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Wenn unsere Hypothese zutrifft, war der Heilige Gral... das Geschlecht und die Nachkommenschaft Jesu, das »Sang real« oder »Königsblut«, dessen Hüter die Templer waren... Zugleich mußte der Heilige Gral im Wortsinne das Gefäß sein, welches das Blut Jesu aufgenommen und enthalten hatte. In anderen Worten, er mußte der Schoß der Magdalena sein.

M. Baigent, R. Leigh, H. Lincoln, The Holy Blood and the Holy Grail, London, Cape, 1982, XIV

  »Hm«, machte Diotallevi, »niemand würde dich ernst nehmen.«

»Im Gegenteil, man könnte ein paar hunderttausend Exemplare davon verkaufen«, sagte ich düster. »Die Geschichte existiert wirklich, sie ist so geschrieben worden, mit winzigen Abweichungen. Es handelt sich um ein Buch über das Mysterium des Grals und die Geheimnisse von Rennes-le Château. Statt immer nur Manuskripte zu lesen, sollten Sie auch mal Bücher lesen, die anderswo schon erschienen sind.«

»Heilige Seraphim!« rief Diotallevi. »Ich hab's doch gesagt, diese Maschine sagt immer nur, was alle schon wissen.« Sprach's und ging unversöhnt hinaus.

»Und sie nützt doch!« sagte Belbo pikiert. »Mir ist eine Idee gekommen, die auch andere schon hatten? Na und? Wir sind eben bei der literarischen Polygenese. Signor Garamond würde sagen, das ist der Beweis für die Wahrheit dessen, was ich gesagt habe. Diese Autoren müssen jahrelang über dem Problem gebrütet haben, und ich hab's an einem Abend gelöst.«

»Ich stehe auf Ihrer Seite, das Spiel ist der Mühe wert, es hat etwas Zündendes. Aber ich glaube, die Regel ist, daß man viele Daten einfügen muß, die nicht von den Diabolikern stammen. Das Problem ist nicht, okkulte Verbindungen zwischen Debussy und den Templern zu finden. Das tun alle. Das Problem ist, okkulte Beziehungen zwischen, sagen wir, der Kabbala und den Zündkerzen im Auto zu finden.«

Ich hatte das nur so hingesagt, aber es brachte Belbo auf eine Spur. Am nächsten Morgen erzählte er mir davon.

»Sie hatten ganz recht. Jede Gegebenheit wird bedeutsam, wenn man sie mit einer andern verbindet Die Verbindung ändert die Perspektive. Sie bringt einen auf den Gedanken, daß alle Erscheinungen in der Welt, jede Stimme, jedes geschriebene oder gesprochene Wort nicht das bedeuten, was sie zu bedeuten scheinen, sondern von einem Geheimnis sprechen. Das Kriterium ist simpeclass="underline" Man muß argwöhnen, immer nur argwöhnen. Geheime Botschaften kann man auch aus einem Einbahnstraßenschild herauslesen.«

»Sicher. Manichäischer Moralismus. Abscheu vor der Reproduktion. Durchfahrt verboten, weil sie eine Täuschung des Demiurgen ist. Nicht auf diesem Wege wird man den Rechten Weg finden.«

»Gestern Abend ist mir ein altes Lehrbuch für die Führerscheinprüfung in die Hände gefallen, so eins mit technischen Erläuterungen über den Aufbau des Automobils. Es mag am Dämmerlicht gelegen haben oder an dem, was Sie mir gesagt hatten, jedenfalls kam mir sofort der Verdacht, daß diese Seiten insgeheim etwas anderes besagten. Wie, wenn das Automobil nur als eine Metapher der Schöpfung existierte? Freilich darf man sich nicht auf das Äußere beschränken oder auf das Trugbild des Armaturenbretts, man muß auch sehen können, was nur der Artifex sieht, nämlich das, was sich darunter verbirgt. Das Untere ist wie das Obere. Das Automobil ist der Sefiroth-Baum.«

»Was Sie nicht sagen!«

»Nicht ich sage das, es selber sagt es. Erstens ist die Motorwelle, die ja nicht zufällig in so vielen Sprachen arbor heißt (arbre moteur, albero motore etc.), wie das Wort sagt, eben ein Baum. Gut, jetzt nehmen Sie den Motor als Kopf, die zwei Vorderräder, die Kupplung, das Getriebe, zwei Gelenke, das Differenzial und die zwei Hinterräder. Zehn Gliederungen, wie die Sefiroth.«

»Aber die Positionen stimmen nicht überein.«

»Wer sagt das? Diotallevi hat uns erklärt, daß Tifereth in manchen Versionen nicht die sechste, sondern die achte Sefirah war, unter Nezach und Hod. Mein Baum ist eben der von Belboth, eine andere Tradition.«

»Fiat.«

»Nun folgen wir der Dialektik des Baumes. Oben ist der Motor, omnia movens, der Allbeweger, oder sagen wir: der Kreative Born. Der Motor überträgt seine kreative Energie auf die zwei Höheren Räder — das Rad des Verstandes und das Rad der Weisheit.«

»Ja, wenn das Auto Frontantrieb hat... «

»Das Schöne am Baum von Belboth ist, daß er metaphysische Alternativen erlaubt. Er ist das Bild eines spirituellen Kosmos mit Frontantrieb, in dem der vorne liegende Motor seinen Willen unverzüglich auf die zwei Höheren Räder überträgt, und er ist in der materialistischen Version das Bild eines degradierten Kosmos, in dem die Bewegung von einem Fernen Beweger auf die zwei Niederen Räder übertragen wird — aus den Tiefen der kosmischen Emanation werden die niederen Kräfte der Materie freigesetzt.«

»Und bei einem Heckmotor mit Hinterradantrieb?«

»Satanisch. Koinzidenz des Höchsten mit dem Niedrigsten. Gott identifiziert sich mit den Impulsen der rohen hinteren Materie. Gott als ewig frustriertes Streben nach Göttlichkeit. Muss wohl am Bruch der Gefäße liegen.«

»Nicht am Bruch des Auspufftopfs?«

»Das in den Fehlgeschlagenen Universen, wo sich der giftige Atem der Archonten im Kosmischen Äther ausbreitet. Aber verlieren wir uns nicht auf Abwege. Nach dem Motor und den beiden Rädern kommt die Kupplung, das heißt die Sefirah der Gnade, die jenen Strom der Liebe herstellt oder unterbricht, der den Rest des Baumes mit der Himmlischen Energie verbindet. Eine Scheibe, ein Mandala, das ein anderes Mandala streichelt. Dann der Schrein des Wandels — oder das Wechselgetriebe, wie die Positivisten sagen —, der das Prinzip des Bösen ist, da er dem menschlichen Willen erlaubt, den kontinuierlichen Fortgang der Emanation zu verlangsamen oder zu beschleunigen. Deshalb sind automatische Schaltungen teurer, da es bei ihnen der Baum selber ist, der nach dem Prinzip des Souveränen Gleichmaßes entscheidet. Dann kommt ein Gelenk, das bezeichnenderweise den Namen eines Magiers aus der Renaissance trägt, Cardano, und danach ein Kegelradpaar — beachten Sie bitte den Gegensatz zur Vierfalt der Zylinder im Motor —, in dem es einen Kranz gibt (also eine Corona: Kether Minor), der den Antrieb auf die irdischen Räder überträgt. Und hier zeigt sich ganz evident die Funktion der Sefirah der Differenz, auch Differenzial genannt, die mit majestätischem Sinn für die Schönheit die kosmischen Kräfte auf die beiden Räder des Ruhmes und Sieges verteilt, dieselben, die in einem nicht fehlgeschlagenen Kosmos (mit Frontantrieb) der Bewegung folgen, die von den zwei Erhabenen Rädern diktiert wird.«

»Die Deutung ist schlüssig. Und das Herz des Motors, der Ort des Einen, die Krone?«

»Lesen Sie's nur einmal mit den Augen des Initiierten. Der Höchste Beweger lebt von einer Wechselbewegung der In-und Exhalation. Ein komplexen göttlicher Atem, bei dem die Zahl der Einheiten, auch Zylinder genannt (ein evidenter geometrischer Archetyp), ursprünglich zwei war, dann erzeugten sie aus sich heraus einen dritten, und schließlich betrachten und bewegen sie sich durch wechselseitige Liebe in der Glorie des vierten. Bei diesem Atmen nun geht im Ersten Zylinder — doch keiner von ihnen ist Erster aufgrund einer Hierarchie, sondern stets nur durch wunderbar alternierenden Positions-und Beziehungswechsel —, geht nun, wie gesagt, der Kolben (in den westlichen Weltsprachen piston genannt nach Pistis Sophia) vom Oberen Totpunkt zum Unteren Totpunkt, wobei der Zylinder sich mit Energie im Reinzustand füllt. Ich vereinfache, denn hier kämen noch Hierarchien von Engeln ins Spiel, Distributionsagenten oder Verteiler, die, wie das Lehrbuch hier sagt ›das Öffnen und Schließen der Ventile erlauben, die das Innere des Zylinders in Kommunikation mit den Ansaugrohren für das Gemisch bringen‹... Die interne Zentrale des Motors kann mit dem Rest des Kosmos nur durch diese Vermittlung kommunizieren, und hier enthüllt sich vielleicht — doch ich möchte nichts Häretisches sagen — die originäre Grenze des Einen, der in gewisser Weise, um kreativ sein zu können, die Großen Exzentriker braucht. Man müsste den Text noch einer genaueren Prüfung unterziehen. Jedenfalls, wenn der Zylinder sich dann mit Energie gefüllt hat, steigt der Kolben wieder zum Oberen Totpunkt empor und realisiert so die Maximale Kompression. Das Zimzum. Und an diesem Punkt erfolgt der gloriose Big Bang, der Urknall und die Expansion. Ein Funke glimmt auf, das Gemisch entzündet sich und verpufft, und dies ist, sagt das Lehrbuch, die einzige Aktive Phase des Zyklus. Und wehe, wehe, wenn sich in das Gemisch die Schalen einschleichen, die Qelippoth, Tropfen unreiner Materie wie Wasser oder Coca-Cola, dann kommt die Explosion nicht zustande oder erfolgt mit rülpsenden Fehlzündungen... «