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Jonathan Swift, Gullivers Reisen, III, 5

  Ich glaube, daß Belbo beim Nachsinnen über den Traum erneut auf den Gedanken der versäumten Gelegenheit gekommen war, und damit auf sein Verzichtgelöbnis als Strafe für seine Unfähigkeit, den richtigen Augenblick — falls es ihn je gegeben hatte — zu ergreifen. Den Großen Plan begann er, weil er sich damit abgefunden hatte, fiktive Augenblicke zu konstruieren.

Ich hatte ihn nach einem Text gefragt, ich weiß nicht mehr welchem, und er hatte auf seinem Schreibtisch gekramt, in einem Stapel von abenteuerlich hochgetürmten, ohne Rücksicht auf Schwere und Größe übereinandergehäuften Manuskripten. Nach einer Weile hatte er den gesuchten Text entdeckt und versucht, ihn herauszuziehen, wobei der ganze Stapel ins Kippen geraten und vom Tisch gestürzt war. Die Mappen waren aufgegangen, und die losen Blätter hatten sich kunterbunt durcheinander über den Boden verstreut.

»Wär's nicht besser gewesen, Sie hätten erst mal die obere Hälfte abgehoben?« fragte ich ihn. Verlorene Liebesmüh, er machte es immer so.

Und er antwortete unweigerlich: »Das sammelt Gudrun heute Abend auf. Sie muß schließlich eine Aufgabe im Leben haben, sonst verliert sie ihre Identität«

Diesmal war ich jedoch persönlich an der Rettung der Manuskripte interessiert, da ich nun zum Hause gehörte. »Aber Gudrun ist nicht imstande, sie wieder richtig zu ordnen. Sie wird die falschen Blätter in die falschen Ordner legen.«

»Wenn Diotallevi Sie hörte, würde er frohlocken. So kommen andere Bücher zustande, eklektische, zufällige. Das liegt in der Logik der Diaboliker.«

»Aber wir wären in der Situation der Kabbalisten. Jahrtausende, um die richtige Kombination zu finden. Mit Ihrer Methode setzen Sie einfach Gudrun an die Stelle des Affen, der in Ewigkeit auf der Schreibmaschine herumhackt. Der Unterschied liegt nur in der Dauer. Vom Standpunkt der Evolution aus hätten wir nichts gewonnen. Gibt es kein Programm, das Abulafia befähigt, diese Arbeit zu tun?«

Inzwischen war Diotallevi hereingekommen.

»Klar gibt es eins«, sagte Belbo, »und theoretisch erlaubt es die Eingabe von bis zu zweitausend Daten. Man muß sich nur hinsetzen und sie schreiben. Angenommen, die Eingabedaten sind Verse möglicher Gedichte. Das Programm fragt, wie viele Verse ein Gedicht haben soll, und Sie entscheiden zehn, zwanzig, hundert. Dann nimmt das Programm die Zahl der Sekunden aus der Uhr im Computer und randomisiert sie, was in einfachen Worten heißt: es gewinnt daraus eine Formel für immer neue Kombinationen. Mit zehn Versen können Sie Tausende und Abertausende von Zufallsgedichten bekommen. Gestern habe ich ein paar Verse eingegeben, solche wie Füllest wieder Busch und Tal, Schwer sind meine Lider, Krächzt der Rabe: Nimmermehr, Wenn die Aspidistra wollte, Reich mir die Hand, mein Leben und dergleichen. Hier ein paar Resultate.«

Ich zähle die Nächte, es tönt das Sistrum Jenseits des Heckenzaunes Jenseits des Heckenzaunes... Wenn die Aspidistra wollte...

Aus dem Herzen der Dämmrung (o Herz), du linkischer Albatros (wenn die Aspidistra wollte... ) Jenseits des Heckenzaunes.

Füllest wieder Busch und Tal, ich zähle die Nächte, es tönt das Sistrum, krächzt der Rabe: Nimmermehr Füllest wieder Busch und Tal.

»Natürlich gibt es Wiederholungen, das war nicht zu vermeiden, es sieht so aus, als würde das Programm sonst ein bisschen zu kompliziert. Aber auch die Wiederholungen haben einen poetischen Sinn.«

»Interessant«, meinte Diotallevi. »Das versöhnt mich mit deiner Maschine. Demnach, wenn ich ihr die ganze Torah eingeben und dann befehlen würde, sie — wie heißt der Ausdruck? — zu randomisieren, dann würde sie echte Temurah machen und die Verse des Buches ganz neu kombinieren?«

»Sicher, ist nur eine Frage der Zeit. In ein paar Jahrhunderten wärst du fertig.«

»Aber«, sagte ich, »wenn man statt dessen ein paar Dutzend Kernsätze aus den Werken der Diaboliker eingibt, zum Beispiel Die Templer sind nach Schottland geflohen, oder Das Corpus hermeticum gelangte 1460 nach Florenz, und dazu ein paar Verbindungsfloskeln wie es ist evident, daß, oder dies beweist, daß, dann könnten wir aufschlussreiche Sequenzen bekommen. Man brauchte nur noch die Lücken zu füllen, oder man wertet die Wiederholungen als Wahrsagungen, Anregungen, Ermahnungen. Schlimmstenfalls erfinden wir auf diese Weise ein ganz neues Kapitel der Geschichte der Magie.«

»Genial«, sagte Belbo. »Fangen wir gleich an.«

»Nein, es ist schon sieben. Morgen.«

»Ich mach's gleich heute Abend. Helfen Sie mir noch einen Moment. Nehmen Sie aufs Geratewohl zwei Dutzend dieser Blätter vom Boden, lesen Sie mir den ersten Satz vor, auf den Ihr Blick fällt, und den gebe ich dann als Datum ein.«

Ich bückte mich und nahm ein Blatt: »Joseph von Arimathia bringt den Gral nach Frankreich.«

»Hervorragend, ist notiert. Weiter!«

»Nach der templerischen Tradition hat Gottfried von Bouillon in Jerusalem das Großpriorat von Zion gestiftet. Debussy war ein Rosenkreuzer.«

»Entschuldigung«, sagte Diotallevi, »aber man muß auch ein paar neutrale Daten einfügen, zum Beispieclass="underline" Der Koala lebt in Australien, oder: Papin ist der Erfinder des Dampfkochtopfs.«

»Minnie ist die Verlobte von Mickymaus«, schlug ich vor.

»Übertreiben wir nicht.«

»Doch, übertreiben wir. Wenn wir anfangen einzuräumen, daß auch nur eine einzige Gegebenheit im Universum existieren könnte, die nicht etwas anderes enthüllt, sind wir schon außerhalb des hermetischen Denkens.«

»Stimmt. Also rein mit Minnie. Und wenn ihr gestattet, ich würde ein fundamentales Grunddatum einfügen: Die Templer sind immer im Spiel.«

»Keine Frage«, bestätigte Diotallevi.

Wir machten noch ein halbes Stündchen so weiter. Dann war es wirklich spät. Aber Belbo sagte, wir sollten ruhig gehen, er werde allein weitermachen. Gudrun kam herein, um zu sagen, sie werde jetzt abschließen, Belbo teilte ihr mit, daß er noch arbeiten wolle, und bat sie, die Papiere vom Boden aufzulesen. Gudrun grummelte einige Laute, die ebenso gut zum flexionslosen Latein wie zum entlegensten Cheremis gehören konnten und wohl in beiden Missbilligung und Verdruss ausdrückten — ein Zeichen für die universale Verwandtschaft aller Sprachen, die allesamt von einer einzigen adamitischen Ursprache abstammen. Doch sie gehorchte und randomisierte besser als jeder Computer.

Am nächsten Morgen empfing uns Belbo strahlend. »Es funktioniert«, rief er. »Es funktioniert und erbringt unverhoffte Resultate. Hier, bitte sehr.« Er reichte uns den gedruckten Output.

Die Templer sind immer im Spiel. Das Folgende ist nicht wahr: Jesus ist unter Pontius Pilatus gekreuzigt worden. Der weise Hormus gründete in Ägypten die Rosenkreuzer. Es gibt Kabbalisten in der Provence. Wer vermählte sich auf der Hochzeit zu Kana? Minnie ist die Verlobte von Mickymaus. Daraus folgt, daß Wenn Die Druiden verehrten schwarze Jungfrauen, Dann Simon Magus erkennt die Sophia in einer Prostituierten von Tyrus. Wer vermählte sich auf der Hochzeit zu Kana? Die Merowinger nannten sich Könige von Gottes Gnaden. Die Templer sind immer im Spiel.

»Ein bisschen konfus«, meinte Diotallevi.

»Du musst die Verbindungen sehen. Und bitte beachte die zweimal auftauchende Frage: Wer vermählte sich auf der Hochzeit zu Kana? Die Wiederholungen sind magische Schlüssel. Natürlich hab ich's ein bisschen vervollständigt, aber die Wahrheit zu vervollständigen ist das Recht des Initiierten. Hier also meine Interpretation: Jesus ist nicht gekreuzigt worden, und deshalb spuckten die Templer auf das Kruzifix. Die Sage des Joseph von Arimathia enthält eine tiefere Wahrheit: Jesus, und nicht der Gral, ist in Frankreich bei den provenzalischen Kabbalisten gelandet. Jesus ist die Metapher des Königs der Welt, des wirklichen Gründers der Rosenkreuzer. Und mit wem ist Jesus in Frankreich gelandet? Mit seiner Gattin! Warum wird in den Evangelien nicht gesagt, wer sich auf der Hochzeit zu Kana vermählte? Nun, weil es die Hochzeit Jesu war, eine Hochzeit, von der man nicht sprechen durfte, weil er eine öffentliche Sünderin ehelichte, nämlich Maria Magdalena. Deshalb suchen seither alle Erleuchteten, von Simon Magus bis zu Guillaume Postel, das Prinzip des Ewig Weiblichen in den Bordellen. Und deshalb ist Jesus der wahre Stammvater des französischen Königshauses.«