Durch eine Fensterscharte habe ich die Königshochzeit mit angesehen, samt den Rittern vom Roten Kreuz, die beim Klang der Trompeten parodierten. Ich hätte der Trompeter sein müssen, Cecilia wusste es, und ein weiteres Mal ward mir der Preis vorenthalten, das Ziel. William blies die Trompete. Ich schrieb im Schatten, für ihn.
— Ich will dir sagen, wie du dich rächen kannst, raunte Soapes mir zu, und an jenem Tage enthüllte er mir, wer er wirklich war: ein bonapartistischer Abbé, seit Jahrhunderten begraben in diesem Verlies.
— Werde ich je hier rauskommen? fragte ich ihn.
— If... , begann er zu antworten. Doch dann verstummte er. Mit dem Blechlöffel an die Mauer klopfend, in einem mysteriösen Alphabet, das er von Trithemius gelernt hatte, wie er mir anvertraute, sandte er Botschaften an jemanden, der in der Nachbarzelle saß. Der Graf von Montsalvat.
Jahre sind vergangen. Soapes hat nie aufgehört, an die Mauer zu klopfen. Inzwischen weiß ich, für wen und zu welchem Zweck. Der Empfänger heißt Noffo Dei. Und dieser Dei (kraft welcher mysteriösen Kabbala klingen die Namen Dei und Dee so ähnlich? Wer hat die Templer denunziert?), dieser Dei hat, von Soapes unterwiesen, Bacon denunziert. Was er gesagt hat, weiß ich nicht, aber vor ein paar Tagen wurde der Verulamius in den Kerker geworfen. Unter Anklage der Sodomie, weil, wie behauptet wird (und ich zittere bei dem Gedanken, daß es wahr sein könnte), weil Du, my Dark Lady, die Schwarze Jungfrau der Druiden und der Templer, nichts anderes warst und nichts anderes bist als der ewige Androgyn, hervorgegangen aus den wissenden Händen wessen, ja wessen? Jetzt, ja jetzt weiß ich's: deines Geliebten, des Grafen von Saint-Germain! Doch wer ist jener Saint-Germain, wenn nicht Bacon (wie viele Dinge weiß Soapes, dieser obskure Templer mit den vielen Leben...)?
Bacon ist aus dem Kerker entlassen worden, er hat durch magische Künste die Gunst des Monarchen zurückgewonnen. Jetzt verbringt er, sagt William, die Nächte am Ufer der Themse, in Pilad's Pub, beim Spiel an jener sonderbaren Maschine, die ihm ein Nolaner erfunden hat, den er dann in Rom auf dem Campo de' Fiori entsetzlich verbrennen ließ, nachdem er ihn zu sich nach London geholt hatte, um ihm sein Geheimnis zu entlocken, eine astrale Maschine, Verschlingerin rasender Kugeln, die er durch infinite Universen und Welten jagt, in einem Gefunkel himmlischer Lichter, indem er als triumphierende Bestie dem Gehäuse obszöne Stöße mit dem Schambein versetzt, um die Bewegungen der Himmelskörper zu fingieren im Haus der Dekane und die letzten Geheimnisse seiner Magna Instauratio zu verstehen und endlich auch das Geheimnis des Neuen Atlantis — eine Maschine, die er Gottlieb's genannt hat, zum Hohn auf die heilige Sprache der Andreae zugeschriebenen Manifeste... Ah! rufe ich aus (s'écria-t-il), nun bei klarem Bewusstsein, aber zu spät und vergebens, während das Herz mir sichtbar unter den Bändern des Wamses schlägt: darum also nahm er mir die Trompete weg, das Amulett, den Talisman, die kosmische Fessel, die den Dämonen zu befehlen vermochte! Was wird er nun aushecken in seinem Salomonischen Haus? Es ist spät, ich wiederhole mich, inzwischen hat er zu viel Macht bekommen.
Bacon soll gestorben sein, heißt es. Soapes versichert mir, daß es nicht wahr sei. Niemand habe die Leiche gesehen. Er lebe weiter unter falschem Namen am Hof des Landgrafen von Hessen, nun in die höchsten Mysterien eingeweiht und somit unsterblich geworden, bereit, seine finstere Schlacht für den Sieg des Großen Planes weiterzutreiben, in seinem Namen und unter seiner Kontrolle.
Nach diesem vermeintlichen Tod kam mich William besuchen, mit seinem heuchlerischen Lächeln, das mir die Gitterstäbe nicht zu verbergen vermochten. Er fragte mich, wieso ich ihm in Sonett III etwas von einem Färber geschrieben habe, er zitierte den Vers: To what it works in, like the dyer's hand...
— Nie habe ich diese Worte geschrieben, sagte ich. Und es stimmte... Kein Zweifel, Bacon hatte sie eingefügt, bevor er verschwand, um ein geheimes Signal an jene zu senden, die nun den Grafen von Saint-Germain an ihren Höfen aufnehmen sollen, als einen Experten für Tinkturen und Farben... Ich glaube, in Zukunft wird er versuchen, die Leute glauben zu machen, er habe die Werke Williams geschrieben. Wie hell und klar nun auf einmal alles wird, wenn man es aus dem Dunkel eines Verlieses betrachtet!
Where art thou, Muse, that thou forget'st so long? Ich fühle mich müde, krank. William erwartet neues Material von mir für seine albernen Clownerien im Globe.
Soapes schreibt. Ich schaue ihm über die Schulter. Er kritzelt eine unverständliche Botschaft: Rivverrun, past Eve and Adam's... Er verdeckt das Blatt mit den Händen, sieht mich an, sieht mich bleicher werden als ein Gespenst, liest den Tod in meinen Augen. — Ruh dich aus, sagt er leise. Hab keine Angst. Ich werde für dich schreiben.
Und so tut er's nun, als Maske einer Maske. Ich erlösche allmählich, und er entzieht mir auch noch das letzte Licht, das der Dunkelheit.
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Obgleich er guten Willens ist, scheinen sein Geist und seine Prophezeiungen offenkundiges Teufelswerk... Sie sind imstande, viele neugierige Menschen zu täuschen und der Kirche Gottes Unseres Herrn großen Schaden und Ärger zu verursachen.
Gutachten über Guillaume Postel, an Ignatius von Loyola geschickt von den Jesuiten-Patres Salmeron, Lhoost und Ugoletto am 10. Mai 1545
Entspannt erzählte uns Belbo, was er sich ausgedacht hatte, ohne uns seine Seiten vorzulegen und ohne alle privaten Bezüge. Ja, er ließ uns sogar glauben, Abulafia habe ihm die Kombinationen geliefert. Dass Francis Bacon der wahre Verfasser der Rosenkreuzer-Manifeste gewesen sei, hatte ich schon irgendwo einmal gelesen, aber eine Bemerkung überraschte mich: dass Bacon auch Viscount of Saint Albans war.
Etwas ging mir im Kopf herum, etwas im Zusammenhang mit meiner alten Dissertation. Die folgende Nacht verbrachte ich schlaflos über meinen Karteien.
»Meine Herren«, begrüßte ich am nächsten Morgen einigermaßen feierlich meine Komplizen, »wir können gar keine Zusammenhänge erfinden. Es gibt sie. Als Bernhard von Clairvaux die Idee eines Konzils lancierte, um die Templer zu legitimieren, war unter denen, die mit der Organisation der Sache beauftragt wurden, auch der Prior von Saint Albans, der unter anderem den Namen des ersten englischen Märtyrers trug, des Evangelisators der Britischen Inseln, und der stammte genau aus Verulam, dem Familiensitz Bacons! Sankt Alban, Kelte und zweifellos Druide, war ein Initiierter genau wie Sankt Bernhard.«
»Ist das alles?« fragte Belbo.
»Warten Sie ab. Dieser Prior von Sankt Alban war zugleich auch Abt von Saint-Martin-des-Champs, dem Kloster, in welchem später das Conservatoire des Arts et Metiers installiert werden sollte!«
Belbo fuhr hoch. »Donnerwetter!«
»Und damit nicht genug. Das Conservatoire war ausdrücklich als Hommage an Francis Bacon gedacht Am 25. Brumaire des Jahres III ermächtigte der Konvent sein Comité d'Instruction Publique zum Druck der gesammelten Werke von Bacon. Und am 19. Vendemiaire desselben Jahres verabschiedete derselbe Konvent ein Gesetz zum Bau eines Hauses der Künste und Handwerke, das die Idee jenes Salomonischen Hauses realisieren sollte, von dem Bacon in seiner Nova Atlantis spricht und das er als den Ort beschreibt, an dem alle technischen Erfindungen der Menschheit versammelt sein würden.«
»Na und?« fragte Diotallevi.
»Na, und im Conservatoire hängt doch das Pendel!« sagte Belbo. Und an der Reaktion von Diotallevi sah ich, dass Belbo ihm von seinen Reflexionen über das Foucaultsche Pendel erzählt haben musste.