So also haben die Jesuiten durch Postel, in einem seiner schwachen Momente, vom Geheimnis der Templer erfahren. Ein solches Geheimnis muß ausgenutzt werden. Ignatius geht in die ewige Seligkeit ein, aber seine Nachfolger bleiben wachsam und behalten Postel im Auge. Sie wollen wissen, mit wem er sich in jenem Schicksalsjahr 1584 treffen wird. Doch leider stirbt er drei Jahre vorher, und es hilft auch nichts, daß — wie eine unserer Quellen versichert — ein unbekannter Jesuit an seinem Totenbett steht. Die Jesuiten wissen nicht, wer sein Nachfolger ist.
»Entschuldigung, Casaubon«, wandte Belbo ein, »aber da scheint mir etwas nicht aufzugehen. Wenn die Dinge so liegen, haben die Jesuiten doch nicht wissen können, daß das Treffen von 1584 gescheitert ist.«
»Man darf aber auch nicht vergessen«, gab Diotallevi zu bedenken, »daß diese Jesuiten nach allem, was mir die Gojim erzählen, Männer von Eisen waren, die sich nicht so leicht verschaukeln ließen.«
»Ach, wenn's darum geht«, sagte Belbo, »ein Jesuit verspeist zwei Templer zu Mittag und zwei zu Abend. Auch sie sind aufgelöst worden, und mehr als einmal, sie hatten die Regierungen in ganz Europa gegen sich, und trotzdem sind sie immer noch da.«
Man musste sich in die Lage der Jesuiten versetzen. Was tut ein Jesuit, wenn ihm einer wie Postel entwischt ist? Mir kam eine Idee, die allerdings so diabolisch war, daß nicht einmal unsere Diaboliker, dachte ich, sie geschluckt hätten: Die Rosenkreuzer sind eine Erfindung der Jesuiten!
»Wie wär's mit folgendem«, schlug ich vor. »Als Postel gestorben ist, sehen die Jesuiten, scharfsinnig wie sie sind, das Durcheinander mit den Kalendern voraus und ergreifen die Initiative. Sie setzen die Mystifikation der Rosenkreuzer in die Welt und kalkulieren richtig, was dann passieren wird. Unter den vielen Schwarmgeistern, die anbeißen, wird auch der eine oder andere von den echten Kerngruppen sein, der sich überrumpelt zu erkennen gibt. Man stelle sich vor, wie wütend Bacon in so einem Fall gewesen sein muß: Fludd, du Idiot, konntest du nicht das Maul halten? Aber Viscount my Lord, die klangen doch wie die unseren... Narr, hat man dich nicht gelehrt, den Papisten zu misstrauen? Dich hätten sie verbrennen sollen, nicht jenen Unglücklichen aus Nola!«
»Aber wieso«, fragte Belbo, »sind dann die Rosenkreuzer, als sie sich nach Frankreich verlagerten, von den Jesuiten — oder von jenen katholischen Polemikern, die für sie arbeiteten — als Häretiker und Teufelsschüler attackiert worden?«
»Glauben Sie etwa, die Jesuiten gingen geradlinig vor? Was wären das dann für Jesuiten?«
Wir hatten uns lange über meinen Vorschlag gestritten und uns schließlich darauf geeinigt, die ursprüngliche Hypothese besser zu finden: Die Rosenkreuzer waren der Köder, den die Baconianer und die Deutschen den Franzosen hingeworfen hatten. Aber kaum waren die ersten Manifeste erschienen, hatten die Jesuiten das Spiel durchschaut. Und hatten sich unverzüglich eingemischt, um die Karten durcheinanderzubringen. Ihr Ziel war offensichtlich, das Treffen der englischen und deutschen Gruppe mit der französischen zu verhindern, wozu ihnen jedes Mittel recht war, auch das gemeinste.
Und derweil registrierten sie Nachrichten, sammelten Informationen und speicherten sie... wo? In Abulafia, scherzte Belbo. Aber Diotallevi, der sich inzwischen eigene Informationen verschafft hatte, sagte, das sei durchaus kein Scherz. Zweifellos waren die Jesuiten dabei, den enormen Elektronenrechner zu konstruieren, der imstande sein würde, eine Summe aus all den akkumulierten Daten zu ziehen, eine Konklusion aus dem geduldigen jahrhundertelangen Verrühren aller Fetzen von Wahrheit und Lüge, die sie unentwegt sammelten.
»Die Jesuiten hatten etwas begriffen«, sagte Diotallevi, »was weder die guten alten Templer von Provins noch die Baconianer auch nur geahnt hatten, nämlich daß sich die gesuchte Karte auch auf kombinatorischem Wege rekonstruieren ließ, mit Verfahrensweisen ähnlich denen der modernen Elektronengehirne! Die Jesuiten sind die ersten, die Abulafia erfinden! Pater Kircher liest alle Traktate über die Ars combinatoria, angefangen mit dem von Lullus. Und seht mal, was er dann — hier, schaut euch das an in seiner Ars Magna Sciendi — publiziert.«
Epilogismus Combinationis Linearis
aus Athanasius Kircher, Ars Magni Sciendi, Amsterdam, Jansson, 1669, p. 170
»Sieht aus wie ein Häkelmuster«, sagte Belbo.
»Von wegen. Das sind alle je irgend möglichen Kombinationen von x Elementen. Faktorenrechnung, genau wie im Sefer Jezirah. Die Berechnung der Kombinationen und Permutationen, die Essenz der Temurah!«
Jawohl, so muß es gewesen sein. Es war eine Sache, das vage Projekt von Fludd zu konzipieren, um die Karte ausgehend von einer Polarprojektion zu finden, und es war eine andere, zu wissen, wie viele Versuche dazu notwendig sein würden, und sie alle durchzuprobieren, um die beste Lösung zu finden. Und es war vor allem eine Sache, das abstrakte Modell der möglichen Kombinationen zu entwerfen, und es war eine ganz andere, an eine Maschine zu denken, die fähig sein würde, das Modell zu konkretisieren. Und siehe da, sowohl Kircher wie sein Schüler Schott entwerfen mechanische Drehorgeln, Mechanismen mit Lochstreifen, Computer avant la lettre. Fundiert auf binärer Logik. Kabbala, angewandt auf die moderne Mechanik.
IBM: Iesus Babbage Mundi, Iesum Binarium Magnificamur. AMDG: Ad Maiorem Dei Gloriam? Von wegen: Ars Magna, Digitale Gaudium! IHS: Iesus Hardware & Software!
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Inmitten der dichtesten Finsternis hat sich eine Gesellschaft von neuen Wesen gebildet, die sich kennen, ohne sich je gesehen zu haben, sich verstehen, ohne sich je erklärt zu haben, sich dienen, ohne befreundet zu sein... Diese Gesellschaft... übernimmt vom Jesuitenregime den blinden Gehorsam, von der Freimaurerei die Prüfungen und die äußeren Zeremonien, von den Templern die Evokationen der Untergründe und die unglaubliche Kühnheit... Hat der Graf von Saint-Germain je etwas anderes getan, als Guillaume Postel zu imitieren, der die Manie hatte, sich für älter auszugeben als er war?
Marquis de Luchet, Essai sur la secte des illuminés, Paris 1789, V und XII
Die Jesuiten hatten begriffen, was die beste Methode ist, um einen Gegner zu destabilisieren: Geheimsekten gründen, warten, daß die gefährlichen Enthusiasten hineinströmen, und sie dann alle verhaften. Anders gesagt: Wer eine Verschwörung fürchtet, organisiere sie selber, so bekommt er alle potenziellen Verschwörer unter seine Kontrolle.
Ich erinnerte mich an einen Vorbehalt, den Agliè über Ramsay geäußert hatte, also über den ersten, der einen direkten Zusammenhang zwischen Freimaurerei und Templern hergestellt hatte: Er habe Verbindungen zu katholischen Kreisen gehabt. Tatsächlich hatte bereits Voltaire den Chevalier Ramsay als einen Mann der Jesuiten bezeichnet. Mit anderen Worten: Auf die Entstehung der englischen Freimaurerei antworteten die Jesuiten aus Frankreich mit dem »schottischen« Neutemplerismus.
So wird verständlich, warum 1789, als Antwort auf diesen Schachzug, ein als Marquis de Luchet getarnter Anonymus einen Essay über die Sekte der Illuminaten veröffentlicht, in dem er die llluminaten jeder Art attackierte, ob aus Bayern oder von sonst wo, ob anarchistische Pfaffenfresser oder mystische Neutempler, und in denselben Sack (unglaublich, wie sich peu à peu alle Steinchen unseres Mosaiks nahtlos zusammenfügten!) sogar die Paulizianer steckt, zu schweigen von Postel und Saint-Germain. Wobei er beklagt, daß diese Formen von templerischem Mystizismus die Glaubwürdigkeit der Freimaurerei beeinträchtigen, die für sich genommen eine Gesellschaft von braven und ehrlichen Leuten sei.