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»Die Löcher?«

»Ja, wie viele Löcher hat dein Körper?«

»Hmm...« Ich zählte an mir: »Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher, ein Mund, ein Arschloch... Acht.«

»Siehst du? Noch ein Grund, warum die Acht eine schöne Zahl ist. Aber ich habe neun! Und mit dem neunten lasse ich dich zur Welt kommen, und deshalb ist die Neun göttlicher als die Acht! Und willst du die Erklärung für weitere Figuren, die immer wiederkehren? Willst du die Anatomie der Menhire, von denen deine Autoren andauernd reden? Bei Tag steht man aufrecht und nachts liegt man flach, das gilt auch für dein Dingsda — nein, sag mir jetzt nicht, was dein Dingsda nachts macht, Tatsache ist, daß es im Stehen arbeitet und sich im Liegen ausruht. Und deswegen ist die vertikale Stellung das Leben und steht in Beziehung zur Sonne, und die Obelisken ragen genauso empor wie die Bäume, während die horizontale Stellung und die Nacht der Schlaf sind und folglich der Tod, und alle verehren Menhire und Pyramiden und Säulen, und niemand verehrt Balkone und Balustraden. Hast du jemals von einem archaischen Kult des heiligen Geländers gehört? Na bitte! Und nicht bloß, weil's der Körper dir nicht erlaubt: wenn du einen senkrechten Stein anbetest, kann jeder ihn sehen, auch wenn ihr viele seid, aber wenn du was Horizontales anbetest, dann sehen es nur die in der ersten Reihe, und die andern drängeln von hinten und rufen ich auch, ich auch, und das ist kein schönes Bild für eine magische Zeremonie... «

»Aber die Flüsse... «

»Die Flüsse werden nicht angebetet, weil sie horizontal sind, sondern weil da Wasser drin fließt, und du wirst doch nicht wollen, daß ich dir die Beziehung zwischen dem Wasser und dem Körper erkläre... Tja, siehst du, wir sind eben so gebaut, wir Menschen, wir alle, wir haben alle den gleichen Körper, und deshalb erfinden wir alle die gleichen Symbole, auch wenn wir Millionen Kilometer voneinander entfernt sind, und alles ist zwangsläufig ähnlich, und nun kapierst du auch, daß Leute mit Grips im Kopf, wenn sie den Ofen des Alchimisten sehen, der rundum zu ist und innen warm, dann denken sie an den Mutterleib, der das Kind hervorbringt, und nur deine Diaboliker sehen die Madonna mit dem Kind im Leib und denken, sie wäre eine Anspielung auf den Alchimistenofen. So haben sie Jahrtausende mit der Suche nach einer verborgenen Botschaft verbracht, und dabei war alles schon da, sie brauchten nur mal in den Spiegel zu sehen.«

»Du sagst mir immer die Wahrheit. Du bist mein Ich, und das heißt mein Sich, gesehen durch Dich. Ich möchte alle verborgenen Archetypen des Körpers entdecken.« An jenem Abend erfanden wir den Ausdruck »die Archetypen entdecken« für unsere Momente der Zärtlichkeit.

Als ich schon fast eingeschlafen war, berührte mich Lia an der Schulter. »Ich hab was vergessen«, sagte sie. »Ich bin schwanger.«

Hätte ich nur auf Lia gehört! Sie sprach mit der Klugheit derer, die wissen, woher das Leben kommt. Als wir uns in die Untergründe Agarthas wagten, in die Pyramide der Entschleierten Isis, waren wir in Geburah eingetreten, in die Sefirah des Schreckens, den Augenblick, da die Gefäße brechen und der Zorn über die Welt kommt. Hatte ich mich nicht, wenn auch nur für einen Moment, von dem Gedanken an die Sophia verführen lassen? Das Weibliche, sagt Moses Cordovero, ist zur Linken, und all seine Attribute streben zu Geburah... Es sei denn, der Mann nutzte diese Strebungen, um seine Braut zu schmücken, und wendete sie, indem er sie zähmte, zum Guten. Mit anderen Worten, jedes Verlangen muß in seinen Grenzen bleiben. Andernfalls wird Geburah das Strafgericht, der dunkle Schein, die Welt der Dämonen.

Das Verlangen bezähmen... So hatte ich's in Rio gemacht, ich hatte das Agogõ geschlagen, ich hatte am Schauspiel auf Seiten der Musiker teilgenommen und mich der Trance entzogen. So hatte ich's auch mit Lia gemacht, ich hatte das Verlangen in die Huldigung vor der Braut eingebunden und war in der Tiefe meiner Lenden dafür belohnt worden, mein Same war gesegnet gewesen.

Aber ich hatte keine Geduld gehabt. Ich war im Begriff, mich von Tifereths Schönheit verführen zu lassen.

6. Tifereth

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Zu träumen, man wohne in einer neuen und unbekannten Stadt, heißt, daß man bald sterben wird. Anderswo nämlich wohnen die Toten, und man weiß nicht, wo.

Gerolamo Cardano, Somniorum Synesiorum, Basel 1562, 1, 58

  Wenn Geburah die Sefirah der Furcht und des Bösen ist, so ist Tifereth die Sefirah der Schönheit und der Harmonie. Also sprach Diotallevi: Sie ist die erhellende Spekulation, der Baum des Lebens, das Vergnügen, der purpurne Schein. Sie ist die Eintracht von Regel und Freiheit.

Und jenes Jahr war für mich das Jahr des Vergnügens, der spielerischen Umwälzung des großen Textes der Welt, das Jahr, in dem wir die Hochzeit des Überlieferten Wissens mit der Elektronischen Maschine feierten. Wir kreierten und hatten Freude daran. Es war das Jahr, in dem wir den Großen Plan erfanden.

Zumindest für mich, kein Zweifel, war es ein glückliches Jahr. Lias Schwangerschaft ging in heiterer Ruhe voran, von der Arbeit für Garamond und meiner Agentur konnten wir jetzt einigermaßen auskömmlich leben, ich hatte das Büro in der alten Fabrik am Stadtrand behalten, aber wir hatten Lias Wohnung neu eingerichtet.

Das wunderbare Abenteuer der Metalle war mittlerweile in den Händen der Drucker und Korrektoren. Und an diesem Punkt hatte Signor Garamond seine geniale Idee: »Eine illustrierte Geschichte der magischen und hermetischen Wissenschaften! Mit dem Material, das uns die Diaboliker liefern, mit der Kompetenz, die Sie drei inzwischen erworben haben, und mit der Beratung durch diesen unbezahlbaren Doktor Agliè werden Sie in einem Jährchen imstande sein, einen großformatigen Band zusammenzustellen, vierhundert reich illustrierte Seiten, mit Farbtafeln, daß es einem den Atem verschlägt. Unter Verwendung auch großer Teile des Bildmaterials für die Geschichte der Metalle.«