»Wunderbar!« sagte Belbo. »So ist es gelaufen. Aber warum rühren sich dann jetzt die deutschen Rosenkreuzer und nicht die englischen?«
Ich bat um einen weiteren Tag Zeit, stöberte in meiner Kartei und kam am nächsten Morgen stolzgeschwellt ins Büro. Ich hatte eine Spur gefunden, scheinbar nur eine winzige, aber so arbeitet Sam Spade, nichts ist irrelevant für seinen Falkenblick. Gegen 1584 wurde der Magier und Kabbalist John Dee, Astrologe der Königin von England, mit dem Studium der Reform des julianischen Kalenders beauftragt!
»Die Engländer haben die Portugiesen 1464 getroffen. Nach diesem Datum scheint es, als würden die Britischen Inseln von einem kabbalistischen Fieber erfasst. Man arbeitet über dem, was man erfahren hat, um sich auf das nächste Treffen vorzubereiten. John Dee ist der Anführer dieser magischen und hermetischen Renaissance. Er richtet sich eine Privatbibliothek mit viertausend Bänden ein, die von den Templern aus Provins zusammengestellt sein könnte. Sein Opus Monas Ieroglyphica scheint direkt von der Tabula smaragdina inspiriert, der Bibel der Alchimisten. Und was tut John Dee ab 1584? Er liest die Steganographia von Trithemius! Und zwar im Manuskript, denn gedruckt erscheint das Werk erst zu Beginn des nächsten Jahrhunderts. Als Großmeister der englischen Gruppe, der die Schlappe des geplatzten Treffens erlitten hat, will Dee herausfinden, was passiert ist, wo der Fehler gelegen hat Und da er auch ein großer Astronom ist, fasst er sich an die Stirn und sagt, was war ich doch für ein Idiot! Und setzt sich hin, um die Gregorianische Reform zu studieren, nicht ohne sich von Elisabeth dafür bezahlen zu lassen, um herauszufinden, wie sich der Fehler wiedergutmachen lässt. Aber ihm wird klar, daß es zu spät ist. Er weiß nicht, mit wem er in Frankreich Kontakt aufnehmen soll, aber er hat Kontakte zum mitteleuropäischen Raum. Das Prag Rudolfs II. ist ein alchimistisches Laboratorium, und tatsächlich begibt sich John Dee genau in diesen Jahren nach Prag und trifft sich dort mit Khunrath, dem Autor jenes Amphitheatrum sapientiae aeternae, dessen allegorische Tafeln später sowohl Andreae wie die Rosenkreuzer-Manifeste inspirieren sollten. Welche Beziehungen stellt John Dee her? Ich weiß nicht. Zerstört von Gewissensbissen wegen seines irreparablen Fehlers stirbt er 1608. Aber keine Angst, denn in London regt sich schon eine andere Gestalt, jemand, der nach allgemeiner Ansicht der Leute ein Rosenkreuzer war und von den Rosenkreuzern in seinem Neuen Atlantis gesprochen hat. Ich meine Francis Bacon.«
»Hat Bacon wirklich von ihnen gesprochen?« fragte Belbo.
»Nicht direkt, aber nach seinem Tod hat ein gewisser John Heydon das Neue Atlantis umgeschrieben unter dem Titel The Holy Land, und da hat er die Rosenkreuzer reingetan. Aber für unsere Zwecke genügt es auch so. Bacon nennt sie aus evidenten Gründen der Diskretion nicht offen beim Namen, aber es ist, als ob er's täte.«
»Und wer's nicht glaubt, den hole die Pest.«
»Genau. Und es ist Bacon, auf dessen Betreiben man nun die Beziehungen zwischen dem englischen und dem deutschen Milieu noch enger zu knüpfen sucht. 1613 erfolgt die Hochzeit zwischen Elisabeth, der Tochter Jakobs I., der nun auf dem Thron sitzt, mit Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz. Nach dem Tod Rudolfs II. ist Prag nicht mehr der passende Ort, jetzt wird es Heidelberg. Die Fürstenhochzeit gestaltet sich zu einem Triumphzug templerischer Allegorien. Bei den Londoner Festlichkeiten führt Bacon persönlich Regie, und dargeboten wird eine Allegorie auf die mystische Ritterschaft, mit einem Auftritt von Rittern hoch oben auf einem Hügel. Es dürfte klar sein, daß Bacon, als Nachfolger Dees, jetzt Großmeister der englischen Templer ist... «
»... und da er zweifellos auch der wahre Autor der Dramen von Shakespeare ist, müssten wir auch den ganzen Shakespeare neu lesen, der bestimmt von nichts anderem gesprochen hat als von dem Großen Plan«, sagte Belbo. »Johannisnacht = Mittsommernachtstraum...«
»Der 23. Juni ist der Tag des Sommeranfangs.«
»Dichterische Freiheit. Ich frage mich, wie es möglich ist, daß niemand bisher auf diese Symptome geachtet hat, auf diese so offenkundigen Evidenzen. Alles scheint mir von einer geradezu unerträglichen Klarheit.«
»Wir sind durch das nationalistische Denken irregeleitet worden«, sagte Diotallevi. »Ich hab's ja schon immer gesagt«
»Lass Casaubon weiterreden, mir scheint, er hat eine exzellente Arbeit geleistet.«
»Da gibt's nicht mehr viel zu sagen. Nach den Festlichkeiten in London kamen die Festlichkeiten in Heidelberg, wo Salomon de Caus für den Kurfürsten jene hängende Gärten angelegt hatte, von denen wir eine blasse Imitation in Piemont gesehen haben, Sie erinnern sich. Und im Verlauf dieser Festlichkeiten erscheint ein allegorischer Wagen, der den Bräutigam als Jason feiert, und auf den beiden Masten des Schiffes, das auf dem Wagen dargestellt ist, erscheinen die Symbole des Goldenen Vlieses und des Hosenbandordens, ich hoffe, Sie haben nicht vergessen, daß dieselben Symbole auch an den Säulen in Tomar erscheinen... Alles fügt sich zusammen. Im folgenden Jahr erscheint die Fama, dann die Confessio — die Manifeste der Rosenkreuzer sind das Signal, das die englischen Templer, nachdem sie sich der Hilfe einiger Freunde in Deutschland versichert haben, durch ganz Europa schicken, um die Fäden des unterbrochenen Planes wieder zusammenzuknüpfen.«
»Aber worauf genau wollen sie hinaus?«
72
Nos inuisibles pretendus sont (à ce que l’on dit) au nombre de 36, separez en six bandes.
(Unsere angeblich Unsichtbaren sind (nach dem, was man sagt) 36 an der Zahl, geteilt in sechs Gruppen.)
Effroyables pactions faictes entre le diable & les pretendus Inuisibles, Paris 1623, p. 6
»Vielleicht versuchen sie eine doppelte Operation: einerseits ein Signal an die Franzosen zu senden und andererseits die verstreuten Teile der deutschen Gruppe wieder zusammenzufügen, die vermutlich durch die lutherische Reformation zerschlagen worden war. Vom Erscheinen der Manifeste bis etwa 1621 erhielten deren Verfasser eine Flut von Antworten... «
Ich nannte einige der zahllosen Schriften, die zum Thema erschienen waren, jene, an denen ich mich damals mit Amparo in Salvador da Bahia delektiert hatte. »Vermutlich gab es unter all diesen Leuten einige, die etwas wussten, aber sie gingen unter in einem Gewimmel von exaltierten Spinnern, von Enthusiasten, die die Manifeste wörtlich nahmen, von Provokateuren, die die Operation zu behindern suchten, von Betrügern und Schwindlern... Die Engländer versuchten, in die Debatte einzugreifen und sie zu steuern, nicht zufällig schreibt Robert Fludd, ein anderer englischer Templer, im Laufe eines einzigen Jahres drei Werke, um die richtige Interpretation der Manifeste zu suggerieren... Aber die Reaktion ist jetzt unkontrollierbar geworden, der Dreißigjährige Krieg hat angefangen, der pfälzische Kurfürst ist von den Spaniern geschlagen worden, die Pfalz und Heidelberg werden geplündert, Böhmen steht in Flammen... Die Engländer beschließen, sich nach Frankreich zurückzuziehen und es dort zu versuchen. Und so kommt es, daß sich die Rosenkreuzer 1623 in Paris mit ihren Plakaten melden, auf denen sie den Franzosen mehr oder weniger dieselben Angebote machen wie vorher den Deutschen. Und was liest man in einem der Pamphlete gegen die Rosenkreuzer in Paris, geschrieben von einem, der ihnen misstraute oder sie anschwärzen wollte? Daß sie Teufelsanbeter seien, natürlich, aber da man auch in der Verleumdung nie ganz die Wahrheit unterdrücken kann, insinuiert er, daß sie sich im Marais versammelten.«