»Sagt das Pater Kircher?«
»Nein, er befasste sich bloß mit der Natur... Aber es ist sehr bemerkenswert, daß der zweite Teil dieses seines Buches von der Alchimie und den Alchimisten handelt und daß sich genau hier, sehen Sie, ein Angriff auf die Rosenkreuzer findet. Warum werden die Rosenkreuzer in einem Buch über die unterirdische Welt angegriffen? Nun, weil unser Jesuit es faustdick hinter den Ohren hatte, er wusste, daß die letzten Templer sich in das unterirdische Reich von Agarttha geflüchtet hatten... «
»... und anscheinend immer noch dort sind«, warf ich aufs Geratewohl ein.
»Ja, sie sind immer noch dort«, bestätigte Salon. »Nicht in Agarttha, aber in anderen Untergründen. Vielleicht direkt hier unter uns. Inzwischen hat auch Mailand seine Untergrundbahn. Wer hat sie gewollt? Wer hat ihren Bau geleitet?«
»Nun, ich denke doch spezialisierte Ingenieure?«
»Ja ja, halten Sie sich nur weiter die Augen zu. Und derweilen publizieren Sie in Ihrem Verlagshaus Bücher von wer weiß was für Leuten. Wie viele Juden haben Sie unter Ihren Autoren?«
»Wir pflegen unsere Autoren nicht nach ihrem Stammbaum zu fragen«, antwortete ich kühl.
»Halten Sie mich nicht für einen Antisemiten. Einige meiner besten Freunde sind Juden. Ich denke an eine bestimmte Sorte von Juden... «
»Nämlich?«
»Je nun... «
79
Er machte sein Köfferchen auf. In unbeschreiblichem Durcheinander lagen dort falsche Kragen, Gummibänder, Küchengeräte, Abzeichen diverser technischer Hochschulen, ja sogar das Monogramm der Zarin Alexandra Fjodorowna und das Kreuz der Ehrenlegion. Auf all dem glaubte er in seinem Wahn das Siegel des Antichrist zu erkennen, in Form eines Dreiecks oder zweier überkreuztet Dreiecke.
Alexandre Chayla, »Serge A. Nilus et les Protocoles«, La Tribune juive, 14. Mai 1921, p. 3
»Sehen Sie«, sagte er dann, »ich bin in Moskau geboren. Und genau dort sind, als ich ein Junge war, geheime jüdische Dokumente ans Licht gekommen, in denen mit klaren Worten gesagt wurde, daß, wer Regierungen stürzen will, im Untergrund arbeiten muß. Hören Sie.« Er schlug ein Heft auf, in das er sich Zitate notiert hatte: »›Zu der Zeit werden alle Städte Untergrundbahnen und unterirdische Passagen haben; aus diesen werden wir alle Städte der Welt in die Luft sprengen.‹ Protokolle der Weisen von Zion, Dokument Nummer neun!«
Einen Moment lang dachte ich, daß die Sammlung von Wirbeln, die Schachtel mit den Augen, die Häute, die er auf die Gerüste spannte, womöglich aus irgendeinem Vernichtungslager stammten. Aber nein, ich hatte es nur mit einem alten Nostalgiker zu tun, der Erinnerungen an den russischen Antisemitismus mit sich herumtrug.
»Wenn ich Sie recht verstehe, gibt es also einen Geheimbund von Juden, von ganz bestimmten Juden, nicht allen, die irgendein Komplott schmieden. Aber warum tun die das unter der Erde?«
»Das ist doch klar. Wer ein Komplott schmiedet, tut das im Dunkeln drunten, nicht oben im hellichten Sonnenschein. Das weiß doch seit Urzeiten jeder: Beherrschung der Welt heißt Beherrschung dessen, was unten ist. Beherrschung der unterirdischen Ströme.«
Ich musste an einen Satz von Agliè denken, den er in seinem Studio gesagt hatte, und an die Druidinnen in Piemont, die tellurische Vibrationen beschworen.
»Warum haben die Kelten sich Heiligtümer im Innern der Erde gegraben, mit unterirdischen Gängen zu einem heiligen Brunnen?« fuhr Salon fort. »Der Brunnen reichte in radioaktive Schichten hinunter, das ist bekannt. Wie ist Glastonbury angelegt? Und war's etwa nicht die Insel Avalon, von der die Gralssage stammt? Und wer hat den Gral erfunden, wenn nicht ein Jude?«
Schon wieder der Gral, Herrgott im Himmel! Aber welcher Gral denn bitte, es gibt doch nur einen Gral, und der ist mein Kleines Ding, in Kontakt mit den radioaktiven Schichten von Lias Uterus, und vielleicht fährt es jetzt gerade fröhlich der Mündung entgegen, vielleicht schickt es sich gerade an herauszukommen, und ich stehe hier mitten zwischen diesen einbalsamierten Käuzen — hundert Tote und einer, der vorgibt, lebendig zu sein.
»Alle Kathedralen sind dort gebaut worden, wo die Kelten ihre Menhire hatten. Warum haben die Kelten so große Steine errichtet, mit all der Mühe, die das machte?«
»Warum haben sich die Ägypter so viel Mühe mit den Pyramiden gemacht?«
»Eben! Das waren Antennen, Thermometer, Sonden, Nadeln wie die der chinesischen Ärzte, in die neuralgischen Punkte gesteckt, wo der Körper reagiert, in die Knotenpunkte. Im Zentrum der Erde gibt es einen glühenden Kern, so etwas Ähnliches wie die Sonne, oder nein, eine richtige Sonne, um die sich etwas dreht, auf verschiedenen Bahnen. Umlaufbahnen von tellurischen Strömen, auch Erdstrahlen genannt. Die Kelten wussten, wo sie zu finden sind und wie man sie beherrscht. Und Dante, was war mit Dante? Was wollte er uns erzählen mit der Geschichte von seiner Höllenfahrt? Verstehen Sie nun, lieber Freund?«
Es gefiel mir gar nicht sein lieber Freund zu sein, aber ich hörte ihm weiter zu. Giulio-Giulia, mein Rebis, war wie Luzifer ins Zentrum von Lias Bauch gepflanzt, aber Er-Sie-Es würde sich umdrehen, würde sich zum Licht wenden und irgendwie rauskommen. Unser Ding war gemacht, um aus den dunklen Innereien herauszukommen und sich in seinem klaren Geheimnis zu enthüllen, nicht um kopfüber in sie hineinzustürzen und sich ein klebriges Geheimnis zu suchen.
Salon sprach weiter, verlor sich in einen Monolog, den er auswendig zu rezitieren schien: »Wissen Sie, was die englischen leys sind? Fliegen Sie mal im Flugzeug über England, und Sie werden sehen, daß alle heiligen Orte durch gerade Linien miteinander verbunden sind, ein Netz von Linien, die sich über das ganze Land hinziehen und die heute noch sichtbar sind, weil sie den Verlauf der künftigen Straßen angezeigt haben... «
»Wenn es heilige Orte waren, waren sie durch Straßen miteinander verbunden, und die Straßen wird man so gerade wie möglich gebaut haben... «
»Ach ja? Und warum halten sich dann auch die Zugvögel an diese Linien? Und warum markieren sie die Flugstrecken der Fliegenden Untertassen? Ich sage Ihnen, dahinter steckt ein Geheimnis, das nach der römischen Invasion verloren gegangen ist, aber es gibt noch Leute, die es kennen... «
»Die Juden«, suggerierte ich.
»Die graben auch. Das erste Prinzip der Alchimisten heißt VITRIOL: Visita Interiora Terrae, Rectificando Invenies Occultum Lapidem.«
Lapis exillis. Mein Stein, der langsam herauskam aus dem Exil, aus seinem süßen, gedankenlosen, hypnotischen Exil in Lias geräumigem Bauch, ohne nach anderen Tiefen zu suchen, mein schöner weißer Stein, der an die Oberfläche will... Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause zu Lia, um mit ihr auf das Kleine zu warten, auf sein Erscheinen, Stunde um Stunde, auf den Triumph der wiedergewonnenen Oberfläche. In Salons dämmriger Höhle herrschte der Modergeruch des Untergrunds, der Untergrund ist der Ursprung, den es zu verlassen gilt, nicht das Ziel, das es zu erreichen gilt. Und doch folgte ich Salon, und mir wirbelten neue bösartige Ideen für den Großen Plan durch den Kopf. Während ich die einzige Wahrheit dieser irdischen Welt erwartete, verbohrte ich mich in die Konstruktion neuer Lügen. Blind wie die Tiere im Erdinnern.
Ich schüttelte mich. Ich musste raus aus dem Tunnel. »Ich muß gehen«, sagte ich. »Vielleicht können Sie mir Bücher zum Thema empfehlen.«
»Bah, alles, was man zu dem Thema geschrieben hat, ist falsch und erlogen, falsch wie die Seele des Judas. Was ich weiß, habe ich von meinem Vater gelernt... «
»War er Geologe?«
»O nein«, lachte Salon, »nein, wirklich nicht. Mein Vater war — kein Grund, sich zu schämen, das ist lange her —, mein Vater war bei der Ochrana. Direkt dem Chef unterstellt, dem legendären Ratschkowski.«