Ochrana, Ochrana — war das nicht so was wie der KGB, war das nicht die Geheimpolizei des Zaren? Und Ratschkowski, wer war das noch gleich? Wer hatte einen ganz ähnlichen Namen? Herrgott ja, der mysteriöse Besucher des Oberst Ardenti, der Graf Rakosky... Nein, Quatsch, ich ließ mich von Zufällen überraschen. Ich stopfte nicht tote Tiere aus, ich zeugte lebende Wesen.
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Les Philosophes disent que lorsque la blancheur survient à la matière du grand oeuvre, la vie a vaincu la mort, que leur Roi est ressuscité, que la terre & l’eau sont devenues air, que c’est le régime de la Lune, que leur enfant est né... La matiere a pour lors acquis un degré de fixité que le feu ne sauroit détruire... & lorsque l’Artiste voit la parfaite blancheur, les Philosophes disent qu’i faut déchirer les livres, parce qu’ils deviennent inutiles.
(Die Philosophen [= die Alchimisten] sagen, wenn das Weiß über die Materie des Großen Werkes kommt, dann hat das Leben den Tod besiegt, dann ist ihr König wiedererstanden, dann sind Erde und Wasser Luft geworden, dann ist es das Regime des Mondes, dann ist ihr Kind geboren... Die Materie hat dann einen solchen Festigkeitsgrad erreicht, daß das Feuer sie nicht mehr zerstören kann... Wenn der Künstler das perfekte Weiß sieht, dann, sagen die Philosophen, soll man die Bücher zerreißen, da sie nutzlos werden.)
Dom J. Pernety, Dictionnaire mytho-hermétique, Paris, Bauche, 1758, »Blancheur«
Ich stammelte hastig eine Entschuldigung, ich glaube, ich sagte so etwas wie: »Meine Freundin kriegt morgen ein Kind.« Salon wünschte mir viel Glück mit einer Miene, als wäre ihm nicht ganz klar, wer der Vater war. Ich rannte nach Hause, um frische Luft zu atmen.
Lia war nicht da. Auf dem Küchentisch lag ein Zetteclass="underline" »Liebster, es ist ganz plötzlich soweit. Du warst nicht im Büro. Ich nehm ein Taxi in die Klinik. Komm nach, ich fühle mich einsam.«
Panik überfiel mich, ich musste bei Lia sein, um mit ihr zu zählen, ich hätte im Büro sein müssen, ich hätte für sie erreichbar sein müssen. Alles war meine Schuld, das Kleine würde tot geboren werden, Lia würde mit ihm sterben, Salon würde beide ausstopfen.
Ich stürzte in die Klinik, als hätte ich die Labyrinthitis, fragte Leute, die von nichts wussten, rannte zweimal in die falsche Abteilung. Ich sagte zu allen, sie müssten doch wissen, wo Lia gebäre, und alle antworteten mir, ich solle mich beruhigen, alle seien hier, um zu gebären.
Schließlich, ich weiß nicht wie, fand ich mich in einem Zimmer. Lia war blass, aber von einer perlfarbenen Blässe, und sie lächelte. Jemand hatte ihr Haar hochgebunden und in eine weiße Haube gesteckt. Zum ersten Mal sah ich ihre Stirn in all ihrer blanken Pracht. Neben ihr lag etwas Kleines.
»Das ist Giulio«, sagte sie.
Mein Rebis. Auch ich hatte ihn gemacht, und nicht aus Leichenteilen und ganz ohne arsenhaltige Seife. Er war komplett, er hatte alle zehn Finger, und alle da, wo sie hingehörten.
Ich wollte ihn ganz sehen. »O was für ein schönes Pimmelchen, und was für dicke Eier es hat!« Dann beugte ich mich über Lia und küsste sie auf die weiße Stirn: »Aber das ist dein Verdienst, Liebes, das ist in dir gewachsen.«
»Na klar ist das mein Verdienst, Affe. Ich hab allein gezählt.«
»Du zählst für mich alles«, sagte ich.
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Das unterirdische Volk hat das höchste Wissen erreicht... Wenn unsere wahnsinnige Menschheit einen Krieg gegen das unterirdische Königreich beginnen sollte, so wäre dieses imstande, die ganze Oberfläche unseres Planeten in die Luft zu sprengen.
Ferdinand Ossendowski, Beasts, Men and Gods, 1924, Kap. V
Ich blieb an Lias Seite, auch als sie aus der Klinik entlassen wurde, denn kaum war sie wieder zu Hause und musste dem Kleinen die Windeln wechseln, heulte sie los und sagte, das würde sie niemals schaffen. Jemand erklärte uns später, das sei ganz normaclass="underline" nach der Euphorie über die gelungene Geburt komme das Gefühl der Ohnmacht angesichts der riesigen Aufgabe. In jenen Tagen, als ich zu Hause herumhing und mich unnütz fühlte, auf jeden Fall untauglich zum Stillen, verbrachte ich lange Stunden mit der Lektüre aller erreichbaren Schriften über Erdstrahlen und tellurische Ströme.
Als ich dann wieder in den Verlag ging, sprach ich Agliè darauf an. Er machte eine übertrieben gelangweilte Geste: »Dürftige Metaphern für das Geheimnis der Schlange Kundalini. Auch die chinesischen Geomantiker suchten in der Erde nach den Spuren des Drachen, aber die tellurische Schlange stand nur für die geheime Schlange. Die Göttin liegt zusammengeringelt wie eine Schlange und schläft ihren ewigen Schlaf. Kundalini zuckt sanft vibrierend, bebt leise zischend und verbindet die schweren Körper mit den leichten. Wie ein Strudel oder ein Wirbel im Wasser, wie die Mitte der Silbe OM.«
»Aber für welches Geheimnis steht die Schlange?«
»Für die Erdstrahlen. Aber die wahren.«
»Und was sind die wahren Erdstrahlen?«
»Eine große kosmologische Metapher; und sie stehen für die Schlange.«
Zum Teufel mit Agliè, ich wusste jetzt mehr.
Ich teilte Belbo und Diotallevi mit, was ich wusste, und wir hatten nun keine Zweifel mehr. Endlich waren wir in der Lage, den Templern ein anständiges Geheimnis zu liefern. Es war die ökonomischste und eleganteste Lösung, und alle Teile unseres jahrtausendealten Puzzles fanden darin ihren Platz.
Also. Die Kelten wussten von den Erdstrahlen. Sie hatten die Kunde von den Überlebenden aus Atlantis, die nach dem Untergang ihres Kontinents zum Teil an den Nil, zum Teil in die Bretagne emigriert waren.
Die Atlantiden ihrerseits hatten die Kunde von jenen Urvätern des Menschengeschlechts, die bei ihren Wanderungen aus Avalon durch den Kontinent Mu bis in die australische Wüste gelangt waren — als alle Kontinente noch einen einzigen, zusammenhängenden Kernkontinent bildeten, das legendäre Pangäa. Noch heute brauchte man nur imstande zu sein (wie es die australischen Aborigenes sind, aber die schweigen), die geheimnisvollen Schriftzeichen auf dem Felsmassiv von Ayers Rock zu lesen, um die Erklärung für alles zu haben. Ayers Rock ist der Antipode jenes großen (unbekannten) Berges, der den wahren Nordpol darstellt, den geheimen Pol, nicht den, zu welchem jeder x-beliebige bürgerliche Forscher gelangen kann. Wie üblich — und wie evident für jeden, der sich nicht vom falschen Wissen der westlichen Wissenschaften hat verblenden lassen — ist der sichtbare Pol der, den es nicht gibt, und der, den es gibt, ist der, den niemand zu sehen vermag außer einigen Adepten, deren Lippen versiegelt sind.
Die Kelten glaubten jedoch, man brauchte nur den globalen Plan der Erdstrahlen zu entdecken. Darum stellten sie Megalithe auf. Die Menhire waren radiästhetische Apparate, so etwas wie Wünschelruten, Fühler, Sonden, elektrische Stecker, die an die Punkte gesteckt wurden, wo sich die tellurischen Ströme in verschiedene Richtungen teilten. Die Leys bezeichneten den Verlauf der bereits identifizierten Ströme. Die Dolmen waren Kammern zur Kondensation der Energie, in denen die Druiden versuchten, mit geomantischen Mitteln den globalen Plan zu erschließen, die Cromlechs und Stonehenge waren mikro-makrokosmische Observatorien, in denen man sich bemühte, am Lauf der Sterne den Lauf der Ströme zu erraten — denn wie die Tabula Smaragdina lehrt: So wie es oben ist, ist es auch unten.
Doch nicht dies war das Problem, jedenfalls nicht dies allein. Das hatte der andere Flügel der Atlantis-Emigranten begriffen. Die geheimen Kenntnisse der Ägypter waren von Hermes Trismegistos auf Moses übergegangen, der sich wohlweislich hütete, sie seinen zerlumpten Landsleuten mitzuteilen, die den Hals noch voll Manna hatten — denen hatte er die zehn Gebote gegeben, die konnten sie wenigstens verstehen. Die Wahrheit jedoch, die aristokratisch ist, die hatte Moses chiffriert im Pentateuch niedergeschrieben. Und das hatten die Kabbalisten begriffen.