»Aber warum jedes Mal zwanzig Jahre?« fragte Diotallevi.
»Nun, diese Ritter der Rache sollen alle hundertzwanzig Jahre eine Mission an einem bestimmten Ort erfüllen. Es handelt sich um eine Form von Stafettenlauf. Klar ist, dass nach der Johannisnacht 1344 sechs Ritter aufbrechen und sich jeder an einen der sechs im Plan vorgesehenen Punkte begeben. Aber der Hüter des ersten Siegels kann schlechterdings nicht hundertzwanzig Jahre lang weiterleben. Die Sache ist daher so zu verstehen, dass jeder Hüter eines jeden Siegels zwanzig Jahre im Amt bleiben soll, um dann das Kommando an einen Nachfolger zu übergeben. Zwanzig Jahre ist ein vernünftiger Zeitraum, sechs Hüter pro Siegel, jeder zwanzig Jahre im Dienst, gewährleisten, dass im hundertzwanzigsten Jahr der sechste Siegelbewahrer, sagen wir: eine Instruktion lesen und sie dem ersten Bewahrer des zweiten Siegels übergeben kann. Deshalb spricht die Botschaft im Pluraclass="underline" Die einen dahin, die andern dorthin ... Jeder Ort soll sechsmal innerhalb von hundertzwanzig Jahren sozusagen kontrolliert werden. Rechnen Sie nun das alles zusammen: vom ersten bis zum sechsten Ort sind es fünf Übergaben, je eine nach hundertzwanzig Jahren, macht sechshundert Jahre. Addieren Sie sechshundert zu 1344, und herauskommt 1944. Was auch durch die letzte Zeile bestätigt wird. Deren Bedeutung ganz sonnenklar ist«
»Nämlich?«
»Die letzte Zeile heißt: ›dreimal sechs vor dem Fest (der) Großen Hure.‹ Auch hier ein Zahlenspiel, denn die Quersumme von 1944 ist genau achtzehn. Achtzehn ist dreimal sechs, und diese neue wunderbare Zahlenkoinzidenz suggeriert den Templern eine weitere höchst subtile Anspielung. 1944 ist das Jahr, in dem der Plan sich erfüllen soll. In Hinblick worauf? Nun, natürlich auf das Jahr Zweitausend! Die Templer glauben, dass am Ende des zweiten Jahrtausends ihr Jerusalem kommt, ein irdisches Jerusalem, das Anti-Jerusalem. Man verfolgt sie als Häretiker? Wohlan, aus Hass auf die Kirche identifizieren sie sich mit dem Antichrist. Bekanntlich ist die Zahl 666 in der gesamten okkulten Tradition die Zahl des Großen Tieres. Das Jahr Sechshundertsechsundsechzig, das Jahr des Tieres, ist das Jahr Zweitausend, in welchem die Rache der Templer triumphieren wird, das Anti-Jerusalem ist das Neue Babylon, und deshalb ist 1944 das Jahr des Festes der Grande Pute, der Großen Hure von Babylon, von der die Apokalypse spricht! Die Anspielung auf die Zahl 666 ist eine Provokation, eine trotzige Kriegergeste. Ein Bekenntnis zur eigenen Andersartigkeit, würde man heute sagen ... Schöne Geschichte, nicht wahr?«
Er sah uns mit feuchten Augen an, und feucht glänzten auch seine Lippen und sein Schnurrbart, indes seine Hände zärtlich über den Ordner strichen.
»Okay«, sagte Belbo, »hier werden die Etappen eines Plans skizziert. Aber worin besteht er?«
»Sie fragen zu viel. Wenn ich das wüsste, hätte ich es nicht nötig, meinen Köder auszuwerfen. Aber eines weiß ich: dass in dieser Zeitspanne etwas passiert sein muss und dass der Plan nicht erfüllt worden ist, andernfalls würden wir es, mit Verlaub gesagt, wissen. Und ich kann mir auch denken, warum: 1944 war ein schwieriges Jahr, die Templer konnten schließlich nicht ahnen, dass da ein Weltkrieg im Gange sein würde, der alle Kontakte erschwerte.«
»Entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische«, sagte Diotallevi, »aber wenn ich recht verstehe, kommt nach der Öffnung des ersten Siegels die Dynastie seiner Hüter nicht zum Erlöschen. Sie geht weiter bis zur Öffnung des letzten Siegels, wenn alle Repräsentanten des Ordens präsent sein müssen. Somit hätten wir jedes Jahrhundert, beziehungsweise alle hundertzwanzig Jahre, immer sechs Siegelbewahrer an jedem Ort, also zusammen sechsunddreißig.«
»Genau«, sagte Ardenti.
»Sechsunddreißig Ritter für jeden der sechs Orte macht zusammen 216, die Quersumme ist 9. Und da es sich um sechs Jahrhunderte handelt, multiplizieren wir 216 mit 6 und kommen auf 1296, eine Zahl, deren Quersumme 18 ist, also dreimal sechs, 666.« Diotallevi wäre vermutlich zur arithmetischen Neubegründung der Universalgeschichte fortgeschritten, wenn Belbo ihn nicht gestoppt hätte mit einem Blick, wie ihn eine Mutter ihrem Kind zuwirft, wenn es etwas Ungehöriges tut. Doch der Oberst erkannte in Diotallevi einen Erleuchteten.
»Großartig, was Sie mir da demonstrieren, Herr Doktor! Sie wissen, dass neun die Anzahl der ersten Ritter war, die den Kern des Templerordens in Jerusalem konstituierten!«
»Der Große Name Gottes, wie er im Tetragrammaton ausgedrückt ist«, sagte Diotallevi, »hat zweiundsiebzig Lettern, und sieben plus zwei macht neun. Aber ich will Ihnen noch mehr sagen, wenn Sie erlauben. Nach der pythagoreischen Tradition, welche die Kabbala aufgreift (oder von welcher sie inspiriert wird), ergibt die Summe der ungeraden Zahlen von eins bis sieben sechzehn, und die Summe der geraden Zahlen von zwei bis acht ergibt zwanzig, und zwanzig plus sechzehn macht sechsunddreißig.«
»Mein Gott, Herr Doktor«, rief bebend der Oberst, »ich wusste es doch, ich wusste es! Sie bestätigen mich. Ich bin der Wahrheit nahe!«
Mir war nicht ganz klar, inwieweit Diotallevi aus der Arithmetik eine Religion machte oder aus der Religion eine Arithmetik, und vermutlich war beides der Falclass="underline" ich hatte vor mir einen Atheisten, der die Entrückung in höhere Himmel genoss. Er hätte ein Fanatiker des Roulette werden können (und das wäre besser für ihn gewesen), aber er wollte lieber ein ungläubiger Rabbi sein.
Ich weiß nicht mehr genau, was geschah, aber Belbo intervenierte mit seinem gesunden piemontesischen Menschenverstand und brach den Zauber. Dem Oberst blieben noch ein paar Zeilen zu interpretieren, und wir alle waren neugierig auf seine Deutung. Und es war bereits sechs Uhr abends. Sechs, dachte ich, das heißt auch achtzehn ...
»Okay«, sagte Belbo. »Also immer sechsunddreißig pro Jahrhundert, rüsten die Templer sich Schritt für Schritt, um den Stein zu entdecken. Aber worum handelt es sich bei diesem Stein?«
»Wohlan, es handelt sich selbstredend um den Gral.«
20
Das Mittelalter wartete auf den Helden des Gral und darauf, daß das Haupt des Heiligen Römischen Reiches ein Inbild und eine Manifestation des »Königs der Welt« selber werde... daß der unsichtbare Kaiser auch der manifestierte sei und das Zeitalter der Mitte... auch die Bedeutung eines Zeitalters des Zentrums habe... Das unsichtbare und unverletzliche Zentrum, der Souverän, der wiedererwachen muß, ja selbst der rächende und wiederherstellende Held sind keine Phantasien einer mehr oder minder toten Vergangenheit, sondern die Wahrheit derer, die heute als einzige sich mit Recht lebendig nennen können.
Julius Evola, Il mistero del Graal, Rom, Edizioni Mediterranee, 1983, Kap. 23 und Epilog
»Sie meinen, da spielt auch der Gral mit rein«, erkundigte sich Belbo.
»Natürlich. Und das meine nicht nur ich. Über die Sage vom Gral brauche ich mich hier nicht zu verbreiten, ich spreche mit gebildeten Leuten. Es geht um die Ritter der Tafelrunde, um die mystische Suche nach jenem wundertätigen Gegenstand, der für einige der Kelch war, der das Blut Christi auffing, nach Frankreich gelangt durch Joseph von Arimathia, für andere ein Stein mit geheimnisvollen Kräften. Oftmals erscheint der Gral als gleitendes Licht ... Er ist ein Symbol, das für eine immense Kraft steht, für eine ungeheure Energiequelle. Er gibt Nahrung, heilt Wunden, blendet, streckt nieder ... Ein Laserstrahl? Mancher hat an den Stein der Weisen gedacht, den die Alchimisten suchten, doch selbst wenn es so wäre, was war der Stein der Weisen anderes als das Symbol einer kosmischen Energie? Die Literatur darüber ist endlos, aber es lassen sich unschwer einige unbestreitbare Merkmale ausmachen. Wenn Sie den Parzival des Wolfram von Eschenbach lesen, werden Sie sehen, dass der Gral darin so erscheint, als würde er in einer Burg der Templer gehütet! War Wolfram ein Eingeweihter? Ein Unvorsichtiger, der etwas ausgeplaudert hat, was er besser verschwiegen hätte? Doch nicht genug damit. Definiert wird dieser von den Templern gehütete Gral wie ein vom Himmel gefallener Stein: lapis exillis. Man weiß nicht recht, ob das ›Stein vom Himmel‹ (ex coelis) heißen soll, oder ob es von ›Exil‹ kommt. In jedem Fall ist es etwas, das von weither kommt, und manche haben gemeint, es könnte ein Meteorit gewesen sein. Was uns betrifft, ist die Sache klar: ein Stein. Was immer der Gral auch gewesen sein mag, für die Templer symbolisiert er den Gegenstand oder das Ziel des Plans.«