Panik brach aus. Die Polizei blies zum Angriff, die Demonstranten teilen sich in die Kämpfer, die den Waffengang annahmen, und die anderen, die ihre Aufgabe für beendet ansahen. Ich fand mich unter Letzteren, rannte Hals über Kopf die Via Larga hinunter in der panischen Angst, von irgendeinem Schlägertrupp gefasst zu werden, in wessen Auftrag auch immer. Plötzlich sah ich neben mir Belbo mit seiner Gefährtin. Sie liefen schnell, aber ohne Panik.
An der Ecke der Via Rastrelli packte mich Belbo am Arm und rief. »Hier lang, junger Mann!« Ich wollte ihn fragen, warum, die Via Larga schien mir bequemer und belebter, und als wir in das Labyrinth der Gässchen zwischen der Via Pecorari und dem erzbischöflichen Ordinariat eindrangen, packte mich die Klaustrophobie. Mir schien, dass es dort, wo Belbo mich hinführte, viel schwieriger sein würde, mich zu tarnen, falls irgendwo Polizisten auftauchen sollten. Doch er bedeutete mir zu schweigen, bog um zwei, drei Ecken, immer langsamer laufend, und so gelangten wir schließlich in ruhiger Gangart, ohne zu rennen, an die Rückseite des Doms, wo der Verkehr normal war und keine Echos der Schlacht hindrangen, die kaum zweihundert Meter entfernt von uns tobte. Wir gingen schweigend um den Dom und erreichten die Vorderfront auf der Seite der Galleria. Belbo kaufte ein Säckchen Körner und begann in seraphischer Ruhe die Tauben zu füttern. Wir waren vollständig untergetaucht in der samstäglichen Menge, Belbo und ich in Jackett und Krawatte, seine Begleiterin in der Uniform der gepflegten Mailänderin, grauer Rollkragenpullover mit Perlenkette, ob echt oder nicht. Belbo stellte sie mir vor: »Das ist Sandra, kennt ihr euch?«
»Vom Sehen. Hallo.«
»Schauen Sie, Casaubon«, erklärte er mir dann, »wenn man fliehen muss, läuft man nie in gerader Linie davon. Nach dem Beispiel der Savoyer in Turin hat Napoleon III. das alte Paris ›entkernt‹ und mit einem Netz von Boulevards überzogen, das alle seither als ein Meisterwerk an urbanistischer Weitsicht bewundern. Aber die geraden Straßen dienen zur besseren Kontrolle der aufständischen Massen. Wenn möglich, siehe die Champs-Élysées, müssen auch die Seitenstraßen breit und gerade sein. Wo das nicht möglich war, wie in den engen Gassen des Quartier Latin, hat der Mai 68 sein Bestes gegeben. Wenn man wegläuft, versteckt man sich in die schmalen Gassen. Keine Ordnungsmacht der Welt kann sie alle kontrollieren, und auch die Bullen haben Angst, in kleinen Gruppen da reinzugehen. Wenn man zweien alleine begegnet, haben sie meistens mehr Angst als man selber, und in stiller Übereinkunft machen sich beide Seiten in der Gegenrichtung aus dem Staub. Wenn man an einer Massenkundgebung teilnehmen will und die Gegend nicht gut kennt, macht man am Tag davor eine kleine Ortsbesichtigung, und dann stellt man sich an die Ecke, wo die engen Gassen beginnen.«
»Haben Sie einen Kurs in Bolivien gemacht?«
»Die Überlebenstechniken lernt man nur als Kind, es sei denn, man meldet sich zu den Green Berets. Ich habe die schlimmen Jahre, die des Partisanenkriegs, in *** verbracht« — er nannte mir ein piemontesisches Städtchen zwischen dem Monferrat und in Nordhängen des ligurischen Apennins. »Ein wahrer Glücksfall für einen, der im Herbst 43 aus der Stadt evakuiert worden war, der richtige Ort und die richtige Zeit, um alles zu genießen: die Razzien, die SS, die Schießereien auf den Straßen ... Ich erinnere mich, wie ich eines Abends auf den Hügel stieg, um frische Milch vom Bauern zu holen, da höre ich plötzlich über mir so ein Sirren zwischen den Baumwipfeln: frr, frrr. Ich begreife, dass sie von einer Anhöhe weiter oben auf die Eisenbahnlinie schießen, die hinter mir unten durchs Tal läuft. Der instinktive Reflex ist, wegzulaufen oder sich auf den Boden zu werfen. Ich mache einen Fehler, laufe talwärts, und plötzlich höre ich aus den Feldern um mich herum ein tschak tschak tschak. Es waren die Einschläge der zu kurz geratenen Schüsse, die nicht bis zur Bahnlinie gelangten. Mir wird klar, dass ich, wenn sie von hoch oben ins Tal runterschießen, nach oben weglaufen muss: je höher ich gelangen desto höher fliegen mir die Geschosse über den Kopf. Meine Großmutter hatte einmal, als sie mitten in eine Schießerei zwischen Faschisten und Partisanen geraten war, die sich aus den Waldrändern rechts und links von ihr über ein Maisfeld hinweg beschossen, eine großartige Idee: da sie auf jeder der beiden Seiten riskierte, von einer verirrten Kugel getroffen zu werden, warf sie sich mitten auf dem Feld zu Boden, genau zwischen den beiden Linien. So blieb sie zehn Minuten lang liegen, mit dem Gesicht nach unten, in der Hoffnung, dass die beiden Linien nicht zu weit vorrückten. Es ging gut ... Sehen Sie, wenn man diese Dinge als Kind gelernt hat, behält man sie in den Reflexen.«
»Dann waren Sie also bei der Resistenza?«
»Als Zuschauer«, sagte er, und ich spürte eine leichte Verlegenheit in seinem Ton. »1943 war ich elf Jahre alt, am Ende des Krieges gerade dreizehn. Zu jung, um aktiv teilzunehmen, alt genug, um alles genau zu verfolgen, mit der Aufmerksamkeit eines Fotografen, würde ich sagen. Aber was konnte ich tun? Nur hingehen und gucken. Und weglaufen, so wie heute.«
»Jetzt könnten Sie's erzählen, statt die Bücher anderer zu redigieren.«
»Ist schon alles erzählt worden, Casaubon. Wenn ich damals zwanzig gewesen wäre, hätte ich in den fünfziger Jahren Erinnerungspoesie geschrieben. Zum Glück bin ich zu spät geboren, als ich hätte schreiben können, blieb mir nichts anderes übrig, als die schon geschriebenen Bücher zu lesen. Auf der anderen Seite hätte ich auch mit einer Kugel im Kopf in den Hügeln enden können.«
»Auf welcher Seite?«, fragte ich, schämte mich aber dann. »Entschuldigen Sie, das war ein dummer Witz.«
»Nein, das war kein dummer Witz. Sicher, heute weiß ich es, aber eben erst heute. Wusste ich's damals? Wissen Sie, dass man sein Leben lang von Gewissensbissen geplagt sein kann, nicht weil man die falsche Seite gewählt hat — das könnte man ja wenigstens noch bereuen —, sondern weil man außerstande war, sich selbst zu beweisen, dass man nicht die falsche Seite gewählt hätte ... Ich war potenziell ein Verräter. Welches Recht hätte ich heute, irgendeine Wahrheit zu schreiben und sie anderen beizubringen?«
»Also hören Sie«, sagte ich, »potenziell hätten Sie auch ein Ungeheuer wie Jack the Ripper werden können, aber Sie sind es nicht geworden. Das sind doch Neurosen! Oder haben Sie irgendwelche konkreten Anhaltspunkte für Ihre Gewissensbisse?«
»Was sind konkrete Anhaltspunkte bei diesen Dingen? Ach, übrigens, apropos Neurosen, heute Abend muss ich zu einem Essen mit Doktor Wagner. Höchste Zeit, mich auf den Weg zu machen, ich werde ein Taxi an der Scala nehmen. Gehen wir, Sandra?«
»Doktor Wagner?«, fragte ich, während wir uns verabschiedeten. »Er persönlich?«
»Ja, er ist für ein paar Tage in Mailand, und vielleicht kann ich ihn überreden, uns etwas von seinen unveröffentlichten Schriften zu geben, für ein Aufsatzbändchen. Wäre ein schöner Coup.«
Demnach stand Belbo schon damals in Kontakt mit Doktor Wagner. Ich frage mich, ob es wohl jener Abend gewesen war, an dem Wagner (französisch auszusprechen: Wagnère) Belbo gratis analysierte, ohne dass einer der beiden es wusste. Aber vielleicht war das auch später gewesen.
Jedenfalls war es damals das erste Mal gewesen, dass Belbo auf seine Kindheit in *** zu sprechen kam. Merkwürdig, dass er dabei von Fluchten erzählte — fast glorreichen Fluchten, im Glorienschein der Erinnerung, doch ins Gedächtnis gekommenen, nachdem er — mit mir, aber vor meinen Augen, unrühmlich, wenn auch klug — erneut geflohen war.
16
Danach sagte Bruder Etienne de Provins, vor die genannten Kommissare geführt und von diesen gefragt, ob er den Orden verteidigen wolle, nein, das wolle er nicht, und so ihn die Meister verteidigen wollten, sollten sie das nur tun, aber er sei vor der Verhaftung nur ganze neun Monate lang im Orden gewesen.