe da, ein kleiner Chinese, eine Dattelpalme, ein Affenbrotbaum. Aber oben ist besser als unten, weil wenn du auf dem Kopf stehst, fließt dir das Blut in den Kopf, weil die Füße stinken und die Haare weniger, weil es besser ist, auf einen Baum raufzuklettern, um Früchte zu pflücken, als unter der Erde zu liegen, um die Würmer zu mästen, weil du dir selten weh tust, wenn du dich aufrichtest (du musst schon wirklich unter dem Dach sein), und gewöhnlich tust du dir weh, wenn du irgendwo runterfällst, und deswegen ist das Oben himmlisch und das Unten teuflisch. Aber weil ja auch wahr ist, was ich zuerst über meinen Bauch gesagt habe, ist eben beides wahr, das Unten und Drinnen ist im einen Sinn schön, und im anderen Sinn ist das Oben und Draußen schön, und das hat nichts mit dem Geist des Merkur und dem universalen Widerspruch zu tun. Das Feuer hält warm, und die Kälte bringt dir eine Lungenentzündung ein, besonders wenn du ein Gelehrter vor viertausend Jahren bist, und folglich hat das Feuer geheimnisvolle Kräfte, auch weil es dir das Suppenhuhn gar macht. Aber die Kälte konserviert dir das Huhn, und wenn du das Feuer berührst, macht es dir eine böse Brandblase. Also wenn du an eine Sache denkst, die sich seit Jahrtausenden hält, wie die Weisheit, dann musst du sie auf einem Berg denken, hoch oben (was gut ist, wie wir gesehen haben), aber oben in einer Höhle (was genauso gut ist) und in der ewigen Kälte des tibetanischen Schnees (was optimal ist). Und wenn du dann wissen willst, wieso die Weisheit aus dem Orient kommt und nicht aus den Schweizer Alpen — na, ganz einfach, weil der Körper deiner Urahnen morgens früh, wenn er aufwachte und es noch dunkel war, nach Osten schaute in der Hoffnung, daß die Sonne dort wieder aufging und es nicht regnen würde, verdammter Mist.«
»Ja, Mama.«
»Ja sicher, mein Kind. Die Sonne ist gut, weil sie dem Körper guttut und keine Zicken macht, sondern brav jeden Tag wieder aufgeht, und darum ist alles gut, was wiederkehrt und nicht bloß einmal vorbeischaut und dann ade, auf Nimmerwiedersehen. Und die beste Art, an einen Ort zurückzukehren, ohne denselben Weg zweimal zu gehen, ist im Kreis zu gehen, und weil das einzige Tier, das sich im Kreise ringelt, die Schlange ist, deshalb gibt es so viele Schlangenkulte und -mythen, denn es ist schwierig, sich die Wiederkehr der Sonne mit einem geringelten Flusspferd vorzustellen. Außerdem, wenn du eine Zeremonie zur Anrufung der Sonne machen musst, tust du gut daran, dich im Kreis zu bewegen, weil wenn du dich auf einer geraden Linie bewegst, entfernst du dich, und die Zeremonie wird sehr kurz. Und es gibt noch einen anderen Grund, warum der Kreis die beste Form für einen Ritus ist, was auch die Feuerschlucker auf den Marktplätzen wissen, weil nämlich bei einem Kreis alle gleich gut sehen können, was in der Mitte passiert, während wenn ein ganzer Stamm sich auf einer geraden Linie aufstellen würde wie ein Trupp Soldaten, dann würden die weiter Entfernten nichts mehr sehen, und deswegen sind der Kreis und die Kreisbewegung und die zyklische Wiederkehr in allen Kulten und Riten fundamental.«
»Ja, Mama.«
»Ja sicher. Und jetzt zu den magischen Zahlen, die deinen Autoren so sehr gefallen. Die Eins bist du, der du einer bist und nicht zwei, eins ist dein Dingsda, und eins ist mein Dingsda, eine ist deine Nase und eins dein Herz, woran du siehst, wie viele wichtige Dinge nur einmal da sind. Und zwei sind die Augen, die Ohren, die Nasenlöcher, meine Brüste und deine Eier, die Beine, die Arme und die Pobacken. Die Drei ist magischer als alles andere, weil unser Körper sie nicht kennt, wir haben nichts, was dreimal vorkommt, und deswegen muß die Drei eine höchst geheimnisvolle Zahl sein, die wir Gott zuschreiben, egal wo wir leben. Aber wenn du's genau bedenkst, ich hab nur eine Dingsda und du hast nur einen Dingens — still, lass jetzt die Witzeleien —, und wenn wir unsere beiden Dinger zusammentun, kommt ein neues Dingelchen raus, und wir sind drei. Was meinst du, muß da erst ein Universitätsprofessor kommen, um zu entdecken, daß alle Pole ternäre Strukturen haben, Trinitäten oder solche Sachen? Aber die Religionen sind nicht mit dem Computer gemacht worden, sondern von ganz normalen Leuten, die ganz normal gevögelt haben, und all diese trinitarischen Strukturen sind kein Mysterium, sondern die Erzählung von dem, was du und ich machen und was sie gemacht haben. Klar? Also weiter. Zwei Arme und zwei Beine machen zusammen vier, und deswegen ist auch die Vier eine schöne Zahl, besonders wenn du bedenkst, daß die Tiere vier Beine haben und daß die kleinen Kinder auf vier Beinen laufen, wie schon die Sphinx wusste. Von der Fünf brauchen wir nicht zu reden, fünf sind die Finger der Hand, und mit zwei Händen hast du die andere magische Zahl, die Zehn, weshalb es notwendigerweise auch zehn Gebote sein müssen, denn stell dir vor, es wären zwölf, und der Priester sagt erstens, zweitens, drittens und zählt sie mit den Fingern auf, dann müsste er sich für die beiden letzten Gebote die Finger des Küsters ausleihen. Jetzt nimm den Körper und zähl mal alles, was aus dem Rumpf rausragt. Mit Armen, Beinen, Kopf und Penis sind es sechs Sachen, aber bei der Frau sind es sieben, und deswegen, scheint mir, ist die Sechs von deinen Autoren nie richtig ernst genommen worden, höchstens als Verdoppelung der Drei, weil sie nur bei den Männern funktioniert, die keine Sieben haben, und wenn sie kommandieren, ziehen sie's vor, die Sieben als heilige Zahl zu sehen, wobei sie vergessen, daß auch meine Titten vorspringen, aber egal. Acht — mein Gott, wir haben nichts mit acht am Leib... nein, warte, wenn man die Extremitäten nicht als je eine zählt, sondern als zwei, dann haben wir wegen der Ellbogen und der Knie acht große lange Knochen, die rausragen, und nimm diese acht plus den Rumpf, und du hast neun, und wenn du den Kopf dazunimmst, kommst du auf zehn. Und so kannst du weitermachen, immer rund um den Körper herum, und kommst auf jede Zahl, die du willst, denk nur mal an die Löcher.«