Mir schien jedoch, daß die beiden Manifeste zwar in denselben Begriffen davon sprachen, aber so, als hätte sich in der Zwischenzeit etwas Beunruhigendes ereignet.
Wieso zum Beispiel betonten sie dauernd mit solchem Nachdruck, daß die Zeit gekommen und der Moment erreicht sei, obwohl der Feind all seine Listen eingesetzt habe, um zu verhindern, daß die Gelegenheit wahrgenommen werde? Welche Gelegenheit? Es hieß, das Endziel von C. R. sei Jerusalem gewesen, aber er habe es nicht erreichen können. Wieso nicht? Die Araber wurden gelobt, weil sie Erkenntnisse und Erfahrungen untereinander austauschten, während die Gelehrten in Deutschland einander nicht zu helfen wüssten. Und es wurde auf eine größere Gruppe angespielt, die »die Weide allein abfressen« wolle. Hier war nicht mehr nur die Rede von jemandem, der den Plan zu verzerren suchte, um eigene Interessen zu verfolgen, hier ging es um eine effektive Verzerrung.
In der Fama hieß es, zu Anfang habe jemand eine magische Schrift ersonnen (natürlich, die Botschaft von Provins), doch Gottes Uhr schlage alle Minuten, während die unsere »kaum die ganzen Stunden anzeigt«. Wer hatte da die Schläge der göttlichen Uhr verpasst, wer war da nicht imstande gewesen, im rechten Moment an einen bestimmten Punkt zu gelangen? Angespielt wurde auf eine erste Gruppe von Brüdern, die eine geheime Philosophie hätten aufdecken können, aber beschlossen hatten, sich in die Welt zu zerstreuen.
Die Manifeste ließen ein Unbehagen erkennen, eine Ungewissheit, ein Gefühl der Verlorenheit. Die Brüder der ersten Generation hätten dafür gesorgt, daß jeder von ihnen »mit einem tauglichen Successor ersetzt« wurde, aber »sie hatten beschlossen, daß soviel immer möglich ihre Begräbnisse verborgen blieben«, weshalb man heute nicht wisse, »wo ihrer etliche geblieben«.
Worauf spielte das an? Was wusste man nicht? Von welchem »Begräbnis« fehlte die Ortsangabe? Offenkundig waren die Manifeste geschrieben worden, weil irgendeine Information verloren gegangen war und man nun diejenigen suchte, die sie zufällig kannten.
Der Schluss der Fama war unmissverständlich — »Deshalb ersuchen wir abermals alle Gelehrten in Europa... , daß sie mit wohlbedachtem Gemüt dies unser Erbitten erwägen... , die gegenwärtige Zeit mit allem Fleiß besehen und dann ihre Bedenken... uns schriftlich im Druck eröffnen. Denn obwohl weder wir noch unsere Versammlung bisher unsere Namen genannt... , soll keinem, der seinen Namen wird angeben, daraus ein Nachteil erwachsen, wenn er sich mit unsereinem entweder mündlich oder, falls ihm dies je bedenklich erscheint, schriftlich austauscht.«
Genau das war es, was der Oberst im Sinn gehabt hatte, als er seine Geschichte veröffentlichen wollte. Jemanden zwingen, aus dem Schweigen herauszutreten.
Es hatte einen Sprung gegeben, eine Unterbrechung, einen Riss im Maschengewebe. In der Grabkammer des C. R. stand nicht nur geschrieben: Post 120 annos patebo, was an den Rhythmus der Treffen erinnern sollte, es stand dort auch geschrieben: Nequaquam vacuum. Was nicht hieß: »Es gibt kein Vakuum«, sondern: »Es darf kein Vakuum geben.« Und nun hatte sich doch ein Vakuum gebildet, das gefüllt werden musste!
Warum aber, fragte ich mich ein weiteres Mal, warum wurden all diese Sachen in Deutschland gesagt, wo doch die vierte Generationslinie einfach geduldig abwarten sollte, bis sie an die Reihe kam? Die Deutschen konnten sich doch — im Jahre 1614 — nicht über ein verpasstes Treffen in Marienburg beklagen, das erst für 1704 vorgesehen war!
Nur eine Schlussfolgerung war möglich: Die Deutschen beschwerten sich darüber, daß das vorangegangene Treffen nicht stattgefunden hatte!
Das war der Schlüssel! Die Deutschen der vierten Linie beklagten sich darüber, daß die Engländer der zweiten Linie die Franzosen der dritten verpasst hatten! Natürlich, so musste es gewesen sein! Der Text enthielt Anspielungen von einer geradezu kindischen Deutlichkeit: Das Grab des C. R. wird geöffnet, und man findet darin die Unterschriften der Brüder des ersten und zweiten Zirkels, nicht aber die des dritten! Portugiesen und Engländer sind da, aber wo sind die Franzosen?
Kurzum, die beiden Manifeste der Rosenkreuzer sprachen, wenn man sie richtig zu lesen verstand, von der Tatsache, daß die Engländer die Franzosen verpasst hatten. Und nach dem, was wir inzwischen festgestellt hatten, wussten die Engländer als einzige, wo die Franzosen zu finden waren, und die Franzosen als einzige, wo die Deutschen zu finden waren. Doch selbst wenn die Franzosen dann 1704 die Deutschen gefunden hätten, wären sie nur mit einem Drittel dessen gekommen, was sie ihnen übergeben sollten.
Die Rosenkreuzer traten ans Licht der Öffentlichkeit und riskierten, was sie riskierten, da es die einzige Chance war, den Großen Plan zu retten.
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... wissen wir also nicht gewiß, ob die des andern Reyen von gleicher weißheit mit den ersten gewesen und zu allem zugelassen worden.
Fama Fraternitatis, in Allgemeine und General Reformation, Kassel, Wessel, 1614
Stolz verkündete ich meine Entdeckungen Belbo und Diotallevi. Sie stimmten zu, daß der geheime Sinn der Manifeste offen zu Tage lag, selbst für einen Okkultisten.
»Jetzt ist alles klar«, sagte Diotallevi. »Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, daß der Plan beim Übergang von den Deutschen zu den Paulizianern stecken geblieben wäre, und dabei hatte schon 1584 der Übergang von England nach Frankreich nicht geklappt«
»Aber warum nicht?« fragte Belbo. »Haben wir einen guten Grund, warum es den Engländern 1584 nicht gelungen sein soll, das Treffen mit den Franzosen zu realisieren? Die Engländer wussten doch, wo das Refugium war, sie waren sogar die einzigen, die es wussten.«
Er wollte die Wahrheit. Und schaltete Abulafia ein. Und fragte ihn probehalber nach einer Kombination zweier blind herausgegriffener Daten. Und das Output war:
Minnie ist die Verlobte von Mickymaus. 30 Tage hat November, mit April, Juni und September
»Wie ist das zu interpretieren?« fragte Belbo. »Minnie vereinbart ein Rendezvous mit Mickymaus, aber versehentlich gibt sie den einunddreißigsten September an, und Micky... «
»Halt! Moment mal!« rief ich. »Minnie könnte sich nur geirrt haben, wenn sie das Rendezvous auf den 5. Oktober 1582 gelegt hätte!«
»Wieso?«
»Die Gregorianische Kalenderreform! Ist doch ganz klar. 1582 tritt die Gregorianische Reform in Kraft, die den julianischen Kalender korrigiert, und um das Gleichgewicht wiederherzustellen, werden zehn Tage im Oktober unterdrückt, vom 5. bis zum 14.!«
»Aber das Treffen in Frankreich ist für 1584 festgesetzt, für die Johannisnacht, also den 23. Juni«, sagte Belbo.
»In der Tat. Aber wenn ich mich richtig erinnere, ist die Reform nicht gleich überall in Kraft getreten.« Ich holte mir den Ewigen Kalender vom Regal. »Ja, hier steht es: Die Reform wurde 1582 verkündet, und es wurden die Tage vom 5. bis zum 14. Oktober unterdrückt, aber das funktionierte nur für den Papst. Frankreich übernahm die Reform erst 1583 und unterdrückte die Tage vom 10. bis 19. Dezember. In Deutschland kam es zu einer Spaltung, die katholischen Länder übernahmen die Reform 1584, wie in Böhmen, die protestantischen zum Teil erst 1775, also fast zweihundert Jahre später, ganz zu schweigen von Bulgarien, das sie — ein Datum, das wir uns merken müssen — erst 1917 übernahm. Und wie steht's mit England? Hier, England übernahm die Gregorianische Reform 1752! Natürlich, in ihrem Hass auf die Papisten widersetzten sich auch die Anglikaner fast zweihundert Jahre lang. Und jetzt kapieren Sie, was passiert ist. Frankreich unterdrückt zehn Tage im Dezember 1583, und bis Juni 1584 haben sich alle daran gewöhnt. Aber als in Frankreich der 23. Juni war, da war es in England noch der 13. Juni, und überlegen Sie mal, ob ein braver Engländer, auch wenn er Templer war, zumal in jenen Zeiten, als die Informationen noch langsam zirkulierten, ob der sich die Sache wohl klargemacht hat. Noch heute fahren sie links und ignorieren das metrische Dezimalsystem... So erscheinen die Engländer beim Refugium an ihrem 23. Juni, der für die Franzosen inzwischen der 3. Juli ist. Nun darf man wohl annehmen, daß diese Treffen nicht gerade mit Fanfarenstößen begleitet wurden, es waren verstohlene Treffen an der richtigen Ecke zur richtigen Zeit. Die Franzosen sind am 23. Juni pünktlich zur Stelle, sie warten einen Tag, zwei, drei, sieben Tage, und schließlich gehen sie wieder, in der Annahme, daß wohl etwas passiert sein muß. Womöglich resignieren sie genau am Abend des 2. Juli. Die Engländer kommen am 3. Juli und finden niemanden vor. Womöglich warten auch sie acht Tage und finden weiterhin niemanden vor. So haben die beiden Großmeister sich verloren.«