Als die Mystères du Peuple erschienen, sahen die Jesuiten, daß die Ordonation jetzt ihnen zugeschrieben wurde, und verlegten sich auf die einzige offensive Taktik, die noch niemand eingeschlagen hatte: Sie griffen auf den Brief von Simonini zurück und schrieben die Verschwörung den Juden zu.
1869 veröffentlicht Gougenot de Mousseaux, bekannt als Autor zweier Bücher über die Magie des achtzehnten Jahrhunderts, das Pamphlet Les Juifs, le judaïsme et la judaïsation des peuples chrétiens, in dem er behauptet, die Juden benutzten die Kabbala und seien Teufelsanbeter, denn eine geheime Abstammungslinie verbinde Kain direkt mit den Gnostikern, mit den Templern und den Freimaurern. De Mousseaux erhält einen speziellen Segen von Pius IX.
Aber der von Sue zum Roman verarbeitete Große Plan wird auch noch von anderen umgeschrieben, die keine Jesuiten sind. So gibt es eine schöne Geschichte, fast eine Kriminalstory, die sehr viel später passierte: 1921, lange nach dem Erscheinen der Protokolle, entdeckte die Londoner Times (die sie zunächst sehr ernst genommen hatte), daß ein in die Türkei geflohener russischer Ex-Grundbesitzer von einem nach Konstantinopel geflohenen Ex-Offizier der zaristischen Geheimpolizei eine Handvoll alter Bücher gekauft hatte, darunter eines ohne Deckblatt, auf dessen Rücken nur »Joli« stand, aber das ein auf 1864 datiertes Vorwort hatte und die wörtliche Quelle der Protokolle zu sein schien. Die Times stellte Recherchen im Britischen Museum an und fand das Originaclass="underline" ein Buch von Maurice Joly mit dem Titel Dialog aux enfers entre Machiavel et Montesquieu, erschienen in Brüssel (aber mit der Ortsangabe Genève) 1864. Maurice Joly hatte nichts mit Crétineau-Joly zu tun, aber die Analogie war immerhin bemerkenswert, irgendwas würde sie schon bedeuten.
Jolys Buch war eine liberale Satire auf Napoleon III., in der Machiavelli, der den Zynismus des Diktators repräsentierte, in der Hölle mit Montesquieu debattierte. Joly war für diese revolutionäre Initiative eingesperrt worden, hatte fünfzehn Monate im Gefängnis gesessen und 1878 Selbstmord begangen. Das Programm der Juden in den Protokollen erwies sich als beinahe wörtlich abgeschrieben von dem, was Joly seinem Machiavelli in den Mund gelegt hatte (der Zweck rechtfertigt die Mittel) und durch diesen dem dritten Napoleon. Die Times hatte allerdings nicht bemerkt (wir schon), daß Joly seinerseits von Sue abgeschrieben hatte, dessen Roman mindestens sieben Jahre älter als seine Satire war.
Eine antisemitische Autorin namens Nesta Webster, begeisterte Anhängerin der Verschwörungstheorie und der Unbekannten Oberen, lieferte uns zu diesem Fund, der die Protokolle als billige Fälschung entlarvte, eine hellsichtige Intuition, wie sie nur die wahren Initiierten — oder die Jäger der Initiierten — gelegentlich haben: Joly war ein Initiierter gewesen, er kannte den Plan der Unbekannten Oberen, und da er Napoleon III. hasste, hatte er ihn ihm zugeschrieben, aber das bedeutete nicht, daß der Plan nicht unabhängig von Napoleon existierte. Da der in den Protokollen beschriebene Plan genau dem entsprach, was die Juden, so Madame Webster, gewöhnlich tun, war er logischerweise der Plan der Juden. Uns blieb nur noch übrig, die Dame Webster nach derselben Logik zu korrigieren: Da der Plan genau dem entsprach, was die Templer hätten denken müssen, war er der Plan der Templer.
Im übrigen war unsere Logik die Logik der Fakten. Sehr gefallen hatte uns die Geschichte mit dem Prager Friedhof. Es war die Geschichte eines gewissen Hermann Goedsche, der als kleiner preußischer Postbeamter falsche Dokumente veröffentlicht hatte, um den Demokraten Waldeck zu diskreditieren durch die Anschuldigung, er wolle den König von Preußen ermorden. Als der Schwindel aufkam, wurde Goedsche Redakteur bei der Preußischen Kreuzzeitung, dem Organ des konservativen Junkertums. Dann hatte er angefangen, unter dem Namen Sir John Retcliffe Sensationsromane zu schreiben, darunter einen mit dem Titel Biarritz, erschienen 1868, in dem er eine okkultistische Szene schilderte, die sich auf dem Prager Friedhof abspielt, sehr ähnlich der Versammlung von Erleuchteten, die Alexandre Dumas am Anfang von Joseph Balsamo geschildert hatte, wo Cagliostro als Chef der Unbekannten Oberen, darunter Swedenborg, das Komplott mit dem Halsband der Königin plant. Auf dem Prager Friedhof versammeln sich die Vertreter der zwölf Stämme Israels, um ihre Pläne für die Eroberung der Welt zu besprechen.
1876 übernimmt eine russische Hetzschrift die Szene aus dem Roman Biarritz, aber so, als wäre sie wirklich geschehen. Und dasselbe tut 1881 in Frankreich die Zeitung Le Contemporain. Wobei sie behauptet, die Information aus sicherer Quelle zu haben, nämlich von dem englischen Diplomaten Sir John Readcliff. 1896 veröffentlicht dann ein gewisser Bournand ein Buch mit dem Titel Les Juifs, nos contemporains, in dem er die Szene vom Prager Friedhof wiedergibt und behauptet, die umstürzlerische Rede sei von dem großen Rabbi John Readclif gehalten worden. Eine spätere Version wird jedoch behaupten, der wahre Readclif sei von dem gefährlichen Revoluzzer Ferdinand Lassalle auf den verhängnisvollen Friedhof geführt worden.
Und die angeblich auf jenem Friedhof erörterten Umsturzpläne sind mehr oder weniger dieselben, die 1880, wenige Jahre zuvor, von der Revue des Études juives beschrieben worden waren. Diese trotz ihres Namens antisemitische Zeitschrift hatte zwei Briefe veröffentlicht, die angeblich von Juden des fünfzehnten Jahrhunderts stammten. Die Juden von Arles bitten die Juden von Konstantinopel um Hilfe, weil sie verfolgt werden, und jene antworten: »Vielgeliebte Brüder in Moses, wenn der König von Frankreich euch zwingt, Christen zu werden, so tut es, denn ihr könnt nicht anders, doch bewahrt euch das mosaische Gesetz im Herzen. Wenn sie euch eurer Güter entblößen, so lasst eure Söhne Kaufleute werden, auf daß sie die Christen allmählich der ihren entblößen. Wenn sie euch nach dem Leben trachten, so lasst eure Söhne Ärzte und Apotheker werden, auf daß sie den Christen das Leben nehmen. Wenn sie eure Synagogen zerstören, so lasst eure Söhne Kanoniker und Kleriker werden, auf daß sie ihre Kirchen zerstören. Wenn sie euch andere Übel antun, so lasst eure Söhne Advokaten und Notare werden und sich in die Angelegenheiten aller Staaten einmischen, auf daß ihr, indem ihr die Christen unter euer Joch zwingt, die Welt beherrschen und euch an ihnen rächen könnt.«
Es handelte sich noch immer um den Plan der Jesuiten und, ihm vorausgehend, um die Ordonation der Templer. Kaum Variationen, nur winzige Permutationen, die Protokolle entstanden gleichsam von selbst. Ein abstraktes Verschwörungsprojekt pflanzte sich von Komplott zu Komplott weiter fort.
Und auf der Suche nach dem fehlenden Kettenglied, das diese ganze schöne Geschichte mit Nilus verband, waren wir dann auf Ratschkowski gestoßen, den Chef der schrecklichen Ochrana, der Geheimpolizei des Zaren.
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Wenn nur die Zwecke erreicht werden, so ist es gleichgültig, unter welcher Hülle es geschieht, und eine Hülle ist immer nöthig. Denn in der Verborgenheit beruht ein großer Theil unserer Stärke. Deswegen soll man sich immer mit dem Namen einer andern Gesellschaft decken.
Die neuesten Arbeiten des Spartacus [Weishaupt] und Philo [Frhr. v. Knigge] in dem Illuminaten-Orden, Frankfurt/M. 1794, p. 165
Gerade in jenen Tagen hatten wir beim Lesen einiger Seiten unserer Diaboliker entdeckt, daß der Graf von Saint-Germain bei seinen vielen Verwandlungen auch den Namen Rackoczi geführt hatte, so jedenfalls berichtete es der preußische Gesandte am sächsischen Hof zu Dresden. Und der Landgraf von Hessen, an dessen Hof Saint-Germain angeblich gestorben war, hatte gesagt, er sei transsylvanischer Herkunft gewesen und habe sich Ragozki genannt. Hinzu kam, daß Comenius seine Pansophia (ein zweifellos rosen-kreuzerisch angehauchtes Werk) einem Landgrafen (wie viele Landgrafen gab es in dieser Geschichte?) namens Ragovsky gewidmet hatte. Und schließlich, letztes Steinchen im Mosaik, war mir beim Kramen an einem Bouquinistenstand auf der Piazza Castello ein deutsches Buch über die Freimaurer in die Hände gefallen, ein anonymes Werk, aber mit einer handschriftlichen Eintragung auf dem Vorsatzblatt, derzufolge es von einem gewissen Karl Aug. Ragotgky stammte. Bedachten wir, daß Rakosky der Name des mysteriösen Fremden gewesen war, der vielleicht den Oberst Ardenti umgebracht hatte, ergab sich nun eine Möglichkeit, unseren Grafen von Saint-Germain in die Mäander des Großen Plans einzufügen.