Выбрать главу

— Was ist, Dee? fragte er, sich umwendend und sein Gebet unterbrechend. Was wollt Ihr? — Er wirkte wie ein ausgestopftes Gürteltier, ein altersloser Leguan.

— Khunrath, sagte Dee, das dritte Treffen hat nicht geklappt.

Khunrath stieß eine grässliche Verwünschung aus: Lapis Exillis! Und nu?

— Khunrath, sagte Dee, Ihr könntet einen Köder auswerfen und mich in Kontakt mit der deutschen Templerlinie bringen.

— Mal sehen, sagte Khunrath. Ich könnte Maier fragen, der kennt viele Leute bei Hof. Aber Ihr müsst mir dafür das Geheimnis der jungfräulichen Milch verraten, das Geheimnis des Allergeheimsten Ofens der Philosophen.

Dee lächelte — o göttliches Lächeln jenes Sophen! Dann sammelte er sich wie zum Gebet und murmelte leise: Willst du das sublimierte Quecksilber umwandeln und in Wasser oder in Jungfrauenmilch auflösen, so tu's auf die Folie zwischen die Häufchen und die Schale mit dem sorgfältig pulverisierten DING, aber deck's nicht zu, sondern sorge dafür, daß die warme Luft an die nackte Materie gelangt, verabreiche ihm die Glut dreier Kohlen und halte es für acht Sonnentage lebendig, dann nimm's heraus und zerstampfe es gut auf dem Marmor, bis es ungreifbar geworden. Alsdann tu die Materie in einen Glaskolben und lass sie in Balneum Mariae destillieren, über einem Wasserkessel, der so postiert sein muß, daß sich der Kolben nicht mehr als zwei Fingerbreit dem Wasser nähert, sondern darüber schweben bleibt, und zugleich mache ein Feuer unter dem Bad. Dann, und erst dann wird die Materie des Silbers, obwohl sie nicht das Wasser berührt, sondern sich in diesem warmen und feuchten Bauche befindet, sich in Wasser verwandeln.

— Meister, sagte Khunrath, auf die Knie fallend und des Doktors knochige, diaphane Hand küssend. So werde ich's tun. Und du wirst bekommen, was du willst. Entsinne dich dieser zwei Worte: Rose und Kreuz. Du wirst noch davon hören.

Dee hüllte sich in seinen schwarzen Kapuzenmantel, so daß nur seine stechenden Augen daraus hervorlugten. — Gehen wir, Kelley, sagte er. Dieser Mann ist nun unser. Und du, Khunrath, halte uns den Golem vom Leibe, bis wir wieder in London sind. Danach mag ganz Prag ein einziger Scheiterhaufen sein.

Er machte Anstalten, sich zu entfernen. Khunrath kroch näher und ergriff einen Zipfel seines Mantels. — Es wird vielleicht eines Tages ein Mann zu dir kommen. Einer, der über dich schreiben will. Sei freundlich zu ihm.

— Gib mir die Macht, sagte Dee mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf seinem hageren Antlitz, und sein Glück ist gesichert.

Wir gingen hinaus. Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum, es wanderte ostwärts zu einem über Russland lagernden Maximum.

— Gehen wir nach Moskau, sagte ich.

— Nein, erwiderte er. Wir kehren nach London zurück.

— Nach Moskau, nach Moskau, murmelte ich verstört. Dabei hast du's doch genau gewusst, Kelley, du würdest niemals nach Moskau gelangen. Auf dich wartete der TURM.

Wir kamen zurück nach London, und Doktor Dee sagte: — Sie werden versuchen, vor uns zur Lösung zu gelangen. Kelley, schreib etwas für William, das sie... das sie ganz teuflisch verleumdet.

Und beim Bauche des Dämons, ich hab's getan, und dann hat William den Text verdorben und hat die ganze Geschichte aus Prag nach Venedig verlegt. Dee kochte vor Wut. Aber der blasse, schleimige William fühlte sich sicher im Schutz seiner königlichen Konkubine. Und die genügte ihm nicht. Als ich ihm eins nach dem andern seine besten Sonette übergab, fragte er mich mit schamlosem Blick nach Ihr, nach Dir, my Dark Lady. Wie entsetzlich, deinen Namen auf seinen schmierenkomödiantischen Lippen zu hören! (Ich wusste noch nicht, daß er, als doppelt verdammte Seele und Stellvertreter, für Bacon nach ihr suchte). — Jetzt reicht's, sagte ich zu ihm. Ich habe es satt, im Schatten deinen Ruhm zu errichten. Schreib du für dich selbst.

— Ich kann nicht, antwortete er mit einem Blick, als hätte er ein Gespenst gesehen. Er lässt mich nicht.

— Wer? Dee?

— Nein, der Baron Verulam. Hast du nicht gemerkt, daß er's jetzt ist, der das Spiel regelt? Er zwingt mich, die Werke zu schreiben, die er dann als die seinen ausgeben wird. Hast du verstanden, Kelley, ich bin der wahre Bacon, und die Nachgeborenen werden's nicht wissen. Oh, wie ich diesen Parasiten hasse, diesen Satansbraten!

— Bacon ist ein Schuft, aber er hat Geist, erwiderte ich. Warum schreibt er nicht eigenhändig?

Ich wusste noch nicht, daß er keine Zeit dazu hatte. Wir bemerkten es erst einige Jahre später, als Deutschland vom Rosenkreuzer-Wahn erfasst wurde. Da begriff ich, indem ich verstreute Andeutungen zusammenfügte, die er sich in unbedachten Momenten hatte entfahren lassen, daß er der Verfasser der Rosenkreuzer-Manifeste war. Er schrieb unter dem falschen Namen Johann Valentin Andreae!

Für wen der echte Andreae schrieb, hatte ich damals noch nicht begriffen. Doch jetzt, im Dunkel dieser Zelle, in welcher ich schmachte, hellsichtiger als Don Isidro Parodi, jetzt weiß ich's. Soapes hat es mir gesagt, mein Zellengenosse, ein einstiger portugiesischer Templer: Andreae schrieb einen Ritterroman für einen Spanier, der zur selben Zeit in einem anderen Gefängnis saß. Ich weiß nicht warum, aber das Projekt nützte dem infamen Bacon, der gerne als der geheime Autor der Abenteuer des Ritters von La Mancha in die Geschichte eingegangen wäre und daher Andreae gebeten hatte, ihm heimlich das Werk zu schreiben, als dessen wahrer okkulter Autor er sich dann ausgeben würde, um im Schatten (aber warum, warum?) den Triumph eines anderen zu genießen.

Doch ich schweife ab, nun, da es kalt ist in dieser Zelle und mich der Daumen schmerzt. Ich schreibe, im blakenden Licht einer verlöschenden Öllampe, die letzten Werke, die unter dem Namen Williams laufen werden.

Doktor Dee ist tot. Im Sterben murmelte er die Worte: Licht, mehr Licht, und bat um einen Zahnstocher. Zuletzt sagte er: Qualis Artifex Pereo! Es war Bacon, der ihn hatte umbringen lassen. Jahrelang hatte der Verulamius die Königin, bis sie gebrochenen Herzens und Sinnes verschied, in gewisser Weise umgarnt, ihre Züge waren bereits entstellt und ihr Leib zum Skelett abgemagert. Ihre Nahrung hatte sich auf ein Stück Weißbrot und eine Zichoriensuppe pro Tag reduziert. Sie trug immer noch einen Degen an ihrer Seite, und in Momenten der Wut stieß sie ihn heftig in die Vorhänge und die Damasttapeten an den Wänden ihrer Gemächer. (Und wenn nun jemand dahinter verborgen war, um zu lauschen? Oder eine Ratte, eine Ratte? Gute Idee, alter Kelley, muß ich mir gleich notieren.)

Der so senil gewordenen Alten konnte Bacon leicht weismachen, daß er William wäre, ihr Bastard — vor ihren Knien sitzend, sie schon erblindet, er in das Fell eines Widders gehüllt. Das Goldene Vlies! Es hieß, er spekuliere auf den Thron, aber ich wusste, daß er weit mehr wollte: Er wollte die Herrschaft über den Planeten. Zu der Zeit geschah es, daß er Viscount of Saint Albans wurde. Und sobald er sich stark genug fühlte, schaffte er Dee aus dem Wege.

Die Königin ist tot, es lebe der König... Ich war jetzt ein ungelegener Mitwisser. Er lockte mich in einen Hinterhalt, es war ein Abend, an dem die Dark Lady endlich hätte die meine sein können, und sie tanzte in meinen Armen, verloren unter der Herrschaft von Kräutern, die Visionen erzeugen können, Sie, die ewige Sophia, mit ihrem Runzelgesicht einer alten Gemse... Er trat herein mit einer Handvoll Bewaffneter, ließ mir die Augen mit einem Lappen verbinden, und jäh begriff ich: das Vitriol! Und wie Sie lachte, wie Du lachtest, Pin Ball Lady — oh maiden virtue rudely strumpeted, oh gilded honour shamefully misplac'd! — indes er dich mit seinen gierigen Händen betatschte und du ihn Simon nanntest und ihm die sinistre Narbe küsstest...

In den Tower mit ihm, in den Tower! lachte der Verulam. Und seither liege ich hier, zusammen mit dieser menschlichen Larve, die sich Soapes nennt, und die Wärter kennen mich nur als Surabaya-Jim. Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin — und leider auch Theologie! durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.