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»Ja, aber«, wandte ich ein, »das Material ist verschieden. Was fange ich mit dem Foto eines Zyklotrons an?«

»Was Sie damit anfangen? Fantasie, Casaubon, Fantasie! Was passiert in diesen Atommaschinen, diesen megatronischen Positronen oder wie die heißen? Die Materie wird gerührt und geknetet, man streut Parmesan drauf, und raus kommen Quarks, Schwarze Löcher, zentrifugiertes Uran oder was weiß ich! Die stoffgewordene Magie, Hermes und Alkermes — na schließlich sind Sie es, der mir die Antwort geben soll! Links der alte Stich von Paracelsus, der Zauberer in seiner Alchimistenküche mit seinen Destillierkolben, auf Goldgrund, und rechts die Quasare, der Mixer für schweres Wasser, die gravitational-galaktische Antimaterie, ja muß ich denn alles selber machen? Der wahre Magier ist nicht der, der nichts kapiert und mit verbundenen Augen im Nebel herumstochert, sondern der Wissenschaftler, der der Materie ihre verborgenen Geheimnisse entreißt. Es gilt, das Wunderbare rings um uns zu entdecken, den Verdacht zu wecken, daß die Astronomen auf dem Mount Palomar mehr wissen, als sie sagen... «

Um mich zu motivieren, erhöhte er mein Gehalt in beinahe spürbarer Weise. Also machte ich mich mit Feuereifer an die Entdeckung der Miniaturen des Liber Solis von Trismosin, des Liber Mutus, des Pseudo-Lullus. Ich füllte Schnellhefter mit Drudenfüßen, Sefiroth-Bäumen, Dekanen und Talismanen. Ich streifte durch die entlegensten Säle der Bibliotheken, ich kaufte Dutzende von Büchern in jenen Läden, die früher einmal die Kulturrevolution verkauft hatten.

Unter den Diabolikern bewegte ich mich inzwischen mit der Unbefangenheit eines Psychiaters, der seinen Patienten zugetan ist und die Brisen balsamisch findet, die durch den weiten Park seiner Privatklinik wehen. Nach einer Weile beginnt er, Texte über den Wahn zu schreiben, dann wahnhafte Texte. Er merkt nicht, daß seine Kranken ihn angesteckt haben — er glaubt, er wäre ein Künstler geworden. So entstand die Idee des Großen Plans.

Diotallevi machte das Spiel mit, da es für ihn eine Form des Gebetes war. Was Belbo anging, glaubte ich damals, daß er sich genauso wie ich amüsierte. Erst jetzt begreife ich, daß er kein echtes Vergnügen daran fand. Er machte mit, so wie einer Nägel kaut.

Oder aber er spielte, um wenigstens eine jener falschen Adressen zu finden, oder jene Bühne ohne Rampe, von denen er in seinem file namens »Traum« spricht. Ersatztheologien für einen Engel, der nie ankommen wird.

Filename: Traum

Ich weiß nicht mehr, ob ich einen im andern geträumt habe, ob die Träume einander in derselben Nacht folgen, oder ob sie Nacht für Nacht alternieren.

Ich suche nach einer Frau, einer Frau, die ich kenne, mit der ich enge Beziehungen hatte, so enge, daß ich gar nicht begreifen kann, wieso ich sie gelockert habe — ich, indem ich mich nicht mehr sehen ließ. Es kommt mir ganz unbegreiflich vor, daß ich so viel Zeit habe vergehen lassen. Ich suche gewiss nach ihr, genauer: nach ihnen, die Frau ist nicht nur eine, es sind viele, die ich alle auf die gleiche Weise verloren habe, alle durch meine Nachlässigkeit — und ich bin von Zweifeln erfüllt, und eine einzige würde mir schon genügen, denn eines weiß ich: durch ihren Verlust habe ich sehr viel verloren. In der Regel kann ich das Notizbuch, in dem die Telefonnummer steht, nicht finden oder habe es nicht mehr oder kann mich nicht entschließen, es aufzuschlagen, und wenn ich's doch aufschlage, ist es, als ob ich weitsichtig wäre, ich kann die Namen nicht lesen.

Ich weiß, wo sie ist, oder besser, ich weiß nicht, an welchem Ort, aber ich weiß, wie er aussieht, ich habe eine klare Erinnerung an eine Treppe, einen Hauseingang, eine Wohnungstür. Ich laufe nicht durch die Stadt, um den Ort wiederzufinden, ich fühle mich eher erstarrt vor Angst, blockiert, ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie ich es zulassen oder gar wollen konnte, daß die Beziehung erlosch — womöglich, indem ich das letzte Rendezvous versäumte. Ich bin sicher, daß sie auf einen Anruf von mir wartet. Wenn ich nur wüsste, wie sie heißt, ich weiß sehr gut, wer sie ist, ich kann mich nur nicht mehr auf ihr Gesicht besinnen.

Manchmal, im Halbschlaf hinterher, hadere ich mit dem Traum. Denk nach, erinnere dich, sage ich mir, du kannst dich sehr gut an alles erinnern, du hast mit allem ordentlich abgeschlossen oder hattest gar nicht erst angefangen. Da ist nichts Unerledigtes in deinem Leben, nichts Verloren gegangenes, nichts, wovon du nicht wüsstest, wo es geblieben ist. Da ist nichts.

Bleibt der Verdacht, ich könnte etwas vergessen, in den Falten der Eile liegen gelassen haben, so wie man einen Geldschein oder einen Zettel mit einer wichtigen Notiz in einer Gesäßtasche oder einer alten Jacke vergisst, und erst später geht einem auf, daß gerade dies die allerwichtigste Sache war, die entscheidende, die einzige.

Von der Stadt habe ich ein klareres Bild. Es ist Paris, ich bin am linken Seine-Ufer, und ich weiß, wenn ich über den Fluss ginge, würde ich mich auf einem Platz befinden, der die Place des Vosges sein könnte... nein, offener, denn im Hintergrund steht eine Art Madeleine. Wenn ich den Platz überquere und hinter den Tempel gehe, finde ich eine Straße (mit einem Antiquariat an der Ecke), die im Bogen nach rechts abbiegt zu einer Reihe kleiner Gassen, und da bin ich bestimmt im Barrio Gótico von Barcelona. Man könnte hinausgelangen auf eine breite Allee voller Lichter, und an dieser Allee, ich erinnere mich mit einer Deutlichkeit, als ob ich es vor mir sähe, ist rechts, am Ende einer schmalen Sackgasse, das Theater.

Ungewiss bleibt, was an jenem Ort der Freuden geschieht, sicher etwas leicht und fröhlich Verruchtes, wie ein Striptease (deshalb wage ich nicht, mich zu erkundigen), etwas, worüber ich schon genug weiß, um wieder hinzuwollen, voller Erregung. Aber vergeblich, in Richtung Chatham Road geraten die Straßen durcheinander.

Ich erwache mit dem Nachgeschmack dieser verpassten Begegnung. Ich kann mich nicht damit abfinden, nicht zu wissen, was ich verloren habe.

Manchmal bin ich in einem großen Haus auf dem Land. Es ist weitläufig, aber ich weiß, daß es da noch einen anderen Flügel gibt, und ich kann ihn nicht mehr finden, als ob die Durchgänge zugemauert wären. Und in jenem anderen Flügel sind Zimmer und Zimmer, ich habe sie einmal sehr deutlich gesehen, es ist unmöglich, daß ich sie bloß in einem anderen Traum geträumt habe, Zimmer mit alten Möbeln und verblassten Stichen an den Wänden, mit Tischchen, auf denen altmodische kleine Spielzeugtheater aus bemalten Kartonpapier stehen, und Sofas, auf denen große bestickte Decken liegen, und Regale voller Bücher, alle Jahrgänge des Illustrierten Journals der Reisen und Abenteuer zu Land und zur See, es stimmt gar nicht, daß sie völlig zerlesen sind und die Mama sie dem Lumpensammler gegeben hat. Ich frage mich, wer die Treppen und Korridore durcheinandergebracht haben mag und warum es gerade hier ist, wo ich mir gern mein Buen Retiro erbauen würde, in diesem Geruch von kostbarem altem Trödel.

Warum kann ich nicht wie alle andern von der Abiturprüfung träumen?

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Es war ein quadratischer Apparat von zwanzig Fuß Seitenlänge in der Mitte des Raumes. Die Oberfläche bestand aus lauter würfelförmigen Holzstückchen in verschiedener Größe, die durch dünne Drähte miteinander verbunden und auf jeder Seite mit Papier beklebt waren. Auf diesem Papier standen alle Wörter ihrer Sprache in ihren verschiedenen Modi, Konjugationen und Deklinationen, aber ohne jede Ordnung... Auf ein Kommando des Professors ergriffen die Schüler nun jeder eine der vierzig eisernen Kurbeln, die rings um den Rahmen angebracht waren, und gaben ihr eine rasche Drehung, so daß sich die Ordnung der Wörter schlagartig änderte. Alsdann befahl der Professor sechsunddreißig Schülern, die Zeilen zu lesen, so wie sie auf dem Rahmen erschienen, und wenn sie drei oder vier zusammenhängende Wörter fänden, die einen Satzteil bilden könnten, sie den vier anderen Schülern zu diktieren...